Coping - Darstellung und kritische Würdigung

Stress und Menschenbild


Hausarbeit, 2007
31 Seiten, Note: bestanden

Leseprobe

Inhalt

1 Einführung: Coping und Stress
1.1 Definition Stresscoping
1.2 Entwicklung der Stressforschung
1.3 Theorie der Ressourcenerhaltung
1.4 Stressmodelle im Vergleich

2 Stress-Coping: Modelle und Theorien
2.1 Transaktionales Copingmodell
2.2 Copingfunktionen und -formen
2.3 Multiaxiales Coping
2.4 Verallgemeinerte Copingmodelle

3 Arbeit und Mensch: Copingmanagement
3.1 Coping kontra Arbeitsstress
3.2 Gruppe und Organisation - Copingnetzwerke
3.3 Copingmanagement im Unternehmen
3.4 Coping – Welt ohne Stress?

A) Literaturanhang

1 Einführung: Coping und Stress

1.1 Definition Stresscoping

Ein Blick in ein englisch-deutsches Wörterbuch zeigt, dass Coping mit

- Bewältigung

übersetzt werden kann (vgl. Schneider 2001).

Im Allgemeinen geht es darum, ein Problem zu lösen oder eine Situation zu bewältigen, zu stabilisieren und im Griff zu behalten. In der Psychoanalyse wird darunter die Art des Umgangs mit schwierigen, krisenhaften Lebensereignissen oder –phasen verstanden (vgl. Bossong 1999). Die Medizin meint damit das Bewältigen von schweren Krankheiten oder Behinderungen (vgl. Schüssler u. Leibing 1994). Die Psychologie subsumiert als Coping die Bewältigung von stresshaften Mensch-Umweltbeziehungen (vgl. v. Rosenstiel 2003).

Coping ist offenbar

- ein relativ unscharfer Oberbegriff, der erst in der Anwendung auf spezielle Gebiete und Forschungsfelder ausdifferenziert werden kann (vgl. Breuer 1991, S 107 ff.).

Demnach sind Erweiterungen wie Copingstrategien oder Copingkonzepte, Copingforschung und sogar Copingtheorie nur dann sinnvoll, wenn

- ein weiteres kennzeichnendes Merkmal eingeführt wird, das angibt,
- was denn nun bewältigt werden soll, wie eine Lebenskrise, eine Krankheit oder eben STRESS im Allgemeinen oder speziell Arbeitsstress im Unternehmen.

In dieser Untersuchung wird zuerst

- Stresscoping

behandelt, oder, mit anderen Worten,

- Stressbewältigung und gerade nicht Alltagsbewältigung oder Krisenbewältigung.

Danach wird im Speziellen die Bewältigung von Arbeitsstress im weiteren Sinne betrachtet (vgl. Schumacher / Reschke 1994).

Der Anglizismus „Stress“ ist in der heutigen globalisierten Weltgesellschaft zu einem internationalen Negativzeichen für die Belastung des Menschen geworden, egal, ob diese Belastung und die daraus resultierende Beanspruchung überhaupt objektiv

- störende
- beeinträchtigende
- oder schädigende

Kurzzeit- oder Langzeitwirkungen auf den Menschen und seine Gesundheit und sein Sozialnetzwerk hat. Es ist praktisch Mode, gestresst zu sein, und schon normale Alltags- und Jobprobleme führen zu der Aussage, sich gestresst zu fühlen und in der Folge daraus durch negative Rückkopplung und Verstärkungsmechanismen treten häufig schon typische Stressreaktionen auf. Das eigentliche Problem ist nicht, dass es Stress gibt (subjektiv und objektiv vorausgesetzt), sondern dass der moderne Mensch, so wie es aussieht, die Fähigkeit verloren hat,

- zwischen normalen Belastungen und Beanspruchungen und einem gesundheitsschädlichen Kurzeit- und Dauerstress durch Überbeanspruchung zu unterscheiden, und
- ersteres zu akzeptieren und zu adaptieren, und das Zweite zu bewältigen durch Vermeidung, Verminderung und, wenn dies nicht greift, dynamisch-aktive Stressbewältigung durch strategisches, effizientes Stress-Coping.

Allerdings ist Stress ein überaus komplexes Phänomen, das

- physische
- psychische
- technologische
- berufliche
- soziale und
- umweltbezogene (u. a. m.)

Aspekte hat, die zudem altersabhängige, geschlechtsspezifische, biografische und ethnografische Besonderheiten aufweist und noch vielfältig umweltabhängig ist (vgl. Legewie / Ehlers 1994, S 210 ff.).

Stress-Coping kann somit nur operationalisiert werden, wenn zumindest kurz

- der Begriff STRESS, die historische und aktuelle Stressforschung, die unterschiedlichen Stress-Modelle und –Theorien und Stress-Bereiche erörtert werden,
- denn Coping und Stressbewältigung setzt eine Konkretisierung der zu bewältigenden Stressoren oder Stressreaktion voraus, um dann daraus übergreifende Bewältigungsstrategien abzuleiten zu können mit effizienten Prozessen und effektivem, individuellem und organisatorischem Stressmanagement.

