Das Gralsmotiv in Chrétien de Troyes' Perceval und Dan Browns The Da Vinci Code


Hausarbeit, 2006
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Etymologie des Gralsbegriffs

3. Christliche Deutungsmuster
3.1. Die Christianisierung des Gralsmotivs
3.2. Eucharistische Interpretation
3.3. Lichtmetaphorik

4. Sexualisierung des Gralsmotivs
4.1. Die Dreieckssymbole und
4.2. Die Dreieckssymbole bei Chrétien de Troyes und der Fruchtbarkeitsmythos
4.3. Die Dreieckssymbole bei Dan Brown und seine Interpretation von Leonardo Da Vincis Abendmahl

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„The beauty of the Grail lies in her ethereal nature.“[1]

(„Der Reiz des Grals liegt in seiner Unfassbarkeit.“[2])

Mit dieser Beschreibung bringt Dan Brown den Reiz der Unfassbarkeit des Gralsmotivs treffend zum Ausdruck. Die Faszination, die vom Gralsstoff ausgeht, besteht nicht zuletzt darin, dass er eine solch immense Fülle an Deutungsmustern zulässt, von christlichen, über kultisch-ritualistische bis hin zu keltischen und psychoanalytischen.

In dieser Arbeit werde ich mich jedoch auf einige Aspekte der christlichen Deutung sowie der Sexualisierung des Gralsmotivs beschränken.

In einem ersten Schritt soll versucht werden, die Schwierigkeiten der Etymologiefindung des Gralsbegriffs aufzuzeigen. Anschließend soll die allmählich eintretende Christianisierung des Gralsmotivs nachgezeichnet werden. In Kapitel 3.2. und 3.3 sollen schließlich die eucharistische Interpretation sowie die Lichtmetaphorik im Mittelpunkt stehen.

Das einleitende Zitat aus Dan Browns Bestseller The Da Vinci Code liefert einen ersten Hinweis auf die Sexualisierung des Gralsmotivs. Da im modernen Englisch bei Gegenständen und Abstrakta normalerweise keine Genusunterscheidung stattfindet[3], kann davon ausgegangen werden, dass der Autor das feminine Possessivpronomen „her“ absichtlich gewählt hat, um dem Gral eine weibliche Konnotation zu verleihen. Hier wird auch deutlich, dass die deutsche Übersetzung dem nicht gerecht werden kann. Es würde seltsam anmuten, diesen Satz mit „Der Reiz der Gral liegt in ihrer Unfassbarkeit“ zu übersetzen. Dennoch geht durch die Übersetzung ein nicht unerhebliches Detail verloren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Sexualisierung des Gralsmotivs kommt auch bereits in Chrétien de Troyes’ Perceval zum Ausdruck. Im Zusammenhang mit der Sexualisierung von Gral und Lanze sollen vor allem die Dreieckssymbole und näher beleuchtet werden. Daran wird sich eine Auseinandersetzung mit Dan Browns Interpretation von Leonardo Da Vincis Abendmahl anschließen. Des weiteren soll der Muttergöttinnenmythos im Zusammenhang mit der Rolle Maria Magdalenas in The Da Vinci Code und mit dem unfruchtbaren Fischerkönig, dem Vater Percevals, näher untersucht werden.

2. Etymologie des Gralsbegriffs

Das Wort graal geht auf den altfranzösischen Objektkasus (cas-régime) zurück: le graal. Im Subjektkasus (cas-sujet) lautete es dementsprechend li graaus.

Zwar ist die Etymologie des Gralsbegriffs nicht vollständig geklärt, jedoch läßt Chrétien de Troyes aufgrund seiner Beschreibung der Gralsprozession keinen Zweifel daran, dass das Wort im Mittelalter bekannt war: „Un graal entre ses deus mains Une damoisele tenoit [...]“ (vgl. V. 3220-3221)[4]

Auch außerhalb des Textes von Chrétien finden sich Belege für das Wort in der französischen Literatur wieder. Jean Frappier führt insbesondere zwei dieser Belege an – L’Alexandre und La Première Continuation de Perceval. L’Alexandre ist dabei von besonderer Bedeutung, da es zeitlich etwa zehn Jahre vor Chrétiens Perceval verfasst wurde. In Vers 618 heißt es: „Ersoir mangai o toi a ton graal.“[5] Dieser Vers bezieht sich auf den mittelalterlichen Brauch, zu zweit aus einer (ausreichend großen) Schüssel zu essen. Ebenfalls findet sich der Begriff graal in La Première Continuation de Perceval, einem Text, der eine direkte Fortsetzung des Perceval -Romans von Chrétien de Troyes darstellen soll. In der Episode von Gauvain am Schloss Orgueilleux‘ findet sich folgender Vers: „En unes loges par devant Vit sor graals d’argent ester Plus de cent testes de sangler.“[6] Hier wird deutlich, dass der Gral einen Wildschweinkopf enthalten konnte.[7]

