Dieser Arbeit soll erklären, warum es auf dem deutschen Strommarkt immer noch keinen wirklichen Wettbewerb gibt, obwohl seit seiner Liberalisierung von 1998 durch unterschiedliche Regulierungsformen versucht wird, Wettbewerb durch einen diskriminierungsfreien Netzzugang herzustellen. Die Stromnetzbesitzer E.on, RWE, EnBW und Vattenfall sollten sich mit den betroffenen Interessengruppen im Modell des verhandelten Netzzugangs auf eine angemessene Preisbestimmungsmethode einigen und diese anwenden. Nachdem dieses Modell keinen Erfolg zeigte, wacht seit 2005 die Bundesnetzagentur über die Preise. Doch nur institutionalisierte staatlich-private
Kooperation mit gleichberechtigten Akteuren kann Marktversagen beheben. Institutionen entstehen aber durch egoistisches menschliches Handeln. Das Eigennutzstreben von Politikern verursacht Staatsversagen und verhindert den gesellschaftlich optimalen
Wettbewerb, der zu niedrigeren Strompreisen führen und langfristig zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands beitragen würde.
This paper shows why there is no real competition on the German electricity market although various regulations aimed at creating non-discriminating access to the powersupply networks have been passed since its liberalisation in 1998. E.on, RWE, EnBW, and Vattenfall – the owners of the power-supply networks – were supposed to negotiate appropriate methods of price determination with the concerned interest groups. Due to the failure of this model, the Federal Network Agency for Electricity, Gas, Telecommunications, Post and Railway has been regulating the prices since 2005. But only institutionalized cooperation on an equal footing of the state and the private sector can eliminate market failure. Institutions, however, are a result of human egotism. Politicians motivated by self-interest are at the root of governmental failure, preventing
the socially optimal competition that would result in lower electricity prices and further Germany's economic development in the long term.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.2 Vorgehen
2. Soziologische Erklärungen
2.1 Das handlungstheoretische Modell
2.1.1 Die ‚Logik der Situation’
2.1.2 Die ‚Logik der Selektion’
2.1.3 Die ‚Logik der Aggregation’
2.1.4 Zusammenfassung
2.2 Die Handlungstheorie
2.2.1 Was heißt Handeln?
2.2.2 Intentionalerklärungen
2.2.3 Webers Handlungstypologien
2.3 Die Rational Choice Theorie
2.3.1 Die Entwicklung des Rationalitätsbegriffs
2.3.2 Der Homo Oeconomicus
2.3.3 Der Homo Sociologicus
2.3.4 ‚bounded rationality’
3. Die Besonderheiten Strommarktes
4. Kollektivgüter/ Öffentliche Güter
5. Der Rational Choice Institutionalismus
5.1 Die Principal-Agent-Theorie
5.2 Die Transaktionskostentheorie
5.3 Die Theorie der Verfügungsrechte (‚property rights’)
5.3.1 Die Regulierungsformen
5.3.2 Das Gefangenendilemma
5.3.3 Vom Kooperations- zum Koordinationsdilemma durch institutionelle Regeln
5.3.4 Das Kooperationsspiel
5.4 Die regulierte Selbstregulierung
5.5 Fazit
6. Die Public Choice Theorie
6.1 Mancur Olsons Theorie des kollektiven Handelns
6.1.1 Die Organisationsgröße
6.1.2 Das Rentenstreben
6.1.3 „Aufstieg und Niedergang der Nationen“
6.2 Interessengruppen im Regulierungsprozess
7. Bewertung der Theorien
8. Die Regulierung des Stromsektors seit 1998
8.1. relevante Akteure und ihre Ziele
8.2 informelle Beziehungen zwischen Stromlobby und Politik
8.3 Der formal institutionelle Rahmen der Regulierung des Strommarktes seit 1998 und die Entwicklung des Marktes
9. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht aus politikwissenschaftlicher Perspektive, warum nach der Liberalisierung des Strommarktes im Jahr 1998 kein echter Wettbewerb entstanden ist. Anhand einer Fallstudie wird analysiert, wie die Interessen der Energieversorgungsunternehmen und politischer Akteure die Regulierung des Stromsektors beeinflusst haben, wobei der Fokus auf den theoretischen Ansätzen des Rational Choice Institutionalismus und der Theorie des kollektiven Handelns liegt.
- Analyse der Regulierungsformen im deutschen Strommarkt
- Untersuchung des Zusammenwirkens von Politik und Energielobby
- Anwendung von Rational-Choice-Ansätzen auf Regulierungsprozesse
- Evaluation staatlicher vs. privater Kooperationsmodelle
- Diskussion von Staatsversagen und Interessenpolitik
Auszug aus dem Buch
5.1 Die Principal-Agent-Theorie
„Die Principal-Agent-Theorie untersucht die Interaktionen, die sich zwischen einem ‚Principal’ als Eigentümer einer Ressource und dem von ihm eingesetzten ‚Agent’ als Verwalter dieser Ressource ergeben“ (Winkel 2006: 111). Es ist eine soziale Tauschbeziehung, die durch gegenseitige Nutzenerwartungen geprägt ist. Der ‚Agent’ kann die Ressource nutzen, der ‚Principal’ kann über die Verfügungsrechte bestimmen und den ‚Agents’ bestrafen, wenn sich dieser nicht an den Nutzungsvertrag hält (vgl. Braun 1999: 163).
Allerdings besteht eine Informationsasymmetrie, d. h. der ‚Agent’ hat einen Informationsvorsprung. Nur er weiß über die tatsächliche Tauschleistung Bescheid. Daher hat er einen Anreiz, die negativen Seiten zu verschweigen und die positiven Eigenschaften hervorzuheben. Das Verheimlichen von Informationen wird als ‚hidden information’ Phänomen bezeichnet. Der ‚Principal’ kann die Informationen nicht ex-ante (vor dem Tausch) kontrollieren. Dies führt zur ‚adverse selection’, also zur Auswahl ungünstiger bzw. qualitativ schlechterer Produkte durch den ‚Principal’. Schlimmstenfalls kann der Tausch dann nicht mehr beide Seiten besser stellen, sondern geht einseitig zugunsten des Informationsmächtigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des mangelnden Wettbewerbs auf dem Strommarkt ein und legt die methodische Herangehensweise dar.
2. Soziologische Erklärungen: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen soziologischer Modelle, insbesondere das handlungstheoretische Modell von Hartmut Esser, um kollektive Phänomene verständlich zu machen.
3. Die Besonderheiten Strommarktes: Das Kapitel beschreibt die technischen und wirtschaftlichen Charakteristika des Stromsektors, wie das natürliche Monopol, die staatliche Regulierung erfordern.
4. Kollektivgüter/ Öffentliche Güter: Hier werden die theoretischen Definitionen und die Problematik von Kollektivgütern, insbesondere in Bezug auf Marktversagen und Trittbrettfahrerverhalten, analysiert.
5. Der Rational Choice Institutionalismus: Dieses Kapitel führt die Kernkonzepte des Institutionalismus ein, um zu erklären, wie Regeln der Interaktion wirtschaftliche Tauschprozesse strukturieren.
6. Die Public Choice Theorie: Hier wird der politische Prozess analog zum Markt betrachtet, wobei insbesondere Mancur Olsons Theorie des kollektiven Handelns und die Rolle von Interessengruppen diskutiert werden.
7. Bewertung der Theorien: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Erklärungspotenzial der verschiedenen verwendeten Theorien und deren Anwendbarkeit auf politikwissenschaftliche Fragestellungen.
8. Die Regulierung des Stromsektors seit 1998: In diesem zentralen Teil wird das theoretische Modell anhand des Fallbeispiels der deutschen Strommarktregulierung empirisch überprüft.
9. Schlussfolgerungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach die Regulierung eher den privilegierten Akteuren als dem Allgemeinwohl diente, und bewertet die Rolle institutioneller Regeln.
Schlüsselwörter
Strommarkt, Liberalisierung, Rational Choice Institutionalismus, Public Choice Theorie, Interessenverbände, Regulierung, Wettbewerb, Principal-Agent-Theorie, Transaktionskosten, Kollektivgüter, Rentenstreben, Politikverflechtung, Bundesnetzagentur, Staatsversagen, Marktmacht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum seit der Liberalisierung im Jahr 1998 auf dem deutschen Strommarkt kein echter Wettbewerb entstanden ist.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Dokument?
Zentrale Themen sind die Regulierung des Stromsektors, das Verhalten von Interessengruppen, die Rolle der Politik bei der Gestaltung von Marktrahmenbedingungen sowie die theoretische Analyse dieser Prozesse mittels Rational-Choice-Ansätzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, unter Anwendung des Rational Choice Institutionalismus und der Public Choice Theorie zu analysieren, welche Anreizstrukturen dazu führten, dass die bisherige Regulierung das Ziel eines fairen Wettbewerbs verfehlt hat.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche qualitative Fallstudie auf Basis von Sekundärliteratur, Gesetzen, Dokumenten der EU und Aufsichtsbehörden sowie eine theoretische Einbettung in handlungstheoretische Modelle.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst sowohl die theoretische Fundierung (handlungstheoretische Modelle, Theorie der Verfügungsrechte, Public Choice) als auch die empirische Anwendung dieser Theorien auf das Fallbeispiel der deutschen Strommarktregulierung und deren Akteure.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Strommarktregulierung, Rational Choice, Lobbyismus, Interessengruppen, Informationsasymmetrie und institutionelle Regeln.
Welche Rolle spielen die "Großen Vier" Energieversorger in der Arbeit?
Die Arbeit identifiziert diese Unternehmen als einflussreiches Duopol bzw. Oligopol, das durch informelle politische Kontakte und die Ausnutzung ihrer Marktmacht die Regulierung zu seinen Gunsten beeinflussen konnte.
Welchen Einfluss hat die "gute fachliche Praxis" auf das Ergebnis?
Der Begriff beschreibt den in den Verbändevereinbarungen ausgehandelten Kodex, der als Instrument der Selbstregulierung fungierte, aber letztlich dem Ziel eines wettbewerbsorientierten Marktzugangs entgegenstand.
- Arbeit zitieren
- Gesine Liersch (Autor:in), 2007, Warum gibt es heute in Deutschland keinen Wettbewerb auf dem Strommarkt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81349