Literatur und Psychoanalyse

Thomas Manns Mario und der Zauberer aus der Sicht der Massenpsychologie Sigmund Freuds


Hausarbeit, 2006

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Thomas Mann und die Psychoanalyse

2. Siegmund Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse
2.1 Die Ich- Analyse: Libido und sexuelle Neutralisation
2.2 Der Urvater und die Urhorde: Ich- Ideal- Konflikt und archaische Erbschaft
2.3 Lustvolle Regression in der entsexualisierten Masse

3. Thomas Manns Mario und der Zauberer aus der Sicht der Massenpsychologie Sigmund Freuds
3.1 Der deplazierte Körper
3.2 Cipollas Zaubervorstellung als massenpsychologisches Szenarium
3.2.1 Cipolla, das Charakterbild eines Führers
3.2.2 Das Publikum als psychologische Masse

4. Mario und der Zauberer: Wechselbilder der Geschlechter und die Erfüllung des heroischen Mythos

5. Fazit

Literaturverzeichnis

„Längst spielt die Psychoanalyse in die Dichtung unseres ganzen Kulturkreises hinein, hat auf sie abgefärbt und wird sie möglicherweise in steigendem Grade beeinflussen.“

Thomas Mann, Mein Verhältnis zur Psychoanalyse (1925)

Einleitung

Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis., 1930 erschienen, wurde sowohl in Deutschland als auch Italien mehrfach aus politischer Sicht rezipiert. Besonders in Italien sorgte die Erzählung für Aufruhr und wurde von Mussolini und seinen Fasci di Combattimento auf den Index gesetzt. Trotz aller Erklärungen von Thomas Mann selbst und seiner Bitte die Novelle nicht als politische Satire auf Mussolini oder als Kritik am italienischen Volk zu verstehen, wurde die Novelle sowohl zur Zeit ihres Erscheinens als auch nach dem zweiten Weltkrieg mehrfach politisch interpretiert. “Ich will nicht leugnen, dass kleine politische Glanzlichter und Anspielungen aktueller Art darin angebracht sind, aber das Politische ist ein weiter Begriff, der ohne scharfe Grenze ins Problem und Gebiet des Ethischen übergeht, und ich möchte die Bedeutung der kleinen Geschichte, vom Künstlerischen abgesehen, doch lieber im Ethischen als im Politischen sehen.”[1] Dies schrieb Thomas Mann in einem Brief an Bedrich Fucík im Jahr 1932. Fünfzehn Jahre später, nach Ende des zweiten Weltkriegs, äußerte er sich wie folgt zu seiner Novelle: “Als ich sie schrieb, glaubte ich nicht, dass Cipolla in Deutschland möglich sei. Es war eine patriotische Überschätzung meiner Nation. […] Im Grunde war die Novelle wohl eine erste Kampfhandlung gegen das, was damals schon die europäische Gesamtatmosphäre erfüllte und durch den Krieg nicht restlos aus ihr vertrieben worden ist.”[2] Somit war Thomas Mann selbst in Anbetracht der historischen Hintergründe nicht ganz sicher über die Bedeutung und Absichten seiner kurzen Erzählung. Wohl deshalb wurde es auch für Rezipienten der Nachkriegszeit besonders einfach die Novelle aus verschiedenen Bereichen der Gesellschafts- und Geisteswissenschaften zu betrachten. Mein Augenmerk richtet sich dabei besonders auf das Kapitel Thomas Manns Mario und der Zauberer aus massenpsychologischer Sicht aus einer Studie von Bernd Widdig, der in seinem Buch Männerbünde und Massen- zur Krise männlicher Identität in der Literatur der Moderne einschlägig die Novelle aus dem Aspekt der Massenpsychologie Freuds heraus untersucht. Die folgende Arbeit wird sich ebenfalls diesem Themenschwerpunkt widmen, wobei ich bereits hier betonen muss, dass zwar Bernd Widdigs Studie dabei ein Leitfaden für mich war und ich meine Thesen und Belege oft an seinen Aussagen stärke, ich allerdings nicht seine Meinung zu diesem Thema übernommen habe.