Ab dem Mittellateinischen (8. Jahrhundert) ist gradalis bereits als Gefäßname belegt. Nach mittelalterlicher Etymologie des berühmten Mönchs Hélinand von Froidmont in Beauvaisis (um 1200) ist gradalis die Bezeichnung für eine große, ein wenig gewölbte Schale, in die verschiedene Speisen in einer bestimmten Reihenfolge hineingelegt wurden:

„Gradalis autem sive Gradale gallice dicitur scutella lata, et aliquantulum profunda; in qua praetiosae dapes cum suo jure divitibus solent apponi gradatim, unus morsellus post alium in diversis ordinibus; et dicitur vulgari nomine Graalz.“[8]

Auch Wilhelm Meyer-Lübke schließt sich 1935 in seinem Romanischen Etymologischen Wörterbuch dieser Definition an. Seiner Etymologie zufolge bezeichnet gradalis im 8. Jahrhundert „eine Schüssel, in die Stück für Stück stufenweise die Speisen hineingestellt werden“.[9] In der Definition von Hélinand wird jedoch auch deutlich, dass der Gral aus einem wertvollen Material hergestellt war und mit ihm den Reichen und Mächtigen (divites) bei Tisch aufgewartet wurde.[10]

Als weitere mögliche Etymologie betrachtet Hélinand das lateinische Wort grata, welches sich auf die Aufwartung beziehen könnte, da sowohl das Gefäß als auch der Inhalt „angenehm“ seien.[11] Jean Frappier weist diese These jedoch zurück, da sie seiner Meinung nach lediglich auf einer vagen Ähnlichkeit zwischen der Lautung und dem vermeintlichen Sinn des Wortes beruht.[12]

Einige weitere Ansätze zur Erklärung der Herkunft des Begriffs graal sind zu erwähnen. So könnte der Gralsbegriff auf lateinisch gradus zurückgehen. Diese Etymologie legt die Interpretation nahe, dass die Speisen gemäß ihres Wertes in die Schale gelegt wurden. Auch das lateinische Wort cratale, welches sich aus griechisch kratér ableitet, designiert einen Behälter, genauer einen Salzbehälter.

Möglicherweise stammt der Gralsbegriff sogar aus dem keltischen Raum. Diese These wird vor allem durch Arthur C. Brown[13] unterstützt. Seiner Meinung nach könnten sich die irischen und walisischen Begriffe criol und griol, welche etwa ‚Korb‘ bedeuten, zu französisch graal entwickelt haben.

Es ist deutlich geworden, wie viele Versuche zur Klärung der Herkunft des Gralsbegriffs bereits unternommen worden sind. Die verschiedenen möglichen Etymologien weisen trotz einiger Unterschiede jedoch eine signifikante Gemeinsamkeit auf. Sie alle bezeichnen, wie auch Jean Frappier in seinem Buch Chrétien de Troyes et le Mythe du Graal feststellt, den Gral als einen Behälter, eine Schale oder ein Gefäß mit folgenden Eigenschaften:

„Graal semble avoir désigné tout d’abord un objet rustique en osier ou en paille tressée, clayon, récipient large et légèrement évasé, et, ensuite, toutes sortes d’ustensiles fabriquées en terre, en bois ou en métal, mais presque toujours très ouverts et, pour le moins, plus larges que profonds.“[14]

Der Begriff graal ist daher mit „écuelle, jatte, plat creux, grand plat précieux“ gleichzusetzen.[15] Jean Frappier weist darauf hin, dass Chrétien de Troyes das Wort graal in seinem Roman als einen allgemeinen Begriff verwendet, sich dabei aber schon in Richtung einer spirituellen Deutung wendet. Die durch Chrétien eingeläutete allmähliche Christianisierung des Grals soll im folgenden Kapitel näher betrachtet werden.

Dan Brown wiederum stellt den erwähnten möglichen Etymologien des Gralsbegriffs in seinem Roman The Da Vinci Code eine völlig andere gegenüber. Gemäß seiner Vorstellung gehe der Begriff San Greal (Heiliger Gral) auf die ursprüngliche Form sangreal zurück, die eine Worttrennung an falscher Stelle erfahren habe. Somit handele es sich eigentlich um die Worte Sang Real (‚königliches Blut’).[16] Unter königlichem Blut versteht Dan Brown in seinem Roman die Blutlinie Jesu Christi:

„The legend of the Holy Grail is a legend about royal blood. When Grail legend speaks of ‘the chalice that held the blood of Christ’ … it speaks, in fact, of Mary Magdalene – the female womb that carried Jesus’ royal bloodline.”[17]

Jesus entstammte dem Hause Davids und war ein Nachkomme König Salomons. Doch auch Maria Magdalena sei Dan Browns Ansicht nach von königlicher Abstammung. Sie gehöre dem Stamme Benjamins an. Durch die Ehe mit Maria Magdalena habe Jesus so zwei königliche Blutlinien zusammengeführt. Laut Dan Brown formte Jesus damit eine äußerst mächtige politische Vereinigung, die es ihm ermöglicht habe, Anspruch auf den Thron zu erheben und die Linie Salomons wiederherzustellen.[18]

