Hexerei - Realität oder kollektiver Verfolgungswahn?


Hausarbeit, 2000

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1.0. Einleitung

2.0. Hexen, Magier und Volksmagie
2.1. Volksmagie
2.2. gelehrtes Magiertum
2.3. Verfolgung und Verleumdung Andersdenkender als historisches Phänomen

3.0. Modernes Hexenwesen am Beispiel Nigeria

4.0. Überlegungen zum Thema am Beispiel der Grafschaft Lippe in der Zeit zwischen 1580 und 1670

5.0. Schluss

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1.0. Einleitung

Kaum ein Thema aus dem Bereich von Mittelalter und früher Neuzeit erfreut sich eines solchen öffentlichen Interesses wie das der Hexenverfolgungen. Vergleichbar sind am ehesten die Kreuzzüge, deren Bekanntheitsgrad ähnlich hoch ist. Zumeist trifft man die althergebrachte Vorstellung von fanatischen katholischen Inquisitoren an, die im dunklen Mittelalter ihren pervertierten Vorstellungen freien Lauf lassen konnten und etwas verfolgten, dass ausschließlich in ihrer eigenen Phantasie existierte. Weitgehend unbekannt ist, dass die eigentliche große Verfolgungswelle in der schon der Aufklärung entgegeneilenden frühen Neuzeit stattfand, also zwischen etwa 1500 und 1700, stattfand und Protestanten ebenso wie Katholiken daran beteiligt waren. Die Prozesse wurden auch weitaus häufiger von weltlichen Instanzen und „normalen“ kirchlichen Amtsträgern geführt wurden als von Inquisitoren. Ebenfalls überwiegend unbekannt ist, dass seit jeher eine magische Volkskultur existierte, in der die Vorstellung von Zauberei und Hexen alles andere als widersinnig war. Dass heute nur noch die wenigsten Menschen in einer solchen Vorstellungswelt leben, ist ein absolut neues Phänomen der letzten ca. 200 Jahre, dass sich im übrigen noch nicht einmal weltweit durchgesetzt hat.1

Manche Menschen, die etwas besser informiert sind, haben sich zumeist eine bestimmte Deutung der Hexenproblematik zu eigen gemacht, die gut mit ihrer persönlichen Weltanschauung zusammenpasst: Für die einen ist es der Beweis, dass die christliche Religion intolerant und pervertiert ist und möglichst schnell von der Bildfläche verschwinden sollte. Für andere drückt sich in den Prozessen die gewaltsame Unterwerfung und Unterdrückung der Frauen aus, und wieder andere sehen in ihnen einen Vernichtungsfeldzug gegen eine an sich positive schamanisch/magisch geprägte uralte Kultur, mit dem Ziel die geistig-moralischen Grundlagen für eine hemmungslose Ausplünderung von Mensch und Natur zu schaffen.

All diese Sichtweisen verkennen, wie unklar und schwer zu fassen die ganze Materie in Wirklichkeit ist. Innerhalb der wissenschaftlichen Forschung ist es alles andere als geklärt, warum die große Hexenverfolgung wirklich stattgefunden hat. Neben den oben genannten Standpunkten, die natürlich auch innerhalb der „seriösen“ Forschung ihren Platz haben, gibt es z.B. Ansätze, die Schichtkonflikte, Agrarkrisen, oder Sozialdisziplinierung von oben wie von unten als Ausgangspunkt nehmen. Weitge­hend einig ist man sich jedoch, dass monokausale Erklärungsmuster sicher nicht ausreichend sind2.

Ich möchte die Diskussion innerhalb der Forschung hier nicht weiter ausführen, da das Thema dieser Arbeit, wenn überhaupt, nur indirekt mit der Frage nach den Ursa­chen der Hexenverfolgung zu tun hat.

Es geht hier vielmehr um die Frage, ob es Hexen real gegeben hat, und wenn ja, inwieweit sie dem Hexenbild ihrer Verfolger entsprachen. Das bedeutet nicht, dass ich mich mit dem Für und Wieder parapsychologischer Phänomene und magischer Fähigkeiten auseinander setzten will, auch wenn das unter Umständen eine gewisse Berechtigung hat. Mir persönlich ist es gleich, ob Hexerei in dem Sinne wirkte, wie man es sich damals vorstellte. Wichtig ist mir, ob es damals Menschen gab, die sich selbst als Hexen bzw. Hexer verstanden, und bewusst „schwarze“ Magie praktizierten. Daran anschließend interessiert mich, ob es darüber hinaus eine Art Organisationsstruktur dieser Leute gegeben hat, die der Verfolgervorstellung von Hexensabbat und heimlichen Zusammenkünften nahe kommt.

Meine Vorgehensweise wird dabei so aussehen, dass ich versuche, mich den oben gestellten Fragen aus verschiedenen Richtungen zu nähern: In Kapitel 2 werde ich aus verschiedener Literatur einiges zu den Themen Volksmagie, Magiertum und der Verfolgung Andersdenkender zusammentragen. In Kapitel 3 möchte ich anhand einer Arbeit von Johannes Harnischfeger3 am Beispiel Nigeria eine moderne Gesellschaft vorstellen, in der Hexerei nachweislich praktiziert und auch verfolgt wird. In Kapitel 4 schließlich werde ich mich mit den Hexenverfolgungen in der Grafschaft Lippe befassen, um zu sehen, ob sich meine Vermutungen an einem konkreten Beispiel bestätigen lassen. Ich stütze mich dabei auf die Arbeit von Rainer Walz4 und die darin enthaltenen Zusammenfassungen von Originalquellen.

2.0. Hexen, Magier und Volkmagie

Welche Quellen stehen uns zur Verfügung, wenn wir herausfinden wollen, ob es Hexen gab oder nicht? Der erste Schritt wird wohl sein, sich die Hexenprozesse selbst anzuschauen. Dort sind es vor allem die Geständnisse und Verhörprotokolle, die am meisten Informationen liefern. Was erfahren wir dort? Wir erfahren, dass sehr viele Frauen und Männer (Frauen waren in der absoluten Überzahl) Folgendes so oder so ähnlich gestanden haben: Sie haben Schadenszauber an Menschen ihrer Umgebung betrieben; sind, auf Besen oder Tieren durch die Luft reitend, zu kleineren oder größeren Zusammenkünften, den sog. Hexensabbaten, geflogen, haben dort Geschlechtsverkehr mit dem Teufel oder bestimmten Dämonen praktiziert, haben miteinander Orgien gefeiert, haben Menschenfleisch, vornehmlich das ungetaufter Neugeborener, verzehrt oder zur Anfertigung von magischen Tränken oder Fetischen verwendet, haben dem christlichen Glauben in jeder möglichen Form abgeschworen usw..5

Solche Dinge haben Menschen unter der Folter gestanden und sind dafür verbrannt, geköpft oder gehängt worden. Aus heutiger Sicht sind diese Geständnisse sicherlich nicht viel wert, weil sie unter der Folter abgegeben wurden. Sie geben uns, obwohl sie so detailliert sind, keinen Aufschluss darüber, ob es Hexen wirklich gegeben hat. Sie geben uns aber auch nicht die Gewissheit, dass keine/r der Angeklagten irgendetwas mit Zauberei in welcher Form auch immer zu tun hatte. Es bleibt immer noch möglich, dass zumindest ein Teil der Verurteilten tatsächlich in der Hinsicht „schuldig“ war, dass er „weiße“ oder „schwarze“ Magie betrieben hat und tatsächlich an nächtlichen Versammlungen teilgenommen hat, die vielleicht nicht so groß und grausig wie in der Vorstellung der Verfolger, aber eben doch existent waren.

Welche Quellen kämen noch in Betracht, um etwas mehr Klarheit in dieser Frage zu bekommen? Sinnvoll wären sicherlich Dokumente von Hexen für Hexen geschrieben, die uns Aufschluss über mögliche existierende magische Praktiken geben könnten. So etwas gibt es aber nicht. Zumindest nicht für die Art Hexe, um die es hier geht: Eine Frau, die eher der Unter- oder Mittelschicht angehört. Wenn es dort eine Weitergabe von Wissen gegeben hat, dann sicherlich ausschließlich in mündlicher Form. Geschriebene Zeugnisse existieren allerdings aus der Feder gebildeter Magier, die aber nicht mit dem Hexenwesen in Verbindung gebracht wurden.6 Ich werde auf diesen Punkt in Kap. 2.3 noch eingehen.

