Deutsche Einwanderungsbewegung in die englischen Kolonien Nordamerikas und Anwerbungstechniken im 18. Jahrhundert


Seminararbeit, 2007
24 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenbestand

3. Charakteristika der deutschen Auswanderungsbewegung nach Nordamerika im 18. Jahrhundert

4. Push and Pull - Soziale Misere und Traum vom Paradies

5. Anwerbung und obrigkeitliche Reaktion
5.1 Agenten und Neuländer
5.2 Werbeschriften
5.3 Briefe
5.4 Reaktionen der Obrigkeit

6. Schluss

7. Literatur und Quellenverzeichnis
7.1 Quellen
7.2. Literatur

1. Einleitung

Im 19. Jahrhundert trafen Millionen Europäer die Entscheidung in die USA auszuwandern in der Hoffnung, dort ihr Glück zu finden oder zumindest ein erträgliches Einkommen. Dieser riesige Auswanderungsstrom hatte seine weniger bekannte Vorgeschichte im 18. Jahrhundert. Zwischen 1709 und 1789 machten sich allein aus den deutschsprachigen Gebieten Europas über 65000 Menschen auf den Weg in die englischen Kolonien Nordamerikas[1]. Pennsylvania hatte um 1750 gerade 12000 Einwohner[2]. Diese Relation der Einwanderung in das koloniale Amerika ist vergleichbar mit den Relationen der Masseneinwanderung in die USA des 19. Jahrhunderts. In beiden Jahrhunderten war die ökonomisch motivierte Migration vorherrschend. Auch im 18. Jahrhundert spielte die religiös motivierte Auswanderung und Abenteurertum nur am Rande eine Rolle und sind daher nicht Gegenstand dieser Arbeit.

In dieser Hausarbeit werden einige Gründe herausgearbeitet, wie es a) zu einer steten Auswanderung kommen konnte und b) die auffälligen Auswanderungsschübe, die die Migrationsgeschichte Mitteleuropas im 18. Jahrhundert prägen, zu Stande kamen. Nach einer ausführlichen kritischen Bestandsaufnahme der überblickten Quellen werden daher der Auswanderungsverlauf statistisch erfasst und seine Charakteristika dargestellt. Weiter sollen durch Anwendung des in der Migrationsforschung häufig benutzten Push-and-Pull-Faktoren-Modells die individuellen Auswanderungsentscheidung und ihre Unwägbarkeiten nachvollziehbar werden[3].

In der Forschungsliteratur zur deutschen Nordamerikaauswanderung in der frühen Neuzeit wird der Anwerbungstätigkeit verschiedener Akteure eine zentrale Bedeutung für die Auswanderungswellen des Untersuchungszeitraumes zugeschrieben, da ihr Umfang scheinbar im Gleichschritt mit dem Umfang der Auswanderungsbewegung zunahm. Daher wird ein großer Abschnitt der Arbeit die Anwerbung der Auswanderer einnehmen.

Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und die Bedeutung der Anwerbung für die Auswanderungsbewegung wird versucht zu beurteilen.

2. Quellenbestand

Quantitativ lässt sich die Auswanderung durch amtliche Erfassungen der Entsende- und Zielländer bestimmen. Allerdings erhoben nur wenige Verwaltungen solche Zahlen. Vielfach setzte sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts die Praxis durch, Abwanderung statistisch zu erfassen, da die Obrigkeiten überhaupt erst mit Ansteigen der Auswanderungsbereitschaft ihrer Untertanen ein Interesse an solche Informationen entwickelten. So sind die Zahlen der ersten Auswanderungswellen von 1709 oder 1728 eher gute Schätzungen als Berechnungen. Nach der großen Welle von 1749 bis 1754 nimmt das Zahlenmaterial an Umfang und Systematik zu. Auswanderungswillige mussten zunehmend Anträge stellen und der Verwaltungsaufwand einer Auswanderung nahm ebenfalls zu, damit auch der überlieferte Bestand an amtlichen Dokumenten.

