"Meditare mortem". Tod und Sterben in Senecas epistulae morales


Seminararbeit, 2007

36 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist der Tod?
2.1. Der Tod als Naturgesetz
2.2. Der Tod als Prozess

3. Was kommt nach dem Tod?
3.1. Der Tod als Nicht-Existenz
3.2. Der Tod als Rückkehr zur himmlischen Sphäre
3.3. Der Tod als Reintegration in den Kosmos

4. Umgang mit dem Tod
4.1. Angst vor dem Tod
4.2. Einübung des Todes
4.3. Selbstmord
4.4. Trauer

5. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung

„Schau in allem, was Du tust, auf den Tod.“ (Ep. 114,27)

Die Beschäftigung mit dem Tod als einem der grundlegendsten Probleme des Lebens zieht sich wie ein roter Faden durch die Philosophie der Antike.[1] Insbesondere Epikureer und Vertreter der Stoa sahen sich angesichts der existentiellen Aufdringlichkeit und alltäglichen Präsenz des Themas zur Stellungnahme gezwungen. Was bedeutet es, gut zu sterben, und welches Leben soll der Mensch mit und trotz der allgegenwärtigen Perspektive seines Endes führen? Warum wird der Tod gefürchtet? Was kommt nach dem Tod, und hat der Mensch die Freiheit, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen? Mit der Beantwortung dieser Fragen wollten die Philosophen der Antike ihre Mitmenschen zur richtigen Erkenntnis, vor allem aber zur richtigen Lebensführung und zu einem würdigen und vernunftgemässen Sterben anleiten, an dem sich die „praktische sittliche Lebenskunst“ prüfen und bewähren sollte.[2]

Eine besondere Ausformung erfuhr die Auseinandersetzung mit dem Tod im römischen Denken. Die Philosophen Roms empfanden den Tod als wesentlichen Bestandteil der menschlichen Existenz und zelebrierten das Ende auf dem Schlachtfeld als heroisches Schauspiel, die Selbsttötung als einen Akt der Freiheit.[3] Trotz unterschiedlicher Traditionen und Vorstellungen im Bezug auf die Sinnhaftigkeit des Sterbens und die Existenz eines Jenseits[4] zeigt sich an der grausamen Zurschaustellung des Todes in den Spielen der Arena beispielhaft dessen Faszination und ständige Gegenwart.

Stoisches und römisches Denken vereint finden wir bei Lucius Annaeus Seneca, dem Jüngeren. Der Philosoph, Literat, Politiker und Lehrer Neros, um die Zeitenwende geboren und 65 n. Chr. zum Selbstmord verurteilt, beschäftigte sich seit seiner Jugend mit dem eigenen und dem Sterben anderer. Als immer wiederkehrendes Thema ist der Tod in all seinen Werken, besonders aber in den Trostschriften und den epistulae morales präsent. Fast jeder zweite der 124 Briefe dieses Spätwerkes enthält das Todesmotiv.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich untersuchen, zu welchen Resultaten Seneca in seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Sterben kommt. Ich werde mich dabei hauptsächlich auf die epistulae morales beziehen, aber auch die Trostschrift „Ad Marciam“ beiziehen, wenn es um den Umgang mit dem Tod anderer geht. In den ersten beiden Teilen soll der Begriff des Todes und sein metaphysischer Aspekt beleuchtet werden, während im folgenden Teil der Umgang mit dem eigenen und dem Tod anderer im Zentrum stehen wird. Dabei werde ich insbesondere auf die „praemeditatio mortis“ eingehen, Senecas Konzept zur Einübung des Todes und zur Überwindung der Todesfurcht.

