Der Spielzeughersteller Mattel wollte eine Puppenfamilie vermarkten. Zu Testzwecken gab man die Mutter-, die Vater-, und zwei Kinderpuppen an Kinder weiter. Bei der Spielbeobachtung stellte man fest, dass die Kinder den „Vater“ beiseite legten. Auf die Frage: „Und was ist mit der Vaterpuppe?“ entgegneten die Kinder: „Der ist in der Arbeit.“ Die Vaterpuppe wurde links liegen gelassen. Der Vater spielte keine Rolle.
„Kindermund tut Wahrheit kund“, so der Volksmund. Über Jahrzehnte spielten die Männer keine entscheidende Rolle in der Familie. Sie fügten sich der traditionellen Norm. Morgens schluckte sie die Fabrik, um sie abends wieder müde auszuspucken. Wenn sie für ihre Kinder auftauchten, dann als Ernährer und Disziplinierer. Emotionale oder gar Bindungsfähigkeiten wurden den Vätern abgesprochen. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung, d. h. der vermehrten Berufstätigkeit der Frau, dem Durchbruch der Emanzipation, der nicht mehr gegebenen lebenslänglichen männlichen Arbeitsplatzsicherheit etc., rutschte der Mann immer mehr ins Abseits. Forsche Zeitgenossen schrieben ihn daher als durch Frauen ersetzbar ab.
Dass dem nicht so ist, möchte ich gerne mit meiner Diplomarbeit, die auf neueren Untersuchungen der Vaterforschung fußt, nachweisen. Kinder brauchen Väter (und Mütter) für ein gesundes Wachstum. Männliche und weibliche Identität baut auf das Vorhandensein von Vaterfiguren auf. „Nur wenn die Tochter durch die Identifikation mit dem Vater und durch seine Bestätigung ein weibliches Selbstbild und ein positives Männerbild verinnerlichen kann und wenn der Sohn zu seiner eigenen männlichen Identität findet, werden beide beim Eintritt in die Gesellschaft und in die Welt der Sexualität über ein stabiles Selbstwertgefühl als Frau oder als Mann verfügen.“
[...]
Im ersten und zweiten Teil beleuchte ich daher die Vergangenheit und den Ist-Zustand der Vater-Kind-Beziehung. Danach wende ich mich im dritten Teil den neuesten Untersuchungsergebnissen der Vaterkindforschung und ihrer Bedeutung für die Vater-Kind-Beziehung zu. Ausgehend von diesen Ergebnissen ziehe ich einige Schlussfolgerungen, wie die konkrete Förderung der Vater-Kind-Beziehung in der Zukunft aussehen kann.
Im Anschluss daran stelle ich die sozialpädagogische Methode der Erlebnispädagogik vor, die ich für einen ausgezeichneten Ansatzpunkt halte um die Vater-Kind-Beziehung zu aktivieren und verknüpfe sie unter Punkt sieben mit der Praxis eines Vater-Kind-Wochenendes. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Vater-Kind-Beziehung in der Vergangenheit
2.1 (K)eine heile Welt
2.2 Die Vaterschaft im 18. Jahrhundert
2.3 Die Vaterschaft im 19. Jahrhundert
2.4 Die Vaterschaft im 20. Jahrhundert
3. Die Vater-Kind-Beziehung in der Gegenwart
3.1 Die „Vaterlose Gesellschaft“
3.2 Die „Neuen Väter“
3.3 Der Wandel der Familie
3.3.1 Abwesende Väter
3.3.1.1 Durch Erwerbstätigkeit
3.3.1.1.1 Ausübung von Teilzeitarbeit durch Väter
3.3.1.1.2 Inanspruchnahme von Erziehungszeit durch Väter
3.1.1.2 Durch Scheidung und Trennung
3.1.1.3 Durch Flucht in „Häusliche Pflichten“ und Hobbys
3.1.1.4 Durch Fehlen von Vaterfiguren im institutionellen Kontext
3.3.2 Anwesende Väter
3.3.2.1 Ursachen väterlicher Teilhabe
3.3.2.2 Umfang väterlicher Teilhabe
3.4 Resümee
4. Die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung
4.1 Die Vaterforschung