In den englischen Kolonien Nordamerikas wurden keine Listen oder ähnliches geführt. Die einzige und wichtige Ausnahme sind die so genannten Abjurations Lists, die ab 1728 in Philadelphia geführt wurden. Da Pennsylvania das mit Abstand beliebteste Zielland war und schon sehr früh mit den Problemen der Masseneinwanderung konfrontiert wurde, lassen sich hier verständlicher Weise die ersten Reglementierungsversuche nachweisen. In den Abjurations Lists wurden alle männlichen Einwanderer über 15 Jahre eingetragen, die bei ihrer Ankunft den Eid auf die englische Krone leisteten. Da dies Voraussetzung war, um legal einreisen zu dürfen, kann man davon ausgehen, dass fast alle erwachsenen männlichen Einwanderer so erfasst wurden[4]. Darüber hinaus sind noch diverse Schiffs- und Passagierlisten überliefert, die ebenfalls einige Anhaltspunkte für die Berechnung der Einwanderungszahlen liefern. Häufig verzeichnen diese Quellen allerdings nur männliche Erwachsene. Frauen und Kinder müssen also schätzungsweise hinzu addiert werden. Das gilt insbesondere für die Abjurations Lists, in denen schon per Definition keine Frauen und Kinder verzeichnet wurden.

Erschwerend für die Bestimmung der Herkunftsregion einzelner Personen kommt hinzu, dass in vielen Quellen deutschsprachige Einwanderer, also auch Schweizer, verallgemeinernd als „Palatines“ - Pfälzer - bezeichnet wurden[5].

Völlig unmöglich ist es die Größenordnung der illegalen Migration im 18. Jahrhundert zu bestimmen, da diese nicht quantitativ erfasst wurde. Diese Punkte zeigen, dass die benutzten Zahlen wahrscheinlich weit unter der tatsächlich stattgefundenen Migration in die Neue Welt liegen.

Die qualitativen Quellen setzen sich vor allem aus Briefen und Reiseberichten zusammen; dazu kommen Werbeschriften, Verhörprotokolle und obrigkeitliche Veröffentlichungen. Ausgewanderte schrieben häufig ihren Verwandten in der Alten Welt ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Da es eine große Vielfalt an Schicksalen nach der Abreise gegeben hat, stellen diese Briefe nur individuelle Ausschnitte der Auswanderungsgeschichte dar, sind aber gerade deswegen sehr authentisch. In der Regel sind die Briefe eher von denen geschrieben, die sich in der Neuen Welt eine Existenz aufbauen konnten. Die gescheiterten Auswanderer kommen hier nur selten zu Wort. Ein weiteres Problem stellt die weiter unten beschriebene Praxis der Neuländer dar, Briefe aus der Neuen Welt zu schönen oder zu fälschen. Nicht immer ist es möglich authentische und gefälschte Briefe zu unterscheiden.

Werbeschriften gab es das ganze 18. Jahrhundert in vielfältigen Formen. Manche waren nur kurze Flugschriften mit Versprechungen[6], andere waren längere Reise- und Landesberichte, die von den Vorzügen der Neuen Welt berichteten. Werbeschriften sollten das Zielland so darstellen, dass die Leser sich für eine Auswanderung entschieden. Beschönigungen bis hin zu Falschdarstellungen machen daher häufig ihren Inhalt aus.

Auch Reiseberichte stellen wie die Briefe eine stark vom jeweiligen Schicksal des Autors eingegrenzte Quelle dar. Allerdings sind sie ausführlicher und aufwendiger recherchiert und liefern eine große Fülle an Informationen über die Reisebedingungen und den Verhältnissen in weit entfernten Ländern. Der berühmteste Reisebericht des 18. Jahrhunderts, der sich mit Nordamerika beschäftigte, war der des Lehrers Gottlieb Mittelbergers, der sich zwischen 1750 und 1754 in Pennsylvania aufhielt[7]. Es handelt sich hierbei um eine Auftragsarbeit für den württembergischen Fürsten, der seine Untertanen von der Auswanderung abhalten wollte. Mittelberger zeichnet gerade auf den ersten Seiten seines Berichtes ein sehr negatives Bild der Atlantiküberfahrt. Im zweiten Teil seiner Arbeit gibt er dann aber einen differenzierten, eher positiven Eindruck des Landes wieder.