2. Was ist der Tod?

„Wer auf diesem stürmischen und allen Unwettern ausgesetzten Meer fährt, für den gibt es keinen Hafen ausser dem Tod.“ Ad Polyb. 9,7

Mit dem Bild des Hafens drückt Seneca aus, zu welcher Einstellung er seine Leser hinführen möchte: sie sollen im Tod ein „Nach Hause kommen“ sehen. Darin liegt nichts Erschreckendes, sondern etwas Beruhigendes und Wohltuendes, durchaus Positives.[5] Ankommen heisst, die stürmische See hinter sich zu lassen. Die Metapher zeigt jedoch nur eine Seite der Medaille. In der traditionsreichen stoischen Debatte darüber, ob der Tod zu den a)dia&fora oder indifferentia gehöre, nimmt Seneca eine differenziertere Haltung ein:

„All diese gleichgültigen Dinge sind nicht an sich ehrenhaft oder ruhmvoll, sondern die sittliche Vollkommenheit macht sie [...] ehrenhaft und ruhmvoll […]. Aber wie ich darzulegen begonnen hatte, Du siehst, dass gerade der Tod weder ein Übel [ malum ] noch ein Gut [ bonum ] ist […].“ (Ep. 82,12-13)

An sich hat der Tod demnach nichts Gutes – wer im sicheren Hafen ankommen will, muss vorerst gelernt haben, sein Lebensschiff richtig zu steuern. Er ist aber auch an sich kein Übel, denn er birgt das Potential in sich, für den Menschen die „letzte und grösste sittliche Leistung, der letzte Sieg der Vernunft, der letzte Triumph der Tugend“[6] zu sein und den Hafen des Jenseits in Ehre und Würde anzulaufen. Nichtsdestotrotz liegt eben diese sittliche Leistung, dieser potentielle Triumph des letzten Augenblicks darin, dass der Tod zwar zu den indifferentia gehört, aber doch den betrügerischen Anschein eines Übels hat, den es zu überwinden gilt (vgl. Abschnitt 4.1).[7] Diese Ambivalenz steht im Zentrum der Überlegungen Senecas. Um den Tod von seinem üblen Anschein zu befreien und ihm seine „Maske“ zu entreissen, geht er immer wieder der Frage nach, was der Tod ist. Er legt damit die Grundlage zur Erkenntnis, die der Weise in seinem Kampf gegen die Todesfurcht und in seiner Vorbereitung eines würdigen Sterbens braucht.

Zwei der Aspekte des „unmaskierten“ Todes, die Seneca in seinen Briefen immer wieder betont, sollen im Folgenden kurz beschrieben werden.

2.1. Der Tod als Naturgesetz

Zentral für das Denken Senecas und der Stoa ist der Glaube an eine vernünftige, kosmische Ordnung, die unserem Schicksal zugrunde liegt. Diese Ordnung drückt sich auf besondere Art in der Sterblichkeit der Menschen aus, in der Männer und Frauen, Herren und Sklaven gleich werden und dem Zyklus der Natur zurückgegeben werden (vgl. Ep. 123,16).[8] Das Sterben als natürlicher kosmischer Vorgang wird so nicht nur zum unumgänglichen, sondern zum „positiv“ notwendigen Gesetz.[9] Da ihm alle gleichermassen unterworfen sind, ist es überdies hinaus gerecht:

„Das Leben nämlich ist mit der Auflage des Todes gegeben; auf diesen geht man zu. Ihn zu fürchten ist das Verhalten eines Törichten, weil man das Bestimmte erwartet, das Ungewisse befürchtet. Der Tod hat eine (für alle) gleiche und unerbittliche Notwendigkeit. Wer könnte sich darüber beklagen, in der Lage zu sein, in welcher sich jeder befindet?“ (Ep. 30,10-11)

Der Tod ist somit in erster Linie „gleiches Recht für alle Menschen“ (Ep. 123,16). Alle sind dazu geboren worden, allen folgt sein Schicksal „von Mutterleib an“ (Ad Marc. 10,5).

Es drängt sich dabei die Frage auf, ob nicht viel mehr von „gleicher Last für alle“ als von „gleichem Recht für alle“ gesprochen werden müsste. Seneca selbst bringt den möglichen Einwand vor: Die Macht des Schicksals, ob eine persönliche Gottheit oder der Zufall sie innehat, lässt den Menschen nicht nur im Ungewissen über seine Zukunft, sondern verwehrt ihm auch jeglichen Spielraum für freie Entscheidungen. Mag sein, gesteht Seneca seinem Adressaten Lucilius ein. Aufgabe der Philosophie ist es, den Menschen in dieser Situation zu „ermuntern, Gott willig zu gehorchen, dem Geschick unbeugsam“ (Ep. 16,5). Indes gehört der Tod für Seneca nicht zu den Schicksalsschlägen, die der Mensch voller Grauen fürchten muss, sondern zu einer „Wohltat“ und Erlösung der Natur (vgl. Ep. 101,14).