1.2 Entwicklung der Stressforschung

In der Geschichte der Stressforschung wurden zuerst zum einen die stressverursachenden Belastungssituationen untersucht, zum anderen die von diesen Situationen ausgelösten Stressreaktionen. Ein Beispiel für ersteren Ansatz ist das Belastungsmodell der Lebenskrisen, wie es von Thomas Holmes und Richard Rahe (1967) aufgrund von Einschätzungen von Befragten ermittelt wurde ( vgl. Holms / Rahe 1967 zit. Nach Scherer / Wallbott S. 94 ff.). Die Untersuchungen der Stressreaktion begann mit den Arbeiten von Walter Cannon und Hans Selye, die in den dreißiger Jahren die Überzeugung entstehen ließen, dass die physische und psychische Belastung des Menschen zu objektiv messbaren körperlichen Veränderungen führt. Die Antwort des Körpers auf belastende Ereignisse aus der Umwelt wird ausgelöst durch Anregung des Hormonsystems. Der Prozess der Anpassung des Körpers an den Stressreiz wurde von Selye in drei Phasen unterteilt:

Das erste Stadium wurde als Alarmreaktion bezeichnet und besteht aus der „Schockphase“ sowie einer gegen diese gerichtete Regulationsphase. Die durch den Schock ausgelösten somatischen Funktionsstörungen können aber oft nur teilweise vom Organismus ausgeglichen werden. Bei anhaltendem Dauerstress kommt es in der Widerstandsphase zu einer Aufbietung aller Kräfte, um der Gegenregulation zum Erfolg zu verhelfen. Was auch oft gelingt. Wenn der Stress jedoch weiter anhält, ist eine dauerhafte Schädigung des Somasystems nicht mehr zu vermeiden. Das Hormonsystem gerät in einen Zustand der Erschöpfung. In diesem Stadium gibt der Organismus die psychosomatische Abwehr und Bewältigung auf, was zum Zusammenbruch des Systems Mensch führen kann. Mit den Hormonen scheinen unterschiedliche Reaktionen auf Stress verbunden zu sein. Bei einer Kampf-Flucht-Reaktion ist der Bewältigungsversuch muskulär orientiert, woraus psychosomatische Erkrankungen resultieren können oder Schäden im Kreislaufsystem. Die mehr auf Rückzug ausgerichtete passive Bewältigung führt eher zu Organschäden im inneren System des Körpers (vgl. Hol / Rahe 1967, zit. nach Scherer / Walbott S. 94 ff.).

Die rein physische Betrachtung der Stressphänomene löste seit vielen Jahren heftige Kritik von Seiten der Psychologen und Psychosomatiker aus, und viele Forscher haben zu einer fundierten Veränderung der Stresstheorie beigetragen (vgl. Karmaus 1979). Ein wichtiger Beitrag der Forschergruppe um Lazarus sei vorab erwähnt: In Lazarus’ Stresstheorie steht nicht die fest programmierte biologische Stressreaktion, wie sie Selye beschrieben hatte, im Mittelpunkt. Sein Stresskonzept basiert vielmehr auf einer kognitiven Emotionstheorie, die besagt, dass physiologische Reaktionen erst durch die kognitive Bewertung ihre emotionale Prägung erhalten.

In einer wie auch immer belastenden Situation kommt es stets auf die kognitive Bewertung der Situation und die aktive Auseinandersetzung mit ihr an:

- In einer primären Bewertung (primary appraisal) wird die Gesamtsituation daraufhin eingeschätzt, ob damit eine Bedrohung, ein Verlust oder eine Herausforderung verbunden ist. Nur wenn einer dieser Faktoren gegeben ist, kann von Stress gesprochen werden.
- Die sekundäre Bewertung (secondary appraisal) ist nicht etwa der primären zeitlich nachgeordnet, sondern beinhaltet die Selbsteinschätzung in Bezug auf die differenzierten Bewältigungsmöglichkeiten, d. h. Copinginstrumente bzw. –ressourcen.
- Auf Grund dieser Bewertungen werden vom Individuum Bewältigungsstrategien, d. h. Copingstrategien ausgewählt und eingesetzt.

Lazarus unterscheidet noch zwischen emotionsbezogenen Strategien und problembezogenen Strategien, die eine aktive Veränderung der Situation im Sinne einer Problembewältigung anstreben. Das gesamte Modell bietet also einen Strukturierungsrahmen für den komplexen Prozess des individuellen Stresscoping. Lazarus hat sein Stresskonzept theoretisch abgeleitet und anschließend empirisch überprüft und optimiert. Diese transaktionale und weiterentwickelte Stresstheorie hat große praktische Bedeutung. Zum einen können die Untersuchungen über Belastungssituationen dazu beitragen, weniger stressverursachende Lebens- und Arbeitsbedingungen zu schaffen. Des Weiteren können Coping-Programme zur Stressreduzierung und Stressbewältigung für Stress-Risikogruppen entwickelt werden, deren Anwendung Integration in das Modell der Gesundheitspsychologie bedeutet (vgl. Beckert / Leventier / Miski 2002, S. 13 bis 30).

