Der Orient als Thematik ist eine Erscheinung, die sich wie ein Faden durch das künstlerische Werk Wassily Kandinskys zieht. Dieser Faden ist zwar nicht immer rot und dominant, jedoch ständiger Bestandteil des Gewebes der Kunst Kandinskys. Die Momente, an denen dieser Faden sich verdickt bzw. gehäuft sichtbar wird, sollen Themen dieser Arbeit sein. Dabei wird anhand vom zwei exemplarischen Werken Kandinskys, Arabische Stadt und Orientalisches versucht werden, die Charakteristika seiner orientalischen Themen heraus zu arbeiten. Diskutiert werden soll in diesem Rahmen jedoch nicht nur die thematische, sondern auch die stilistische Beeinflussung durch den Orient, besonders im Hinblick auf die Entwicklung in Richtung der Abstraktion.
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Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I.1. Der Orient und seine Kunst
I.2. Kandinskys Kontakte zum Orient
II. Kandinskys Orientbilder
II.1. Tunesienbilder
II.1.1. Arabische Stadt:
II.2. Die Orientbilder der Jahre 1909 - 1911
II.2.1. Orientalisches
II.3. Vergleich: Arabische Stadt und Orientalisches
III. Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss orientalischer Themen auf das künstlerische Werk von Wassily Kandinsky. Ziel ist es, anhand exemplarischer Werke aufzuzeigen, wie Kandinsky nicht nur orientalische Motive aufgriff, sondern wie diese Auseinandersetzung seine stilistische Entwicklung in Richtung Abstraktion maßgeblich beeinflusste.
- Die Analyse der Bedeutung des Orients und seiner Kunst als Inspirationsquelle für Kandinsky.
- Die Untersuchung der Tunesienbilder, insbesondere des Werkes "Arabische Stadt".
- Die Analyse der Orientbilder der Jahre 1909 bis 1911 mit Fokus auf das Gemälde "Orientalisches".
- Der Vergleich der bildnerischen Mittel und der Perspektivnutzung zwischen den Tunesienbildern und späteren Orientmotiven.
- Die Erörterung der Analogien zwischen islamischer Kunst und Kandinskys Weg zur Abstraktion.
Auszug aus dem Buch
II.1.1. Arabische Stadt
Aus der Gesamtheit des in Tunesien entstandenen Werke habe ich eines ausgewählt, in dem meiner Meinung nach die Farb- und Lichtintensität des Landes, die immer wieder Künstler nach Nordafrika gezogen hat, besonders gut zum Ausdruck kommt. Es handelt sich um das 67,3 x 99,5 cm große Temperabild auf hellbraunem Karton mit dem Titel „Arabische Stadt“, das sich heute als Vermächtnis Nina Kandinskys im Centre George Pompidou in Paris befindet.
Der Titel verweist schon deutlich auf den Inhalt des Bildes; dargestellt ist die Vedute einer orientalischen Stadt, die sich mit ihren hellen geometrischen Gebäuden, den Kuppeldächern, der Kasba und der sie umgebenen Stadtmauer strahlend aus dem gelben Wüstensand erhebt. Anhand einer Skizze Kandinskys aus einem während des Aufenthalt geführten Skizzenbuchs, die mit „Sousse“ unterschrieben ist, läßt sich die „Arabische Stadt“ eindeutig als dieselbe identifizieren. Die Skizze wird im weiteren Zusammenhang noch zu berücksichtigen sein.
Das Bild ist in sehr lockerer Maltechnik gestaltet. Es besteht im Grunde genommen aus einer Vielzahl geometrischer Flächen, bunter Farbtupfer und grober Pinselstriche, deren gegenständliche Beschreibung allein schon eine Interpretation darstellt. Die Flächen, wie auch die Figuren erfahren keine direkte Abgrenzung, keine Konturierung; ihre Figürlichkeit entsteht quasi durch das Nichtgemalte, durch die freien Stellen, an denen der hellbraune Malgrund hervortritt, der so als aktiv formgebender Faktor in die Gesamtkomposition miteinbezogen wird. Trotz der Malweise mit dicken, scheinbar flüchtigen Pinselstrichen fügen sich die Einzelelemente durch unsere Sehgewohnheiten zu einer verständlichen Gesamtkomposition zusammen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik des Orients als künstlerischem Faden im Werk Kandinskys und Darlegung der Zielsetzung der Arbeit.
