Ökonomie und Kybernetik natürlicher Sprachen im Vergleich zu traditionellen Vorstellungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

16 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Begriffe „Sprachökonomie“ und „Kybernetik“
1.1. Sprachökonomie
1.2. Kybernetik

2. Die traditionellen Theorien zum Thema Lautwandel und Sprachökonomie
2.1. Martinets Ökonomieprinzip
2.2. Zipfs Prinzip der geringsten Anstrengung
2.3. Passys Erklärung für Lautwandel
2.4. Zipfs Prinzip der relativen Häufigkeit
2.5. Das „Zipfsche Gesetz“ und die natürliche quantitative Begrenzung des Phoneminventars
2.6. Sicherheitszonen und „Lücken im System“

3. Kritik an den traditionellen Theorien
3.1. Ist die Sprache ein kybernetisches System?
3.2. Lautwandel durch Streben nach Ökonomie?
3.3. Kritik am Zipfschen Gesetz und der Theorie der natürlichen Phonembegrenzung
3.4. Kritik an Martinets „Reparaturtheorie“
3.5. Ökonomie auf morphosyntaktischer Ebene
3.6. Ökonomie auf syntaktischer Ebene

Schlusswort

Literaturhinweise

Einleitung

In traditionellen Vorstellungen geht man davon aus, dass Ökonomie und Kybernetik Sprache beeinflussen bzw. dass Sprachentwicklung, insbesondere Lautwandel, nicht zufällig stattfindet, sondern in hohem Maße ein Resultat aus dem Streben nach Ökonomie ist.

Veränderungen in einer Sprache ließen sich nach dieser Auffassung also mit den Begriffen Ökonomie und Kybernetik erklären. Inwiefern Ökonomie und Kybernetik tatsächlich dafür verantwortlich zu machen sind, in welche Richtung sich Sprache entwickelt, soll in dieser Arbeit geklärt werden. Teil der Arbeit wird es auch sein, den Zusammenhang zwischen den beiden Termini Ökonomie und Kybernetik herzustellen. Es bietet sich an, hierfür zunächst die Merkmale und Definitionen beider Begriffe zu beschreiben.

1. Die Begriffe „Sprachökonomie“ und „Kybernetik“

1.1. Sprachökonomie

„[Sprachökonomie ist] Ursache bzw. Anlass für die Tendenz, mit einem Minimum an sprachlichem Aufwand ein Maximum an sprachlicher Effektivität zu erzielen. Dieses Ziel lässt sich durch verschiedene Maßnahmen anstreben, z.B. Vereinfachung und Kürzung (Zauberin statt Zaubererin), Verwendung von Abkürzungen, Systematisierung und Vereinheitlichung von Flexionsformen oder analogischer Ausgleich zwischen verwandten Formen.“[1]

Diese Definition verleitet meiner Meinung nach zu glauben, dass Sprachökonomie bewusst angewandt wird, um die Sprache in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dass dies aber nur in Ausnahmefällen der Fall ist (z.B. bei Abkürzungen), wird im Folgenden der Arbeit noch erläutert werden.

Meines Erachtens fehlt in Bußmanns Definition von Sprachökonomie auch der Bezug zum Sprachwandel. Dass aber grundsätzlich ein Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen gesehen wird, zeigt folgende Definition von Sprachwandel:

„Die Ursachen für Sprachwandel werden [] überwiegend in sprachinternen oder –externen Bedingungen gesucht. Interne Bedingungen für Sprachwandel sind im Allgemeinen durch Ökonomie, d.h. Tendenzen der Vereinfachung des Sprachsystems bzw. seines Gebrauchs motiviert.“[2]

Die Theorien von Martinet, Zipf und Passy, auf die später näher eingegangen wird, werden ebenfalls den – vermeintlichen – Zusammenhang deutlich machen.

1.2. Kybernetik

Der Begriff „Kybernetik“ findet Anwendung in verschiedenen Wissenschaften. Ernst von Glasersfeld beschreibt Kybernetik als „ein metadisziplinäres (das heißt übergeordnetes) Gebiet, kein interdisziplinäres, da sie Begriffe und Begriffsmuster entwickelt und klärt, die neue Erkenntniswege in einer Vielfalt von Erfahrungsbereichen eröffnen“[3].

