Der Einfluss Shakespeares auf die Dramentheorie des Sturm und Drang


Hausarbeit, 2006

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: „Die prätendierte Freiheit unsres Wollens []“

2. Die literarische Shakespeare-Debatte in Deutschland bis zum Sturm und Drang

3. Traditionelle Dramentheorie – das geschlossene Drama

4. „Ich sprang in die freie Luft“ - Einflüsse der Shakespeare-Rezeption auf die Dramentheorie des Sturm und Drang
4.1 Das offene Drama – Dramentheorie im Sturm und Drang.
4.1.1 Johann Gottfried Herder: Shakespear (1773)
4.1.2 Johann Wolfgang Goethe: Zum Schäkespears Tag (1771)
4.1.3 Jakob Michael Reinhold Lenz: Anmerkungen übers Theater (1774)

5. Konklusion

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: „Die prätendierte Freiheit unsres Wollens […]“

Freiheit, Selbstverwirklichung, Selbstentfaltung – so lauteten die wichtigsten Forderungen der jungen Schriftsteller des Sturm und Drang, der literarischen Epoche, oder besser Jugendbewegung, die, nach dem gleichnamigen Drama Friedrich Maximilian Klingers benannt, zeitlich von der Mitte der 60er bis zur Mitte der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts einzuordnen ist.[1] Rebellisch und sozialkritisch sind die Werke der Stürmer und Dränger, aber auch gefühlsbetont und leidenschaftlich - und vor allem wird immer wieder die Freiheit propagiert: die Freiheit des Körpers und des Geistes und damit verbunden auch die dichterische Freiheit. Im Sturm und Drang erlebt der Dichter eine programmatische Aufwertung vom beruflichen Schriftsteller zum göttlich inspirierten literarischen Genie. Doch ein Genie darf nicht durch irdische Regeln eingeschränkt werden und aus diesem Grund brachen die Anhänger des Sturm und Drang mit den, bis dahin unangefochtenen poetologischen Bestimmungen des Aristoteles und deren neuzeitlichen Vertretern, den deutschen und vor allem französischen Klassizisten. Als Vorbild für ihre literaturtheoretischen Erwägungen, die sich hauptsächlich auf das Drama, die wichtigste Gattung des Sturm und Drang, beziehen, diente den jungen Schriftstellern vor allem der englische Dichter William Shakespeare (1564-1616), in ihm sahen sie ihre Ideale von der Befreiung von den Regeln bestätigt und stilisierten ihn zum unerreichten Genie. Ein regelrechter Shakespeare-Kult entstand im Kreis der Stürmer und Dränger und Shakespeare, bzw. dessen Werke wurden Vorbild für viele Dramen und Gegenstand mehrerer literaturtheoretischer Schriften.

Die folgende Arbeit befasst sich nun eben mit dem Einfluss der Shakespeare-Lektüre auf die Dramentheorie des Sturm und Drang. An das Thema heranführen sollen ein Kapitel über die literaturtheoretische Auseinandersetzung mit Shakespeare vor dem Sturm und Drang, sowie eines über die traditionelle, von Aristoteles geprägte, Dramentheorie. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt jedoch auf der tatsächlichen Dramentheorie des Sturm und Drang, welche anhand der Vorstellung und Analyse der drei wohl bedeutendsten literaturtheoretischen, auf Shakespeare Bezug nehmenden Schriften dieser Epoche, untersucht wird. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.

2. Die literarische Shakespeare-Debatte in Deutschland bis zum Sturm und Drang

Der englische Dichter und Dramatiker William Shakespeare (1564 – 1616), der heutzutage zu den bekanntesten Schriftstellern der Welt zählt, wurde von der deutschen Literaturszene erst etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts richtig entdeckt.[2] Das wachsende Interesse an seinen Werken steht in engem Zusammenhang mit der zunehmenden Hinwendung des deutschen literarischen Bürgertums zur englischen Kultur und Politik. In den zahlreichen Territorialstaaten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation sehnte man sich nach einer nationalen Identität und einem neuen Selbstbewusstsein und wandte sich deshalb von der absolutistisch regierten französischen Hof- und Adelskultur ab, die bis dato das deutsche kulturelle Leben stark beeinflusste, und nahm sich das liberalere, demokratischere England zum Vorbild.[3] Einher mit der allgemeinen Anglophilie ging selbstverständlich ein zunehmendes Interesse an der englischen Literatur, insbesondere an den Theaterstücken des seit fast 150 Jahren verstorbenen Shakespeares, unterschieden sie sich doch wesentlich von den, an den traditionellen Regelcodex gebundenen französisch-klassizistischen Dramen. Doch nicht alle literarischen Größen wollten sich dieser neuen kulturellen Richtung anschließen und konnten die aufkommende Shakespeare-Sympathie nachvollziehen: das literarische Bürgertum spaltete sich, vereinfacht gesagt, in zwei Lager und Shakespeare wurde „ab den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts zunehmend zur literaturkritischen Streitfrage.“[4]