4.1.1 Der Vaterbegriff – Eine Definition im Wandel
4.1.2 Die drei Vaterschaftskonzepte
4.1.3 Das Konzept der „Vaterarbeit“
4.1.4 Das Modell „elterlichen Engagements“
4.1.5 Die Entstehung der Vateridentität und des Vatergefühls
4.1.6 Die Vaterschaft – Chance zur Entwicklung
4.1.7 Die Vaterschaft – Chance zur Veränderung
4.1.8 Die „jungen“ und die „alten Väter“
4.2 Die Bedeutung des Vaters aus Sicht der Entwicklungspsychologie und der Sozialisationsforschung
4.2.1 Die bahnbrechende Entdeckung in der Vater-Kind-Bindung
4.2.2 Das Beziehungsdreieck: Mutter-Vater-Kind
4.2.2.1 Die Triangulierungsphase
4.2.2.2 Die erste ödipale Phase
4.2.2.3 Die zweite ödipale Phase
4.2.3 Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zur Funktion des Vaters
4.2.3.1 Der Vater als Förderer der Sozialisation
4.2.3.1.1 Der Vater als Startrampe
4.2.3.1.2 Der Vater als Gegner und Schiedsrichter
4.2.3.1.3 Der Vater als Lehrer
4.2.4 Unterschiedlichkeit und Gleichwertigkeit von Vater und Mutter
4.2.5 Die Qualität der Bindung
4.3 Auswirkungen der Vateranwesenheit auf die Kinder
4.3.1 Auswirkungen der Vateranwesenheit auf Mädchen
4.3.2 Auswirkungen der Vateranwesenheit auf Jungen
4.4 Folgen der Vaterabwesenheit für die Kinder
4.5 Bereicherungen des Mannseins durch aktive und präsente Vaterschaft
4.6 Resümee
5. Die Förderung der Vater-Kind-Beziehung
5.1 Politische, wirtschaftliche und rechtliche Weichenstellungen
5.1.1 Durch den Abschied vom „patriarchalen Sozialstaat“
5.1.2 Durch den Ausbau von Teilzeitarbeitplätzen
5.1.3 Durch die Schaffung von unabhängigen Begleitungs- und Betreuungsinstanzen bei Scheidung und Trennung
5.2 Persönliche Weichenstellungen
5.2.1 Durch mehr „Sein“ als „Schein“
5.2.2 Durch Verzicht
5.3 Pädagogische Weichenstellungen
5.3.1 Durch den Ausbau von Beratungs- und Begleitungsangeboten
5.3.2 Durch Aufwertung von Vaterfiguren in der pädagogischen Arbeit
5.3.3 Durch Ausweitung der pädagogischen Angebote
6. Die Aktivierung der Vater-Kind-Beziehung durch die Methode der Erlebnispädagogik
6.1 Die Methode der Erlebnispädagogik
6.1.1 Geschichte der Erlebnispädagogik
6.1.1.1 Erlebnispädagogische Spuren in dem Erziehungsroman „Emile“
6.1.1.2 Erlebnispädagogische Ansätze aus der Reformpädagogik
6.1.1.3 Kurt Hahn – Vater der Erlebnispädagogik
6.1.1.4 Erlebnispädagogik – Von den Nationalsozialisten missbraucht, im Wirtschaftswunder vernachlässigt
6.1.2 Begriffe, Merkmale und Modelle der Erlebnispädagogik
6.1.3 Lernziele, Zielgruppen und Einsatzfelder der Erlebnispädagogik
6.1.4 Angebots- und Reflektionsmodelle in der Erlebnispädagogik
6.1.5 Kritikpunkte an der Erlebnispädagogik
6.1.6 Resümee
6.2 Die Methode der Erlebnispädagogik und ihre Anwendung auf die Vater-Kind-Beziehung
7. Der Transfer in die Praxis: Ein erlebnispädagogisches Wochenende mit Vätern und Kindern
7.1 Das Zielpublikum
7.2 Die Ausschreibung
7.3 Der Veranstaltungszeitraum
7.4 „Hardcore-“ contra „Weicheiangebot“
7.5 Die Trägerschaft
7.6 Die Finanzierungen
7.7 Der Wochenendablauf
7.8 Resümee
8. Epilog
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die wissenschaftliche Relevanz der Vater-Kind-Beziehung für eine gesunde Entwicklung des Kindes herauszuarbeiten und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Beziehung durch sozialpädagogische Ansätze, insbesondere durch die Erlebnispädagogik, aktiv gefördert werden kann.
