Das Motiv der Krankheit in der Darstellung jüdischer Figuren in Thomas Bernhards "Heldenplatz"


Seminararbeit, 2007

15 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Zum Motiv der Krankheit bei Thomas Bernhard – Eine Einleitung

II. Sozialhistorische Voraussetzungen
1 Die Skandalisierung des Stückes
2 Die Verbindung von Krankheit und Judentum

III. Die psychische Ebene: Hedwig Schuster
1 Das Motiv der Geisteskrankheit bei Thomas Bernhard
2 Die Figur der Frau Professor Schuster – (k)ein Bernhardscher Geistesmensch?
3 Die Funktion der Psychose

IV. Die körperliche Ebene: Robert Schuster
1 Die Figur des Professor Robert – ein Geistesmensch?
2 Der antisemitische Diskurs über den jüdischen Körper – eine Traditionslinie?
3 Die Verbindung von Krankheit und Judentum in „Heldenplatz“

V. Resümee

Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

I. Zum Motiv der Krankheit bei Thomas Bernhard – Eine Einleitung

Das Motiv der Krankheit bildet ein zentrales Motiv im Gesamtwerk Thomas Bernhards, welches sich derart kontinuierlich durch die Texte des Autors zieht, dass Monika Kohlhage bereits von einer Obsession spricht, die sie mit der langjährigen Konfrontation Bernhards mit der eigenen Krankheit in Verbindung bringt.[1]

Bemerkenswert scheint hierbei allerdings, dass die Darstellung der Krankheit bei Bernhard – abgesehen von seinen autobiografischen Schriften – trotz der Fülle an Krankheitsbezeichnungen in den allermeisten Fällen nicht mit ausführlichen inhaltlichen Schilderungen des medizinischen Krankheitsbildes verbunden ist.[2]

Vergleicht man das Motiv der Krankheit etwa mit anderen Motiven, so lässt sich dabei nach Kohlhage eine Parallele feststellen: Wie beispielsweise die häufige Nennung von Ortsnamen kann die ständige Präsenz von Krankheitsbezeichnungen, die in Zusammenhängen auftreten, deren Inhalt nicht Krankheit an sich ist, als realistisches Partikel im Wechselspiel fiktionaler und nichtfiktionaler Elemente verstanden werden.[3]

Das Motiv der Krankheit bildet demnach primär ein künstlerisches Stilelement, als welches es im Folgenden auch verstanden und in Bezug auf das Stück „Heldenplatz“ näher untersucht werden soll. Dabei soll auch die Frage nach der Konzeption jener – jüdischen - Figuren, die in diesem Text mit Krankheiten konfrontiert sind, Beachtung finden.

Zunächst soll dabei ein kurzer Einblick in den „Heldenplatz“-Skandal und die im gesellschaftlichen – in diesem Fall medialen - Diskurs zum Stück verwendeten Argumentationsmodelle gegeben werden.

Ebenfalls am Beginn der Arbeit soll ein erster Abriss über besonders wirkungsmächtige Stereotype über Jüdinnen und Juden stehen, wobei hier vor allem die Verbindung von Judentum und Krankheit in Bezug auf die im Hauptteil der Arbeit folgende Analyse von Interesse sein wird.

Anschließend sollen die im Text zu findenden verschiedenen Formen von Krankheit anhand der beiden kranken Figuren, Frau Professor Schuster und Professor Robert, beleuchtet werden.

Einerseits erscheint die Psychose der Frau Professor, die ständig das Geschrei vom Heldenplatz hört, als essentielle Metapher für das gesamte Stück. Andererseits soll aber auch die Ebene des physischen Gebrechens des Professor Robert dahingehend analysiert werden, ob diese Figur dem Typus des Bernhardschen Geistesmenschen entspricht.

Beide Figuren, also sowohl der schwächliche, kränkliche, männliche Jude als auch die für die Psychose empfängliche jüdische Frau sollen dabei auch im Kontext traditionsreicher – und meist antisemitischer – Diskurse über den jüdischen Körper gelesen werden.

Die leitende Fragestellung wird hierbei sein, inwieweit die beiden Figuren in den Diskursen über Jüdinnen und Juden wieder zu finden sind bzw. inwieweit ihre Charakterisierung mit tradierten Klischeebildern korreliert.

Abschließend soll dann in einem kurzen Resümee reflektiert werden, zu welchen Ergebnissen die Untersuchungen der genannten Fragestellungen im Hauptteil der Arbeit geführt haben.