Doch ob er nun als solche wahrgenommen wird oder nicht, das oberste Gebot bleibt, sich der kosmischen Ordnung unterzuordnen und sein Schicksal, zu dem auch der Tod gehört, willig zu akzeptieren:

„Ein grosser Geist soll Gott gehorchen und alles, was das Gesetz des Universums befiehlt, ohne Zögern ertragen.“ (Ep. 71,16)

Das tägliche Hadern mit dem Schicksal, die Auflehnung gegen die Entscheidung der Natur, den einen früher, den anderen später sterben zu lassen, wertet Seneca als törichtes Verhalten und sinnlose Verschwendung der eigenen Kraft. Es ist nicht an der Natur, uns zu gehorchen, sondern an uns, der Natur zu gehorchen (vgl. Ep. 93,2). Wie an verschiedenen Stellen erörtert wird, spielt es letztlich keine Rolle, wie „gut“ es das Schicksal mit dem Menschen meint und wie viel Lebenszeit es ihm gewährt, sondern welche Geisteshaltung dieser in dem ihm gewährten Rahmen annimmt. Es ist seine Pflicht, die eigene Stellung im Kosmos zu kennen und sich bewusst auf die Bedingungen einzulassen, die die Natur ihm vorgibt.[10] Innerhalb des gesteckten Rahmens aber darf und soll der Mensch seinem „Geschick unbeugsam“ gegenüberstehen und sein eigenes Potential, die innere Freiheit, ausschöpfen und verwirklichen.

2.2. Der Tod als Prozess

„Wen kannst Du mir nennen, der irgendeinen Wert der Zeit beimisst, der den Tag würdigt, der sich bewusst wird, dass er täglich stirbt. Darin nämlich täuschen wir uns, dass wir den Tod vor uns sehen: ein grosser Teil davon ist bereits vorüber; jeden Lebensabschnitt, der hinter uns liegt, hat der Tod in seiner Gewalt.“ (Ep. 1,2)

In seinem Bemühen, den Tod zu „demaskieren“, betont Seneca immer wieder dessen Eigenschaft als fortlaufender Prozess. Der Tod ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein alltägliches. Das „Gestern“ ist bereits gestorben, und mit jedem neuen Tag rafft der Tod einen weiteren Lebensabschnitt hinweg (vgl. Ep. 24,20). Das tatsächliche Sterben ist nur der letzte Tod von vielen. Es ist nichts Plötzliches, das uns überraschen sollte, sondern das Ende einer langen Entwicklung, die bereits mit der Geburt eingesetzt hat. Von dem Moment an, in dem der Mensch geboren wird, wird er zum Tod, zur Hinrichtung hingeführt (vgl. Ep. 4,9). Das endgültige Sterben vollendet einen Prozess, der bereits das ganze Leben lang angedauert hat. Dieser Aspekt des Todes führt bereits zu der weiter oben erwähnten Annahme, dass das Sterben „Ankunft“ bedeutet, Vollendung und Erlösung. Es ist das Ziel, der Hafen, auf den wir alle seit jeher hinlaufen und den jeder eines Tages erreichen wird. Dabei betont Seneca, dass niemand umhin kann, sich diesen Hafen ständig vor Augen zu führen; „nicht nach Altersklassen werden wir aufgerufen“ (Ep. 12,6). Einerseits ist niemand so alt, dass er nicht auf einen weiteren Tag hoffen könnte, andererseits niemand so jung, dass es ihn nicht jederzeit treffen könnte. Seneca beklagt die menschliche Eigenheit, persönliche Pläne bis in die ferne Zukunft zu schmieden, und vermisst das Bewusstsein des Todes als ständigen Begleiter, dessen Erscheinen nie vorausgesehen, aber immer erwartet werden kann (vgl. Ep. 120,17).

