Individuum und Gesellschaft: Norbert Elias und Max Weber im Vergleich


Hausarbeit, 2007
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gesellschaftskonstruktionen im Vergleich
2.1 Norbert Elias: Gesellschaft als Zivilisation
2.1.1 Figuration und Prozess
2.1.2 Macht und Machtbalancen
2.2 Die handlungstheoretische Perspektive Max Webers
2.2.1 Soziales Handeln
2.2.2 Der Weg zur Theorie: Idealtypenkonstruktion Die Herrschaftssoziologie Max Webers

3 Zivilisierung und Individualisierung versus Rationalisierung
3.1 Max Webers Position
3.1.1 Gesellschaft der Organisation
3.1.2 Prozess der Differenzierung als Effekt der Rationalisierung
3.2 Norbert Elias’ Gesellschaft der Individuen

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis

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1 Einleitung

Gesellschaftsbegriffe sind bestimmte Vorstellungen von Gesellschaft, die sowohl einen normativen als auch einen empirischen Charakter besitzen können. Gerade in der Moderne trifft man verstärkt auf eine größere Pluralität von Gesellschaftsbegriffen, z.B. Risikogesellschaft, Konsumgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Multioptionsgesellschaft. Die Basis bilden dabei meistens die klassischen soziologischen Theorien über die Gesellschaft.

Soziologische Theorien befassen sich mit der gesellschaftlichen Ordnung, die sie über die Relativität sozialen Handelns durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu erklären oder aber aus dem individuellen Handeln zu rekonstruieren versuchen. Im Folgenden möchte ich zwei klassische Ansätze zu Gesellschaftskonstruktionen vorstellen und vergleichen.

Anhand der Zivilisations- und Prozesstheorie von Norbert Elias und dem soziologischen und nationalökonomischen Werk von Max Weber möchte ich den Beziehungskomplex von Individuum und Gesellschaft näher betrachten, um einen, wenn im Rahmen dieser Arbeit auch nur sehr begrenzt zu erarbeitenden Überblick über die in der Geschichte der Soziologie unterschiedlich erfassten konstitutiven Bedingungen und normativen Imperative für Individualität in der modernen Gesellschaft zu gewinnen. Zum einen repräsentieren die beiden Autoren unterschiedliche Epochen der deutschsprachigen Soziologiegeschichte.[1] Zum anderen beleuchten sie vor dem Hintergrund divergierender Theoriekonstruktionen auch ein konstitutives Problem der Soziologie: das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft.

Um dieses Verhältnis zu analysieren, möchte ich in dieser Arbeit drei Koordinaten überprüfen, die mir für die Position des Individuums innerhalb der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung zu sein scheinen: Die gesellschaftliche Entwicklung, das Menschenbild und die

Modi der gesellschaftlichen Integration.

Den Kern des Werkes von Elias stellt nichts weniger dar als die Konstruktion eines umfassenden Modells der Menschheitsentwicklung. Ein solch großes Ziel ist nur interdisziplinär und als Synthese bereits existierender Arbeiten erreichbar. Elias bezieht sich auf die Klassiker des Fachs.

In dieser Arbeit möchte ich nach Einflussbeziehungen und Entsprechungen, nach genetischen und systematischen „Wahlverwandtschaften“ und Oppositionen zu Max Weber fragen. Aufgrund der Komplexität des Werkes von Max Weber kann eine umfassende Darstellung an dieser Stelle nicht geleistet werden.[2] So beschränke ich mich in dieser Arbeit auf die Klärung der zentralen Grundbegriffe, der dominanten Untersuchungsbereiche und der benutzten Methoden, die für einen Vergleich der Gesellschaftskonzepte relevant sind. Durch die Definition der wichtigsten Begriffe wird der erste Teil meiner Arbeit damit gewissermaßen die Spielregeln des Vergleichs festlegen. Vor diesem Hintergrund kann der anschließende zweite Teil besser erkannt und bewertet werden. Hier steht nun das Thema im Mittelpunkt, bei dem der Unterschied zwischen Elias und Weber am größten ist: das zivilisierte Individuum.

Dabei gilt es zunächst, Webers Position und seine „idée directrice“[3] der Rationalität hinreichend zu erfassen, um im Anschluss die Konzepte von Individualisierung in einem vergleichenden Überblick zusammenführen zu können. Um den Perspektiven der Autoren gerecht zu werden, orientiert sich die Darstellung vor allem an den für ihr Gesellschaftskonzept relevanten Primärtexten.

