Die Auseinandersetzung mit dem Fremden ist eines der ältesten und beliebtesten Motive in der Literatur. Bereits im Mittelalter finden sich zahlreiche Belege für eine Beschäftigung mit dem Fremden; als fremd gilt dabei alles, was außereuropäischen und nichtchristlichen Charakter besitzt. Beispiele finden sich vor allem in der höfischen Kreuzzugsliteratur wie etwa die ausführlichen Beschreibungen der Ungläubigen in Wolframs von Eschenbach „Willehalm“. Heute findet die literarische Begegnung mit dem Fremden vor allem in der Reiseliteratur statt. Ein Beispiel hierfür liefert der Erzählband „Nichts als Gespenster“ der Journalistin Judith Hermann, dem auch die gleichnamige Erzählung entnommen ist, die Gegenstand dieser Untersuchung ist. Hermanns Schilderung beschreibt eine interkulturelle Begegnung zwischen Deutschen und Amerikanern. In der Arbeit wird analysiert, wie das Fremde in der Erzählung dargestellt wird. Wesentliche Aspekte sind dabei die Fragen, wie die Begegnung verläuft, wie das Fremde auf beiden Seiten durch die Figuren wahrgenommen wird, welche Bilder verwendet werden und welche Entwicklungen und Prozesse die Figuren durchlaufen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Hinführung zum Thema
1.2 Zur Vorgehensweise
1.3 Zur Literaturlage
2. Hauptteil
2.1 Theoretische Überlegungen zum Begriff der „Fremdwahrnehmung“
2.1.1 Zum Begriff
2.1.2 Die Entwicklung der Fremdwahrnehmung im Laufe der Geschichte
2.1.3 Die Entstehung von Stereotypen
2.1.4 Gründe für das Auftreten von und Umgang mit Stereotypen
2.1.5 Fremdwahrnehmung in der Literatur
2.2 Fremdwahrnehmung in Judith Hermanns „Nichts als Gespenster“
2.2.1 Inhalt und Struktur der Erzählung
2.2.2 Die Eignung des Romans im Rahmen der Interkulturalität
2.2.3 Die Ausgangslage
2.2.4 Auftreten und Deutung der benutzten Stereotypen
2.2.5 Die Entwicklung der Protagonisten
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, wie das Fremde und interkulturelle Begegnungen in der Erzählung „Nichts als Gespenster“ von Judith Hermann dargestellt werden. Dabei wird analysiert, inwiefern die Wahrnehmung der Protagonisten von vorgefertigten Stereotypen und Fremdbildern beeinflusst ist und ob sich durch den direkten Kontakt ein differenzierteres Bild des Anderen entwickelt.
- Grundlagen der Fremdwahrnehmung und ihre geschichtliche Entwicklung
- Entstehung und Funktion von Stereotypen als Orientierungshilfe
- Analyse der interkulturellen Begegnung in der Erzählung
- Untersuchung der verwendeten Stereotype bezüglich des Amerikabildes
- Entwicklungsprozesse der Protagonisten durch zwischenmenschliche Interaktion
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Zum Begriff
Die Terminologie „Fremdwahrnehmung“ zerfällt in zwei Wortteile, nämlich „fremd“ und „Wahrnehmung“, die beide einer genaueren Betrachtung bedürfen.
Der Begriff „fremd“ verweist auf etwas Andersgeartetes, auf etwas Unnormales oder Unheimliches. Das Fremde ist zunächst einmal alles, was sich nicht in ein eigenes bzw. zumindest soziokulturell vertrautes Denkmuster einpassen lässt. Es stellt dabei einen Kontrast zu etwas anderem dar, dass dem Eigenen entgegensteht. Durch die bewusste Wahrnehmung als etwas Fremdes wird dabei eine klare Grenze gezogen. Agossavi unterscheidet in ihrer Untersuchung drei verschiedene Fremdbestimmungen: Zunächst einmal kann das Fremde in Form einer Person oder eines konkreten Gegenstandes erscheinen und ist physisch fassbar. Das Fremde kann aber auch in der abstrakten Form einer Erfahrungswelt auftreten; Beispiele wären hier verschiedene Umwelt- und Klimaräume sowie unterschiedliche Landschaften. Und letztlich kann das Fremde auch in Form unbekannter Verhaltensformen und Sozialstrukturen auftreten.
