Während die Wirtschaftspolitik der Europäischen Union von wirtschaftsliberalen Prämissen bestimmt scheint, nimmt hierzu traditionell der Agrarsektor eine konträre Stellung ein. Hier nimmt die EU erstaunlich starke Eingriffe in die Wirtschaft vor, wie man sie sonst nur in wenigen entwickelten Ländern vorfindet. Seit Ende der 1960er Jahre findet sich eine protektionistische Preis- und Mengenpolitik, die sich in Marktordnungen mit Preisverordnungen niederschlägt.
Bereits seit den 1970er Jahren sind die Fehlsteuerungen im geregelten Agrarsektor bekannt und für jeden offen sichtbar gewesen: war die EG bislang ein Nettoimporteur, wurde sie jetzt zu einem Nettoexporteur, der nicht alle seine Produkte auf dem Weltmarkt zeitnah absetzen konnte. Milchseen, Butterberge und Getreidegebirge als Inbegriff voller Lager bestimmten daraufhin die Meldungen in den Nachrichten.
Trotz vieler Reformversuche der letzten Jahrzehnte ist eine grundlegende Deregulierung ausgeblieben, so dass die Entwicklung der EU-Agrarpolitik eindrucksvoll belegt, wie schwierig es ist, einmal geschaffene Institutionen zu ändern.
Gerade in den letzten Monaten sind die Lebensmittelpreise stark gestiegen und haben die Diskussion um die Kosten und den Nutzen des Agrarprotektionismus für die EU und ihre Bürger wieder in den Blickwinkel der Öffentlichkeit geholt.
Dennoch wird auch in dieser Diskussion die wichtige Frage nach den Folgen dieser Politik für den Weltmarkt und die Entwicklungsländer nicht gestellt.
Für das kommende Jahr 2008 ist eine grundlegende Überprüfung der europäischen Agrarpolitik angesetzt. In Anbetracht der fundamentalen Veränderungen seit Gründung der EG und der immer nur kleinen Reformen tut dies auch dringend not.
Die vorliegende Arbeit zeigt eingangs die Besonderheiten des Agrarsektors gegenüber den anderen Wirtschaftssektoren auf, bevor die grundlegenden Mittel der EU zur Regulierung dieses Sektors erläutert werden. Anschließend erfolgt die Darstellung der handelstechnischen Folgen der EU-Agrarpolitik, aus der die ökonomischen Konsequenzen für Entwicklungsländer abgeleitet werden.
Danach wird die aktuelle Situation im europäischen Agrarmarkt vorgestellt und als Ergebnis der EU-Agrar-Reformen interpretiert und evaluiert, bevor sich der Autor zum Schluss mit den Konsequenzen auseinandersetzt und aufzeigt, wie die Auswirkungen reduziert werden sollten, damit sowohl die europäische als auch die Volkswirtschaft vieler Entwicklungsländer profitieren könnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Relevanz und Aufbau dieser Arbeit
1.1. Problemrelevanz: Der Agrarsektor als Sonderweg
1.2. Aufbau der Arbeit
2. Wettbewerbs- und Agrarpolitik der Europäischen Union
2.1. Akteure der EU-Agrarpolitik
2.2. Prämissen der Wettbewerbspolitik: Marktwirtschaft
2.3. Prämissen der Agrarpolitik: Regulierung
2.3.1. Ökonomische Grunddaten und Geschichte des Agrarsektors
2.3.2. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU
2.3.2.1. Ziele der Gemeinsamen Agrarpolitik
2.3.2.2. Gemeinsame Marktordnungen
2.3.2.3. Wirtschaftspolitik im Rahmen der GAP
2.4. Die Finanzierung der Agrarpolitik
2.4.1. Die europäischen Fonds für die Landwirtschaft
2.4.2. Einnahmen der EU und ihre Ausgaben für die GAP
3. Außenhandel für Agrarprodukte
3.1. Grundlagen eines liberalen Außenhandels
3.2. GATT und WTO im Agrarhandel
3.3. EU-Protektionismus im Außenhandel für Agrarprodukte
3.4. Rolle der EU als Agrarexporteur und Wohlfahrtswirkungen für Drittländer
3.5. Einfluss der GATT auf den EU-Agrarhandel
4. Zwischenfazit: nationale und internationale Folgen der EU-Agrarpolitik
4.1. Folgen der EU-Agrarpolitik für Entwicklungsländer
4.2. Folgen der EU-Agrarpolitik für die EU-Länder
5. Die Gemeinsame Agrarpolitik nach der EU-Osterweiterung
5.1. Reformen der GAP im Überblick
5.2. Agrarpolitik heute - Die neue Milchknappheit?
6. Gestaltungsempfehlungen für eine Optimierung des Agrarsektors
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union unter besonderer Berücksichtigung der steigenden Verbraucherpreise. Ziel ist es, die ökonomischen Ursachen der staatlichen Regulierung zu analysieren, deren Auswirkungen auf den EU-Binnenmarkt sowie den internationalen Handel zu bewerten und Lösungsansätze zur Optimierung des Agrarsektors zu entwickeln.
- Analyse der Akteure und Funktionsweisen der EU-Agrarpolitik.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Agrarprotektionismus und liberalem Außenhandel.
- Evaluation der Wohlfahrtswirkungen für die EU und Entwicklungsländer.
- Diskussion der aktuellen Marktentwicklungen im Agrarsektor (Fallbeispiel Milchmarkt).
- Formulierung von Empfehlungen für eine zukunftsorientierte Gestaltung des EU-Agrarsektors.
