Kinder brauchen Väter. Die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung und ihre sozialpädagogische Förderung

Der aktivierende Ansatz der Erlebnispädagogik


Diplomarbeit, 2006
109 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vater-Kind-Beziehung in der Vergangenheit
2.1 (K)eine heile Welt
2.2 Die Vaterschaft im 18. Jahrhundert
2.3 Die Vaterschaft im 19. Jahrhundert
2.4 Die Vaterschaft im 20. Jahrhundert

3. Die Vater-Kind-Beziehung in der Gegenwart
3.1 Die „Vaterlose Gesellschaft“
3.2 Die „Neuen Väter“
3.3 Der Wandel der Familie
3.3.1 Abwesende Väter
3.3.1.1 Durch Erwerbstätigkeit
3.3.1.1.1 Ausübung von Teilzeitarbeit durch Väter
3.3.1.1.2 Inanspruchnahme von Erziehungszeit durch Väter
3.1.1.2 Durch Scheidung und Trennung
3.1.1.3 Durch Flucht in „Häusliche Pflichten“ und Hobbys
3.1.1.4 Durch Fehlen von Vaterfiguren im institutionellen Kontext
3.3.2 Anwesende Väter
3.3.2.1 Ursachen väterlicher Teilhabe
3.3.2.2 Umfang väterlicher Teilhabe
3.4 Resümee

4. Die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung
4.1 Die Vaterforschung
4.1.1 Der Vaterbegriff - Eine Definition im Wandel
4.1.2 Die drei Vaterschaftskonzepte
4.1.3 Das Konzept der „Vaterarbeit“
4.1.4 Das Modell „elterlichen Engagements“
4.1.5 Die Entstehung der Vateridentität und des Vatergefühls
4.1.6 Die Vaterschaft - Chance zur Entwicklung
4.1.7 Die Vaterschaft - Chance zur Veränderung
4.1.8 Die „jungen“ und die „alten Väter“
4.2 Die Bedeutung des Vaters aus Sicht der Entwicklungspsychologie und der Sozialisationsforschung
4.2.1 Die bahnbrechende Entdeckung in der Vater-Kind-Bindung
4.2.2 Das Beziehungsdreieck: Mutter-Vater-Kind
4.2.2.1 Die Triangulierungsphase
4.2.2.2 Die erste ödipale Phase
4.2.2.3 Die zweite ödipale Phase
4.2.3 Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zur Funktion des Vaters
4.2.3.1 Der Vater als Förderer der Sozialisation
4.2.3.1.1 Der Vater als Startrampe
4.2.3.1.2 Der Vater als Gegner und Schiedsrichter
4.2.3.1.3 Der Vater als Lehrer
4.2.4 Unterschiedlichkeit und Gleichwertigkeit von Vater und Mutter
4.2.5 Die Qualität der Bindung
4.3 Auswirkungen der Vateranwesenheit auf die Kinder
4.3.1 Auswirkungen der Vateranwesenheit auf Mädchen
4.3.2 Auswirkungen der Vateranwesenheit auf Jungen
4.4 Folgen der Vaterabwesenheit für die Kinder
4.5 Bereicherungen des Mannseins durch aktive und präsente Vaterschaft
4.6 Resümee

5. Die Förderung der Vater-Kind-Beziehung
5.1 Politische, wirtschaftliche und rechtliche Weichenstellungen
5.1.1 Durch den Abschied vom „patriarchalen Sozialstaat“
5.1.2 Durch den Ausbau von Teilzeitarbeitplätzen
5.1.3 Durch die Schaffung von unabhängigen Begleitungs-und Betreuungsinstanzen bei Scheidung und Trennung
5.2 Persönliche Weichenstellungen
5.2.1 Durch mehr „Sein“ als „Schein“
5.2.2 Durch Verzicht
5.3 Pädagogische Weichenstellungen
5.3.1 Durch den Ausbau von Beratungs- und Begleitungsangeboten
5.3.2 Durch Aufwertung von Vaterfiguren in der pädagogischen Arbeit
5.3.3 Durch Ausweitung der pädagogischen Angebote

6. Die Aktivierung der Vater-Kind-Beziehung durch die Methode der Erlebnispädagogik
6.1 Die Methode der Erlebnispädagogik
6.1.1 Geschichte der Erlebnispädagogik
6.1.1.1 Erlebnispädagogische Spuren in dem Erziehungsroman „Emile“
6.1.1.2 Erlebnispädagogische Ansätze aus der Reformpädagogik
6.1.1.3 Kurt Hahn - Vater der Erlebnispädagogik
6.1.1.4 Erlebnispädagogik - Von den Nationalsozialisten missbraucht, im Wirtschaftswunder vernachlässigt
6.1.2 Begriffe, Merkmale und Modelle der Erlebnispädagogik
6.1.3 Lernziele, Zielgruppen und Einsatzfelder der Erlebnispädagogik
6.1.4 Angebots- und Reflektionsmodelle in der Erlebnispädagogik
6.1.5 Kritikpunkte an der Erlebnispädagogik
6.1.6 Resümee
6.2 Die Methode der Erlebnispädagogik und ihre Anwendung Auf die Vater-Kind-Beziehung

7. Der Transfer in die Praxis: Ein erlebnispädagogisches Wochenende mit Vätern und Kindern
7.1 Das Zielpublikum
7.2 Die Ausschreibung
7.3 Der Veranstaltungszeitraum
7.4 „Hardcore-“ contra „Weicheiangebot“
7.5 Die Trägerschaft
7.6 Die Finanzierungen
7.7 Der Wochenendablauf
7.8 Resümee

8. Epilog

Anhang I.

- Literaturverzeichnis

Anhang.

- Jope, Rüdiger; „Urlaub ohne Mama“, Zeitschrift family 1/2004
- Einladungsflyer
- Spielerklärungen für den Startabend
- Spielerklärungen für den Abenteuertag
- Abendabschlusszettel
- Liedblatt für Gottesdienst
- Feedbackzettel

1. Einleitung

Der Spielzeughersteller Mattel1 wollte eine Puppenfamilie vermarkten. Zu Testzwecken gab man die Mutter-, die Vater-, und zwei Kinderpuppen an Kinder weiter. Bei der Spielbeobachtung stellte man fest, dass die Kinder den „Vater“ beiseite legten. Auf die Frage: „Und was ist mit der Vaterpuppe?“ entgegneten die Kinder: „Der ist in der Arbeit.“ Die Vaterpuppe wurde links liegen gelassen. Der Vater spielte keine Rolle.2

„Kindermund tut Wahrheit kund“, so der Volksmund. Über Jahrzehnte spielten die Männer keine entscheidende Rolle in der Familie. Sie fügten sich der traditionellen Norm. Morgens schluckte sie die Fabrik, um sie abends wieder müde auszuspucken. Wenn sie für ihre Kinder auftauchten, dann als Ernährer und Disziplinierer. Emotionale oder gar Bindungsfähigkeiten wurden den Vätern abgesprochen. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung, d.h. der vermehrten Berufstätigkeit der Frau, dem Durchbruch der Emanzipation, der nicht mehr gegebenen lebenslänglichen männlichen Arbeitsplatzsicherheit etc., rutschte der Mann immer mehr ins Abseits. Forsche Zeitgenossen schrieben ihn daher als durch Frauen ersetzbar ab.