II. Sozialhistorische Voraussetzungen

1 Die Skandalisierung des Stückes

Die Uraufführung des „Heldenplatz“ fand 1988 am Wiener Burgtheater in der Inszenierung: Claus Peymanns statt. Den Anlass für das Stück bildete das 100-jährige Jubiläum des Burgtheaters, welches 1988 mit dem fünfzigsten Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs an Nazi-Deutschland zusammenfiel. Der damalige Direktor des Burgtheaters, Claus Peymann, hatte daher Thomas Bernhard beauftragt, anlässlich des Theaterjubiläums einen Text zu verfassen, der auch auf das Jahr 1938 Bezug nimmt.[4]

Als bereits vor der Uraufführung einzelne Textstellen publik wurden, entwickelte der abzusehende Skandal seine eigene Dynamik. Bentz spricht von einem Kulturkampf, in welchem einander eine (kultur)konservative, rechtsgerichtete und eine liberale, linksgerichtete Seite im Streit um die kulturelle Hegemonie im Land gegenüberstanden.[5]

Den gesellschaftspolitischen Kontext bildete die in der Kontroverse um den Bundespräsidenten Kurt Waldheim offensichtlich gewordene unaufgearbeitete und folglich unbewältigte Vergangenheit Österreichs. Wenngleich die massiven Bruchlinien innerhalb der Gesellschaft von einer großkoalitionären Proporzdemokratie partiell überdeckt wurden, so schufen diese dennoch ein gesellschaftliches Klima, das von Emotionen und Intoleranz gekennzeichnet war.[6]

Martina Montecuccoli stellte in ihrer Untersuchung der Rezeption des Stücks in vier österreichischen Tageszeitungen allerdings fest, dass die veröffentlichte von der öffentlichen Meinung dramatisch abwich. Meinungsumfragen zufolge befürworteten über 50 Prozent der ÖsterreicherInnen die Aufführung des Dramas, nur 13 Prozent lehnten diese hingegen ab.[7]

Unter den Tageszeitungen zeigte sich jedoch ein konträres Bild: Die „Neue Arbeiterzeitung“ befürwortete als einzige Tageszeitung die Aufführung des Stückes, in den Kommentaren und Leserbriefen aller übrigen untersuchten Zeitungen wurde mehrheitlich eine ablehnende Haltung vertreten. Die „Neue Kronen Zeitung“, die bei weitem auflagenstärkste österreichische Tageszeitung, lancierte gar eine konsequente Kampagne zur Absetzung des Stücks.[8]

Zentrale Argumentationslinien der AufführungsgegnerInnen, welche vor allem in der „Neuen Kronen Zeitung“ mit Vehemenz vorgebracht wurden, beinhalteten nach Montecuccoli unter anderem plebiszitäre Argumentationsmodelle - angeblich sei die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Aufführung -, wirtschaftliche Argumente, die davon ausgehen, subventionierte Kunst müsse ihren Preis auch wert sein, sowie moralische Argumentationsschemata, wonach allzu pointierte Kritik an Österreich zu etwas Unmoralischem erklärt wurde.[9]

Die BefürworterInnen der „Heldenplatz“-Aufführung argumentierten demgegenüber weniger offensiv. Auffallend ist beispielsweise, dass gerade in jenen Kommentaren, in welchen eine Aufführung des Stücks befürwortet wird, der künstlerische Wert des Stückes abgewertet wird. Motiviert könnte diese Abwertung, wie Montecuccoli vermutet, durch die Hoffnung sein, diese Konzession zugunsten der GegnerInnen der Aufführung würde deren Bereitschaft, den eigenen Argumenten zuzustimmen, erhöhen. Deutlich wird hieraus jedenfalls die defensive Position der BefürworterInnen der „Heldenplatz“-Aufführung.[10]

[...]


[1] Vgl. Kohlhage, Monika: Das Phänomen der Krankheit im Werk von Thomas Bernhard. Herzogenrath: 1987, S. 89.

[2] Vgl. ebd., S. 89.

[3] Vgl. ebd., S. 90.

[4] Vgl. Bentz, Oliver: Thomas Bernhard – Dichtung als Skandal. Würzburg: 2000, S. 15-16.

[5] Vgl. ebd., S. 13.

[6] Vgl. ebd., S. 13-14.

[7] Vgl. Montecuccoli, Martina: „Freiheit der Kunst ja, aber…“: Eine diskurs- und argumentationsanalytische Untersuchung der in vier österreichischen Tageszeitungen veröffentlichten Meinung zu Thomas Bernhards „Heldenplatz“. Diplomarbeit. Univ. Wien 1992, S. 122.

[8] Vgl. ebd., S. 123.

[9] Vgl. ebd., S. 124-127.

[10] Vgl. ebd., S. 124.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Krankheit in der Darstellung jüdischer Figuren in Thomas Bernhards "Heldenplatz"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
PS Neuere deutsche Literatur: Thomas Bernhards Theaterstücke
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V81374
ISBN (eBook)
9783638853057
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motiv, Krankheit, Darstellung, Figuren, Thomas, Bernhards, Heldenplatz, Neuere, Literatur, Theaterstücke
Arbeit zitieren
Bernd Csitkovics (Autor), 2007, Das Motiv der Krankheit in der Darstellung jüdischer Figuren in Thomas Bernhards "Heldenplatz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81374

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Motiv der Krankheit in der Darstellung jüdischer Figuren in Thomas Bernhards "Heldenplatz"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden