Resistance - Formen des indianischen Widerstandes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

15 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ursachen des Widerstandes oder das Scheitern der Integration

2. Widerstand, Schutz und Identität

3. Nativistische Bewegungen
3.1 Revitalisations-Bewegung und Nativismus
3.2 Reformnativismus

4. Indianische Bürgerrechtsbewegungen

5. Neoindigenismus und Neoindianismus: Barbados I und II

6. Literaturverzeichnis

1. Ursachen des Widerstandes oder das Scheitern der Integration

„Die Geschichte Brasiliens mit seinen unzähligen indianischen Völkerschaften ist eine Geschichte unzähliger Kämpfe, Aufstände, Völkermorde.“ (Mark Münzel)[1]

Diese Aussage Münzels ist aufgrund der unzähligen Beispiele aus Latein- und Nordamerika tatsächlich für den gesamten amerikanischen Raum zutreffend. Jahrhundertelange bewaffnete Auseinandersetzungen mit den europäischen Eroberern sind aus ganz Lateinamerika bekannt.[2] Doch nicht nur Kriege und Guerillakämpfe, Aufstände und Revolutionen zeugen von dem Freiheitswillen und der Wehrhaftigkeit der indianischen Völker, auch andere Formen des Widerstandes zeigen bis in die heutige Zeit ihre Wirksamkeit. Ein klassisches Vorurteil über Indianer, das mindestens seit der Zeit Hegels existierte, besagt, einmal besiegt wären die Indianer passiv, träge und zu unterwürfig, um sich gegen ihre Unterdrückung und Ausbeutung zu wehren.[3] In den Stereotypen werden Indianer als von Geburt an starrköpfig und passiv dargestellt, die sich gegen Wandel und Erneuerung sträuben und in fatalistischer realitätsfremder Weise Routine und Tradition bewahren. Diese so genannte Passivität, die bis heute viele Versuche nationalstaatlicher Integration scheitern lässt, ist lange Zeit nicht als eine Form des Widerstandes erkannt worden. Bei Plancarte ist sie jedoch sehr treffend mit dem Begriff ‚Politik der Ablehnung’ bezeichnet worden und lässt sich eben nur mit dem Konzept einer Gegenkultur beschreiben.[4] Doch welche Gründe gibt es für diese Verweigerung? Warum wollen sich Indianer oftmals nicht ‚zivilisieren’ lassen, könnten doch auch sie dadurch vom so genannten Fortschritt profitieren? Wenn bedacht wird, dass diese Integration in von schweren Problemen geplagte Gesellschaften erfolgen soll, erscheint der Sachverhalt jedoch in einem ganz anderen Licht. Die Indianer sollen ihren unabhängigen und wirtschaftlich gut abgesicherten Lebensstil gegen den der Unterschicht eines Entwicklungslandes eintauschen. Sie sollen sich als landlose Lohnarbeiter in Ausbeutung, Unterernährung, Krankheit, Armut und Elend fügen, von den Besternährtesten zu den Schlechtesternährtesten werden. Sie würden ihrer Kultur entfremdet und in eine andere Kultur nicht wirklich aufgenommen, bedenkt man die Diskriminierung und Marginalisierung, die nicht nur von eben jener Unterschicht ausgeht, in die diese Integration stattfinden soll.[5] Die Folgen einer solchen misslungenen Integration kann man bei vielen der so genannten ‚zivilisierten’ Indianern beobachten: sie fühlen sich in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht unterlegen, verleugnen ihre Volkszugehörigkeit und ihre indianischen Namen, es kommt oftmals zu Diebstählen, zu schwerem Alkoholismus und anderen Ausbruchsversuchen aus dem Alltag. Sie finden sich von den ‚nichtzivilisierten’ Indianern abgelehnt und scheinen in einem leeren Raum zwischen zwei verschiedenen Kulturen isoliert zu sein. Sie sind nur noch als Indianer erkennbar aufgrund ihrer biologisch-rassischen Herkunft, ihrer Selbstidentifikation und der extremen Not, die ihnen fast allen gemeinsam ist.[6] Die indianischen Kulturen, in den meisten Fällen von freiwilligem Zusammenleben ohne repressive Zwänge geprägt und auf solidarischen Prinzipien beruhend, konnten, ungeachtet des europäischen Erstaunens darüber, auch ohne geregeltes Staatswesen mit Bürokratie in einem sozialen Gleichgewicht funktionieren. Der indianische Konservatismus, in dem individuelle Freiheit durch Abhängigkeit von den Traditionen aufgewogen wird, hielt dieses Gleichgewicht stabil und zeigte sich in vielen Fällen (zumindest eine Zeit lang) auch gegen von den Europäern eingeführte Neuerungen wirksam.[7] Am wirksamsten erwies sich jedoch die generelle Vermeidung des Kontaktes mit Europäern, wie Beispiele aus dem Amazonastiefland zeigen, in denen sich einige Gruppen nur deshalb lange Zeit gegen die Europäer behaupten konnten, indem sie diesen mit rigoroser Feindseligkeit sowie einem gewissen ethnischen Eigenstolz gegenübertraten.[8]