Dass dem nicht so ist, möchte ich gerne mit meiner Diplomarbeit, die auf neueren Untersuchungen der Vaterforschung fußt, nachweisen. Kinder brauchen Väter (und Mütter) für ein gesundes Wachstum. Männliche und weibliche Identität baut auf das Vorhandensein von Vaterfiguren auf. „Nur wenn die Tochter durch die Identifikation mit dem Vater und durch seine Bestätigung ein weibliches Selbstbild und ein positives Männerbild verinnerlichen kann und wenn der Sohn zu seiner eigenen männlichen Identität findet, werden beide beim Eintritt in die Gesellschaft und in die Welt der Sexualität über ein stabiles Selbstwertgefühl als Frau oder als Mann verfügen.“3

Unsere Gesellschaft braucht Väter, an denen sich die jungen Männer und Frauen orientieren können, die ihnen den Rücken stärken, sie herausfordern, sie begleiten und stärken. Dass diese „Neue Väterlichkeit“ kein Traum ist, sondern da und dort bereits zarte Knospen treibt, kann man zahlreichen Publikationen, der konkreten Lebensrealität, sowie den politischen Diskussionen entnehmen. Männer, die mit Kindern unterwegs sind, sich auf sie einlassen, ihnen ein partnerschaftliches Gegenüber sein wollen, sind zwar noch nicht die Mehrheit, aber es gibt sie. Väter kommen vor. Väter sind notwendig, wichtig und unersetzlich. Dort, wo man sie links liegen lässt, sie sich selbst aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit aus der Erziehungsverantwortung stehlen, taucht ein schräges Männerbild auf, das sich letztlich zerstörerisch auf Jungen und Mädchen auswirkt. Kinder brauchen präsente und gegenwärtige Väter.

Die „Neue Väterlichkeit“ ist kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis der Geschichte und der Gegenwart. Im ersten und zweiten Teil beleuchte ich daher die Vergangenheit und den Ist-Zustand der Vater-Kind-Beziehung. Danach wende ich mich im dritten Teil den neuesten Untersuchungsergebnissen der Vaterkindforschung und ihrer Bedeutung für die Vater-Kind-Beziehung zu. Ausgehend von diesen Ergebnissen ziehe ich einige Schlussfolgerungen, wie die konkrete Förderung der Vater-Kind-Beziehung in der Zukunft aussehen kann. Im Anschluss daran stelle ich die sozialpädagogische Methode der Erlebnispädagogik vor, die ich für einen ausgezeichneten Ansatzpunkt halte um die Vater-Kind-Beziehung zu aktivieren und verknüpfe sie unter Punkt sieben mit der Praxis eines Vater-Kind-Wochenendes.

2. Die Geschichte der Vater-Kind Beziehung

2.1 (K)eine heile Welt

Die Geschichte der Vater-Kind Beziehung bietet kein einheitliches Bild. Autor Steve Biddulph (1996) betont, dass über Jahrhunderte ein lebenserhaltendes inneres Gleichgewicht vorhanden war.4 Eine drastischere Sichtweise vertritt Fthenakis (1988). Er argumentiert mit de Mause (1977, S.12) „Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erwachen.“5 Er zeigt auf, dass die Geschichte der Vater-Kind Beziehung keine heile-Welt-Geschichte ist. Kleinkinder und Jugendliche waren über Jahrhunderte Kindermord, Kinderaussetzung, Kindesmisshandlung, sexuellem Missbrauch und der Weggabe ausgesetzt. Kinderarbeit gehörte zum Selbstverständnis der Familie wie das Amen in der Kirche. Dass dies keine günstigen Vorraussetzungen für eine gelingende Vater-Kind-Beziehung im heutigen Sinne war, versteht sich von selbst.6 Damit wird deutlich, dass die Vater-Kind-Beziehung, so wie wir sie heute anstreben, im Idealzustand noch nie vorhanden war, sondern ständig den kulturellen Prägungen und dem historischen Wandel unterworfen war.7 Die normative Familie gab es nicht. Erst mit Beginn der Renaissance setzte eine tief greifende Veränderung der Familienbeziehungen ein, die eine Privatheit hervorbrachte, die heute kennzeichnend für familiäre Beziehung ist. Erstmals sprach man von einer Beziehung zwischen Eltern und Kindern.8 Diese Entwicklung setzte sich dauerhaft, wenn auch nicht synchron, in Europa und seinen unterschiedlichen sozialen Schichten durch. Dazu Fthenakis (1988):

„Im deutschen Sprachraum vollzog sich der strukturelle und definitorische Wandel des Familienkonzeptes erst gegen 1800.“9

2.2 Die Vaterschaft im 18. Jahrhundert

Der Begriff Familie tauchte um 1700 im deutschen Sprachraum auf und erhielt erst um 1800 seine heutige Bedeutung.10 Vorher war die Rede von Hausgenossenschaft, Haus oder soziale Institution. Der Vater hatte den Status des Familienoberhauptes inne. Er war der Regent und Machtinhaber. Emotionale Qualitäten oder gar Beziehungsverhältnisse zu den Kindern waren nicht gefragt.11 Matzner (2004) spricht von „Patriarchen und Hausvätern.“12 Der Vater war der Alleinvertreter nach außen. Ihm wurde die Macht über die Familie zugeschrieben.13 Er war der rechtliche, wirtschaftliche, politische und soziale Vertreter gegenüber seinen Angehörigen. Rohner-Dobler (2006) beschreibt seine Aufgaben mit den drei Imperativen „Erzeugen - Beschützen - Versorgen.“14 Die „absolute Stellung“ des Mannes spiegelt sich auch in der Namensgebung wieder. Die Frau übernahm bei der Heirat den Namen des Mannes. Frauen und Kinder verschwanden hinter ihm in der Versenkung.15 Wenige Institutionen standen im Wettstreit zur Autorität des Vaters. Die Kinder wurden nur informell unterrichtet. Der Vater traf für seine Kinder Entscheidungen bezüglich Berufswahl und Heirat. In der Regel war der Vater mit dem Ackergaul von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf dem Feld16 oder in der Werkstatt. Die „Zentrale Produktionseinheit“17 war der Bauernhof. Alle Familienmitglieder trugen unter Führung des Mannes zum familiären Einkommen bei. Arbeit war ein wesentlicher Bestandteil der Eltern-Kind-Beziehung. Kinder trugen einerseits mit ihrer Erwerbsarbeit zum Familieneinkommen bei, anderseits wurden sie zu einer ökonomischen Belastung in der Zeit der frühen Industrialisierung.18 Der Vater war präsent, da es keine Trennung zwischen häuslichem und Arbeitsleben gab, doch die Stellung des Vaters, seine absolute männliche Autorität ließ wenig Platz für ein partnerschaftliches oder gar emotionales Miteinander.19 Vor Augen führen muss man sich zudem, dass die Zeit von einer erheblichen Kindersterblichkeit gezeichnet war und die Kindheit noch keine wirkliche Kindheit war, wie wir sie heute verstehen. Im preußischen Allgemeinen Landrecht aus dem Jahr 1794 galten Personen bis 7 Jahre als Kinder. Auch wenn eine Lehre erst im Alter von etwa 13 oder 14 Jahren begonnen wurde, gehörte die Arbeit bis ins 19. Jahrhundert hinein ins kindliche Leben. Kinder verließen sehr früh das Haus. Auch aus diesem Grund entwickelten sich kaum enge emotionale Bindungen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass der Vater-Sohn Beziehung trotz aller gelebten väterlichen Distanz bereits eine besondere Bedeutung zugemessen wurde. Fthenakis (1999): „Der Vater-Sohn-Beziehung wurde zudem größere symbolische Bedeutung beigemessen als der ehelichen Beziehung oder der Mutter-Kind-Beziehung.“20

2.3 Die Vaterschaft im 19. Jahrhundert

Das Bild des „pater familias“, das von der römischen Antike bis dato das Familienbild bestimmt hatte, begann sich zu wandeln.21 Die über Jahrhunderte gesicherte Vateridentität geriet in eine „Rollendiffusion.“22 Maßgeblich drei grundlegende Veränderungen wirkten sich richtungsweisend auf die Vater-Kind-Beziehung aus.