Der Tod, so Seneca, täuscht uns nicht nur in seinem Anschein, ein Übel zu sein. Er verhindert auch, dass sich der Mensch mit ihm auseinander-setzt, indem er sich „unter dem Namen des Lebens“ verbirgt (Ad Marc. 21,7). Während zunehmendes Alter gemeinhin als eine Vermehrung der Lebenszeit wahrgenommen wird, ist es in Wirklichkeit ein Abnehmen der Lebenszeit. Mit der Jugend wird die Kindheit hinweggenommen, mit der Reifezeit die Jugend und mit dem Alter die Reifezeit. Jedes zusätzliche Lebensjahr ist gleichzeitig ein verlorenes, bereits dem Tod anheim-gefallenes. Wozu sich also vor etwas fürchten, das tagtäglich erfahren wird?

3. Was kommt nach dem Tod?

„Ich fand meine Freude daran, die Frage nach der Unsterblichkeit der Seelen zu stellen, ja - wahrhaftig! - an diese zu glauben. Ohne Widerstreben überliess ich mich den Lehrmeinungen grosser Männer, die eine so überaus angenehme Aussicht mehr versprochen als bewiesen haben. Ich gab mich einer so grossen Hoffnung hin, schon war ich mir selbst zum Überdruss, schon verwarf ich die verbleibenden Tage meines ungebeugten Alters, entschlossen, in jene unermessliche Zeit und in den Besitz der ganzen Ewigkeit überzugehen, da erwachte ich plötzlich durch den Erhalt Deines Briefes, und ein so schöner Traum war dahin. Ich werde ihn, wenn ich Dich abgefertigt habe, wieder aufnehmen und weiterträumen.“ (Ep. 102,2)

Die metaphysische Frage nach der Unsterblichkeit der Seele und einem möglichen Leben nach dem Tod wird von Seneca mit überraschender Leichtigkeit behandelt. Tatsächlich scheint das Thema für Seneca wenn nicht nebensächlich, so doch wenigstens zweitrangig zu sein im Hinblick auf die viel wichtigere Frage nach dem Umgang mit Tod und Sterben. Angesichts der Schwierigkeit, über das Fortbestehen der Seele gesicherte Aussagen zu machen, bemüht er sich in agnostischer Manier um die Unabhängigkeit seines Konzepts der „praemeditatio mortis“[11] von einer bestimmten Jenseitsvorstellung. Dies hält ihn zwar nicht davon ab, über ein mögliches Leben nach dem Tod nachzudenken und entsprechende Vorstellungen zu erörtern und zu propagieren, ermöglicht ihm aber eine grosszügige, bisweilen sogar humorvolle Haltung, die sich von einer endgültigen Festlegung fernhält:

[...]


[1] Zum Paradox des Todes als „Lebensproblem“ vgl. Leeman 1971, S. 322

[2] Benz 1929, S. 87

[3] Vgl. Leeman 1971, S. 322f

[4] Vgl. Davies 1999, S. 129

[5] Vgl. Loretto 1985, S.84

[6] Benz 1929, S. 86

[7] Vgl. Wacht 1998, S. 520

[8] Zur Vorstellung der Reintegration in den Kosmos vgl. 3.3.

[9] Vgl. Inwood 2005, S. 238

[10] Benz sieht darin die poseidonische Lehre vom gesetzlichen Zusammenhang zwischen Mensch und Kosmos; vgl. Benz 1929, S. 31

[11] Siehe 4.2.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
"Meditare mortem". Tod und Sterben in Senecas epistulae morales
Hochschule
Universität Basel  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Senecas epistulae morales und ihre Rezeption
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V80886
ISBN (eBook)
9783638879910
ISBN (Buch)
9783638888394
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Enthält griechische Schriftzeichen (Schriftart SPIonic)
Schlagworte
Meditare, Sterben, Senecas, Rezeption
Arbeit zitieren
Sara Stöcklin (Autor), 2007, "Meditare mortem". Tod und Sterben in Senecas epistulae morales, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80886

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