Ziel dieser Arbeit ist ein gesellschaftstheoretischer und inhaltlicher Vergleich der beiden ausgewählten Konzepte der Kultursoziologie, nicht dagegen die Analyse der Thematisierung eines soziologischen Konzeptes als solches, etwa in einer wissenssoziologischen Perspektive.

Im letzten Teil möchte ich ein Resümee ziehen und einen abschließenden Überblick über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Gesellschaftskonzepte geben.

2 Gesellschaftskonstruktionen im Vergleich

2.1 Norbert Elias: Gesellschaft als Zivilisation

2.1.1 Figuration und Prozess

Norbert Elias, einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, entwickelt in seinem Hauptwerk „Über den Prozess der Zivilisation“[4] die Grundlinien der Prozess- und Figurationstheorie. Sie stellt eine allgemeine menschenwissenschaftliche Theorie dar, die zur Erklärung gesellschaftlicher Phänomene jeglicher Art angewendet werden kann und die die Realitätsadäquatheit der begrifflichen Instrumentarien und theoretischen Modelle überprüfen soll.

Dabei dient Elias der Begriff der Figuration dazu, „ein einfaches begriffliches Werkzeug zu schaffen, mit dessen Hilfe man den gesellschaftlichen Zwang, so zu sprechen und zu denken, als ob Individuum und Gesellschaft zwei verschiedene und überdies auch noch antagonistische Figuren seien, zu lockern“.[5] Elias versteht die Gesellschaft als Figuration, d.h. als interdependente Individuen oder Geflechte wechselseitig hergestellter Beziehungen und Kräftefelder mit unterschiedlich begründeten Ausrichtungen, Abhängigkeiten, Zwängen und Machtbalancen.[6] Der Gesellschaftsbegriff bei Elias ist der Oberbegriff für eine Menge ineinander verschachtelter Unterfigurationen. Gesellschaft bildet dabei die höchste Stufe an Integration und an organisierter Macht. Jedoch darf die Gesellschaft nicht ausgehend vom Individuum rein mechanisch konzipiert werden, als scheinbar klar abgegrenzte mechanische Einheiten.[7] Die Figurationen werden mit der wachsenden gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen untereinander immer komplexer.[8] Die Mitglieder einer Figuration sind durch viele solche gegenseitige Abhängigkeiten – sogenannter Interdependenzketten – aneinander gebunden.[9] Die Angewiesenheit der Mitmenschen kann bestimmt sein durch sozialstrukturelle Bedingungen wie Arbeitsteilung und Macht, durch Werte, Affekte, Triebstrukturen und durch räumliche Verbindungen.[10] Interdependenzbeziehungen fügen sich zu sich permanent bewegenden Interdependenzketten, welche wiederum die Figurationen, auch Verflechtungszusammenhänge genannt, ergeben. Figurationen verweisen also auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft.[11]

Interdependenzen geben dem Einzelnen die Ziele seines Handelns vor und gleichzeitig die entsprechenden Handlungsmöglichkeiten und –restriktionen. Die Figurationen, in die der Einzelne eingebunden ist, legen damit den Spielraum für seine individuellen Handlungsentscheidungen fest.[12] Figurationen sind soziale Prozessmodelle, die sich in langfristiger historischer Perspektive verändern.[13] Für Elias bestimmt diese fundamentale dynamische Verflechtungsordnung den Gang des geschichtlichen Wandels; „sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt.“[14]

Der Zivilisationsprozess ist kein von Menschen geplanter, sondern ein gesellschaftlicher Prozess, da er vom Menschen kommt. Er wird gesteuert von Wirkungszusammenhängen und folgt einem ungeplanten gesetzmäßigen Mechanismus.[15] Die Individuen können den Prozess zwar beschleunigen oder verlangsamen, aber nicht in seinem Verlauf verändern.[16]

Menschen erscheinen bei Elias als prinzipiell offene, interdependente Prozesse und durch die gesellschaftlichen Umstände formbare Wesen.[17] Sein Gesellschaftskonzept bezieht sich auf Menschen im Plural. Menschen als Individuen erachtet Elias als nicht überlebensfähig.[18] Hieran wird seine Distanzierung zum methodologischen Individualismus deutlich, zu dem u.a. Max Weber gerechnet werden kann. Weber reduziert alles Handeln auf das Handeln Einzelner.[19] Elias lehnt Makroeinheiten als handelnde Instanzen ab. Für ihn bildet das Handeln im Zusammenhang mit anderen das Analyseziel. Der Mensch tritt bei Elias als soziales Wesen in Erscheinung.