- Als erstes sorgt das Erstarken des evangelischen Glaubens für eine „moralische Atmosphäre.“, d.h. im Protestantismus wird ein großer Wert auf Häuslichkeit und Familie gelegt. Die Familie wird als Rückzugsort propagiert, wo der Mann sich von der Arbeit erholen könne.23 Dieses hochgehaltene bürgerliche Ideal traf natürlich nicht auf Arbeiter- und Bauernfamilien zu. Dort waren die Frauen meist gezwungen mit anzupacken.24

- Zum zweiten kristallisierte sich durch die fortschreitende Industrialisierung die Trennung zwischen Wohnung und Arbeitsplatz heraus. Die Norm waren achtundsechzig Arbeitsstunden. Dies bedeutete achtundsechzig Stunden Abwesenheit. Der Vater war zu hause kaum noch präsent und doch war er es, der die Geschicke der Familie nach außen hin bestimmte und weiterhin Gesetz und Ordnung vertrat. Der Vater wurde zum alleinigen Ernährer. Fthenakis (1999) hierzu: „Väterliche Autorität beruhte primär auf den materiellen Ressourcen, die ein Mann seiner Familie zur Verfügung stellen konnte.“25 Es fand eine Festschreibung statt: Der Mann war nun fürs Geldverdienen zuständig. Die Frau kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt. Ihr wuchs die Verantwortung zu, für das leibliche und seelische Wohl und das Gleichgewicht der Kinder zu sorgen. Der Vater verabschiedete sich gänzlich physisch und auch emotional aus dem Familienverband.26 „Den Müttern wird ab diesem Zeitpunkt die natürliche Fähigkeit zugeschrieben, eine emotionale Bildung zum Kind entwickeln zu können.“27 Parallel zu dieser Festschreibung festigte sich ein Männerbild, das davon gezeichnet war Gefühle, Ängste und Schwächen nicht zeigen zu dürfen bzw. unterdrücken zu müssen. Bode / Wolf (1995) bemerken: „Während er früher noch Freud und Leid mit seinen Kindern teilen durfte, galten solche Gefühlsäußerung in der bürgerlichen Familie als unmännlich. Ernst und Strenge waren angesagt.“28 Der Mann hat seiner Gefühle „Herr zu sein.“29 Die Beschäftigung mit Kindern galt als unmännlich.

- Zum dritten begannen sich Staat und Institutionen in die Erziehung der Kinder mit einzumischen. Die Schulpflicht wurde eingeführt.30 Die Erziehung ging vermehrt auf Mütter, Lehrer, Handwerksmeister und Institutionen über. Zudem sorgte eine ums Jahr 1870 aufkommende Diskussion und Infragestellung des Rollenbildes des Mannes in der Familie für Furore. Infolgedessen entstanden Gesetze, wonach das Verlassen und die fehlende Unterstützung der Familie, sowie Misshandlung von Frau und Kindern unter Strafe gestellt wurden.31 Matzner (2004) betont, dass den gravierenden Umwälzungen im Blick auf das Vater-Kind-Verhältnis keine generalisierende Aussage beigemessen werden sollte. Feststellen lässt sich jedoch, dass eine gewisse Randständigkeit in Bezug auf das soziale Handeln zwischen Vätern und Kindern Einzug hielt. Die väterlichen Aufgaben begannen sich auf die Versorgung und die „Zucht“ zu beschränken.32 Diese strukturelle Neuerung, d.h. die polare Geschlechterordnung wurde am 1. Januar 1900 im Familienrecht (BGB) fundamentiert. Der Vater war per Gesetz für den Lebensunterhalt der Familie zuständig, während die Mutter verpflichtet war, für den Haushalt und die Kinder zu sorgen. Erstmals wurde von der elterlichen „Gewalt“ gesprochen. Bis 1957 verfügte der Vater noch über die elterliche „Hauptgewalt“, während die Mutter nur eine auf die Personensorge beschränkte „Nebengewalt“ innehatte.33

2.4 Die Vaterschaft im 20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde zunehmend eine aktive partnerschaftliche Rolle des Vaters in Ehe und Familie eingefordert. Kampagnen, Publikationen und Vorträge hatten jedoch fast ausschließlich Frauen im Visier. Hintergrund dieser „Bemühungen“, die Väter stärker in die Kindererziehung mit einzubeziehen, war die Sorge, dass die Söhne verweichlichen. Aus diesem Grund sollten die Väter häufiger mit ihren Söhnen spielen, Sport treiben und Hobbys teilen.34 Nach dem Scheitern der Weimarer Republik und mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges stampfte man dieses „zarte Pflänzchen“ wieder ein. Propagiert wurde ein Vaterideal des Beschützers, Ernährers und Disziplinierers.35

Die zwei Weltkriege stellten einen massiven und existentiellen Eingriff in der Vater-Kind-Geschichte dar. Krieg - als primär männliche Angelegenheit - hatte immer die Abwesenheit und oft den Verlust36 der Väter zur Folge. Jeweils eine Generation von Kindern wuchs infolgedessen mehr oder weniger vaterlos auf. Fünf Millionen Kinder wurden z.B. ohne Vater und Mutter im 2. Weltkrieg aufs Land geschickt.37 Durch den Kriegseinsatz und die Kinderlandverschickung hatten die Kinder kein oder nur ein verschwommenes oder gar verzerrtes Bild von ihrem Vater. Die Männer, die nach dem bürgerlichen Familienbild als Ernährer und Oberhaupt der Familie aufgewachsen waren, kehrten nach dem Krieg als Geschlagene, Besiegte und Traumatisierte zurück.38 Als seelische und körperliche Wracks, verletzt, entwürdigt, entwurzelt und ihrer jugendlichen Jahre beraubt, tauchten sie plötzlich, z.T. nach mehr als zehn Jahren, in der Familie auf. Mit der unverhofften Heimkehr des Vaters zog ein großes Konfliktpotential in Küchen und Wohnzimmer ein. Eindrücklich wurde diese Nachkriegs- und Beziehungsnot von Sönke Wortmann im Film „Das Wunder von Bern“39 in Szene gesetzt. Die Kinder reagierten auf „diesen Fremden“, den sie noch nie zu Gesicht bekommen hatten, millionenfach mit Enttäuschung, Angst, Abwehr und Ablehnung. Bruns (1991, S. 51) schildert die Rückkehr eines Vaters so: „Wir hatten ein Bild von ihm, und auf der Anrichte stand ein gerahmtes Foto, auf dem er in Uniform zu sehen war, ein schöner, stattlicher Mann, und meine Mutter sagte immer: ’Das ist euer Vater.’ Aber so sah der Mann an der Tür nicht aus…“40 Die Kinder waren damit überfordert, einem „wildfremden Mann“ urplötzlich Zuneigung, Liebe und Nähe entgegenbringen zu müssen, wenn die Mutter nun verlangte: „Setz dich dem Papa auf den Schoß, er möchte sich doch an seinem Töchterchen freuen.“41 Die Väter hatten sich mit Gefühlen auseinander zu setzen, die so gar nicht in das Männerbild jener Zeit passten: Angst, Scham für das Töten, Erleiden einer Niederlage, Trauer über den Verlust von Freunden, Schmerz, Wut und Trauer über Verwundung, Behinderung oder körperliche Versehrtheit.42 Aufgrund dieser Hypothek entwickelte sich trotz Gegenwart des Vaters eine große Distanz zwischen Vätern und Kindern, die „fortbestand und häufig auch nicht überwunden werden konnte.“43 Dass diese Nachkriegs-generation ein erhebliches Problem hatte, ein konstruktives Vaterbild für sich aufzubauen und innerlich abzubilden, wird kaum bestritten. Wer keinen Vater erlebt hat, hat es schwer eine eigene Definition der Vaterrolle zu finden. Wer keinen aktiven und präsenten Vater erlebt hat, wird es schwer haben, das Gegenteil abzubilden. Wer keine konstruktive Vaterschaft erlebt hat, tut sich später in der Elternschaft damit selbst schwer, weil ihm die positiven männlichen Vorbilder fehlten. „So ist zu befürchten, dass der im Krieg und Gefangenschaft abwesende Vater durch die nicht gelungene Integration in die Familie und die fehlende Auseinandersetzung mit all den Erlebnissen des Krieges, die sicher auch 39 Richard Lubanski kehrt 1954 als Spätheimkehrer aus der sowjetischen Gefangenschaft zurück. Er versteht die Welt nicht mehr. Selbstbewusst führt seine Frau eine kleine Gastwirtschaft, seine erwachsenen Kinder führen ihr eigenes, ihm völlig fremdes Leben. Seinen jüngster Sohn, den er noch nie gesehen hat, schwärmt für einen Fußballer … die Möglichkeit zu einer kritischen Überprüfung männlicher Rollenideale geboten hätte, als Klischee festgeschrieben wurde.“44

