Homosexualität gilt unter Männern als spezifischer Risikofaktor für die Entwicklung
einer Essstörung. Dennoch sind drei von vier Männern mit einer Essstörung
heterosexuell veranlagt. Ein weiterer Risikofaktor stellt die soziale Geschlechterrolle
dar. Darunter werden Attribute verstanden, welche von der Gesellschaft als typisch
weiblich oder männlich empfunden werden. Seit einigen Jahrzehnten besteht der
Trend, die Rollenverteilung der Geschlechter aufzuweichen, mit der Erwartung, dass
beide Geschlechter Attribute beider Seiten in sich vereinen. Dadurch ausgelöste
Identifikationsprobleme und Verunsicherungen führen zu anhaltend emotionalem
Stress. Laut Studien trifft die Verunsicherung vor allem homosexuell veranlagte
Männer mit starker femininer und gleichzeitig schwacher maskuliner Orientierung.
Im Weiteren neigen Männer mit Essproblemen zu Essattacken, welche als
maladaptive Bewältigungsstrategien eingesetzt werden um starke, unerwünschte
Emotionen zu regulieren. Inwieweit androgyne Erwartungen bei Männer mit
einseitiger Rollenorientierung zu einer maladaptiven Emotionsregulation wie
Essattacken führen und welche Bedingungen diese Entwicklung unterstützen, muss in
weiteren Studien angegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Essstörung beim Mann
2.1. Symptome
2.2. Vorkommen der Männer in den Subgruppen der Essstörungen
2.3. Zusammenfassung
3. Sexuelle Orientierung: Homosexualität als Risikofaktor
3.1. Sexuelle Orientierung unter Männern mit Störungen im Essverhalten
3.2. Zusammenfassung
4. Rollenorientierung: Feminität als Risikofaktor?
4.1. Feminität und Maskulinität
4.1.1. Eine Dimension versus zwei Dimensionen
4.1.2. Wandel in Richtung Androgynie
4.2. Rollenorientierung unter Männern mit Essstörung
4.2.1. Rollenorientierung unter Heterosexuellen
4.2.2. Rollenorientierung unter Homosexuellen
4.3. Gesellschaft: die soziale Rolle des Mannes im Wandel
4.3.1. Traditionelle Rollenbilder werden aufgerüttelt
4.3.2. Emotionalität
4.4. Zusammenfassung
5. Essattacken, eine Antwort auf sozialen Druck?
5.1. Essattacken und die Fähigkeit der Emotionsregulation
5.1.1. Essen und Stressoren
5.1.2. Zwei Modelle zur Funktion von Essattacken (und Erbrechen):
5.2. Zusammenfassung
6. Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Faktoren, die zur Zunahme von Essstörungen bei Männern beitragen, und geht der Forschungsfrage nach, inwiefern nicht nur die sexuelle Orientierung, sondern insbesondere die soziale Rollenorientierung als Risikofaktor für die Entwicklung einer Essspathologie zu bewerten ist.
- Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung und Essstörungen bei Männern.
- Einfluss der sozialen Geschlechterrollen und deren Wandel auf die Vulnerabilität.
- Die Rolle von Feminität und Maskulinität als psychologische Risikofaktoren.
- Funktion von Essattacken als maladaptive Emotionsregulationsstrategie.
- Herausforderungen durch widersprüchliche gesellschaftliche Rollenbilder.
Auszug aus dem Buch
4.3. Gesellschaft: die soziale Rolle des Mannes im Wandel
Wie muss der perfekte Mann sein? Was soll er fühlen, wie soll er aussehen? Erfolgreich sein im Beruf, ein guter Liebhaber, ein zärtlicher Vater und aufmerksamer Ehemann? Die vormals strengen Anforderungen der letzten Generationen an männliches und weibliches Verhalten haben sich gelockert.