I.1. Der Orient und seine Kunst: Auseinandersetzung mit dem Begriff Orient und den Merkmalen der islamischen Kunst, insbesondere der Nichtfiguralität und der Bedeutung des Ornaments.
I.2. Kandinskys Kontakte zum Orient: Untersuchung der biografischen Bezüge Kandinskys zum Orient durch Reisen und Ausstellungsbesuche.
II. Kandinskys Orientbilder: Einleitung in die analytische Betrachtung der Orientbilder von 1904 bis 1911.
II.1. Tunesienbilder: Analyse der künstlerischen Auseinandersetzung während der Tunesienreise von 1904/05.
II.1.1. Arabische Stadt: Eingehende Bildanalyse des Temperabildes "Arabische Stadt" unter Berücksichtigung von Maltechnik und Skizzen.
II.2. Die Orientbilder der Jahre 1909 - 1911: Vorstellung und Kontextualisierung der späteren Orientbilder, die einen anderen Charakter als die frühen Tunesienbilder aufweisen.
II.2.1. Orientalisches: Detaillierte Analyse des Gemäldes "Orientalisches" und dessen künstlerische Entwicklung bis hin zum Farbholzschnitt.
II.3. Vergleich: Arabische Stadt und Orientalisches: Gegenüberstellung der beiden Werke zur Herausarbeitung der Charakteristika von Kandinskys Orientdarstellung.
III. Schlußbetrachtung: Zusammenfassung der Erkenntnisse über den Einfluss des Orients auf Kandinskys Entwicklung zur Abstraktion.
Schlüsselwörter
Wassily Kandinsky, Orient, Orientalismus, Abstraktion, Tunesienreise, Arabische Stadt, Orientalisches, islamische Kunst, Nichtfiguralität, Maltechnik, Farbgebung, Perspektive, Ornament, Moderne Kunst, Gabriele Münter
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die künstlerische Auseinandersetzung Wassily Kandinskys mit dem Orient und analysiert, wie diese Thematik seinen individuellen Stil und seinen Weg in die Abstraktion beeinflusste.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Definition des Orients im kunsthistorischen Kontext, die Bedeutung der islamischen Kunst (Ornamentik, Verbot der Figürlichkeit) sowie die spezifische Analyse von Kandinskys Orientbildern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu zeigen, dass Kandinskys Faszination für den Orient nicht nur eine thematische Wahl war, sondern entscheidende Impulse für seine stilistische Entwicklung hin zur abstrakten Malerei lieferte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte kunsthistorische Werk- und Bildanalyse, den Vergleich von Skizzen mit ausgeführten Gemälden sowie die Einordnung der Ergebnisse in den kunsthistorischen Kontext durch Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine tiefgehende Analyse von Schlüsselwerken wie "Arabische Stadt" und "Orientalisches". Dabei werden Komposition, Malweise, Farbgebrauch und der Einsatz von Perspektive untersucht und verglichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Kandinsky, Orient, Abstraktion, Tunesienreise, Bildanalyse, Ornament und islamische Kunst.
Welche Rolle spielte die Reise nach Tunesien für Kandinskys Werk?
Der Tunesienaufenthalt (1904/05) bildete den Grundstock für Kandinskys Auseinandersetzung mit dem orientalischen Licht und der Farbigkeit, was sich in zahlreichen Temperazeichnungen und Ölstudien niederschlug.
Wie veränderte sich Kandinskys Stil zwischen 1909 und 1911?
Die Analyse zeigt eine deutliche Entwicklung hin zu einer flächigeren Darstellung, einer Abkehr von der klassischen Perspektive und einer stärkeren Betonung der Farbwirkung, was sich besonders im Vergleich zwischen dem Ölgemälde "Orientalisches" und dem späteren Farbholzschnitt verdeutlicht.
Warum ist die islamische Kunst für Kandinskys Weg wichtig gewesen?
Die hohe, exponierte Stellung der abstrakten Kunst und des Ornaments in der islamischen Welt bot Kandinsky eine Bestätigung und Ermutigung, seinen bereits eingeschlagenen Weg in die Abstraktion konsequent weiterzugehen.
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- Ines Isermann (Author), 2000, Wassily Kandinsky - Orientalische Themen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8096