2. Widerstand, Schutz und Identität

Die indianische Tradition des Widerstandes ist ebenso alt wie die europäische Tradition des kolonialen Terrors in Amerika. Sie begann mit der europäischen Invasion, wobei neben dem Widerstand gegen eine ethnische Entfremdung gleichzeitig auch eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an die veränderten Umstände erzeugt wurde. Diese Tradition setzte sich in der kolonialen und später dann in der nationalen Gesellschaft fort. Der Kampf um ihre Emanzipation als freie Völker wurde und wird von den Herrschenden der nationalen Gesellschaft in der Regel als starke Bedrohung wahrgenommen, und so reagieren sie oftmals noch immer mit großer Intoleranz und Ungeduld gegen indianischen Widerstand und den daraus folgenden indianischen Autonomiebestrebungen.[9]

Wie bereits angedeutet wurde, kann dieser Widerstand viele unterschiedliche Formen aufweisen. Er kann aktiv oder auch passiv geleistet werden, wenngleich die Grenzen dazwischen nicht immer so klar auszumachen sind. Zu den aktiven Formen gehören z.B. bewaffnete Kämpfe, Aufstände und Streiks, aber auch indianische Bewegungen und Organisationen, die die Anerkennung indianischer Identität sowie ihre Selbstregierung und -entwicklung fordern. Als passiver Widerstand könnte Flucht, innere Emigration und Verweigerung, welche teilweise eine totale Verneinung der europäischen Kultur beinhaltet, bezeichnet werden. Doch selbst diesen Formen von ‚introvertierter Identität’ wohnt eine aktive Komponente inne, indem z.B. die Einkapselung in den comunidades mit eindeutiger Isolationsintention ‚kultiviert’ wurde. Auf diese Weise konnten die internen Beziehungen, die für sich einen defensiven Charakter aufweisen, bewusst verstärkt werden.[10]