- Die historische Entwicklung der Vaterrolle und der Vater-Kind-Beziehung.
- Die Auswirkungen väterlicher Anwesenheit versus Abwesenheit auf Kinder.
- Die Bedeutung des Vaters aus entwicklungspsychologischer Sicht.
- Methodische Ansätze der Erlebnispädagogik zur Aktivierung von Väterlichkeit.
- Praktische Umsetzung eines erlebnispädagogischen Vater-Kind-Wochenendes.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Der Spielzeughersteller Mattel wollte eine Puppenfamilie vermarkten. Zu Testzwecken gab man die Mutter-, die Vater-, und zwei Kinderpuppen an Kinder weiter. Bei der Spielbeobachtung stellte man fest, dass die Kinder den „Vater“ beiseite legten. Auf die Frage: „Und was ist mit der Vaterpuppe?“ entgegneten die Kinder: „Der ist in der Arbeit.“ Die Vaterpuppe wurde links liegen gelassen. Der Vater spielte keine Rolle.
„Kindermund tut Wahrheit kund“, so der Volksmund. Über Jahrzehnte spielten die Männer keine entscheidende Rolle in der Familie. Sie fügten sich der traditionellen Norm. Morgens schluckte sie die Fabrik, um sie abends wieder müde auszuspucken. Wenn sie für ihre Kinder auftauchten, dann als Ernährer und Disziplinierer. Emotionale oder gar Bindungsfähigkeiten wurden den Vätern abgesprochen. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung, d.h. der vermehrten Berufstätigkeit der Frau, dem Durchbruch der Emanzipation, der nicht mehr gegebenen lebenslänglichen männlichen Arbeitsplatzsicherheit etc., rutschte der Mann immer mehr ins Abseits. Forsche Zeitgenossen schrieben ihn daher als durch Frauen ersetzbar ab.
Dass dem nicht so ist, möchte ich gerne mit meiner Diplomarbeit, die auf neueren Untersuchungen der Vaterforschung fußt, nachweisen. Kinder brauchen Väter (und Mütter) für ein gesundes Wachstum. Männliche und weibliche Identität baut auf das Vorhandensein von Vaterfiguren auf. „Nur wenn die Tochter durch die Identifikation mit dem Vater und durch seine Bestätigung ein weibliches Selbstbild und ein positives Männerbild verinnerlichen kann und wenn der Sohn zu seiner eigenen männlichen Identität findet, werden beide beim Eintritt in die Gesellschaft und in die Welt der Sexualität über ein stabiles Selbstwertgefühl als Frau oder als Mann verfügen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der gesellschaftlichen Abwertung des Vaters ein und legt die Hypothese dar, dass Väter für das gesunde Wachstum von Kindern unverzichtbar sind.
2. Die Vater-Kind-Beziehung in der Vergangenheit: Dieses Kapitel skizziert den historischen Wandel der Vaterrolle vom Patriarchen über den abwesenden Ernährer im 19. Jahrhundert bis zu den Auswirkungen der Weltkriege im 20. Jahrhundert.
