Auszug aus dem Gutachten:
So genannte Fernreisen stellen eine Praxis dar, die mittlerweile in „westlichen Kontexten“ wenig fremd ist. Diese kulturell „unfremde“ Weise der Produktion und Inszenierung von Fremdheitserfahrungen ist Gegenstand der Arbeit von Nicola Stratmann. Das allgemeine Ziel der Studie besteht hierbei darin, die in Urlaubskatalogen deutlich werdende und die Wirkung dieser Kataloge tragende westliche Faszination am nicht-westlichen Fremden zu reflektieren. Zentrale theoretische Referenzen der Reflexionen sind einerseits kultur- und sozialphänomenologische Überlegungen zu Fremdheit, vor allem die fremdheitstheoretischen Erwägungen von Bernhard Waldenfels, darüber hinaus rassismustheoretische Ansätze wie sie insbesondere in den Cultural und Postcolonial Studies entwickelt worden sind. Die Arbeit ist insgesamt so angelegt, dass sich die Explikation der Fremdheitsdarstellung auf den analysierten Katalogseiten von sozialphänomenologischer Auslotung zu einer rassismuskritischen Kommentierung entwickelt. Diese Entwicklung ist deshalb begrüßenswert und von großer Bedeutung, da kulturanthropologische und -phänomenologische Ausführungen zu Fremdheit zu der Aussparung dessen neigen, dass "Fremdheit" ein für das Bewahren von historisch gewachsenen Verhältnissen der Über- und Unterordnung funktionales Zuschreibungsmoment ist. Ausgespart bleibt hier weitestgehend die Diskussion von "Fremdheit" als sozialer Praxis und das Hineinholen der Fremdheitspraxis in den Begriff sowohl kultureller als auch sozialer Praxis. Die Arbeit von Stratmann überwindet diese Aussparung rassismustheoretisch.
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Analyse von vier unterschiedlichen Reisekatalog-Seiten, die Urlaubsaufenthalte in Afrika anbieten und dafür werben. Nach der ersten Bildanalyse erläutert Frau Stratmann (Kap. II) ihr methodisches, an der seriell-ikonographischen Fotoanalyse orientiertes Vorgehen auf hohem methodologisch-reflexiven Niveau. Dichten, detailnahen Deskriptionen der Bild-Text-Komplexe folgen Deutungen dieser Beschreibungen, die die eigene Perspektivengebundenheit erkenntnisproduzierend in einem schrittweisen Prozess zunehmender Abstraktion explizieren.(...)
(HD Dr. Paul Mecheril)
Inhaltsverzeichnis
Abflug ! -
Zu Beginn: Reisevorbereitung
I Eine Person, ein Strand ... in Sansibar –
Die subjektive Wahrnehmung von Fremdheit
1.1 Irritation des Vertrauten
1.2 Fremdzuschreibung – Anzeigen von Relevanz
1.2.1 Fremdheit als irreversible Relation
1.2.2 Zur Relation von Fremdheit und Exotik
1.2.3 Unzugänglichkeit, Differenz und Distanz
1.3 Exotik als Modell der Fremde
1.4 ‘Dosierung’ von Fremdheit
II Zur Methode –
Die Befremdung des Blicks
2.1 Zur Methodenwahl und dem methodischen Vorgehen
2.2 Die Analyseebenen der ikonografisch-ikonologischen Bildinterpretation
2.3 Zur eigenen Perspektivgebundenheit – Problem und Chance
2.4 Das Sample der Studie
III Ein ‘schwarzer’ Mann, der lacht; ein ‘wildes’ Tier, das brüllt –
Die Konstruktion von Fremdheit durch den ‘touristischen Blick’
3.1 Exotik als subjektive Konstruktionspraxis
3.2 Befremdung innerhalb von Fremderfahrung
3.3 Exotik innerhalb vertrauter Funktionen - Dienstleistung und Besichtigung
3.3.1 Dienstleistung
3.3.2 Besichtigung
IV Das ‘Tam Tam’ der Trommeln in Gambia –
Die Konstruktion von kollektiver Fremdheit
4.1 Gleichheit, Differenz und Bedeutungsproduktion
4.2 Lebensformen in binärer Opposition – ‘Zivilisation‘ und ‘Primitivität‘
4.2.1 Faszination der fremden Lebensform – Aufwertung des ‘Eigenen‘
4.2.2 Faszination der eigenen Lebensform – Abwertung des ‘Fremden‘
4.3 Fremdheit als Negation von Eigenheit
V Sie haben es sich verdient! –
Die diskursive Macht des ‘exotischen Blicks’
5.1 Zur Vermischung der Kulturen
5.2 Zentrierung – Zur ‘Einverleibung’ des Fremden
5.3 Zur Hierarchisierung und Sicherung von Positionierungen
5.3.1 Auf den Spuren von ... kolonialen Fantasien?
5.3.2 Die ‘epistemische Gewalt’ hegemonialer Diskurse
Bereit zur Landung? -
Zum Schluss: Exotismus einmal anders denken
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht die Konstruktion von Fremdheit in Reisekatalogen durch den sogenannten "touristischen Blick". Das primäre Ziel ist es, aufzudecken, wie Reisekataloge durch visuelle Inszenierungen ein exotisiertes Bild der "Anderen" erzeugen, um das Bedürfnis westlicher Touristen nach einer Flucht aus dem Alltag zu bedienen, wobei Machtaspekte und eurozentrische Wahrnehmungsmuster kritisch hinterfragt werden.
