Psychoanalytische Literaturdeutung am Beispiel der Novelle "Der Tod in Venedig"


Seminararbeit, 2007

16 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Ein Abriss der Psychoanalyse
1.2. Der Dichter und das Phantasieren

2. Thomas Mann und die Psychoanalyse
2.1. Psychoanalytische Interpretation im historischen Wandel mit Fokus auf „Der Tod in Venedig“
2.1.1. Hans Sachs
2.1.2. Eduard Hitschmann
2.1.3. Frank Donald Hirschbach
2.1.4. Heinz Kohut
2.1.5. Harry Slochower
2.1.6. Ludwig Haesler

3. Schlussbetrachtung

Quellenangabe

1. Einleitung

„Was mich betrifft, so ist mindestens eine meiner Arbeiten, die Novelle „Der Tod in Venedig“, unter dem unmittelbaren Einfluss von Freud entstanden. Ich hätte ohne Freud niemals daran gedacht, dieses erotische Motiv zu behandeln, oder hätte es gewiss anders gestaltet.“[1]

Diese Aussage von Thomas Mann aus dem Jahr 1925 brachte mich auf die Idee, mich näher mit der psychoanalytischen Deutung literarischer Texte sowie dem Spannungsfeld von Literatur und Psychoanalyse zu beschäftigen. Die Thematik ist von größerer Bedeutung als man anfänglich annimmt, weil hier aufgezeigt werden kann, dass die Literatur und die Literaturwissenschaft von gesellschaftlich bedingten Erscheinungen beeinflusst werden und dass diese Strömung auch entgegengesetzt wirkt, also dass die Literatur auf die gesellschaftlichen Schemen einwirkt. Diese Gedanken sind auch relevant für das Bild, welches die Allgemeinheit von unserer Wissenschaft hat, dadurch kann erkannt werden, dass die Literatur und Literaturwissenschaft sich nicht nur mit den angenehmen und leichten Situationen des menschlichen schöngeistigen Lebens beschäftigt, sondern auch mit den schwierigen und zuweilen erschreckenden Seiten der menschlichen Existenz befasst.

Zum Aufbau meiner Arbeit gibt es zu sagen, dass ich im Folgenden auf die Entdeckung der Psychoanalyse eingehen werde, um im Anschluss das Essay „Der Dichter und das Phantasieren“ von Sigmund Freud zu erläutern. Der zweite Teil befasst sich mit den bisher erschienenen, psychoanalytisch relevanten, Deutungen von Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ und einer Betrachtung dieser, mit dem Fokus auf der Auseinandersetzung mit der Homosexualität und dem Verhältnis des Dichters Gustav von Aschenbach zu dem polnischen Jungen Tadzio.

1.1. Ein Abriss der Psychoanalyse

Sigmund Freud geht von drei Persönlichkeitsinstanzen aus, die sich in der frühen Kindheit entwickeln: das Es, das Ich und das Über-Ich. Das Es ist die Instanz der Triebe, der Wünsche und der Bedürfnisse, es ist die ursprünglichste Instanz, die anderen gehen aus ihm hervor, es vertritt das Lustprinzip. Das Über- Ich vertritt das Moralitätsprinzip, das heißt es umfasst die Wert- und Normvorstellungen und bewertet die Wünsche des Es. Das Ich ist wiederum diejenige Instanz, welche zwischen Über-Ich und Es vermittelt und die bewusste Auseinandersetzung mit der Realität ausübt. Kurz gesagt arbeitet das Ich nach dem Realitätsprinzip.[2]

Die zweite wichtige Annahme der Psychoanalyse geht davon aus, dass alles Verhalten durch zwei Haupttriebe erzeugt wird: den Lebenstrieb (Libido), gerichtet auf Selbst- und Arterhaltung, Überleben und Fortpflanzung und den Todestrieb (Destrudo), gerichtet auf Hass gegenüber sich und der Umwelt, Aggression und Destruktivität.[3]