1.3 Theorie der Ressourcenerhaltung

Die Theorie der Ressourcenerhaltung ist ein neueres Modell zu Erklärung von Stress von Hobfoll. Diese Stresstheorie möchte die Kluft zwischen Umwelttheorien und kognitiven Ansätzen der Stressforschung überbrücken, indem sowohl objektive als auch subjektiv wahrgenommene Faktoren zur Erklärung von Stress und Stressbewältigung herangezogen werden. Die Theorie sieht Ressourcenveränderungen als Schlüssel zum Stress. Menschliches Handeln und Agieren wird im Kontext des sozialen Umfelds betrachtet. Nicht nur individuelle Ressourcen und Ressourcenmanagement, sondern auch Überlegungen zu gemeinsamen Ressourcen, Ressourcentransfer und gemeinsamer Stressbewältigung haben Relevanz für das Stresserleben. Das ressourcenorientierte Modell geht davon aus, dass Menschen dazu neigen, die eigenen Ressourcen zu schützen und danach zu streben, neue aufzubauen. Einfluss auf den Erwerb und Erhalt von Ressourcen haben sowohl kritische Lebensereignisse als auch alltägliche, kleine Stressoren, die das Individuum daran hindern, Ressourcen zu schützen oder zu maximieren (optimieren). Stress ist hier definiert als Reaktion auf die Umwelt, in der

- der Verlust von Ressourcen droht
- der tatsächliche Verlust von Ressourcen eintritt oder
- der adäquate Zugewinn von Ressourcen nach einer Ressourceninvestition versagt bleibt.

Insbesondere der Verlust oder drohende Verlust von Ressourcen ist stressreich, da Menschen dann mit reduzierten Copingkapazitäten zukünftige Herausforderungen bewältigen müssen. Aber auch ein Mangel an Ressourcengewinnen nach einer Investition verursacht Stress, da Individuen

trotz Einsatz von Ressourcen ihre Bewältigungskapazitäten nicht steigern konnten. Da sie Ressourcen investiert haben ohne Gewinne zu erzielen, entspricht der fehlende Gewinn einem Ressourcenverlust. Ressourcen sind das einzige notwendige Element um Stress zu verstehen (vgl. Hobfoll / Buchwald / Schwarzer, 2004).

Die Begriffe Ressource, Gewinn und Verlust dürfen dabei nicht nur ökonomisch gesehen werden, sondern umfassender, allgemein und ideell

- als Gesamtheit der Objekte, personalen Eigenschaften, Bedingungen und Energien, die ein Individuum oder eine Organisation oder Gemeinschaft wertschätzt und über die verfügt werden kann.

Ein wichtiges Theorem besagt, dass positive und negative Veränderungen der Ressourcen verschiedene Effekte haben.

- Das erste Prinzip postuliert, dass bei gleichem Ausmaß an Ressourcenverlusten und –gewinnen die Verluste die stärkeren Auswirkungen haben. Damit distanziert sich die Theorie vom Prinzip des Gleichgewichtes.
- Das zweite Prinzip beruht auf der Annahme, dass Menschen Ressourcen investieren wollen, um sich vor Verlusten zu schützen, von Verlusten zu erholen und um neue Ressourcen hinzuzugewinnen. Diese Motivation veranlasst Individuen dazu, bestehende Ressourcen in Neugewinne zu investieren, um so den gesamten Ressourcenpool zu erweitern. Es wird dadurch aber nicht nur zukünftigen Verlusten vorgebeugt, sondern zugleich die jeweiligen Ziele des Individuums bestärkt.
Diese beiden Prinzipien führen zu weiteren Schlussfolgerungen:
- Individuen mit vielen Ressourcen sind weniger verletzlich gegenüber Verlusten und können vorhandene Ressourcen eher gewinnbringend einsetzten. Umgekehrt sind Individuen mit wenigen Ressourcen empfindlicher bei Ressourcenverlusten und darüber hinaus weniger prädestiniert, neue Ressourcen zu gewinnen. Durch ihre Ressourcendefizite sind sie nicht nur in der Lage, Gewinnexpansion zu erreichen. Stattdessen erwachsen aus anfänglichen Verlusten weitere Nachteile bei der Bewältigung von Stress. Es entsteht ein Zyklus, bei dem das System mit jedem Verlust anfälliger und verletzlicher wird und das
- Individuum wird im Zuge dieser Verlustkrise daran gehindert, anstehende stressreiche Situationen zu bewältigen.

Hieraus resultiert weniger individuelles, sondern stärker in Gemeinschaftsformen erfolgendes Coping.

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Coping - Darstellung und kritische Würdigung
Untertitel
Stress und Menschenbild
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Seminar
Note
bestanden
Autor
Jahr
2007
Seiten
31
Katalognummer
V81404
ISBN (eBook)
9783638861809
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit zum Seminar: Stress und Menschenbild A + O-Psychologie, FernUni Hagen
Schlagworte
Coping, Darstellung, Würdigung, Seminar
Arbeit zitieren
Dipl.-Ing. Reinhard Bäckmann (Autor), 2007, Coping - Darstellung und kritische Würdigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81404

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