Dabei muss unterschieden werden zwischen den kleinen Stämmen mit so geringer demographischer Masse, dass ihr Schicksal die nationale Gesamtgesellschaft (so gut wie) gar nicht beeinflusst, sowie den indianischen Bevölkerungsgruppen, die große soziale Gebilde innerhalb der Gesamtgesellschaft ausmachen. Die kleinen Stämme haben ohne besondere Schutzmaßnahmen gegen ihre Ausrottung und zur Bewahrung ihres kulturellen Erbes praktisch keine Chance, ihre Rechte und Forderungen durchzusetzen. Gleichzeitig müssen sie jedoch vor den Folgen dieses Schutzes, die v.a. in Abhängigkeiten bestehen, bewahrt werden.[11] Die großen ethnischen Gruppen, die ihre Sprache und einige religiöse Glaubensinhalte und Riten sowie einige ihrer Sitten und Gebräuche bewahrten, haben trotzdem bereits viel von ihrer ursprünglichen Kultur verloren und dafür europäische Kulturelemente übernommen. Diese so entstandene neue Kultur besitzt eine gewisse Schutzfunktion gegenüber den Eroberern und ihren Nachfahren. Diese großen indianischen Bevölkerungsgruppen sind in der Regel über Produktion und Konsum in die vorherrschende Marktwirtschaft integriert, befinden sich jedoch in einer unterprivilegierten Position.[12] Eine starke indigenistische Denktradition im klassischen Sinne konnte laut Beltrán und Varese nur bei gleichzeitiger Existenz einer führenden Mestizenschicht und großer indianischer Bevölkerungsteile aufkommen. In Mexiko z.B. findet sie ihren ersten Höhepunkt, im Sinne einer allgemeinen Anerkennung, mit der Revolution von 1910. Ein Beispiel des Erfolges indianischen Widerstandes wurde von einigen in der mexikanischen Verfassung, die nach der Revolution 1917 entstanden war, gesehen. In dieser sind demnach soziale Ideen indianischen Ursprungs eingeflossen, für die z.B. die Bewegung Zapatas gekämpft hatte, welche vor allem aus indianischen Landarbeitern und Bauern bestanden hatte und die vor allem eine Umverteilung des Bodens an die bäuerlichen Produzenten forderten. Diese Forderungen fanden in der Agrarreform ihren Ausdruck; so wurde z.B. das System der kleinen ejidos, die bereits aus vorspanischer Zeit stammten, durch Landverteilungen neu belebt und gefördert, wenngleich sich diese Umverteilung zum Teil als sehr langwierig darstellte. Als eine weitere Folge wird die daraufhin zunehmende Ausrichtung der nationalen Ideologie Mexikos auf seine vorspanische Geschichte gesehen, so soll eine innerhalb des indigenistischen Diskurses konstruierte Kontinuität von Quetzalcóatl über Cuhauhtémoc[13] bis zu Benito Juárez[14] und Zapata die indianische Identität Mexikos verkörpern. Trotz dessen die indianische Lebensweise auch während des 20. Jahrhunderts größtenteils noch lange als unterentwickelt betrachtet wurde, ist seit den 30er Jahren versucht worden, den ‚Indio’ als politisch bewusste Kraft wahrzunehmen und positive Elemente im indianischen Widerstand gegen das europäische Leben bei der Konstruierung einer neuen mexikanischen Identität hervorzuheben.[15]

[...]


[1] Münzel 1978c: 186

[2] Münzel 1978c: 180-189; Ribeiro 1979: 283

[3] Münzel 1978c: 180

[4] Deimel 1978: 150, Maihold 1986: 19

[5] Münzel 1978a: 102-106; Ribeiro 1979: 265f

[6] Deimel 1978: 158-169, 171-178; Münzel 1978a: 106; Ribeiro 1979: 256

[7] Münzel 1978a: 89-93

[8] Münzel 1978a: 93-100; Münzel 1978b: 114-117; Ribeiro 1979: 256, 263

[9] Münzel 1978: 7; Münzel 1978c: 189; Ribeiro 1979: 264, 266

[10] Münzel 1978: 7; Münzel 1978: 7; Maihold 1986: 183f, 192

[11] Ribeiro 1979: 255-258

[12] Ribeiro 1979: 258f

[13] Führer des indianischen Widerstandes gegen die spanischen Eroberer

[14] indianischer Präsident (Zapoteke), übernahm nach liberaler Revolution 1857-1872 Regierung

[15] Horn 1969: 138ff, 150; Maihold 1986: 11, 13f, 19

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Resistance - Formen des indianischen Widerstandes
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Indigenismo
Note
bestanden
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V81413
ISBN (eBook)
9783638861885
ISBN (Buch)
9783638861977
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resistance, Formen, