Einleitung
Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis., 1930 erschienen, wurde sowohl in Deutschland als auch Italien mehrfach aus politischer Sicht rezipiert. Besonders in Italien sorgte die Erzählung für Aufruhr und wurde von Mussolini und seinen Fasci di Combattimento auf den Index gesetzt. Trotz aller Erklärungen von Thomas Mann selbst und seiner Bitte die Novelle nicht als politische Satire auf Mussolini oder als Kritik am italienischen Volk zu verstehen, wurde die Novelle sowohl zur Zeit ihres Erscheinens als auch nach dem zweiten Weltkrieg mehrfach politisch interpretiert. “Ich will nicht leugnen, dass kleine politische Glanzlichter und Anspielungen aktueller Art darin angebracht sind, aber das Politische ist ein weiter Begriff, der ohne scharfe Grenze ins Problem und Gebiet des Ethischen übergeht, und ich möchte die Bedeutung der kleinen Geschichte, vom Künstlerischen abgesehen, doch lieber im Ethischen als im Politischen sehen.”# Dies schrieb Thomas Mann in einem Brief an Bedrich Fucík im Jahr 1932. Fünfzehn Jahre später, nach Ende des zweiten Weltkriegs, äußerte er sich wie folgt zu seiner Novelle: “Als ich sie schrieb, glaubte ich nicht, dass Cipolla in Deutschland möglich sei. Es war eine patriotische Überschätzung meiner Nation. […] Im Grunde war die Novelle wohl eine erste Kampfhandlung gegen das, was damals schon die europäische Gesamtatmosphäre erfüllte und durch den Krieg nicht restlos aus ihr vertrieben worden ist.”# Somit war Thomas Mann selbst in Anbetracht der historischen Hintergründe nicht ganz sicher über die Bedeutung und Absichten seiner kurzen Erzählung. Wohl deshalb wurde es auch für Rezipienten der Nachkriegszeit besonders einfach die Novelle aus verschiedenen Bereichen der Gesellschafts- und Geisteswissenschaften zu betrachten. Mein Augenmerk richtet sich dabei besonders auf das Kapitel Thomas Manns Mario und der Zauberer aus massenpsychologischer Sicht aus einer Studie von Bernd Widdig, der in seinem Buch Männerbünde und Massen- zur Krise männlicher Identität in der Literatur der Moderne einschlägig die Novelle aus dem Aspekt der Massenpsychologie Freuds heraus untersucht. Die folgende Arbeit wird sich ebenfalls diesem Themenschwerpunkt widmen, wobei ich bereits hier betonen muss, dass zwar Bernd Widdigs Studie dabei ein Leitfaden für mich war und ich meine Thesen und Belege oft an seinen Aussagen stärke, ich allerdings nicht seine Meinung zu diesem
Thema übernommen habe.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Thomas Mann und die Psychoanalyse
2. Siegmund Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse
2.1 Die Ich- Analyse: Libido und sexuelle Neutralisation
2.2 Der Urvater und die Urhorde: Ich- Ideal- Konflikt und archaische Erbschaft
2.3 Lustvolle Regression in der entsexualisierten Masse
3. Thomas Manns Mario und der Zauberer aus der Sicht der Massenpsychologie Sigmund Freuds
3.1 Der deplazierte Körper
3.2 Cipollas Zaubervorstellung als massenpsychologisches Szenarium
3.2.1 Cipolla, das Charakterbild eines Führers
3.2.2 Das Publikum als psychologische Masse
4. Mario und der Zauberer: Wechselbilder der Geschlechter und die Erfüllung des heroischen Mythos
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer unter Rückgriff auf Sigmund Freuds massenpsychologische Konzepte. Dabei wird analysiert, wie Machtstrukturen, Entindividualisierung und Regression das Verhältnis zwischen einem charismatischen Führer und seinem Publikum in der Erzählung prägen und literarisch verarbeitet werden.
- Massenpsychologische Deutung nach Sigmund Freud
- Kritische Analyse von Macht, Willensentziehung und Hypnose
- Deplatzierung und Körperlichkeit als Ausdruck sozialer Krisen
- Zusammenhang zwischen männlicher Identität und autoritärer Führung
- Die Rolle des "Heros" und des heroischen Mythos im Kontext der Novelle
Auszug aus dem Buch
3.1 Der deplazierte Körper
Torre di Venere wird als überfüllter und kommerzialisierter Badeort bezeichnet, als Ort des Massentourismus. Bereits in dieser Beschreibung ist das Motiv der Masse im negativen Sinn enthalten. Der Erzähler unterteilt diese Masse an Badegästen sorgfältig in “Italiener” und “Fremde” und bezeichnet sie als “menschliche Mediokrität und bürgerliches Kroppzeug”. Es ist auffällig, dass er stets das italienische Volk unter den Urlaubern mit negativen Eigenschaften ausstattet, wohl um seinen Ärger über die aufwühlenden Ereignisse zu rechtfertigen. Auch wenn diese vom Erzähler selbst mehrfach als Kleinigkeiten abgetan werden, muss man ihnen mehr Bedeutung beimessen und sie aus psychoanalytischer Sicht untersuchen.