Gerhard E. Sollbach sieht den Wert dieses Reiseberichtes „darin, dass hier kein eigentlich Gebildeter schrieb und auch nicht jemand, der auf literarischen oder wissenschaftlichen Ruhm bedacht war, sondern ein einfacher Mann, der seine Eindrücke, so wie er sie erlebt hatte, schriftlich festhielt“[8]. In gewisser Weise mag das stimmen, aber Mittelberger wusste sicher um die Interessen seines Landesherren und wird daher auch gerade den ersten Teil seiner Arbeit besonders drastisch geschrieben haben.

Gerade für die Push-Faktoren stellen die Protokolle der Verwaltungen eine wichtige Quelle dar. Die Obrigkeit war darum bemüht, Auswanderungswillige von ihrem Wunsch abzubringen und unterzog sie daher häufig Befragungen zu ihren Gründen. Ebenso wurden festgesetzte Agenten und Neuländer von der Obrigkeit sehr detailliert befragt. Ihre Antworten lassen einig Rückschlüsse über ihre Praktiken zu, gerade weil sie gegenüber der Obrigkeit Strategien entwickeln mussten, einer Bestrafung zu entgehen.

Die meisten Quellen sind also durch politische, ökonomische oder persönlichen Interessenlagen gefärbt. Dies sollte im Folgenden stets mitbedacht werden.

3. Charakteristika der deutschen Auswanderungsbewegung nach Nordamerika im 18. Jahrhundert

Stellt man auf Grundlage der Abjuration Lists Pennsylvanias die Auswanderungsbewegung graphisch dar[9], erhält man einen wellenförmigen Verlauf, bei dem sich relativ hohe Ausschläge mit Tiefpunkten nahe der Null unregelmäßig abwechseln. Der höchste Ausschlag fand zwischen 1749 und 1754 mit durchschnittlich über 2000 männlichen „Palatines“ pro Jahr, die in Philadelphia auf den englischen König schworen, statt. Rechnet man zwei bis drei Familienmitglieder pro Mann und die Todesraten von knapp zehn Prozent pro Überfahrt mit ein, kommt man auf 4400 bis 6600 Personen pro Jahr[10], die sich in dieser Zeit entschieden haben das Reich zu verlassen und in Pennsylvania ankamen.

Zeitlich fällt auf, dass jede größere Auswanderungswelle nach Jahren mit Missernten oder Kriegen einsetzte. So zum Beispiel nach den Missernten 1709, 1717, 1737 und 1771[11]. Allerdings waren diese Wellen nur halb so hoch und sehr viel kürzer, oft nur ein oder zwei Jahre als die absolute Spitze zwischen 1749 und 1754.

Während den Kriegen ging die Auswanderungsbewegung meistens bis auf Null zurück, da eine Ausreise durch die politischen Umstände kaum möglich war, so beispielsweise während des Österreichischen Erbfolgekrieges 1745 oder fast während der gesamten Dauer des Siebenjährigen Krieges 1757 – 1763. Friedrich II. errichtete sogar eine Rheinsperre, um süddeutschen Auswanderern den Weg zu den Atlantikhäfen abzuschneiden und sie möglichst in dünn besiedelte preußische Gebiete umzuleiten[12].

Die relativ hohen Auswanderungswellen nach Kriegen in Mitteleuropa werden von einigen Historikern mit einer Art Stau-Vorstellung erklärt: Die latente Auswanderungsbereitschaft steigerte sich in den Kriegsjahren, fand aber kein Ablassventil durch die politischen Zustände. Mit dem Ende eines Krieges und der wiedergewonnenen Reisefreiheit bricht sich der angestaute Auswanderungswillen seine Bahn und führt kurzzeitig zu überdurchschnittlichen Auswanderungswellen, so geschehen 1764 oder 1749 bis 1755[13]. Diese Modell dürfte zu eindimensional sein, um die Auswanderungswellen ausreichend erklären zu können, aber es verdeutlicht zumindest die Korrelation von Krieg und Migration im 18. Jahrhundert.

Die Auswanderung verlief geografisch hauptsächlich aus den protestantischen Ländern Südwestdeutschlands[14], vor allem aus der Pfalz, Baden und Württemberg, später auch verstärkt aus Hessen und Hannover, über den Rhein und den holländischen und englischen Häfen in die mittleren englischen Kolonien, hauptsächlich Pennsylvania[15]. Einige wenige Auswanderer nahmen auch den Landweg nach Hamburg oder Bremen und schifften sich dort ein[16].