Anfang der fünfziger Jahre kam es zu ersten Jugendprotesten im Nachkriegs- Deutschland. Die „Halbstarken“ sorgten mit ihren aufsässigen und autoritätsverachtenden Gesten für hysterische Schlagzeilen.45 Als Ursache für diese Krawalle wurde unter anderem das Fehlen des männlichen Gegenübers ausgemacht. Die Väter wurden aufgefordert ihre Rolle als „Geschlechtsrollen- modell und Disziplinierungsperson“ wahrzunehmen.46 Väter wurden von pädagogischer, politischer und kirchlicher Seite her aufgefordert, die Kinder zu führen, ihnen als Spiel- und Unternehmungspartner zur Verfügung zu stehen. Dies bedeute jedoch keine aktive Teilhabe des Vaters am Haushalt. Begründet wurde das wie folgt „…es würde andernfalls für Jungen und Mädchen erschwert, eine klar definierte Geschlechtsrollenidentität zu entwickeln.“47 In den 60er Jahren geriet der Mann bzw. der Vater vermehrt in den Fokus von politischen und gesellschaftlichen Diskussionen. Die „traditionelle Vaterrolle“ geriet durch die rasant wachsenden Scheidungszahlen, die zunehmende Emanzipation, die vermehrte Berufstätigkeit der Frau etc. unter Veränderungsdruck.48 Wie und wohin sie sich entwickelte, schildere ich ausführlich im nächsten Kapitel.

3. Die Vater-Kind-Beziehung in der Gegenwart

Die alltägliche Norm war die des arbeitenden Vaters und die der erziehenden Mutter.49 Männer waren „abwesende Väter“, „Schattenväter“ oder „Wochenendväter“.50 Die Mehrzahl dieser Spezies hatte keine bzw. nur eine geringe oder gar negative Bedeutung für die Sozialisation und Entwicklung ihrer Sprösslinge.51

3.1. Die „Vaterlose Gesellschaft“

Die Überlegungen von A. Mitscherlich, der 1963 den Begriff von der „Vaterlosen Gesellschaft“ entwarf, nahm dieses erlebte und sich anbahnende Vakuum auf. >Mitscherlichs Thesen gingen dahin, dass es aufgrund der umfassenden Industrialisierung zu einer bedeutenden Schwächung des Vaters gekommen sei. Der Vater habe als kleiner Angestellter oder Arbeiter die natürliche Autorität verloren, so dass den Söhnen nun keine Identifikationsfiguren mehr zur Ver- fügung ständen. Der Vater könne nichts mehr zur Förderung der geistigen Fähigkeiten sowie der Fähigkeit zu ausdauernder Arbeit beitragen. Die zunehmende „Entväterlichung“ zeige sich im mangelnden Sozialisations- und Erziehungsgeschehen und der verringerten innerfamiliären Machtposition.52

Matzner (1998) streicht aber heraus, dass die Analyse Mitscherlichs nicht diekonkrete Vater-Kind-Beziehung betreffe, sondern es ihm um die „Vatergestalt“,bzw. das „gesellschaftliche Vaterbild“ gehe. Dieses Bild stütze sich auf eineväterliche Autorität, die zunehmend an Einfluss verliere.53 Mitscherlich erwartetdeswegen einen weitgehenden „Rückzug des Vaters aus unserer Gesellschaft“.Dieser spiegle sich wider in der „Entleerung der auctoritas (lat. Vorbild) und inder Verringerung der innerfamiliären potestas (lat. Gewalt) des Vaters.“54 Der Autoritätsverlust komme zustande durch die außerhäusliche Erwerbstätigkeitdes Vaters und die damit verbundene Rolle als fehlende Diziplinierungsinstanz.Petri (2004) hält diese Betrachtung für zu kurz gegriffen. Er wirft Mitscherlichvor, dass er mit seiner Fokussierung auf die industriellen Arbeitsbedingungeneinen wesentlichen Grund der „Unsichtbarkeit der Väter“ ausklammert und damitder kollektiven Verdrängung des Vaterverlusttraumas durch zwei Weltkriege denBoden bereitet habe.55 Nave-Herz (1985, S. 49) plädiert in ähnlicher Weise:„Diese ‚Entleerung’ sei außerdem die Folge der Schuldbeladenheit derVätergeneration aufgrund der Involvierung in das NS-System.“56 Die fehlende Reflektion schlug dann in der 1968er Bewegung ins Gegenteil um.Die real vaterlose Generation erklärte der „traditionellen Familie“ den Krieg.In Folge dessen erwuchs wieder eine Kindergeneration, die diesmal „nicht durcheinen militärischen, sondern den Krieg der Geschlechter“57 einen großen Teilihrer Väter verlor.

3.2. Die „Neuen Väter“

Aufgrund dieser schmerzhaften Entwertung und Angriffe sahen mancheWissenschaftler die Vaterschaft in eine umfassende Krise taumeln. Doch mit derVaterschaft ist es wie mit der Geschichte vom Hasen und dem Igel.58 Mag der alte„Vaterhase“ sich totgelaufen haben. Der „neue Vater“ kündigt sich mit seinemzaghaften „Ich bin schon da!“ inmitten dieser Trümmer an. Matzner (2004)konstatiert einen ermutigenden, wenn auch unsicheren Neuanfang: „Viele Vätersuchten sozusagen erst nach ihrer neuen pädagogischen Rolle und seienverunsichert. Manche Väter hätten die neue pädagogische Rolle bereits gefunden,indem sie Spiel - und Freizeitkameraden geworden seien. Auch die Versorgungund Betreuung gehöre manchmal zu den neuen pädagogischen Aufgaben dieserVäter, wobei hier noch Ambivalenz und Unsicherheit herrschten, da aktiveVaterschaft noch immer nicht zu ‚echter Männlichkeit’ passe.“59 Es wird von einer „neuen Väterlichkeit“ bzw. von „neuen Vätern“ gesprochen.60 Eine Sensibilität für die Wichtigkeit der Vater-Kind-Beziehung begann zuerwachen. Väter wollen sich nicht mehr auf die Rolle des „symbolischen Vaters“beschränkt sehen, sondern anwesende und damit erfahrbare Väter sein.Antje Wewer (2004) skizziert: „Die neuen Väter haben ein Selbstbild entworfen,das weit über die klassische Rolle des Familienoberhauptes hinausgeht. Freiwilligübernehmen sie familiäre Aufgaben, die früher den Frauen vorbehalten waren.Sie wollen nicht nur für die finanzielle Sicherheit sorgen, sie wollen ihren Kindern nahe sein und ihre Entwicklung miterleben. Die Betreuung ihrer Söhne undTöchter ist für sie keine unangenehme Pflicht, sondern eine substantielleBereicherung. Das fängt beim Wechseln der Windeln an.“61 Nach einer Väterstudie, die von der Firma Procter & Gamble in Auftrag gegebenwurde, sind Wickeln und Füttern für viele der Väter inzwischen selbst-verständlich. „Neue Väterlichkeit“ bedeutet: „Väter wollen mehr Zeit haben fürihre Kinder. Sie verstehen sich nicht bloß als ‚Ernährer der Familie’, sondernwollen aktiv an der Kindererziehung mitwirken.“62 Das Bild vom Vater als„Ernährer der Familie“ ist ein Auslaufmodell. Eine Studie des Bundesfamilien-ministeriums (2001) belegt diese These: „Zwei Drittel der Väter sehen sich als‚Erzieher ihrer Kinder’, was auch von den Partnerinnen bestätigt wurde.“63 Die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann bringt diesenWandel auf den Punkt: „Männer wollen sich aktiv an der Betreuung undErziehung von Kinder beteiligen und die Entwicklung der Kleinen bewussterleben.“64