Bernd Widdig führt diese Untersuchung unter dem Aspekt der Platzierung bzw. Deplatzierung von Körpern und wie der Körper zum Objekt von Macht und Ohnmacht wird. Als erstes Beispiel nennt Widdig das Ereignis beim Abendessen im Grand Hotel, wo die Familie nicht auf der Glasveranda dinieren darf, da dieser Platz nur für die “Kundschaft” reserviert sei. Die Tische auf der Veranda sind nicht nur aufgrund ihre Meeresausblicks so begehrt, sondern weil sie auch kennzeichnend für einen privilegierten sozialen Stand der Tischgäste sind. Für die deutsche Familie stellt diese Umplatzierung an einen Tisch im Speisesaal eine Beleidigung ihres großbürgerlichen Selbstverständnisses dar. Dennoch befolgt die Familie die Bitte und setzt sich von der Veranda weg an einen weniger erstrebenswerten Tisch im Speisesaal. Widdig vergleicht die Körper der Hotelgäste mit Schachfiguren, die einen gewissen Wert besitzen. “Der Erzähler muss dabei einsehen, dass seine eigene Figur in diesem Spiel weniger wert ist, als er selbst annimmt.”
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Novelle im historischen Kontext und Darlegung der massenpsychologischen Fragestellung unter Berücksichtigung von Bernd Widdigs Studie.
1. Thomas Mann und die Psychoanalyse: Untersuchung des Einflusses der Psychoanalyse auf das literarische Werk von Thomas Mann.
2. Siegmund Freud: Massenpsychologie und Ich- Analyse: Theoretische Grundlagen zu Massenbildung, Libido und der psychologischen Rolle des Führers.
3. Thomas Manns Mario und der Zauberer aus der Sicht der Massenpsychologie Sigmund Freuds: Anwendung der theoretischen Konzepte auf das spezifische literarische Werk.
4. Mario und der Zauberer: Wechselbilder der Geschlechter und die Erfüllung des heroischen Mythos: Analyse der finalen Szene und der Geschlechterrollen im Kontext der Unterwerfung.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über den Einfluss Freuds auf die Novelle.
Schlüsselwörter
Mario und der Zauberer, Thomas Mann, Sigmund Freud, Massenpsychologie, Psychoanalyse, Hypnose, Autorität, Regression, Identität, Machtverhältnisse, Führung, Individuum, Deplatzierung, Körperlichkeit, Faschismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer durch die Linse der Massenpsychologie von Sigmund Freud.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Massenbildung, die Dynamik zwischen Führer und Masse, der Verlust der individuellen Autonomie sowie die Krise der männlichen Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Thomas Mann psychoanalytische Erkenntnisse Freuds literarisch verarbeitet, um Machtstrukturen und den Einfluss totalitärer Tendenzen darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturinterpretation, die primär psychoanalytische Theorien Freuds als hermeneutischen Schlüssel für die Analyse der Handlung und Charaktere in der Novelle nutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Freuds Massenpsychologie und eine detaillierte Übertragung dieser Theorien auf die Romanhandlung, insbesondere auf Cipollas Auftritt und die Interaktion mit dem Publikum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Neben den Hauptfiguren Mario und Cipolla sind dies Begriffe wie Libido, Regression, Autonomie, Macht, Identitätsverlust und der heroische Mythos.
Welche Rolle spielt der "deplatzierte Körper" in der Analyse?
Dieses Konzept von Bernd Widdig dient dazu, die Ohnmacht des Individuums gegenüber sozialen Hierarchien und totalitären Strukturen als körperliche Erfahrung sichtbar zu machen.
Wie wird Marios finale Tat interpretiert?
Die Tat wird einerseits als Akt der Wiederherstellung persönlicher Autonomie und männlicher Identität gedeutet, andererseits im Kontext des heroischen Mythos als notwendige Zerstörung des Urvater-Ersatzes (Cipolla) betrachtet.
- Citation du texte
- Deniz Tavli (Auteur), 2006, Literatur und Psychoanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81335