Wie der Begriff der „Wahrnehmung“ verdeutlicht, handelt es sich bei der Fremdwahrnehmung um eine subjektive Perspektive des Individuums auf etwas Fremdes und ist somit nicht mit der objektiven Wirklichkeit identisch. Allerdings ist Fremdwahrnehmung nicht mit Fehlwahrnehmung gleichzusetzen. Vielmehr handelt es sich um unreflektierte Empfindungen, die zu „unkritische[n] Verallgemeinerungen“ werden. Letztlich lässt sich Fremdbeobachtung als eine Mischung zwischen faktischem Geschehen und individuellen Vorstellungen charakterisieren. Oftmals spricht man in diesem Zusammenhang auch von Stereotypie. Diese Terminologie hatte lange Zeit eine negative Konnotation: Man verband mit ihm ein kognitiv begründetes falsches Verhältnis zwischen dem Betrachter und der Wirklichkeit und unterstellte dem Träger des Stereotyps somit einen Wissensmangel. Heute wird der Begriff allerdings in den meisten Fällen neutral verwendet und kann im Falle einer verallgemeinernden Beobachtung als Synonym zur Fremdwahrnehmung gesehen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Das Kapitel führt in das Motiv der literarischen Auseinandersetzung mit dem Fremden ein und legt die methodische Vorgehensweise sowie die Literaturlage der Arbeit dar.
Hauptteil: Dieser Teil erarbeitet zunächst die theoretischen Grundlagen der Fremdwahrnehmung und Stereotypenbildung, um diese anschließend auf Judith Hermanns Erzählung „Nichts als Gespenster“ anzuwenden und die interkulturellen Begegnungen sowie die Entwicklung der Protagonisten zu analysieren.
Schlussbetrachtung: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass eine unmittelbare Begegnung für ein differenziertes Bild notwendig ist, Stereotype jedoch weiterhin als Vereinfachungsmechanismen in der Wahrnehmung fungieren.
Schlüsselwörter
Fremdwahrnehmung, Stereotype, Interkulturelle Kommunikation, Judith Hermann, Nichts als Gespenster, Literaturanalyse, Fremdbilder, Amerikabild, Identifikation, Sozialisation, Vorurteil, Kulturkontakt, Wahrnehmungsprozess, Reiseliteratur, Interkulturalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der literarischen Darstellung von Fremdwahrnehmung in der Erzählung „Nichts als Gespenster“ von Judith Hermann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die theoretische Fundierung des Begriffs der Fremdwahrnehmung, die Entstehung von Stereotypen sowie deren Einfluss auf interkulturelle Begegnungen in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, wie die Protagonisten das Fremde wahrnehmen, welche Rolle Stereotype dabei spielen und ob ein direkter Kontakt zu einer Veränderung ihrer Sichtweise führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die theoretische Konzepte der Fremdwahrnehmung und Interkulturellen Kommunikation auf die Erzählung anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung von Begriffen und eine praktische Analyse der Erzählung hinsichtlich Inhalt, Stereotypen und der Entwicklung der Figuren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Fremdwahrnehmung, Stereotype, Interkulturalität, Fremdbilder und der interkulturelle Begegnungsprozess.
Wie gehen die Protagonisten Ellen und Felix anfangs mit dem Fremden um?
Zu Beginn wahren sie einen deutlichen Abstand zur fremden Kultur, sind weitgehend desinteressiert und neigen dazu, die Realität durch vorgefertigte, oberflächliche Stereotype zu filtern.
Welche Rolle spielt die Figur des Buddy für die Entwicklung der Protagonisten?
Buddy fungiert als erster realer Kontakt, der ein echtes Gespräch ermöglicht. Durch dieses Zusammentreffen werden die Deutschen mit der Ungenauigkeit ihrer bisherigen Fremdbilder konfrontiert.
- Quote paper
- Christoph Baldes (Author), 2005, Fremdwahrnehmung in Judith Hermanns "Nichts als Gespenster", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80787