3.3 Der Wandel der Familie

Neben der Diskussion um die „Vaterlose Gesellschaft“, das Aufkommen der„Neuen Väter“ gibt es weitere Anstöße, die den Wandel der Familie, d.h. eineVeränderung des gängigen Rollenbildes, dass die Väter für den ökonomischenBereich zuständig sind, während die Mütter die Innenwelt, d.h. den Bereich derBetreuung und Zuwendung, abdecken,65 beschleunigten. Vier Gründe seien hiergenannt:
- Das gesellschaftliche Umdenken als Folge der 68er Bewegung.
- Die zunehmende Emanzipation der Frauen. Diese drückte sich aus in einerverbesserten rechtlichen Gleichstellung in Familie und Gesellschaft, derBeseitigung der Bildungsbenachteiligung und der Möglichkeit derErwerbstätigkeit. Frauen wurden selbstständige, gleichberechtigtePartner.66 Bedingt durch die Berufstätigkeit haben die Frauen weniger Zeitfür die Kinder und benötigen Hilfe von außen.67 Diese Orientierung derFrau nach außen bedingt eine höhere Beteiligung der Väter an derHausarbeit und besonders an der Kinderversorgung. Camus (2003)bezeichnet diesen Wechsel mit „nicht Gleichheit - sondern wenigerUngleichheit.“68

- Die signifikante Zunahme von Scheidungen und Trennungen.
- Das Entstehen von neuen Formen des Zusammenlebens. Familie ist heutevielerorts nicht mehr Familie im „traditionellen“ Sinne, sondern oft einMosaik von Familienstrukturen.69

3.3.1 Abwesende Väter

Auch wenn es eine Aufweichung im Blick auf die traditionelle Vaterrolle zugeben scheint, Wirklichkeit ist: „Viele Väter sind nach wie vor abwesend bei der Erziehung. Sie stärken ihren Kindern nicht das Rückgrat. Sie ärgern sich, dass sich ihre Kinder anders entwickeln, als sie sich das vorgestellt haben. Sieüberlassen die Kindererziehung lieber den Müttern.“70 Fthenakis (1999)bezeichnet dies als das „fundamentale Paradox unserer Zeit.“ Er hält fest, dass einerseits die Anwesenheit des Vaters in der Familie noch nie so einen hohen Stellenwert besaß, andererseits die Nettoanwesenheitszeit immer geringer wird.71 Was sind die Ursachen und Gründe für dieses Dilemma?

3.3.1.1 Durch Erwerbstätigkeit

Nach wie vor lautet die Devise: Vollzeit ein Leben lang.72 Nach einer Studie vonMatthies u.a. (1994, S.145) arbeiten in Deutschland weniger als 2 Prozent dermännlichen Beschäftigten weniger als das Normalarbeitsverhältnis vorsieht.73 Von daher betonen Schnack / Gesterkamp (1996) „Es nützt wenig, die ‚neueVäterlichkeit’ auszurufen, wenn Männer mit ihrer Zeit, ihrer Kraft und ihrer Seeleim Berufsleben feststecken, wenn wir Männer nicht anders und vor allem wenigerarbeiten wollen.“74 Der Wert der Männer wird nach wie vor durch die Arbeitbestimmt. „Ich arbeite, also bin ich“, könnte man die Devise nennen. Männerreden viel über ihre Arbeit. „Aber nach ‚Warum’ und ‚Wofür’ wird dabei nurselten gefragt.“75 Männer versuchen durch Leistung im Beruf zu imponieren.Ihre „Flucht“ in die Arbeit ist eine Flucht vor dem Ernst des Lebens. VieleMänner sind „pubertierende Jugendliche“ geblieben. Sie lassen den Ernst desLebens schlaff an sich vorübergehen.76 Ursache für diese Arbeitszu- undFamilienabgewandtheit könnte die erlebte Vaterabwesenheit ihrer Väter sein.Hilflos stehen sie der veränderten gesellschaftlichen und familiären Umweltgegenüber. „… mit steigenden Forderungen nach Veränderung bei den Männernund Vätern klammern sich diese umso vehementer an ihre männlichenSicherheiten und fliehen in Beruf und Freizeit. Sie bleiben so, was ihre Väterschon waren - abwesende Väter.“77

Während des zweiten Weltkriegs stieg ein großer Teil der Mütter zwangsläufigneben der Familientätigkeit in die Berufs- und Erwerbsarbeit ein. Nach derHeimkehr der Männer wurde die alte Ordnung bis Mitte der 50er Jahre wiederhergestellt: „Männer / Väter draußen in der Arbeit - Frauen / Mütter drinnen inder Familie.“78 Der Vater blieb der „Ernährer“ der Familie.79 Entsprechendepolitische Vorgaben wurden mehrheitlich von Männern / Vätern formuliert unddurchgesetzt. In der Denkschrift des Bundesfinanzministeriums (1955, S.13) liestsich der Zuschnitt auf den männlichen Alleinverdiener so: „Trotz starkerÄnderung der Wirtschafts- und Sozialstruktur ist die Erwerbsarbeit der EhefrauAusnahmefall, Gemeinsamkeit des Erwerbs und Lebensführung Regelfall.“80 Dieser Auslegung schloss sich das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil von1982 an. Das Ehegatten-Splitting entspreche dem Wesen „der intaktenDurchschnittsehe, die eine Erwerbs- und Wirtschaftsgemeinschaft sei.“81

Diese Festschreibung drückt sich in der Erwerbsorientiertheit aus, die nach wievor den zentralen Lebensmittelpunkt der Männer ausmacht. Matzner (1998)betitelt die Sackgasse wie folgt: „Die strukturelle Rücksichtslosigkeit derArbeitswelt gegenüber der Familie erschwert sehr oft die Beteiligung der Väteran der Haushaltsarbeit.“82 An diesem traditionellen männlichen Leitbild, demWunsch nach kontinuierlich ausgeübter, bezahlter Tätigkeit hat sich fast nichtsgeändert. Die Steuergesetze und das System der sozialen Sicherung, von derAltersvorsorge bis zum Schutz vor Krankheit, beruhen auf dem so genannten„Normalarbeitsverhältnis“.83 Selbst das Leitbild der gewerkschaftlichenLohnpolitik orientiert sich am Bild des männlichen Alleinverdieners, wie dieGewerkschafterin Ingrid Kurz-Scherf (1994, S.441) bemerkt: „Der gewerk-schaftliche Arbeitsbegriff sei einseitig fixiert auf Erwerbsarbeit und ignoriere dievon Frauen in den Privathaushalten geleistete unbezahlte Arbeit. Mit demNormalarbeitsverhältnis als gewerkschaftlichem Leitbild werde die geschlechts-hierarchische Arbeitsteilung zum Programm erhoben.“84 Für Männer ist nach wievor alles beim Alten geblieben. Außerhalb dieses Verhältnisses leben Männerdaher häufig wie Fremdlinge.85

3.3.1.1.1 Ausübung von Teilzeitarbeit durch Väter

Im Vergleich mit anderen Ländern ist die Bundesrepublik ein Teilzeit-Entwicklungsland. Derzeit 2,6 % der Männer in unserem Land gehen diesen Weg.Von den 85.800 Teilzeitvätern tut dies aber nur ein Drittel aus familiärenGründen. Der Rest hat keine Vollzeitstelle gefunden oder arbeitet wegenKrankheit oder Weiterbildung Teilzeit.86 Schnack / Gesterkamp (1996) stellenfest: „Bei der Quote der Teilzeitmänner bildet Deutschland gemeinsam mit Italienund Spanien gar das Schlusslicht.“87 Das Teilzeit-Vater-Sein besitzt keinengesellschaftlichen Status. Umgangssprachlich ausgedrückt: Teilzeit-Vater-Sein istuncool. Es wirkt auf Männer wie ein Angebot von einem anderen Stern. Es riechtunseriös und hat den Geschmack von „Halber Portion, Frauenarbeit,Bezirksklasse.“88 Der Kundenberater Michael Weidinger drückt es so aus: „Beiunseren Kunden hat das Wort ein schlechtes Image.“89 Auch wennUntersuchungen längst bestätigt haben, das Teilzeitbeschäftigte gelassener,entspannter und ausgeruhter sind und deshalb ein Mehr an Motivations- undLeistungsfähigkeit mitbringen, verkünden die Sprecher der deutschenIndustrieverbände gebetsmühlenartig, dass die Deutschen nicht weniger, sondernmehr arbeiten müssen.90 Ungeachtet dieser weit verbreiteten Festgefahrenheitentwickelten sich aufgrund wirtschaftlicher Zwänge oder auch weitsichtiger,mütter- und väterfreundlicher Unternehmensführung Pionierprojekte. Der VW-Konzern litt 1994 unter massiven Absatzproblemen. In dieser ökonomischenKrise bewies die Konzernleitung Weitsicht. Statt 30 000 Menschen auf die Straßezu setzen, wurde die durchschnittliche Arbeitszeit auf eine 28,8-Stunden-Wochereduziert. Für die Arbeiter bedeutet dies: ein Mehr an Zeit und weniger Bares inder Brieftasche.91 Auch wenn damit der Nachweis geführt scheint, dass durchkürzere Arbeitszeiten Stellen erhalten bleiben bzw. Teilzeitstellen eingeführtwerden könnten, „ träumen die Firmenchefs weiter von ‚Olympiamannschaften’,wie sie im Gewerkschaftsjargon ironisch genannt werden: von verkleinertenBelegschaften mit jungen Leuten, die möglichst lang schuften wollen.“92 Firmen wie der Computerhersteller Hewlett-Packard oder der MaschinenbauerLandert Motoren steuern dem entgegen. Sie favorisieren und fördern diesesModell: Mehr Freizeit für weniger Geld. Die Hotelkette Mövenpick geht sogarnoch einen Schritt weiter. Sie bietet ihren Angestellten an zwischen vier, sechsoder acht Stunden Anwesenheit zu wählen. Der Vorstand der WestdeutschenLandesbank entschied: Jede Stelle im Unternehmen müsse grundsätzlich teilbarsein. Diese Beispiele machen deutlich: Job-Sharing ist möglich. Die damitverbundene Abstimmung ist nicht so kompliziert, wie immer behauptet wird.Teilzeitarbeitsplätze für Männer (und Frauen) einzurichten, ist keine Utopie.Doch auch die Bilanz der Vorzeigeunternehmen fällt ernüchternd aus. Nur dieMitarbeiterinnen nehmen dieses Angebot an. Männer interessieren sich äußerstselten für die Möglichkeit kürzerer Anwesenheitszeiten.93 Und falls dieAnwesenheit aus ökonomischen Gründen per Zwang verkürzt wird, tauchen die Männer, wie u.a. in der VW-Stadt Wolfsburg festgestellt, nicht als Väter, sondern vermehrt als Schwarzarbeiter und Freizeitsportler auf. Schnack / Gesterkamp (1996) übertreiben daher nicht, wenn sie diagnostizieren: „Teilzeit, also jedeForm bezahlter Tätigkeit unterhalb der Vollzeitnorm, kommt für die meistenmännlichen Arbeitnehmer nicht in Frage.“94

3.3.1.1.2 Inanspruchnahme von Erziehungszeit durch Väter

Ein ganz ähnliches Bild bietet sich in Punkto Erziehungszeit. Familienarbeit istgesellschaftlich nach wie vor nicht als Leistung anerkannt. Bis vor kurzem wurdedie Erziehungszeit mit dem Begriff „Erziehungsurlaub“ verniedlicht. Männer, diesich für diesen „exotischen“ Weg entscheiden, stellen schnell fest, dass der Wegzwischen Windeleimer, Spielplatz und Putzeimer nichts mit der idealistischenVorstellung von Freiheit, Selbstbestimmtheit und Ausspannen zu tun hat, die mangewöhnlich mit dem Begriff „Urlaub“ verbindet. Die Zahl der tatsächlichErziehungszeit nehmenden Väter liegt bei ca. 2% - 5 %.95 Diese geringe Zahl, diean Brisanz gewinnt, wenn man sich vor Augen führt, dass ca. 70% derErziehungszeit nehmenden Männer vorher nicht erwerbstätig war, ist keinRuhmesblatt für die Männer. Die gesellschaftliche Rollennorm gibt hier den Taktvor. Sie sorgt für eine zweifache Sicherheit. Sie bietet Sicherheit nach außen.Männer haben Schwierigkeiten, Verständnis und Akzeptanz für diesen Weg zuerhalten. Sie wählen daher den Weg des geringsten Widerstandes. Die Frau bleibtzuhause. Des Weiteren sorgt diese Norm für Sicherheit nach innen. „Der, dermehr Schwierigkeiten hat, in der Partnerschaft und im sozialen Netz vonVerwandten und Freunden als kompetent und zuständig für die Erziehung zugelten, bleibt erwerbstätig, und das ist meist der Vater.“96 Doch nicht allein dieNormorientierung verhindert Erziehungszeitnahme von Vätern. „Der ‚Rückfall’ ineine traditionelle Arbeitsteilung nach der Geburt eines Kindes passiert nicht nuraufgrund traditioneller Einstellungen zur Mutter- bzw. Vaterrolle, sondern erfolgt vor allem auch aus materieller Notwendigkeit.“97

Statistische Daten über die Empfänger von Erziehungsgeld verdeutlichen, dass Männer nach dem Vaterwerden weiter arbeiten, weil

- Frauen geringer entlohnt werden,
- Frauen geringere Aufstiegschancen haben und es ihnen anEntwicklungsmöglichkeiten mangelt,
- Frauen einem höheren Arbeitsmarktrisiko unterliegen,
- Frauen kaum Leitungs- und Gestaltungsfunktionen innehaben.

Bode / Wolf (1995) kritisieren daher, dass die Erziehungszeit zwar als politischeErrungenschaft hochgehalten, aber aus ökonomischen Überlegungen oft nichtumgesetzt wird, weil der Vater der Mehrverdiener ist. „Die Frau wird Mutter, derMann verdient das Geld. So bleibt dieses Recht letztlich für die, die es sich leistenkönnen.“98 Tatsache ist: „Ein Vater nimmt Erziehungszeit, wenn sein Wunsch,selbst das Kind zu betreuen und zu erziehen, so stark ist, dass er bereit ist, als‚Rollen-Macher’ seine Rolle individuell zu entwerfen und sich damit anders zuverhalten als die meisten Väter, die er kennt. Und er nimmt die Erziehungszeit,wenn er und seine Partnerin gleichermaßen den starken Wunsch haben,gleichberechtigte Partnerschaft zu leben und auch Elternaufgaben gleichbe-rechtigt zu teilen. Mit anderen Worten: Der Wunsch des Vaters muss von derMutter stark unterstützt werden. Das heißt, dass sie auch als Paar bereit sind,sich anders zu verhalten als die meisten Paare, die sie kennen.“99

Männer tun sich schwer ihre Berufstätigkeit zugunsten der Familie zu unter-brechen. Sie sind einerseits in der männlichen und gesellschaftlichen „Norm-vorstellung“ gefangen und andererseits durch den oft geringeren Verdienst derFrau zur Vollerwerbstätigkeit gezwungen. Schnack / Gesterkamp (1996) kommendaher zur Schlussfolgerung: „Das Ideal fairer Geschlechterverhältnisse hat sichimmer deutlicher durchgesetzt - und wird letztlich nur von einer verschwindendkleinen Minderheit realisiert.“100

3.3.1.2 Durch Scheidung und Trennung

Fast jede zweite Ehe wird heute in Deutschland geschieden. Betroffen von diesen oft schmerzhaften und langwierigen Trennungsgeschichten sind natürlich auch die Kinder. Nach Bode / Wolf (1995) offenbart sich folgendes Drama:

„Arbeitsverhältnisse können gekündigt, Beziehungen gelöst werden; man kannaus Vereinen und der Kirche austreten; Kaufverträge können annulliert werden.Man kann umziehen. Ehen können geschieden werden. Nur eines geht nicht: DieElternschaft, das Mutter- oder Vatersein, kann nicht beendet werden!“101 Mütter und Väter bleiben auch nach einer Trennung biologische Eltern, ob siewollen oder nicht. Bode / Wolf (1995) unterstreichen dies: „An der psycho-logischen Wichtigkeit der Eltern im Lebensbild des Kindes und den sich bei derTrennung daraus ergebenden psychodynamischen Konsequenzen kann keinGericht der Welt etwas ändern.“102 In der Regel bleiben die Kinder zurück miteiner Mutter103, die sich allein erziehend, den Haushalt führend und Geldverdienend über Wasser hält. Wenn es gut läuft, gelingt es den Partnern, dieKinder aus dem Konflikt heraus zu halten. Doch selbst dann, wenn es „optimalläuft“, bedarf es einer klaren Kommunikation, denn es entstehen neue Spannungs-felder. Väter werden zum nicht kalkulierbaren Faktor. Sie verbringen nur nocheinen Teil der Realität mit dem Sohn oder der Tochter. Wenn dann keingedeihliches Miteinander zum Wohl der Kinder möglich ist, bietet sich dem Vaterdie Chance, sich zum besseren Elternteil hoch zu stilisieren. „Wenn sie nurkönnten (und dürften), würden sie dem Kind alles ermöglichen, alle Probleme ausder Welt räumen, alles erlauben…“104 Väter erleben: „Am Wochenende klappt esja!“ Der Mann wird zum Freizeitvater, dem Wochenendentertainer, der das Frei-zeitprogramm anbietet, jedoch den großen Anforderungen oder gar Auseinander-setzungen ausweicht. Die Kinder bemühen sich ebenfalls eine möglichst stress-freie Zeit zu verbringen. Sie entwerfen sich einen Ideal-Vater und projizieren ihreSehnsüchte und Verletzungen auf die Mutter. Wenn dann montags der Vaterwieder abwesend ist, wird der Ärger und Frust bei der Mutter abgeladen.

Wie schon beschrieben, sorgen die Männer überwiegend für den Lebensunterhalt. Ihr Job ist oft hart.

- Sie sind fremdbestimmt. Sie können sich die Arbeitszeit nicht freieinteilen.
- Sie „tanzen nach der Pfeife“ ihres Arbeitgebers. Die Arbeitsinhalte richtensich nicht nach den Interessen der Familie.
- Sie verlassen das Haus oft, wenn die Kinder noch schlafen.
- Sie kehren müde und kraftlos nach Hause zurück. Nicht selten sind dieKinder dann schon im Bett.105

Nach der Arbeit sind sie gefordert in die Rolle des Vaters zu schlüpfen. Siewerden gebraucht zum Spielen. Ihre Hausaufgabenkompetenz ist gefragt. Siesollen glänzen als Vorbild. Sie sind gefordert zum Grenzen setzen. Es wird vonihnen erwartet Erziehungsprobleme zu regeln, zum Elternabend zu gehen… Dochdazu fehlt ihnen oft die Kraft und die Motivation. „Sie haben ihre Schuldigkeitgetan und das Geld verdient.“106 Die Väter machen in ihrem Erschöpfungs-zustand und dem Erholungsbedürfnis den „Abflug“ in den Hausbau, die Garten-pflege, die Schwarzarbeit oder aufs Sofa. Mit der Begründung „… wir tun dasalles (nur) für die Kinder…“ fundamentieren sie das Familienideal derspätkapitalistischen Gesellschaft. „Geschaffen wird etwas real Existierendes,Greifbares, vermeintlich Bleibendes - allerdings auf Kosten einer sehr blassenErinnerung an die Figur des Vaters, der sich zwar um den Bau gekümmert hat,aber keine Zeit für die Kinder hatte.“107

Diese Begründung ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Kehrseite der Medaille liegtverborgen im „Mechanismus des Zurückschreckens vor Verantwortung.“108 Bode / Wolf (1995) führen aus, dass viele Männer tagsüber keine Verantwortungtragen d.h. widerspruchslos und mechanisch den Erwartungen nachkommen, diean sie gestellt werden. Abends weht dann ein anderer Wind. Plötzlich ist ihreVerantwortung gefragt. Plötzlich müssen sie eigene Entscheidungen für sich undandere Menschen treffen. Dies überfordert nicht wenige Väter und sie ergreifendie Flucht: „Einige Väter haben auch sehr klar benannt, dass die häuslichenPflichten und Hobbys ein Weg sind, sich genau dieser Verantwortung zuentziehen.“109

3.1.1.4 Durch Fehlen von Vaterfiguren im institutionellen Kontext

Wenn es für Kinder ungünstig läuft, tauchen Männer im Alltag von Kindern erstim zehnten oder zwölften Lebensjahr als feste und dauerpräsente Bezugspersonenauf. Die Abnabelung von der Mutter ist das Dilemma, in dem heute viele Männerstecken. „Bis zum zehnten Lebensjahr sind viele Jungen ausschließlich unterweiblichem Einfluss: Mutter, Kindergartentante, Grundschullehrerin. Wenn sichVäter erst um pubertierende Söhne kümmern, ist es oft schwierig noch eineBeziehung herzustellen.“110 Der Männeranteil in Kindergärten lag 2004 bei2,56%. 1996 formulierte das Netzwerk für Kinderbetreuung der EuropäischenUnion ein Ziel von 20% Beschäftigung für Männer in Einrichtungen fürKinder.111 Soziale und pädagogische Berufe werden mehrheitlich von Frauenausgeübt. Je jünger die Kinder, desto größer der weibliche Betreuungsschlüssel.Schwestern und Hebammen versorgen Mutter und Kind. Ärzte schauen (wieMänner) flüchtig bei der Visite herein. Kinderkrippe, Kindertagesstätte, Grund-schule und Hort werden von Frauen dominiert. Vaterfiguren sind Mangelware.Erziehung ist Frauensache. „Nur wenn’s ‚kritisch’ wird und wenn ‚wichtige’Belange zu regeln sind, tauchen, wenn überhaupt, sporadisch Männer auf.“112 Wenn ein Mann in diesem Bereich auftaucht, ist er meistens etwas Besonderes,nämlich Leiter, Chef, Vorgesetzter, Bestimmer. Das Fehlen männlicher Bezugs-personen schlägt einerseits um in Idealisierung und Glorifizierung, die derDynamik in getrennten und geschiedenen Familien ähnelt. Bode / Wolf (1995)nennen es das Muster von der „bösen Alltagsfrau und dem gutenSonntagsmann.“113 Andererseits werden die Stimmen der pädagogischenMitarbeiterinnen immer lauter, die den Mangel beklagen. „Die Defizite werdengrößer und offensichtlicher: Die Zahl der Alleinerziehenden nimmt deutlich zu.Lehrerinnen und Erziehrinnen sind überfordert und können zunehmende Wünsche und Bedürfnisse der Kinder nach männlichen Bezugspersonen nicht ersetzen.“114 Augenscheinlich ist: Männer fehlen in der pädagogischen Arbeit.

3.3.2. Anwesende Väter

Wie schon unter 3.2. angerissen, gibt es sie, die „Neuen Väter“, die anwesendsind, die Erziehungszeit nehmen, als Hausmänner fungieren, sich die Zeit für dieKinder mit der Mutter teilen oder als Alleinerziehende mit ihren Kindern über dieRunden kommen. Die Praxis der neuen Väterlichkeit entwickelt sich weg vomautoritären Gehabe hin zu einer toleranten, solidarischen, großzügigen, fürsorg-lichen, kooperativen und weichen Vaterschaft. Rolf Stein (2000, S.63) hält fest:„Dieser Wandel der Väterlichkeit kann als ein Wandel von der traditionellen autoritären, repressiven und marginalen Rolle des Vaters hin zu einerfreundschaftlichen, liebevollen und zentralen Rolle in der Familie umschrieben werden.“115 Doch welche Gründe stecken hinter dieser aktiven Partizipation? Und wie sieht die Partizipation konkret aus?