Nach den für die Auswanderer meistens teueren Aufenthalten in den Atlantikhafenstädten[17] segelten sie in ca. neun bis zwölf Wochen über den Atlantik nach Amerika[18]. Die Auswanderung fand wie der gesamte Überseehandel saisonal statt, da die Segelschiffe des 18. Jahrhunderts noch auf die Passatwinde angewiesen waren. Die heißen Sommermonate waren also die übliche Reisezeit zwischen den Kontinenten[19].

Die Auswanderung war insgesamt ähnlich wie der Kolonialwarenhandel organisiert. Handelsgesellschaften investierten in ein Unternehmen und stellten Leute ein, die die Überfahrt organisierten, also das Schiff, Personal, Verpflegung und die „Waren“, in diesem Fall die Auswanderer, beschafften und den Transport in die Wege leiteten. Ein Erwachsener wurde in den Büchern als „Fracht“ bezeichnet, ein Kind als „halbe Fracht“. Jede „Fracht“ musste ihre Überfahrt selbst finanzieren.

[...]


[1] Bade 1992, S. 135.

[2] Brinck, S. 19; Heinz, S. 17 ff.

[3] Insbesondere zu Auswanderungsgründen sind in den letzten zwei Jahrzehnten eine große Anzahl an Regionalstudien erschienen. Siehe Literaturverzeichnis.

[4] Vgl.: Mittelberger, S. 50.

[5] Brinck, S. 16 und S. 113.

[6] So zum Beispiel die Werbeschrift South Carolinas, gedruckt in: Pohlmann, S. 356 – 360.

[7] Sollbach, S. 6 ff.

[8] Sollbach, S. 19.

[9] So zum Beispiel von Hippel, S. 32.

[10] Bade geht von einer Todesrate von insgesamt um Acht Prozent aus: Bade 2000, S. 128. Von Hippel von über Zehn Prozent: von Hippel, S. 34.

[11] Brinck, S. 22 ff; von Hippel, S. 60 ff.

[12] Brinck, S. 41 ff.

[13] Andreas Brinck benutzt den Begriff „Kompensation“ für diese Vorstellung: Brinck, S. 15.

[14] Katholiken waren im anglikanischen Nordamerika nicht erwünscht und durften nicht einreisen. Katholiken, die dennoch die Überfahrt wagten, mussten bei der Einbürgerung konvertieren.

[15] Für die große Welle zwischen 1749 und 1755 hat Andreas Brinck versucht genau zu errechnen wie viele Deutsche in die einzelnen Kolonien einwanderten: Brinck, S. 43 ff. Auch hat er versucht die Herkunftsterritorien genau zu berechnen: Brinck, S. 116 ff.

[16] Die deutschen Häfen erreichten noch keine wirkliche Konkurrenzstellung zu den englischen oder holländischen wie später im 19. Jahrhundert. Dennoch fanden im 18. Jahrhundert schon die ersten Überseefahrten mit deutschen Auswanderern statt und führten zu politischen Konflikten zwischen den Hafenstädten Bremen und Hamburg und den Territorialfürsten des Reiches und dem Kaiser. Zur Geschichte Bremens als Auswanderungshafen im 18. Jahrhundert vgl. Armgort, S. 18 ff.

[17] Die Lebenshaltungspreise waren in den Städten sehr viel höher als auf dem Land. Die Auswanderer mussten bei zu langen Aufenthalten bereits einen Großteil ihres Vermögens für Lebensmittel ausgeben. Vgl.: Brinck, S. 193 f.

[18] Zur Dauer der gesamten Reise und der Atlantikpassage vgl.: Mittelberger, S. 35.

[19] Brinck, S. 23.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Deutsche Einwanderungsbewegung in die englischen Kolonien Nordamerikas und Anwerbungstechniken im 18. Jahrhundert
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meineke-Institut)
Veranstaltung
Seminar Migration in der frühen Neuzeit
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V80866
ISBN (eBook)
9783638879583
ISBN (Buch)
9783640552931
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, Einwanderungsbewegung, Kolonien, Nordamerikas, Anwerbungstechniken, Jahrhundert, Seminar, Migration, Neuzeit
Arbeit zitieren
Andreas Wiedermann (Autor), 2007, Deutsche Einwanderungsbewegung in die englischen Kolonien Nordamerikas und Anwerbungstechniken im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80866

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