Neben der Auflösung der statischen Vorstellung von Individuum und Gesellschaft dienen die Verflechtungsmodelle gleichzeitig dazu, der wissenschaftlichen Reflexion bestimmte Probleme des gesellschaftlichen Lebens zugänglicher zu machen, die in allen menschlichen Beziehungen eine zentrale Rolle spielen. Dazu gehört vor allem das Problem der Macht.[20]

2.1.2 Macht und Machtbalancen

Der Zivilisationsprozess stellt langfristige Veränderungen im Verhalten einzelner Menschen und der gesellschaftlichen Figurationen dar. Der Antrieb dafür entsteht aus der Konkurrenz interdependenter Menschen um Macht und der damit verbundenen Angst vor einem Prestigeverlust[21]. Wenn Menschen ihr Handeln nicht selbst bestimmen können, sondern von anderen Menschen abhängig sind, spricht man vom Phänomen Macht. Macht stellt ein Schlüsselkonzept bei der Analyse von Figurationen dar, die ja als Geflechte von wechselseitigen Abhängigkeiten definiert sind. Elias betrachtet Macht als ein integrales Merkmal menschlicher Beziehungsprozesse.[22]

[...]


[1] Max Weber als einer der Klassiker der Anfänge der Soziologie als Wissenschaft lebte von 1864 bis 1920; Norbert Elias lebte von 1897 bis 1990.

[2] „Sich auf das Werk Max Webers einzulassen ist ein Wagnis.“ Hennis, W.: Max Webers Fragestellung. Studien zur Biographie des Werks, Mohr Verlag, Tübingen, 1987, S. 3.

[3] Siehe hierzu: Hennis, W.: Max Webers Fragestellung, S. 7.

[4] Im Mittelpunkt steht der Zivilisation- und Staatsbildungsprozess in Mitteleuropa vom 9. bis zum 19. Jahrhundert. Dieser Übergangsprozess ist gekennzeichnet durch zwei Schritte: dem Wandel der Figurationsstrukturen und dem Wandel individueller Strukturen. Siehe hierzu: Elias, N.: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band, Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997, S. 12.

[5] Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 141.

[6] Ebd., S. 143.

[7] Ich, Familie, Schule, Industrie, Staat. Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 10.

[8] Aufgrund ihrer vielfältigen Parallelität stellen Figurationen labile Machtbalancen dar. Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 12.

[9] Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 144.

[10] Daraus ergibt sich das Mehrebenenmodell der Interdependenzbeziehungen. Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 146 – 159.

[11] Siehe hierzu: Elias, N.: Die Gesellschaft der Individuen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1987, S. 34.

[12] Ebd., S. 55. Der Begriff Figuration dient als eine Art „Antithese“ zum Systembegriff, um die aktive Rolle der Person zu unterstreichen. Von Elias initiiert, wird die Meinung vertreten, dass die Verwendung des Systembegriffs die konstruktive Rolle der Person in der Gestaltung des Sozialen ausschalten würde. Im Gegensatz zu Regeln oder Normen sollen hier interpersonelle Wechselwirkungsstrukturen zum Ausdruck gebracht werden, die aber nicht nur Interaktions-, sondern auch gesellschaftliche Zusammenhänge in ihren weitläufigen Verkettungen zu erklären hätten. Siehe hierzu: Kuzmics, H. / Mörth, I. (Hrsg): Der unendliche Prozess der Zivilisation. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Norbert Elias, Campus Verlag, Frankfurt am Main; New York, 1991, S. 82.

[13] Nur über Prozessmodelle ist zu klären, wie und warum sich etwas zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt darstellt.

[14] Elias, N.: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band, Wandlungen der Gesellschaft, Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1999, S. 325.

[15] Ebd., S. 327.

[16] Ebd.

[17] Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 127.

[18] Ebd., S. 131.

[19] Siehe hierzu: Weber, M.: Wirtschaft und Gesellschaft 1, S. 6.

[20] Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 96.

[21] Ebd., S. 97.

[22] Ebd., S. 96.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Individuum und Gesellschaft: Norbert Elias und Max Weber im Vergleich
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Klassiker der Kultursoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V81239
ISBN (eBook)
9783638851329
ISBN (Buch)
9783640858361
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Individuum, Gesellschaft, Norbert, Elias, Weber, Vergleich
Arbeit zitieren
Caterina Herold (Autor), 2007, Individuum und Gesellschaft: Norbert Elias und Max Weber im Vergleich , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81239

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