Bezogen auf die Sprachwissenschaft gibt es verschiedene kybernetische Sprachmodelle, die sich hauptsächlich mit Kommunikations- und Lernprozessen[4] beschäftigen und für diese Arbeit eher wenig relevant sind. Interessant hingegen ist Glasersfelds folgender Erklärungsansatz, da er sich gut mit der Theorie in Verbindung bringen lässt, Sprachwandel sei ein Produkt aus dem Streben nach Ökonomie:

"Eines der Grundprinzipien der Kybernetik ist, dass Änderungen nicht kausal, sondern durch den Begriff der Einschränkung erklärt werden, im Sinne von Widerständen oder Störungen, denen dauernd ausgewichen wird. [] Da ist vor allem die Einsicht, dass Organismen, gleichgültig ob es sich um künstliche oder natürliche handelt, auf Perturbationen im eigenen System reagieren und dass sie [] das Neutralisieren dieser Perturbationen lernen []. Auf uns und unser Wissen bezogen bedeutet das, dass wir [] lernen können, Störungen und Unstimmigkeiten in unserem eigenen System zu neutralisieren oder zu verhindern []."[5]

Das Grundprinzip der Kybernetik ist demnach dasselbe wie das der Sprachökonomie: Störungen oder unökonomische Entwicklungen in der Sprache werden verhindert oder es wird ihnen entgegengesteuert, um die Sprache ökonomisch zu erhalten oder sie ökonomischer zu gestalten. Während Sprachökonomie aber eher den (angestrebten) Zustand beschreibt, meint Kybernetik meiner Auffassung nach mehr den Weg dorthin, also den Weg zu einer ökonomisch(er)en Sprache als Ziel.

2. Die traditionellen Theorien zum Thema Lautwandel und Sprachökonomie

2.1. Martinets Ökonomieprinzip

Laut Martinet ist der Mensch geneigt, „seine geistige und physische Aktivität auf ein Minimum zu beschränken.“[6] Er geht davon aus, dass die Entwicklung der Sprache „bestimmt [sei] von dem stets vorhandenen Widerspruch zwischen den kommunikativen und expressiven Bedürfnissen des Menschen einerseits“[7] und seiner Trägheit andererseits.

Das Streben nach möglichst geringer Anstrengung des Menschen, also seiner Trägheit, ist Martinets Ausführungen zufolge ausschlaggebend für die Sprachentwicklung. Es entstehe dadurch in der Sprache ein (sich immer wieder veränderndes) Gleichgewicht:

„Eine nichtökonomische Erweiterung ist eine Erweiterung, für die mehr Kraftaufwand nötig ist, als es von der Sprachgemeinschaft für erforderlich erachtet wird. Einer solchen Erweiterung wird also Einhalt geboten. Wenn die Trägheit zu groß wird, d.h., wenn sie den berechtigten Interessen der Gemeinschaft abträglich ist, wird sie streng unterdrückt.“[8]

2.2. Zipfs Prinzip der geringsten Anstrengung

Zipf beschreibt die eben erwähnte Trägheit des Sprechers mit dem principle of least effort: dem Prinzip der geringsten Anstrengung, welches besagt, „dass ein handelndes Subjekt oder eine Gruppe von Subjekten sich seine Umgebung so organisiert, dass die zum Handeln erforderliche Energie „im Ganzen“ minimiert wird.“[9]

[...]


[1] Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft; S. 627 (dieser und alle folgenden detaillierten Quellennachweise s. S. 16).

[2] Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft; S. 639

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Kybernetik; 13.01.2006.

[4] vgl. hierzu: Zabrocki, Ludwik: Kybernetische Modelle der sprachlichen Kommunikation.

[5] http://ezwi1.uibk.ac.at/konstrukt/cache/radkon.html; 08.11.05.

[6] Martinet, André: Sprachökonomie und Lautwandel; S. 85.

[7] Martinet, André: Sprachökonomie und Lautwandel; S. 85.

[8] Martinet, André: Sprachökonomie und Lautwandel; S. 85.

[9] http://ubt.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2004/279 (PDF 9); 16.01.06.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ökonomie und Kybernetik natürlicher Sprachen im Vergleich zu traditionellen Vorstellungen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Kritik an der linguistischen Terminologie"
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V81276
ISBN (eBook)
9783638835459
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kybernetik, Sprachen, Vergleich, Vorstellungen, Hauptseminar, Kritik, Terminologie
Arbeit zitieren
Stefanie Rustler (Autor), 2006, Ökonomie und Kybernetik natürlicher Sprachen im Vergleich zu traditionellen Vorstellungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81276

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