Nicht erst seit dem 11. September, dem Irak Krieg und dem Versuch, eine Demokratie in dem zermürbten Afghanistan aufzubauen ist der Islam in aller Munde. Die Kopftuch- oder Kruzifix-Debatten in verschiedenen europäischen Ländern zeigen ebenso die Schnittstelle der Konfrontation zwischen zwei auf verschiedene Religionen gestützten Kulturen und deren politischen Ansichten wie auch die Diskussionen um die Beitrittsverhandlungen der Türkei zu der EU. Überall spielen der Islam und seine Kompatibilität mit der Demokratie als Staatsform eine überaus wichtige Rolle. Auch wenn Bernd Rill und Rupert Scholz in ihrem 1986 herausgegebenen Sammelwerk „Der Rechtsstaat und seine Feinde“ den Islamismus in diesem Zusammenhang noch nicht einmal erwähnen, so stellt sich dem durchschnittlichen mitteleuropäischen Nachrichten-Zuschauer aufgrund der Aktualität oben genannter Themen und den damit verbundenen leider meist negativen Assoziationen die Frage, ob und inwiefern die Religion des Islam mit den Auffassungen eines demokratischen Rechtsstaates zusammenpasst. Dass der europäische Gerichtshof für Menschenrechte das islamische Rechtssystem der Scharia in einem Urteil vom 13. Februar vergangenen Jahres als unvereinbar mit den Menschenrechten demokratischer Staaten bezeichnete, ist bezeichnend für die Brisanz dieser Thematik. Wie bereits klar wurde, dürfte diese Thematik nicht nur für Bürger von westlichen Demokratien von besonderer Bedeutung sein; ebenso dürften alle Moslems an solchen Betrachtungen Interesse haben.
Um ein möglichst objektives Bild der Systematik schaffen zu können, wurde versucht, bei der Auswahl der zugrunde liegenden Literatur gleichermaßen Werke von westlichen Wissenschaftlern und Werke und Meinungen von Menschen mit islamischem Hintergrund zu berücksichtigen. Wenn im Folgenden von „dem Islam“ die Rede ist, so wird sich im Folgenden auf die wichtigsten Grundpfeiler der verschiedenen Islamischen Gruppierungen bezogen, welche im folgenden Kapitel skizziert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsbestimmungen
2.1 Grundlagen des Islamischen Selbstverständnisses
2.2 Demokratie
2.3 Rechtsstaat
3. Das Spannungsfeld zwischen dem Islam und der rechtsstaatlichen Demokratie
3.1 Die Rolle der Aufklärung
3.2 Islam und Rechtsstaat
3.3 Islam und Demokratie
3.4 Ansätze für und gegen die Vereinbarkeit von Islam und rechtsstaatlicher Demokratie
4. Fazit: Inkompatibilität zwischen rechtsstaatlicher Demokratie und dem Islam?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die komplexe und kontroverse Beziehung zwischen der Religion des Islam und den Prinzipien der rechtsstaatlichen Demokratie, um zu ergründen, ob eine grundlegende Unvereinbarkeit besteht oder ob Ansätze für eine Kompatibilität identifiziert werden können.
- Grundlagen des islamischen Selbstverständnisses und Gottesbildes
- Definitionen und Anforderungen an Demokratie und Rechtsstaat
- Die Rolle der Aufklärung im interkulturellen Vergleich
- Konfliktlinien zwischen Scharia-Rechtsprechung und demokratischer Gesetzgebung
- Theoretische vs. praktische Perspektiven auf die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie
Auszug aus dem Buch
3.2 Islam und Rechtsstaat
Im Islam gibt es keine Verfassung im westlichen Sinn, vielmehr liegt der Koran und damit Gottes Wille allem Recht zugrunde. Gottes Wort, manifestiert im Koran, macht hier menschliche Gesetze nicht nur überflüssig, vielmehr wären sie Gotteslästerung. Die göttlichen Gesetze im Koran nennt man „Scharia“ (Shar’ia). Da der Koran von den Gläubigen fordert, in allen Bereichen des Alltags dem Wort Gottes zu folgen, kennt der Islam keine Trennung zwischen religiösem und weltlichem Recht: die Scharia umfasst die Glaubenspraxis ebenso wie das Familien-, Erbschafts-, Wirtschafts-, Verwaltungs-, Straf- oder Prozessrecht.
