Fragestellungen und Themen der deutsch- und englischsprachigen Ästhetik in den letzten fünfzig Jahren. Eine Übersicht


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1996

16 Seiten


Leseprobe

Fragestellungen und Themen der deutsch- und

englischsprachigen Ästhetik in den letzten

fünfzig Jahren. Eine Übersicht.

Wolfgang RUTTKOWSKI

I

Seit dem letzten Weltkrieg erlebte die Ästhetik eine ständig ansteigende Flut von Publikationen, speziell in der deutschen und englischen Sprache. Besonders allgemeine Untersuchungen ästhetischen Erlebens und ästhetischer Manifestationen überwiegen vor Analysen spezifischer Phänomene und Kunstwerke. Seit etwa 1950 werden die ersteren gelegentlich als "meta-ästhetisch" bezeichnet. Aber verschiedene Autoren (z. B. Woltersdorff 1987) meinten, dass viele dieser Untersuchungen "meta-meta-ästhetisch" genannt werden müssten, weil sie analysieren, wie wir allgemeine Probleme der Ästhetik behandeln, z. B. ihre Terminologie. Solche Abhandlungen rücken sozusagen zweimal von den tatsächlichen ästhetischen Phänomenen und Erfahrungen ab und sind deshalb äußerst abstrakt und theoretisch. Titel wie "The Art of the Philosophy of Art" (Die Kunst der Kunstphilosophie, Feibleman 1970), "The Function of Philosophical Aesthetics" (Die Funktion der philosophischen Ästhetik, Gallie 1954) oder "Analysing Analytical Aesthetics" (Analyse der Analytischen Ästhetik, Shusterman 1987) demonstrieren dies.

Diese Entfernung weiter Bereiche der modernen Ästhetik von dem tatsächlichen Erlebnis von Kunst oder anderer ästhetischer Phänomene ist von verschiedenen Autoren bedauert worden, z. B. von R. A. Schultz (1977) sowie von Sparshott (1981) unter dem bezeichnenden Titel "The Problem of the Problem of Criticism" (Das Problem des Problems der Kunstkritik", was hier Ästhetik bedeutet). Jedoch könnten wiederum die Klagen dieser Autoren als "dreifach von der Kunst entfernt" charakterisiert werden, oder als "Meta-meta-meta-Ästhetik". Während etwa jemand wie Lessing in seiner Hamburger Dramaturgie hauptsächlich über Tragödie und Komödie schrieb und nur gelegentlich Aristoteles und andere Theoretiker erwähnte, schreibt z. B. Dickie (1965) über "Beardsley's Phantom Aesthetic Experience“, welcher wiederum verschiedene höchst abstrakte Theorien anderer Philosophen diskutiert hatte, etc.

Eine analoge Entwicklung kann man in der Literaturwissenschaft beobachten, besonders in der Flut von Überlegungen zu ihrer Zielsetzung und Methodik. Und wenn "Meta-Ästhetik" oft als "theoretisch", "methodologisch" und "abstrakt" bezeichnet werden muss, lässt sie sich mit der "allgemeinen Literaturwissenschaft" vergleichen, die ebenfalls nach dem letzten Weltkrieg aufblühte.

II

Wir können jedoch diesem Vergleich eine wichtigere Analogie entnehmen:

Wenn wir einmal die feste Verankerung in der Analyse spezifischer Werke, Gattungen oder Perioden loslassen und uns in "allgemeinen" Reflexionen verlieren, drängen sich vergleichende und interdisziplinäre Aspekte auf. Es ist nicht sinnvoll (oder zumindest, nicht befriedigend), etwa über den kreativen Prozess oder das ästhetische Erlebnis "im allgemeinen" nachzudenken, ohne beispielsweise die Einsichten der Kulturanthropologie und Psychologie zu den gleichen Fragen zu berücksichtigen. Denn diese Einsichten sind häufig mit wesentlich konkreteren Daten untermauert als die der philosophischen Ästhetik. In diesem Sinne überschneidet sich "Meta-Ästhetik" mit der "Vergleichenden Ästhetik" der Anthropologie ebenso, wie die "allgemeine" mit der "vergleichenden" Literaturwissenschaft. Eine scharfe Grenze ist kaum zu ziehen. Viele „philosophische" Abhandlungen basieren auf unausgesprochenen oder unbewussten psychologischen Annahmen, und umgekehrt. Die Einsichten der Freudschen Psychologie z. B. haben unser "philosophisches" Bewusstsein (unsere "Weltanschauung") in einem Maße durchdrungen, dessen wir uns zumeist nicht bewusst sind.