1. Thomas Mann und die Psychoanalyse

In seinem Aufsatz Mein Verhältnis zur Psychoanalyse von 1925 erklärt Thomas Mann die Wichtigkeit der Psychoanalyse, “[…] diesem merkwürdigen Gewächs wissenschaftlich- zivilisatorischen Geistes […]”[1], für sein literarisches Werk. Bereits früh beschäftigte er sich mit den Vorreitern der Analyse des menschlichen Wesens und wurde besonders von der Philosophie Schopenhauers und Nietzsches beeinflusst. Bevor Thomas Mann mit den Schriften von Freud oder Jung in Berührung kam, hatte er “längst im Sinne der Tiefenpsychologie denken gelernt”[2] und jene psychoanalytischen Erkenntnisse als Motive in seinem Werk verwendet. Die Literaturwissenschaft setzt sich seit vielen Jahrzehnten mit dem Zeitpunkt des direkten Einflusses von Freuds Schriften in seinem Werk auseinander und kommt zu dem Schluss, dass er sich bereits 1911, während der Arbeiten am Tod in Venedig, seine Lehren aneignete. Das Kapitel “Analyse” im Zauberberg, das erotische Motiv in Der Tod in Venedig oder die Anwendung des massenpsychologischen Konzepts von Freud in Mario und der Zauberer, sind nur die gröbsten Belege für seine intensive Auseinandersetzung mit der Tiefenpsychologie und insbesondere mit dem Werk Freuds. Wobei Thomas Mann in seiner Rede Freud und die Zukunft (1936) betont, dass sein Interesse für die Psychoanalyse durch anschauliche Interpretationen seiner Werke von ihren Vertretern entstanden ist: “Durch das freundliche Interesse, das sie durch einzelne ihrer Jünger und Vertreter immer wieder […] meiner Arbeit erwies, machte mir […] die “vorbewußten” Sympathien bewusst.”[3] Diese Sympathien bekundet Thomas Mann nicht nur in seiner Literatur sondern auch in zahlreichen Reden und Briefen an Sigmund Freud selbst. Aus einer literarischen Rezeption wissenschaftlicher Erkenntnisse wird Freud für Thomas Mann “zur Ordnungsfigur, die Psychoanalyse zu einem Ordnungssystem“,[4] durch welches er sein Werk als Künstler, seine Erfahrungen, seine Zeit und somit auch sich selbst besser begreifen konnte

2. Siegmund Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse

In seiner Studie Massenpsychologie und Ich- Analyse geht Freud zunächst detailliert auf die Aussagen von Gustave Le Bon ein, der in seinem Buch Psychologie der Massen etwas einseitig und bildhaft die Merkmale einer Masse, ihre Entstehung, die Gefahren, die sie birgt konstruiert und Strategien zu ihrer Beeinflussung anbietet.

Für Freud war das Buch trotz seines populärwissenschaftlichen Inhalts eine ergiebige Bezugsquelle, auf die er seine Thesen durch Kritik aufbauen konnte[5]. Er beschäftigt sich ausschließlich mit “organisierten” Massen, die eine Hierarchie besitzen und somit ein Masse- Führer- Modell entsteht, was wichtig für seinen Erklärungsansatz ist. Als Beispiele verwendet er hierzu das Heer und die Kirche.[6]

Freud weicht bereits zu Beginn seiner Studie stark von Le Bon ab und begründet die Charakteristika einer Masse nicht in einer “Rassenseele”[7], wie es Le Bon tut, sondern beim Massen- Individuum. Dies spielt für Freud die wichtigste Rolle im Prozess der Massenbildung und - erhaltung. Im Individuum innerhalb einer Masse sieht er ebenfalls den Schlüssel eine Masse in produktive Verhaltensweisen zu lenken und ihre Gewalttätigkeit und Spontaneität zu bändigen.

2.1 Die Ich- Analyse: Libido und sexuelle Neutralisation

Seine Theorien belegt Freud mit einer ausführlichen Untersuchung des Ichs, denn darin liegt für ihn die Erklärung des Phänomens der Masse und ihrer Merkmale. Dazu stellt er die Frage: Was hält eine Masse zusammen?

Als Erklärung verwendet Freud die Libido[8] eines jeden Menschen. Unter den Massenmitgliedern und der Masse und dem Führer entstehen so genannte libidinöse Bindungen[9]. Für das Individuum in der Masse bedeutet dies, dass es seinen eigenen Narzissmus ablegt und sich mit den anderen Mitgliedern der Masse identifiziert. Es entsteht eine Gleichstellung aller Massenmitglieder, weil sie alle an ein und dasselbe Liebesobjekt libidinös gebunden sind, wobei diese Bindungen nicht sexueller Art sind wie die zwischen Mann und Frau, sondern eine “entsexualisierte“, bei der die Masse zu einem sexuellen Neutrum und der Führer das sexuelle Ideal wird, nach welchem sich die Masse richtet. Nun sei geklärt, was die Masse zusammenhält, doch weshalb wird der Führer zum “Objekt der Liebe und Verehrung”[10] ?