Ergänzt werden diese Gesetze durch die Taten und Überlieferungen Mohammeds, bezeichnet mit dem Begriff „Sunna“. Weitere ergänzende Rechtsquellen sind der „concensus doctorum“ (ijma) und der „Analogieschluss“ (qiyas), beides jedoch nur im Rahmen von Koran und Sunna. Diese Werke sind das „Zentrum und Kernstück“ des islamischen Staates, ein weiteres Indiz dafür, dass man islamische Staaten, die diesem Muster entsprechen, als theokratisch bezeichnen kann. Die Werke sollen möglichst im Wortlaut Geltung finden, weswegen Koranstellen oft in Rechtsbüchern zitiert sind. Erwartungsgemäß sind die sechs bedeutendsten verbliebenen Rechtsschulen sunnitisch bzw. schiitisch.
Die Auslegung dieser Gesetze in der Praxis ist den Gelehrten überlassen, und so ist die Scharia eine Norm, die durch „fachlich gebildete, methodische Reflexion festzustellen ist, und selbst das Gutachten eines Rechtsgelehrten findet eine prinzipielle Grenze seiner Geltung an dem eines anderen vergleichbarer Qualifikation.“ Sinn und Zweck des Rechts im Islam ist die Heilsicherung der Menschen im Jenseits, während in einer Demokratie die weltlichen Rechte der Bürger gesichert werden sollen. Wesentliche dieser Rechte sind in einer Demokratie die staatsbürgerlichen Rechte, das Recht auf Bildung und das Recht auf Mitwirkung in der Politik. Alle diese Rechte entsprechen nach René Klaff nicht der normativen Zielfunktion des Islam. Dadurch gibt es (theoretisch) auch keine Legitimation für Wahlen oder Parteien, da es nur die eine Partei Gottes geben kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Brisanz des Themas im Kontext internationaler politischer Entwicklungen und skizziert die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Begriffsbestimmungen: Dieses Kapitel definiert die zentralen Grundbegriffe Islam, Demokratie und Rechtsstaat, wobei insbesondere die religiösen Grundlagen und die Diversität islamischer Strömungen hervorgehoben werden.
3. Das Spannungsfeld zwischen dem Islam und der rechtsstaatlichen Demokratie: Der Hauptteil analysiert die theoretischen und praktischen Differenzen sowie die Rolle der Aufklärung im Spannungsfeld zwischen religiösem Gesetz und demokratischen Staatsformen.
4. Fazit: Inkompatibilität zwischen rechtsstaatlicher Demokratie und dem Islam?: Das Fazit resümiert, dass eine theoretische Inkompatibilität oft künstlich konstruiert wird, während in der Praxis eine Koexistenz durch innergesellschaftliche Entwicklungen und Dialog möglich ist.
Schlüsselwörter
Islam, Demokratie, Rechtsstaat, Scharia, Aufklärung, Säkularisierung, Menschenrechte, Fundamentalismus, Theokratie, Volkssouveränität, Religion, Politik, Reformdenken, Pluralismus, Islamismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob und inwiefern der Islam mit den Anforderungen und Werten einer modernen rechtsstaatlichen Demokratie vereinbar ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das islamische Selbstverständnis, die Prinzipien der Demokratie sowie die Spannungsfelder zwischen religiösem Recht und säkularen staatlichen Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine objektive Analyse der theoretischen Unvereinbarkeiten versus der praktischen Realitäten des Zusammenlebens von Islam und Demokratie.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein deskriptiver und vergleichender Ansatz gewählt, der theoretische normative Aspekte mit praktischen Beispielen und aktuellen Entwicklungen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Rolle der Aufklärung, den Vergleich von Rechtsquellen sowie die Frage nach politischer Souveränität und religiösem Dogmatismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Scharia, Säkularisierung, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und die Debatte um religiöse versus staatliche Souveränität geprägt.
Gibt es den einen "Islam" als Staatsform?
Nein, der Autor betont, dass es „den Islam“ als einheitliches politisches Modell nicht gibt, sondern eine Vielzahl von Interpretationen und Strömungen existiert.
Welche Rolle spielt die Bildung in diesem Kontext?
Bildung wird als ein wesentlicher Schlüssel identifiziert, um ein mündigeres Verständnis des Korans zu ermöglichen und gesellschaftliche Reformprozesse von innen heraus anzustoßen.
- Quote paper
- Diplom-Politologe Univ. Jan Pfitzner (Author), 2005, Islam, Rechtsstaat und Demokratie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81150