Um dieser Horizonterweiterung, die auch als Dilettantismus gesehen werden kann, entgegenzuwirken, versucht die sogen. "(sprach-)analytische Ästhetik" ihr Untersuchungsfeld auf Beobachtungen zu unserem Sprachgebrauch für ästhetisches Erleben zu beschranken. - Jedoch funktioniert diese Methode nur für die Behandlung von Fragen, die von unserem Sprachgebrauch abhängen z. B. Probleme die aus Terminologieverwirrungen entstehen. Die wirklich aufregenden Fragen aber können m. E. besser von den Kulturanthropologen und Psychologen beantwortet werden, z. B. was wir als "schön" empfinden und bewerten und warum - oder was "Kunst" für verschiedenartige Kulturen bedeutet. - Kann man überhaupt problematische Begriffe allein von ihrer Anwendungspraxis her erklären, wie die analytische Schule es wollte? - Ist unser Sprachgebrauch nicht oft "unlogisch", historischen Zufällen zu verdanken, zumindest "unscharf"? -John Clammer kritisierte bereits 1970 Versuche, Kunst von unserem Sprachgebrauch her zu definieren, mit den Worten: "zu versuchen, den Problemen zu entgehen, indem man auf den alltäglichen Sprachgebrauch verweist, reicht sicher nicht aus ..." (meine Übers.). Ein erweiterter (über die traditionelle philosophische Fragestellung hinausgehender) Horizont ist deshalb m. E. für die Ästhetik trotz seiner methodologischen Probleme geboten.

III

Bekanntlich lassen sich ästhetologische Betrachtungen grob nach drei Gesichtspunkten einteilen, nämlich danach. ob sie sich 1. hauptsächlich auf das Kunstwerk bezw. den Gegenstand ästhetischen Erlebens beziehen (was nicht das gleiche zu sein braucht), 2. auf dieses Erleben selbst, und damit auf den Erlebenden oder Rezipienten, oder 3. auf den Künstler bezw. Schöpfer von Kunstwerken. Etwas anders unterscheidet Dickie (1971), indem er das schöpferische Subjekt beiseite lässt: 1. die Philosophie der Kunst (als Objekt der ästhetischen Erfahrung), 2. die Theorie des Ästhetischen (des Subjektes der ästhetischen Erfahrung) und 3. die Philosophie der Kunstkritik, die er zur "Meta-Ästhetik" zählt. Diese beiden Einteilungen unterscheiden sich nur im jeweils dritten Glied, wo die herkömmlichen Gliederungen meist der Sch6pfer oder der kreative Akt oder das Phänomen der Kreativität überhaupt interessierten, den Vertreter der "analytischen Schule", zu der Dickie gehört, statt dessen die Kunstkritik bezw. der sprachliche Ausdruck von ästhetischen Erlebnissen allgemein. Man kann also die beiden Schemata kombinieren und erhält dann eine viergliedrige Einteilung:

1. ästhetisches Objekt, zumeist das Kunstwerk;
2. ästhetisches Subjekt, der Rezipient und sein Erleben;
3. der Produzent des Ästhetischen, zumeist der Künstler;
4. die sprachliche Artikulation des Ästhetischen.

Diese Perspektiven haben sich als Schwerpunkte in der Geschichte der Ästhetik mehrfach abgewechselt, sind aber auch zusammen aufgetreten. Zur ersten wären etwa die in Deutschland lange Zeit beliebten ontologischen Analysen des Kunstwerks zu zählen, z. B. die "Schichtentheorien" (Nicolai Hartmann), zur zweiten die meisten soziologischen und rezeptionsästhetischen Untersuchungen, zur dritten alle Genie- und Kreativitätstheorien von Lomazzo his Beardsley. Und wie man an Beardsleys Schriften sehen kann, lassen sich diese nicht immer in den Bereich der Kunst psychologie verweisen, sondern können auch legitim in der philosophischen Ästhetik beheimatet sein. Die ebenfalls in Deutschland entstandene phänomenologische Kunstbetrachtung stellt zumeist eine Verbindung zwischen dem ersten und zweiten Ansatz her (z. B. Roman Ingarden). Die immer wieder anregende Frage, was eigentlich "Schönheit" sei, kann ebenfalls von den beiden ersten Perspektiven her beantwortet werden; mehr von der ersten her, wenn man nach den "ästhetischen Eigenschaften" von Objekten fragt, bezw. was an diesen "schön" sei; mehr von der zweiten her, wenn man die Frage nur ein wenig anders formuliert, nämlich: was wir an gewissen Objekten "schön" finden - und vielleicht sogar: warum. Man fragt also im zweiten Falle nach der ästhetischen Erfahrung oder dem ästhetischen Erleben.

[...]

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Details

Titel
Fragestellungen und Themen der deutsch- und englischsprachigen Ästhetik in den letzten fünfzig Jahren. Eine Übersicht
Hochschule
Kyoto Sangyo University  (German Department)
Autor
Jahr
1996
Seiten
16
Katalognummer
V8103
ISBN (eBook)
9783638151740
ISBN (Buch)
9783638798990
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Acta Humanistica XXVI/2, Humanities Series No. 23 (Kyoto March 1996) 286-302.
Schlagworte
Aesthetik, Forschungsbericht, Literatur
Arbeit zitieren
Dr. Wolfgang Ruttkowski (Autor), 1996, Fragestellungen und Themen der deutsch- und englischsprachigen Ästhetik in den letzten fünfzig Jahren. Eine Übersicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8103

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