3.3.2.1 Ursachen väterlicher Teilhabe

Nach Fthenakis (1999) wird das Streben nach einer aktiven väterlichen Partizipation von drei wesentlichen Faktoren bestimmt:

a) Motivation

Das Engagement des Vaters für sein Kind wird wesentlich beeinflusst durch dieeigene Entwicklungsgeschichte. Bei Untersuchungen kristallisierte sich heraus,dass die persönliche Entwicklungsgeschichte den größten Einfluss auf dasEngagement hat. Interessant ist, dass die Erfahrung mit dem eigenen Vater vonzwei Seiten her motiviert. Väter, die engagierte Väter erlebt haben, eifern diesemVaterbild nach. Väter, die abwesende Väter erlebten, wollen bewusst eine andereVaterrolle abbilden.116

b) Kompetenz und Selbstvertrauen

Väter weisen heute ein höheres Maß an Kompetenz auf. Sie packen dieErziehungsaufgaben selbstbewusster und vertrauter an. Diese Herangehensweiseund das damit verbundene Erleben der eigenen Befähigung wirkt sich mit großerWahrscheinlichkeit auf den Umfang des väterlichen Engagements aus.117

c) Soziale Unterstützung und Belastung

Als entscheidender Faktor für das Engagement stellt sich der Beschäftigungsstatusder Mutter dar. Berufstätigkeit der Partnerin verbunden mit einer günstigerenBerufsaussicht oder gar besser Qualifikation ist eine wesentliche Größe für denväterlichen Einsatz. Als nicht ganz nebensächlich gelten die zwei weiterenBefunde. Väter sind engagiert, wenn die Partnerin eine positive Einstellung zurVaterschaft an den Tag legt. Väter investieren sich in die Vater-Kind Beziehung,wenn die Paarbeziehung stimmt.118

Matzner (1998) legt die Schwerpunkte etwas anders. Er sieht die Ursache derzunehmenden väterlichen Teilhabe in der kurzen Arbeitszeit, dem freien Samstagund dem durchschnittlichen Urlaubsanspruch begründet. Die Generation der„Neuen Väter“ habe soviel Freizeit, wie noch keine Vätergeneration zuvor.119 „In diesem Sinne sind sie, insbesondere die jungen Väter, tatsächlich ‚Freizeit-väter’.“120 Der Autor will diese Formulierung aber im positiven Sinne verstandenwissen, weil die Väter tatsächlich einen Großteil ihrer freien Zeit mit Frau undKindern verbringen. Von Trotha (1990) nennt das die „Familiarisierung desMannes.“121 In diesem Zusammenhang führt Matzner (1998) an, dass diePartnerschaften und Ehen sich durch eine hohe Kinderzentriertheit auszeichnen.Kinder sind heute (meist) Wunschkinder und aus familienökonomischer Sichtnicht mehr für das Überleben der Familie notwendig, wie noch vor wenigenJahren.

[...]


1 vgl. Biddulph 1996 S. 149

2 Die Firma Mattel löste das Problem folgendermaßen: Die Vaterpuppe wurde bestückt mit dicken Muskeln, einem Brustpanzer und einer Waffe. Separiert von Frau und Kindern wurde der Vater ein Renner.

3 Petri 2004 S. 4

4 vgl. S. 149

5 zit. n. Fthenakis 1988 S. 9

6 vgl. Fthenakis 1988 S. 9

7 vgl. Fthenakis 1988 S. 10

8 vgl. Fthenakis 1988 S. 12

9 a.a.O. S. 12

10 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 33

11 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 33

12 a.a.O. S. 2

13 vgl. Matzner 2004 S. 3

14 a.a.O. S. 29

15 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 34

16 vgl. Petri 2004 S. 1

17 Fthenakis 1999 S. 18

18 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 31

19 vgl. Fthenakis 1999 S. 17

20 a.a.O. S. 18

21 vgl. Matzner 2004 S. 2

22 vgl. Matzner 2004 S. 2

23 vgl. Fthenakis 1999 S. 20

24 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 34

25 a.a.O. S. 20

26 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 34

27 Matzner 2004 S. 3

28 a.a.O. S. 35

29 vgl. Matzner 2004 S. 3

30 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 34

31 vgl. Fthenakis 1999 S. 20

32 vgl. a.a.O. S. 4

33 vgl. Matzner 2004 S. 4

34 vgl. Fthenakis 1999 S. 22

35 vgl. Fthenakis 1999 S. 22

36 Nach Petri (2006) S.7 kehrten 5,25 Millionen Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg, darunter Millionen von Vätern nicht zurück.

37 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 36

38 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 37

40 zit. n. Bode / Wolf 1995 S. 37

41 Bode / Wolf 1995 S. 38

42 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 39

43 Bode / Wolf 1995 S. 39

44 Bode / Wolf 1995 S. 40

45 vgl. Kurme 2006 S. 27

46 vgl. Fthenakis 1999 S. 23

47 Fthenakis 1999 S. 23

48 vgl. Fthenakis 1999 S. 24

49 vgl. Biddulph 1996 S.150

50 Matzner 1998 S. 7

51 vgl. Matzner 1998 S. 7

52 vgl. Matzner 2002 S. 4

53 vgl. a.a.O. S. 33

54 Mitscherlich 1963 S. 186

55 a.a.O. S. 7

56 zit. n. Matzner 1998 S. 33

57 Petri 2006 S. 7

58 Märchen der Gebrüder Grimm

59 vgl. a.a.O. S. 5

60 vgl. Matzner 1998 S. 12

61 a.a.O. S. 1

62 zdf 2005 S. 2, vgl. Wewer 2004 S. 1

63 zdf 2005 S. 2

64 zdf 2005 S. 2

65 vgl. Fthenakis 1999 S. 28

66 vgl. Matzner 1998 S. 33

67 vgl. Camus 2003 S. 27

68 a.a.O. S. 27

69 vgl. Camus 2003 S.27

70 Grün 2003 S. 51

71 vgl. Fthenakis 1999 S. 24

72 vgl. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 41

73 zit. n. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 42

74 a.a.O. S. 9

75 Schnack / Gesterkamp 1996 S. 9

76 vgl. Bode / Wolf S. 165

77 Bode / Wolf 1995 S. 166

78 Bode / Wolf 1995 S. 79

79 vgl. Matzner 1998 S. 36

80 zit. n. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 197

81 Schnack / Gesterkamp 1996 S. 197

82 a.a.O. S. 41

83 vgl. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 39

84 zit. nach Schnack / Gesterkamp 1996 S. 222

85 vgl. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 10

86 vgl. taz 2003 S. 8

87 a.a.O. S. 215

88 Schnack / Gesterkamp 1996 S. 202

89 zit. n. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 202

90 vgl. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 212

91 vgl. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 203

92 Schnack / Gesterkamp 1996 S. 212

93 vgl. Schnack / Gesterkamp 1996 S. 217

94 a.a.O. S. 39

95 vgl. Griebel in Fthenakis 1999 S. 55; Blasberg 2006 S. 157

96 Griebel in Fthenakis 1999 S. 57

97 Matzner 1998 S. 40; vgl. Griebel in Fthenakis 1999 S. 57

98 a.a.O. S. 49

99 Griebel in Fthenakis 1999 S. 58

100 a.a.O. S. 24

101 a.a.O. S. 13

102 a.a.O. S. 227

103 Nach Fthenakis 1999 S. 233 liegt die Zahl der primär betreuenden Väter zwischen 4 - 11%.

104 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 17

105 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 185

106 Bode / Wolf 1995 S. 186

107 Bode / Wolf 1995 S. 187, vgl. Blasberg 2006 S. 157

108 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 186

109 vgl. Bode / Wolf 1995 S. 186

110 Hofer 2001 S. 120

111 vgl. Tim Rohrmann 2005 S. 9

112 Bode / Wolf 1995 S. 48

113 a.a.O. S. 52

114 Bode / Wolf 1995 S. 51

115 zit. n. Matzner 2004 S. 6

116 vgl. Fthenakis 1999 S. 109

117 vgl. Fthenakis 1999 S. 111

118 vgl. Fthenakis 1999 S. 112

119 vgl. a.a.O. S. 74

120 Matzner 1998 S. 74

121 zit. n. Matzner 1998 S. 74

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Kinder brauchen Väter. Die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung und ihre sozialpädagogische Förderung
Untertitel
Der aktivierende Ansatz der Erlebnispädagogik
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
109
Katalognummer
V80774
ISBN (eBook)
9783638823913
ISBN (Buch)
9783640866977
Dateigröße
4571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Väter, Bedeutung, Vater-Kind-Beziehung, Förderung, Ansatzes, Erlebnispädagogik
Arbeit zitieren
Diplomsozialpädagoge Rüdiger Jope (Autor), 2006, Kinder brauchen Väter. Die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung und ihre sozialpädagogische Förderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80774

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