Einer der einflussreichsten deutschen Vertreter der französischen Ästhetik und Opponent der Shakespeare-Befürworter war Johann Christoph Gottsched. Der Leipziger Professor und Schriftsteller, der das deutsche Theater im aufklärerischen Sinne reformieren wollte, äußerte erstmals harsche Kritik am dramatischen Werk Shakespeares, nachdem C.W. von Borck zum ersten Mal ein Shakespeare-Stück, nämlich Caesar, ins Deutsche übersetzt hatte:[5]

Die Unordnung und Unwahrscheinlichkeit, welche aus dieser Hindansetzung der Regeln entspringen, die

sind auch bey dem Shakespear so handgreiflich und ekelhaft, daß wohl niemand, der nur je etwas ver- nünftiges gelesen, daran ein Belieben tragen wird.[6]

Als „ekelhaft“ empfand Gottsched wohl vor allem die Nicht-Einhaltung der aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung, sowie die Unglaubwürdigkeit der Geistererscheinung, die Vermischung von Charakteren unterschiedlichen Standes und ernsten und komischen Szenen.[7]

Ihm gegenüber stellten sich vor allem die Vertreter eines deutschen Nationaltheaters nach englischem Vorbild, wie vor allem Lessing, Mendelssohn und Nicolai. Sie warfen Gottsched die urteilslose Nachahmung der französischen Dramatik vor, wollten das deutsche Theater nicht zum Sklaven formaler Regeln machen und waren der Meinung, dass der Inhalt eines Stückes von größerer Wichtigkeit als die Einhaltung der aristotelischen Regeln sei, auch wenn sie die drei Einheiten noch nicht, wie später im Sturm und Drang, völlig ablehnten. An der englischen bzw. Shakespeares Dramatik bewunderten sie vor allem den Realismus, die Darstellung der Charaktere und die Fähigkeit die Gefühle der Zuschauer / Leser zu steuern und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Allerdings befürchtete man, dass die, für Shakespeares Dramen typische, episodische Handlungsstruktur und seine Vermischung von komischen und tragischen Elementen unnötig sei und nur zur Verwirrung des Zuschauers führen würde.[8]

Zur Zeit dieser aufklärerischen Shakespeare-Debatte machte auch der junge Johann Wolfgang Goethe seine ersten Erfahrungen mit Shakespeare. Laut seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit traf er zum ersten Mal während seiner Zeit als Student in Leipzig auf die Werke des englischen Schriftstellers: er las William Dodds Beauties of Shakespeare (1757), eine Sammlung von Auszügen aus Shakespeares Werken.[9] Diese Auszüge begeisterten ihn so sehr, dass er bald darauf die erste große Shakespeare-Übertragung ins Deutsche, nämlich Christoph Martin Wielands Übersetzung von 22 Shakespeare-Dramen (1762-1766), verschlang.

3. Traditionelle Dramentheorie – das geschlossene Drama

Seit der Renaissance bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts stand das deutschsprachige Drama, orientiert am französischen, hauptsächlich unter dem prägenden Einfluss der Poetik des Aristoteles. Mit dem Ziel dem Zuschauer ein möglichst realitätskonformes Schauspiel zu zeigen, hielten sich die Dramatiker an einen starren Regelkodex. Das Theaterstück sollte zeigen „was geschehen könnte, d. h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche.“[10]

Hierzu wurde auf die inhaltliche Gliederung des Stückes geachtet, es sollte aus drei Teilen bestehen: Exposition, Entwicklung und Lösung. Diese Dreiteilung wurde durch die von Horaz eingeführte Fünfaktigkeit ergänzt, woraus sich dann im Laufe der Zeit ein fünfteiliges Pyramidenschema herauskristallisierte: Einleitung – Steigerung – Höhepunkt – Fall/Umkehr – Katastrophe.[11] Das Wirkungsziel der klassizistischen Tragödie, auf die sich Aristoteles vornehmlich bezog, ist die Katharsis, also wörtlich aus dem altgriechischen eine ‚Reinigung’, eine Reinigung von „Jammer und Schaudern“[12] (Furcht und Mitleid). Wie diese Reinigung bei Aristoteles genau zu interpretieren ist, ist strittig, die französischen Klassizisten und ihre deutschen Nachahmer verstanden sie jedoch „im Sinn des Märtyrerdramas als exemplarische Darstellung von Tugend und Laster, wobei das Leiden des jungen Helden Mitleid, die Aktivitäten des Tyrannen Abscheu und Schrecken auslösten.“[13]

Des Weiteren spielt im Regelkodex des klassizistischen Dramas die Unterscheidung zwischen Tragödie und Komödie, die sich vor allem auf den gesellschaftlichen Stand der Charaktere stützte, eine Rolle. Die Komödie handelt im Privaten, zeigt einfache Leute und zieht sie ins Lächerliche, ist eine „Nachahmung von schlechteren Menschen“.[14] Die Tragödie hingegen zeigt heroische Schicksale, in denen die Helden stets einem hohen gesellschaftlichen Stand angehören.[15]