Auszug aus dem Buch
2.3.2.3.2. Milcherzeugung als Sonderfall
Bei der Milcherzeugung als wichtigstem landwirtschaftlichem Produkt erfolgt die Steuerung nach einem anderen Schema. Es werden keine direkten Subventionen gezahlt, sondern die Marktpreise durch Intervention, Exporterstattungen, Zollerhebung und Quotierung geregelt.54 Daher spielt hier die 1984 eingeführte Milchquote eine wichtige Rolle. In der Wirtschaftswissenschaft wird gerade diese Quotenpolitik der Milchordnung als besonders reformbedürftig betrachtet.55 Jeder Mitgliedsstaat erhält ein bestimmtes Mengenkontingent zugewiesen, das er an Molkereien und Landwirte verteilen darf. Erzeuger, die über der erhaltenen Quote produzieren, müssen Strafe bezahlen.56
Die Milchprodukte, die international gehandelt werden, sind vor allem Milchpulver, Butter, Käse und Kondensmilch. Frischmilch wird aufgrund ihrer kurzen Haltbarkeit meist nur regional bzw. national genutzt.57
Bei den folgenden Überlegungen wird davon ausgegangen, dass die inländischen Preise über den Weltmarktpreisen liegen. Dies ist beim aktuellen Stand der vorliegenden Arbeit im August 2007 zwar nicht der Fall, allerdings war diese Lage jahrzehntelang für die EU-Agrarpolitik kennzeichnend und wird es wahrscheinlich mit einer Entspannung der Situation in den nächsten Jahren auch wieder werden.
Die folgende Grafik (Abbildung 5) zeigt die Wirkung der Milchquote auf die Preise. So kommt es im Falle einer Erhöhung der Referenzmenge für Milch implizit zu einer Preissenkung für die Erzeuger, die sich zu einer Preissenkung für die Verbraucher umsetzen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Relevanz und Aufbau dieser Arbeit: Einführung in die Sonderstellung des Agrarsektors innerhalb der EU-Wirtschaftspolitik und Skizzierung des weiteren Vorgehens.
2. Wettbewerbs- und Agrarpolitik der Europäischen Union: Darstellung der Akteure, der marktwirtschaftlichen Prämissen sowie der spezifischen regulatorischen Mechanismen der Gemeinsamen Agrarpolitik.
3. Außenhandel für Agrarprodukte: Analyse der theoretischen Grundlagen des Freihandels im Kontrast zur protektionistischen Handelspraxis der EU und deren globale Auswirkungen.
4. Zwischenfazit: nationale und internationale Folgen der EU-Agrarpolitik: Bewertung der ökonomischen Konsequenzen für Entwicklungsländer sowie der kritischen Kostenfaktoren für die EU-Länder.
5. Die Gemeinsame Agrarpolitik nach der EU-Osterweiterung: Überblick über historische Reformschritte und Analyse der aktuellen Marktknappheit bei Milchprodukten.
6. Gestaltungsempfehlungen für eine Optimierung des Agrarsektors: Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen zur Reduktion von Subventionen und zur Förderung marktwirtschaftlicher Strukturen.
Schlüsselwörter
Gemeinsame Agrarpolitik, EU, Agrarprotektionismus, Marktordnung, Milchmarkt, Weltmarkt, Exportsubventionen, Interventionspreis, Freihandel, Wohlfahrtsverlust, Entwicklungsländer, WTO, Agrarreform, Marktversagen, Quotensystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU, ihre protektionistischen Mechanismen und die daraus resultierenden Folgen für den Binnenmarkt sowie den internationalen Agrarhandel vor dem Hintergrund globaler Preisentwicklungen.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Arbeit thematisiert unter anderem das Spannungsfeld zwischen Wettbewerbspolitik und staatlicher Regulierung, die Mechanismen des Außenhandels bei Agrarprodukten sowie die spezifischen Auswirkungen auf Entwicklungsländer.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Hauptziel ist es, die Effizienz der EU-Agrarpolitik kritisch zu evaluieren und Gestaltungsempfehlungen zu formulieren, die zu einer besseren Integration des europäischen Agrarsektors in einen freien Weltmarkt führen könnten.
Welche wissenschaftliche Methodik liegt der Arbeit zugrunde?
Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche und ökonomische Analyse, indem er theoretische Modelle der Preisbildung auf Agrarmärkten den tatsächlichen politischen Interventionen gegenüberstellt und diese empirisch diskutiert.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Institutionen und Instrumente der GAP, die Analyse der protektionistischen Handelsfolgen sowie eine detaillierte Fallstudie zur Situation auf dem europäischen Milchmarkt.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind die GAP, Interventionspreise, Exporterstattungen, Protektionismus, Marktordnungen, globale Wohlfahrtseffekte und die Notwendigkeit agrarpolitischer Reformen.
Wie bewertet der Autor die Rolle der EU als Agrarexporteur?
Der Autor sieht die EU durch ihre staatlich subventionierten Exportmengen als einen der Hauptverantwortlichen für Marktverzerrungen, die insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirte in Entwicklungsländern schwächen.
Warum wird die Milchquote in der Arbeit als Sonderfall bezeichnet?
Die Milcherzeugung unterliegt einer historisch gewachsenen, strikten Quotenregelung, welche die unternehmerische Freiheit der Landwirte massiv einschränkt und die Marktmechanismen zeitweise außer Kraft setzt.
Ist die Panik vor steigenden Lebensmittelpreisen aus Sicht des Autors gerechtfertigt?
Nein, der Autor argumentiert, dass die Preissteigerungen eher ein Zeichen für ein langsam wieder besser funktionierendes Marktgleichgewicht sind und der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel am Einkommen in der EU historisch gesehen sehr gering bleibt.
- Arbeit zitieren
- Helko Ueberschär (Autor:in), 2007, Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU im Zeichen steigender Verbraucherpreise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80910