Freud und sein Kollege und Freund Josef Breuer sind durch die Untersuchung einer an Hysterie erkrankten Patientin auf die Idee gekommen, dass der erfolglose Versuch Wunschvorstellungen zu verdrängen, Vorgänge in der Psyche auslöst, welche pathologische physische Symptome hervor rufen können.[4] Im Fall von Anna O., so das Pseudonym ihrer Patientin, war es ein Erlebnis in früher Kindheit, welches sie an Hysterie erkranken ließ. Die Symptome von Hysterie waren vielseitig, sie reichten vom Zucken mit den Augen, schielen oder Lähmungen bestimmter Körperpartien bis hin zu Angstzuständen. Anna O. war zum Beispiel nicht fähig, Wasser oder andere Flüssigkeiten zu trinken, sondern musste ihren Flüssigkeitsbedarf durch das Essen von Früchten ausgleichen. Sie sah als Kind wie der Hund ihrer verhassten englischen Gesellschafterin aus einem Glas Wasser trank und empfand dies als so abstoßend, dass sie von da an keine Getränke auf normalem Weg zu sich nehmen konnte. Nachdem sie unter Hypnose von diesem Erlebnis berichtete, sich also wieder daran erinnerte, verschwanden die Symptome und sie war vorerst in der Lage wieder ein normales Leben zu führen. Breuer und Freud überraschte dieser Vorfall und sie kamen zu der Erkenntnis, dass eingeklemmte Affekte zu physischen Symptomen umgewandelt werden. Das Resultat dieser Überlegungen war, dass Verdrängung nicht möglich ist und verdrängte Geschehnisse immer Einfluss auf das Handeln und Fühlen haben. Doch wo liegen diese „verdrängten“ oder auch unterdrückten Gefühle? Hierfür entwickelte Freud die Idee des dualistischen Modells der Psychoanalyse.[5] Die Psyche eines Menschen setzt sich aus unbewussten und bewussten dynamischen Prozessen zusammen, so die Kernaussage des Modells. Unbewusst ist hierbei allerdings nicht mit vorbewusst zu verwechseln, so sind Gegenstände, Erinnerungen oder Aussagen, an welche wir uns auch bei größter Anstrengung nicht erinnern, welche also erfolgreich verdrängt wurden, unbewusst, aber sobald wir sie jederzeit abrufen können und sie momentan nur nicht in unserem Bewusstsein sind, werden sie als vorbewusst bezeichnet. So liegt der Schluss nahe, dass das Bewusstsein „nur die Spitze des Eisbergs der seelischen Vorgänge bildet“.[6] Ein weiterer wichtiger Aspekt bei Freud ist die Betrachtung der Sexualität. Laut Freud sind alle Wünsche oder Affekte welche in uns sind, auf die Sexualität zurückzuführen. Sexualität meint in diesem Zusammenhang nicht das, was die Gesellschaft damit konnotativ verbindet, nämlich die Sexualität der Genitalien, sondern die allgemeine Empfindung von sinnlicher Lust oder sinnlichem Genuss.

Da die uneingeschränkte Auslebung der sexuellen Phantasien oder auch Triebe in unserer Gesellschaft nicht möglich ist, beherrscht ein ständiges Wechselspiel von Verbannen und Ausleben genau dieser Wünsche das Leben eines jeden Einzelnen. Einige Triebe sind zu stark, um sie komplett zu verdängen, andererseits kann oder darf man sie nicht ausleben. So werden Ersatzhandlungen aufgebaut. Freud verwendet hierfür den Terminus Sublimierung. Sublimieren bedeutet einen unbefriedigten Geschlechtstrieb in kulturelle, künstlerische oder ähnliche Leistung umzusetzen.[7] Literarische Werke sind hier also als ein Konglomerat aus Phantasie und Abwehr zu verstehen.[8] Man kann überspitzt. auch von unbewusster lesender bzw. schreibender Masturbation sprechen.[9] Da nur die Erklärung des Inhaltes der Psychoanalyse allein schon mehrerer Buchbände füllen kann und dies auch macht, mussten diese Erläuterungen aus Platzgründen stark gekürzt erfolgen. Im kommenden Abschnitt widme ich mich dem Zusammenspiel von Schreiben als literaturwissenschaftlichem Prozess und dessen Verbindungen zur Psychoanalyse unter Zuhilfenahme der Abhandlung „Der Dichter und das Phantasieren“.

[...]


[1] Interview mit Aldo Sorani, veröffentlicht am 08. Mai 1925 in der Tageszeitung „La Stampa“ in Mailand, zitiert nach „Hamburger Fremdenblatt“. Abend-Ausgabe/Nr.155 am 06.Juni 1925

[2] Hermann Hobmair (Hg.): Pädagogik/ Psychologie (Bd.1). Köln: Stam, 1998. S.265-270

[3] ebd: S.276f

[4] Henk de Berg: Freuds Psychoanalyse in der Literatur- und Kulturwissenschaft: eine Einführung / Henk de Berg. Aus dem Engl. von Stephan Dietrich. Tübingen [u.a.]: Francke, 2005. S.5

[5] ebd: S.7

[6] Bruce Mazlish: Autobiographie und Psychoanalyse. Zwischen Wahrheit und Selbsttäuschung, In: Alexander Mitscherlich (Hg.): Psycho- Pathographien des Alltags. Schriftsteller und Psychoanalyse, Frankfurt am Main: 1972, S. 243-266. hier S.248

[7] Duden: Das Fremdwörterbuch Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag, 1990

[8] Walter Schönau: Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft, Stuttgart: Metzler, 1991, S. 82

[9] Henk de Berg: Freuds Psychoanalyse in der Literatur- und Kulturwissenschaft: Eine Einführung. Tübingen. [u.a.]: Francke, 2005. S. 15f

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Psychoanalytische Literaturdeutung am Beispiel der Novelle "Der Tod in Venedig"
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V81166
ISBN (eBook)
9783638860383
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychoanalytische, Literaturdeutung, Beispiel, Novelle, Venedig
Arbeit zitieren
Dorina Kind (Autor), 2007, Psychoanalytische Literaturdeutung am Beispiel der Novelle "Der Tod in Venedig", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81166

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