Die wohl wichtigste Regel der klassischen Dramenpoetik ist die Lehre der ‚Drei Einheiten’. Zur Erreichung von Glaubwürdigkeit sollte laut Aristoteles und seinen Anhängern in Renaissance und Klassizismus im Drama eine Einheit der Handlung, des Ortes und der Zeit herrschen. Das bedeutet, dass nur ein Handlungsstrang, also „eine einzige, ganze und in sich geschlossene Handlung mit Anfang, Mitte und Ende“[16] dargestellt werden sollte, sich diese Handlung auf einen Schauplatz, oder wenige benachbarte Schauplätze und eine Handlungszeit von maximal 24 Stunden begrenzen sollte.[17]

Zu einem ersten Bruch mit diesem Regelsystem, dem ‚geschlossenen Drama’, kam es um 1750 durch Lessing. Dieser kritisierte zwar die aristotelischen Gesetze und deren Vertreter, also vor allem Gottsched in Deutschland und Corneille und Racine in Frankreich, aber löste sich nicht völlig von ihnen. Viel mehr begann er sie neu zu interpretieren, z.B. in dem er den Begriff der Katharsis neu deutete und die Erziehung des Zuschauers durch Miterleben und Mitleiden als den Zweck der Tragödie verstand. In seinem 17. Literaturbrief (1759) erwähnt Lessing dann auch erstmals Shakespeare im Zusammenhang mit der dramentheoretischen Debatte:[18]

Auch nach den Mustern der Alten die Sache zu entscheiden, ist Shakespear ein weit größerer tragischer

Dichter als Corneille; obgleich dieser die Alte sehr wohl, und jener fast gar nicht gekannt hat. Corneille kömmt ihnen in der mechanischen Einrichtung, und Shakespear in dem Wesentlichen näher. Der Eng- länder erreicht den Zweck der Tragödie fast immer, so sonderbare und ihm eigene Wege er auch wählet; und der Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er gleich die gebahnten Wege der Alten betritt.[19]

[...]


[1] Vgl. Meid, Volker: Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart: Reclam 2001. S. 500f.

[2] Vgl. Häublein, Renata: Die Entdeckung Shakespeares auf der deutschen Bühne des 18. Jahrhunderts. Adaption und Wirkung auf der Vermittlung auf dem Theater. Tübingen: Niemeyer 2005. S.12.

[3] Vgl. Schabert, Ina (Hg.) Shakespeare-Handbuch. Die Zeit – Der Mensch – Das Werk – Die Nachwelt. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2000 (4. Aufl.). S. 637.

[4] Häublein: Die Entdeckung Shakespeares, S. 12.

[5] Vgl. Schabert: Shakespeare-Handbuch, S. 639.

[6] Gottsched, Johann Christoph: Anmerkungen über das 592. Stück des Zuschauers. In: Shakespeare-Rezeption. Die Diskussion um Shakespeare in Deutschland. 1. Ausgewählte Texte von 1741 bis 1788. Hrsg. von Hansjürgen Blinn. Berlin: Schmidt 1982. S. 62 - 63. S. 62.

[7] Vgl. Schabert: Shakespeare-Handbuch, S. 639.

[8] Vgl. Häublein: Die Entdeckung Shakespeares, S. 18-22.

[9] Vgl. Böhtlingk, Arthur: Goethe und Shakespeare. Leipzig: Fritz Eckardt Verlag 1909. (=Shakespeare und unsere Klassiker). S. 6.

[10] Aristoteles: Poetik. Griechisch / Deutsch. Übersetzt und Herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam 1994. S. 29.

[11] Vgl. Meid: Sachwörterbuch, S. 121f.

[12] Aristoteles: Poetik, S. 19

[13] Meid: Sachwörterbuch, S. 269.

[14] Aristoteles: Poetik, S. 17.

[15] Vgl. Meid: Sachwörterbuch, S. 122.

[16] Aristoteles: Poetik, S. 25.

[17] Vgl. Meid: Sachwörterbuch, S. 125.

[18] Vgl. Schabert: Shakepeare-Handbuch, S. 640.

[19] Lessing: Gotthold Ephraim: Briefe, die neueste Litteratur betreffend. 17. Brief. In: Shakespeare-Rezeption. Die Diskussion um Shakespeare in Deutschland. 1. Ausgewählte Texte von 1741-1788. Hrsg. von Hansjürgen Blinn. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1982. S.70-72. S. 72.

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Details

Titel
Der Einfluss Shakespeares auf die Dramentheorie des Sturm und Drang
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Das deutsche Drama im 18. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V81006
ISBN (eBook)
9783638838191
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluss, Shakespeares, Dramentheorie, Sturm, Drang, Drama, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Julia Sproll (Autor), 2006, Der Einfluss Shakespeares auf die Dramentheorie des Sturm und Drang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81006

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