3. Die Vater-Kind-Beziehung in der Gegenwart: Hier werden aktuelle Herausforderungen wie die „Vaterlose Gesellschaft“, der Wandel der Familie durch Scheidung sowie die Schwierigkeiten von Vätern, Erziehungszeit in Anspruch zu nehmen, analysiert.
4. Die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung: Dieses Kapitel untersucht wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Vaterforschung und Entwicklungspsychologie, die belegen, warum Väter für die Identitätsbildung und Sozialisation von Mädchen und Jungen essenziell sind.
5. Die Förderung der Vater-Kind-Beziehung: Die Arbeit diskutiert politische, rechtliche und persönliche Weichenstellungen, die notwendig sind, um eine aktivere Vaterschaft zu ermöglichen und zu fördern.
6. Die Aktivierung der Vater-Kind-Beziehung durch die Methode der Erlebnispädagogik: Dieser Teil führt die Erlebnispädagogik als geeignete Methode ein, um Väter zu aktivieren und ihre Beziehungsqualität zu Kindern zu stärken.
7. Der Transfer in die Praxis: Ein erlebnispädagogisches Wochenende mit Vätern und Kindern: Hier wird ein konkretes Konzept für ein Vater-Kind-Wochenende vorgestellt, von der Planung über den Ablauf bis zur Evaluation der Ergebnisse.
8. Epilog: Der Autor reflektiert seine eigene Rolle als Teilzeitvater und resümiert die Bedeutung präsenter Vaterschaft für eine gelingende Zukunft der Kinder.
Schlüsselwörter
Vater-Kind-Beziehung, Vaterschaft, Vaterforschung, Erlebnispädagogik, Neue Väterlichkeit, Sozialisation, Identitätsentwicklung, Vaterabwesenheit, Erziehungszeit, Familie, Geschlechterrollen, Vaterrolle, Elternschaft, Bindung, Väterarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Vätern für die Entwicklung ihrer Kinder und zeigt auf, warum moderne Vaterschaft sowohl für Kinder als auch für Väter eine Bereicherung darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung der Vaterrolle, den Auswirkungen von Vateranwesenheit und -abwesenheit, den Erkenntnissen der Vaterforschung sowie der Förderung durch erlebnispädagogische Praxis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Kinder Väter für ihre gesunde Entwicklung benötigen, und Wege aufzuzeigen, wie Väter durch konkrete pädagogische Maßnahmen aktiviert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender Studien aus der Vaterforschung, Entwicklungspsychologie und Sozialisationsforschung sowie der Vorstellung eines erlebnispädagogischen Praxiskonzepts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, die Untersuchung der gegenwärtigen Situation von Vätern, eine theoretische Begründung der Vaterbedeutung und die Vorstellung der erlebnispädagogischen Methode.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Vater-Kind-Beziehung, Erlebnispädagogik, Neue Vaterschaft, Vaterforschung und Identitätsentwicklung.
Warum wird die Erlebnispädagogik als Methode zur Vater-Aktivierung vorgeschlagen?
Der Autor argumentiert, dass erlebnispädagogische Methoden väterliche Bedürfnisse nach Aktion und Abenteuer mit der notwendigen Beziehungsarbeit verbinden und so eine niederschwellige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme bieten.
Wie wird das Konzept eines Vater-Kind-Wochenendes konkret umgesetzt?
Das Konzept umfasst verschiedene erlebnispädagogische Module wie Teamaufgaben, Abenteuerparcours und Reflexionsrunden, die darauf abzielen, Kooperation und emotionale Bindung zwischen Vater und Kind zu stärken.
- Quote paper
- Diplomsozialpädagoge Rüdiger Jope (Author), 2006, Kinder brauchen Väter. Die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung und ihre sozialpädagogische Förderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80774