In den 60er Jahren fand bei den Frauen eine Aufbruchbewegung und ein Abrücken von der betonten Geschlechterdifferenzierung statt, die zu starken Irritationen bei den Männern führte (Bründel & Hurrelmann, 1999). Während Frauen heute Erfolge im privaten und beruflichen Selbstbewusstsein erringen, zeigen sich Männer mannigfach verunsichert und orientierungsbedürftig. Es gibt viele unterschiedliche Bewusstseinsmuster, widersprüchliche Einstellungen und Versuche der Neuorientierung von Männern und Frauen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Zunahme von Essstörungen bei Männern und führt in die zentralen Untersuchungsfaktoren ein: sexuelle Orientierung und soziale Geschlechterrolle.
2. Essstörung beim Mann: Dieses Kapitel beschreibt das klinische Bild, die Symptomatik bei Männern im Vergleich zu Frauen sowie das Vorkommen in verschiedenen Diagnose-Subgruppen.
3. Sexuelle Orientierung: Homosexualität als Risikofaktor: Es wird analysiert, inwieweit Homosexualität als spezifischer Risikofaktor für Essprobleme bei Männern gilt und welche Bedeutung dies im Kontext der Gesamtzahlen hat.
4. Rollenorientierung: Feminität als Risikofaktor?: Das Kapitel untersucht den Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen, gesellschaftlichem Wandel und dem Auftreten von Essstörungen bei Männern mit unterschiedlicher Orientierung.
5. Essattacken, eine Antwort auf sozialen Druck?: Hier werden psychologische Modelle der Emotionsregulation vorgestellt, um die Funktion von Essattacken als Bewältigungsstrategie zu erklären.
6. Diskussion: Die Ergebnisse werden zusammengeführt, kritisch hinterfragt und mit dem ursprünglichen Thesenentwurf abgeglichen, um Schlussfolgerungen für Forschung und Therapie zu ziehen.
Schlüsselwörter
Essstörungen, Männer, Homosexualität, soziale Rollenorientierung, Feminität, Maskulinität, Androgynie, Essattacken, Emotionsregulation, Bulimie, Identitätsprobleme, Stressoren, psychologische Vulnerabilität, Essverhalten, Geschlechterrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Zunahme von Essstörungen bei Männern und hinterfragt die Ursachen für diese Entwicklung, insbesondere im Hinblick auf soziale und geschlechtsspezifische Faktoren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der Einfluss der sexuellen Orientierung, die Bedeutung der männlichen sozialen Rollenorientierung sowie die Funktion von Essattacken als emotionale Bewältigungsstrategie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, ob die einseitige soziale Rollenorientierung ein stärkerer Risikofaktor für die Entwicklung einer Essstörung bei Männern ist als die sexuelle Orientierung allein.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die existierende empirische Studien und Theorien zusammenführt, analysiert und kritisch diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Symptome, Prävalenzen, den Einfluss von Feminität/Maskulinität, gesellschaftliche Veränderungen der Männlichkeitsbilder sowie psychologische Erklärungsmodelle für Essattacken (Escape- und Masking-Theorie).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Essstörungen bei Männern, Rollendiffusion, Emotionsregulation, maskuline/feminine Rollenorientierung und maladaptive Bewältigungsstrategien.
Warum wird Homosexualität in dieser Arbeit kritisch als Risikofaktor hinterfragt?
Da die Mehrheit der Männer mit Essstörungen heterosexuell ist, kann Homosexualität allein die Zunahme der Inzidenzfälle nicht erklären, weshalb die Rolle der sozialen Orientierung stärker in den Fokus rückt.
Was besagt die Escape-Theorie in Bezug auf Essattacken?
Die Escape-Theorie interpretiert Essattacken als Fluchtversuch, bei dem die Aufmerksamkeit durch das Essen von realen, externen Problemen abgewendet wird, um das emotionale Leid kurzzeitig zu mindern.
Wie unterscheidet sich die Masking-Theorie davon?
Die Masking-Theorie geht davon aus, dass Essattacken Probleme nicht "abblocken", sondern uminterpretieren, indem der Betroffene die negativen Gefühle als Folge des Essens statt als Folge externer Stressoren wahrnimmt.
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- Monika von Heeren (Author), 2007, Essstörungen bei Männern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80853