2.2 Der Urvater und die Urhorde: Ich- Ideal- Konflikt und archaische Erbschaft

Eine Begründung findet sich im Erklärungsmodell des Urvaters und der Urhorde. Für die Urhorde ist der Urvater das Ideal, welches den Platz des Ich- Ideals einnimmt. Im Über- Ich ist das Ich- Ideal angesiedelt, welches durch Regeln, Gesetze und Verbote, also durch Verzicht und Einschränkung des Ichs, von ihm nicht erreicht werden kann oder nur insofern wie es nicht die Regeln, Gesetze und Verbote, die ihm auferlegt werden, bricht. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen dem Ich- Ideal, also dem Über- Ich und dem Ich. Wird diese Spannung verstärkt wird ein “Durchbruch der Verbote”[11] notwendig. Da dieser Konflikt stets besteht und sich die Verstärkung jener Spannungen wiederholt, wird ebenso periodisch nach solch einem Durchbruch verlangt. Freud sieht darin die Erklärung für die “Institution der Feste”[12], weil man bei einem Fest alle auferlegten Zwänge durchbrechen darf, eine regressive Lust auslebt und somit die Spannung zwischen Ich und Über- Ich nachlässt.

Wenn sich ein Individuum in einer Masse befindet kann dies einer Teilnahme an einem Fest gleichkommen, denn innerhalb einer Masse kann diese regressive Lust, durch das Begehren und die Hingabe zu einem Objekt, ausgelebt werden, wobei das autonome Über- Ich schwindet und das Unbewusste in der Psyche des Einzelnen verstärkt hervortritt. Dabei löst sich jedes Mitglied der Masse von seiner Geschlechtlichkeit und nimmt die Stelle des “Sohnes” ein, der dem Urvater, welcher mit hypnotischen Kräften ausgestattet ist, gehorcht, aufgrund der “archaischen Erbschaft”[13].

[...]


[1] Erläuterungen und Dokumente, Thomas Mann, Mario und der Zauberer, Hg.v. Karl Pörnbacher, Stuttgart: Reclam, 1980, S. 41 f.

[2] Ebd.,

[1] Thomas Mann, Mein Verhältnis zur Psychoanalyse In: Thomas Mann- Freud und die Psychoanalyse- Reden, Briefe, Notizen, Betrachtungen, Hg. von Bernd Urban, Frankfurt am Main: Fischer,1991 (im Folgenden: Thomas Mann in Freud und die Psychoanalyse),

[2] Manfred Dierks, Thomas Mann und die Tiefenpsychologie In: Thomas- Mann- Handbuch, Hg. von Helmut Koopmann, Stuttgart: Kröner, 1990,

[3] Thomas Mann, Freud und die Zukunft In: Thomas Mann in Freud und die Psychoanalyse,

[4] Bernd Urban, Einleitung In: Ebd.,

[5] vgl. Bernd Widdig, Männerbünde und Massen- zur Krise männlicher Identität in der Literatur der Moderne, Hrg.v. Bernd Widdig, Opladen: Westdt. Verlag, 1992, (Im Folgenden: Widdig) S. 104 ff.

[6] vgl. Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich- Analyse In: Gesammelte Werke XIII, Hrg.v.Anna Freud u.a., Frankfurt am Main: Fischer, 1999 (im Folgenden: Freud, Massenpsychologie und Ich- Analyse),

[7] vgl. Ebd.:

[8] s. Ebd.:

[9] vgl. Ebd.,

[10] Widdig, S.118

[11] Freud, Massenpsychologie und Ich- Analyse,

[12] Ebd.,

[13] Ebd.,

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Literatur und Psychoanalyse
Untertitel
Thomas Manns Mario und der Zauberer aus der Sicht der Massenpsychologie Sigmund Freuds
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literatur und Psychoanalyse
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V81335
ISBN (eBook)
9783638851565
ISBN (Buch)
9783638850926
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Psychoanalyse, Literatur, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Deniz Tavli (Autor), 2006, Literatur und Psychoanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81335

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