Dan Browns These vom Gral als Schoß Maria Magdalenas, aus dem die Nachkommen Jesu hervorgingen, ist deshalb von solcher Brisanz, weil damit die menschlichen Züge Jesu Christi in den Vordergrund gerückt würden. Der Gral böte somit eine alternative Geschichte Jesu Christi und wäre in der Lage, die Vergangenheit des Christentums für immer umzuschreiben.[19] Die Botschaft der Bibel von Jesus als dem Sohn Gottes, der auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, würde in diesem Fall in Frage gestellt und der christliche Glauben seiner Grundlage entzogen. Aus diesem Grund weist Dan Brown auch darauf hin, dass das Geheimnis um den Gral so mächtig sei, dass es zu einem der bestgehütetsten der Menschheit gehöre.[20] Brown unterstreicht die Macht dieses Geheimnisses noch durch die angebliche Zusammengehörigkeit vom Gral und einer Reihe brisanter Dokumente. Seiner Auffassung zufolge bestehe der Gral aus vier Kisten, die neben einer kompletten Genealogie der frühen Nachkommen Jesu und Maria Magdalenas auch Dokumente aus vorkonstantinischer Zeit enthielten, darunter das Q-Dokument, die Tagebücher von Maria Magdalena sowie die Dokumente, welche die Tempelritter so mächtig machten.[21] Die Dokumente aus der Zeit vor der Herrschaft Kaiser Konstantins I. befindet Dan Brown als so einflussreich, weil diese Dokumente noch die menschlichen Züge Jesu betonten. Geschichtlich betrachtet spielt er damit auf das Jahr 325 an, als unter Kaiser Konstantin I. das erste Konzil von Nicäa einberufen wurde. Konstantin I. bevorzugte seit etwa 313 das Christentum als Religion des Römischen Reiches. Er sah in ihr einen stabilisierenden Faktor, mit dem er die Einheit des Reiches sichern wollte. Das erste Konzil von Nicäa hatte daher zum Ziel, die Uneinigkeit, die unter den Anhängern Jesu Christi herrschte, zu schlichten und die vielen verschiedenen Glaubensrichtungen, die sich gebildet hatten, zu vereinigen. Durch dieses Konzil wurde schließlich die Gottheit Jesu Christi anerkannt.[22]

Zwar stellt auch Dan Brown den Gral in seinem Roman als einen Kelch dar (vgl. „the chalice that held the blood of Christ”, S. 271), jedoch ist der Kelch als eindeutig sexuell konnotiertes Symbol zu verstehen. Auf diese Sexualisierung des Gralsmotivs sowie auf den Muttergöttinnenmythos soll in Kapitel 4 noch näher eingegangen werden.

[...]


[1] Brown, Dan. 2003. S. 479.

[2] Brown, Dan. 2004. S. 456.

[3] Ausnahme: Schiffe sind auch heute noch feminin konnotiert, vgl. Queen Mary II.

[4] Frappier, Jean. 1972. S. 5f.

[5] Bernai, Alexandre de / Harf-Lancner, Laurence. 1994.

[6] Briel, Henri de. 1972.

[7] Frappier, Jean. 1972. S. 7.

[8] Frappier, Jean. 1972. S. 7f.

[9] Meyer-Lübke, Wilhelm. 1935. S. 326.

[10] Frappier, Jean. 1972. S. 8.

[11] Olef-Krafft, Felicitas. (Hg.) 1991. S. 581.

[12] Frappier, Jean. 1972. S. 11.

[13] Brown, Arthur C. 1943. S. 439.

[14] Frappier, Jean. 1972. S. 12.

[15] Frappier, Jean. 1972. S. 9.

[16] Brown, Dan. 2003. S. 271.

[17] Brown, Dan. 2003. S. 270f.

[18] Brown, Dan. 2003. S. 270.

[19] Brown, Dan. 2003. S. 369 & S. 319.

[20] Brown, Dan. 2003. S. 176 & S. 259.

[21] Brown, Dan. 2003. S. 276ff.

[22] Erstes Konzil von Nicäa. <http://de.wikipedia.org/wiki/Erstes_Konzil_von_Nic%C3%A4a>

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Gralsmotiv in Chrétien de Troyes' Perceval und Dan Browns The Da Vinci Code
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Altfranzösische und altnordische Parzival-Dichtungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V81057
ISBN (eBook)
9783638877015
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Inhaltlich überzeugend, sehr erhellende Graphiken.
Schlagworte
Gralsmotiv, Chrétien, Troyes, Perceval, Browns, Vinci, Code, Hauptseminar, Altfranzösische, Parzival-Dichtungen
Arbeit zitieren
Vanessa Schnitzler (Autor), 2006, Das Gralsmotiv in Chrétien de Troyes' Perceval und Dan Browns The Da Vinci Code, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81057

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