- Phänomenologische Untersuchung der Wahrnehmung von Fremdheit
- Analyse der Konstruktion von Exotik in der touristischen Werbefotografie
- Kritische Reflexion machtvoller Zuschreibungen und kolonialer Kontinuitäten
- Verbindung von individueller Fremderfahrung mit gesellschaftlichen Ordnungen
- Methodische Verankerung durch seriell-ikonografische Bildinterpretation
Auszug aus dem Buch
1.1 Irritation des Vertrauten
Das vorliegende Bild scheint für den Einstieg in das Thema ‘Verbildlichte Fremdheit’ prädestiniert zu sein, da es in seiner Gesamtwirkung irritiert, die Gründe hierfür jedoch nicht offensichtlich erscheinen.
Ohne ‘Irritation’ nun an sich als theoretisches Problem aufzugreifen, werde ich mich inhaltlich mit dem Befremdlichen beschäftigen, das dieses Bild hervorzurufen scheint. Wie umfassend ist die Verunsicherung, die diese Darstellung provoziert? Ergeben sich Antworten, die dem potenziellen Touristen eine Erfahrung der Fremde und des Fremden ‘versichern’ und ihn ‘absichern’ bezüglich möglicher Probleme in einem fremden Land, so weit weg vom vertrauten Zuhause?
Zu sehen ist die Fremde im ‘Tortenstück-Format’. Das Bild zeigt einen langen breiten Sandstrand, am rechten Bildrand das Meer, hinten im Bild einen gepflegt wirkenden hölzernen Steg, der vom Strand ins Meer führt. Am linken Bildrand erstreckt sich ein schmaler Streifen grüner Bewaldung, vor dem sich, im Hintergrund des Bildes befindlich, einige Touristen auf Sonnenliegen aufhalten. Eine große weiße Wolke ist am blauen Himmel ersichtlich. Die Gesamtkomposition des Bildes wirkt auf den ersten Blick harmonisch aufeinander abgestimmt. Als potenzielle Reisende halte ich ein Bild in der Hand, das mir laut Beschriftung einen ‘paradiesischen Urlaub’ in einem afrikanischen Land verspricht.
Zusammenfassung der Kapitel
Abflug ! -: Diese Einleitung führt in die Thematik der "verbildlichten Fremdheit" in Reisekatalogen ein und erläutert den phänomenologischen Ansatz der Arbeit.
I Eine Person, ein Strand ... in Sansibar –: Dieses Kapitel widmet sich der subjektiven Wahrnehmung von Fremdheit und analysiert ein erstes Fallbeispiel eines Katalogbildes, um die Komplexität der Fremdzuschreibung zu entfalten.
II Zur Methode –: Hier wird das methodische Vorgehen der seriell-ikonografischen Fotoanalyse vorgestellt, das auf die "Befremdung des Blicks" abzielt, um Vorannahmen kritisch zu hinterfragen.
III Ein ‘schwarzer’ Mann, der lacht; ein ‘wildes’ Tier, das brüllt –: Das Kapitel untersucht, wie durch touristische Inszenierungen von Mensch und Tier im Zusammenspiel eine "Exotik" konstruiert wird, die den touristischen Blick steuert.
IV Das ‘Tam Tam’ der Trommeln in Gambia –: Hier steht die Konstruktion kollektiver Fremdheit im Fokus, wobei insbesondere die binäre Opposition von "Zivilisation" und "Primitivität" analysiert wird.
V Sie haben es sich verdient! –: Das abschließende Kapitel analysiert die diskursive Macht des "exotischen Blicks" und arbeitet heraus, wie diese Machtverhältnisse im Tourismus moralisch legitimiert werden.
Schlüsselwörter
Fremdheit, Tourismus, Reisekataloge, Exotismus, Bildinterpretation, Phänomenologie, Machtgefälle, Konstruktion, Touristischer Blick, Kolonialismus, Identität, Wahrnehmung, Differenz, Distanz, Stereotype
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, wie "Fremdheit" in Reisekatalogen visuell und textlich für ein westliches Publikum konstruiert wird, um Reiselust zu erzeugen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der touristischen Konstruktion von Exotik, den damit verbundenen Machtverhältnissen und der kritischen Reflexion eurozentrischer Wahrnehmungsmuster.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzudecken, wie "Fremdheit" in der Werbung genutzt wird, um Urlaub als ein begehrenswertes, kontrollierbares und faszinierendes Produkt zu präsentieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt die seriell-ikonografische Fotoanalyse nach Pilarczyk und Mietzner, um Bilder tiefgehend zu deuten.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert konkrete Bildbeispiele aus Reisekatalogen und verknüpft diese mit theoretischen Konzepten, unter anderem von Bernhard Waldenfels und Stuart Hall.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Exotismus, Machtverhältnisse, Konstruktion von Fremdheit, kolonialer Blick und Identität.
Wie unterscheidet sich der im zweiten Bild analysierte Markthändler von der ersten Person?
Der Markthändler wirkt durch seine Kleidung und sein Lachen "westlich" angepasst, was eine gezielte, aber "kontrollierte" Interaktion im touristischen Raum suggeriert.
Was bedeutet die "Dosierung von Fremdheit" in diesem Kontext?
Damit ist die Strategie gemeint, das "Fremde" so zu präsentieren, dass es zwar faszinierend und exotisch wirkt, aber keine bedrohlichen Emotionen weckt, die den Urlaubsgenuss stören könnten.
- Quote paper
- Nicola Stratmann (Author), 2007, Verbildlichte Fremdheit. , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81169