Wir sind also auf Äußerungen von nicht-Hexen über Hexen angewiesen, bei allen Glaubwürdigkeitsproblemen, die das mit einschließt. Diese Quellen gibt es, und sie geben uns ein Bild der volksmagischen Praktiken der damaligen Zeit. Problematisch ist dabei aber wieder, dass solche Praktiken wie z.B. Wahrsagen, Abwehrzauber, Mischen von als magisch betrachteten Elexieren oder Heilung von Mensch und Tier durch Segnen, von der Bevölkerung nicht unbedingt als teuflisch betrachtet und mit Hexerei gleichgesetzt wurden.7 Die verbriefte Existenz solcher „weißer“ Zauberer und Zauberinnen sagt uns daher nicht viel darüber ob es bösemeinende, „schwarze“ Vertreter dieser Zunft gab, die wenn, dann logischerweise im Verborgenen wirken mussten. Trotzdem erlaubt uns die Beschäftigung mit der Volksmagie einen wichtigen Einblick in die Vorstellungswelt der Menschen der damaligen Zeit und ermöglicht uns eventuell auch Aussagen über die Wahrscheinlichkeit des Vorhandenseins „schwarzer Künste“, weshalb ich in Kap. 2.1 noch einmal darauf zurückkommen werde.

Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist, sich mit anderen Verfolgungen auseinander zu setzen, in deren Verlauf ähnliche Beschuldigungen vorgebracht wurden, wie gegen Hexen. Darum wird es in Kap. 2.3 gehen.

2.1. Volksmagie

Wenn wir uns die Glaubens- und Vorstellungswelt des Mittelalters und der frühen Neuzeit auszumalen versuchen, dürfen wir auf keinen Fall den Fehler machen, unser heutiges Verständnis von Wirklichkeit und Wahrheit auf damals zu übertragen. Auch dürfen wir uns nicht an den Gelehrten und Philosophen orientieren, deren Schriften uns geläufig sind. Es geht vielmehr darum, in welchem Kosmos die breite Masse, die vornehmlich aus Bauern bestand, lebte und dachte.

Die Christianisierung war in Mitteleuropa nur oberflächlich vonstatten gegangen. Ähnlich wie fast tausend Jahre später in Amerika, wurden alte heidnische Götter schnell mit christlichen Heiligen verschmolzen, so dass ihre Verehrung auch im Schatten des Kreuzes nicht abriss. Genauso überlebte auch eine bestimmte Wahrnehmung der, die, die Natur als belebt und von Geistern und verschiedensten mystischen Wesen bewohnt annahm und von daher vom christlichen Monotheismus weit entfernt war. Daran scheint sich wohl auch bis in die Frühe Neuzeit, der Zeit der großen Hexenprozesse, nicht grundlegend etwas geändert zu haben.8

[...]


1 Vgl. H. C. Erik Midelfort, Alte Fragen und neue Methoden in der Geschichte des Hexenwahns, in: Sönke Lorenz/ Dieter R. Bauer (Hg.), Hexenverfolgung. Beiträge zur Forschung - unter besonderer Berücksichtigung des südwestdeutschen Raumes, Würzburg 1995, S. 18f. u. S. 26f. Gerd Schwerhoff, Vom Alltagsverdacht zur Massenverfolgung. Neuere deutsche Forschungen zum frühneuzeitlichen Hexenwesen, in: GWU 46, 1995, S. 363, 365 u. 367ff..

2 Vgl. Midelfort, S. 24ff.. Schwerhoff, S. 370-377.

3 Johannes Harnischfeger, Unverdienter Reichtum. Über Hexerei und Ritualmorde in Nigeria, in: Sociologus (1997).

4 Rainer Walz, Hexenglaube und magische Kommunikation im Dorf der frühen Neuzeit. Die Verfolgungen in der Grafschaft Lippe, Paderborn 1993.

5 Vgl. Schwerhoff, S. 360f..

6 Vgl. Norbert Cohn, Europe´s Inner Demons. An Enquiry Inspired by the Great Witch-Hunt, New York 1975, Kap. 9 u. 10..

7 Vgl. Wolfgang Behringer, Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der Frühen Neuzeit, München 1987, S. 88 u. 91. Cohn, S. 152f. u. S. 157.

8 Vgl. Behringer, S. 72f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Hexerei - Realität oder kollektiver Verfolgungswahn?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V81208
ISBN (eBook)
9783638801119
ISBN (Buch)
9783638803847
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hexerei, Realität, Verfolgungswahn
Arbeit zitieren
Mark Thumann (Autor), 2000, Hexerei - Realität oder kollektiver Verfolgungswahn?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81208

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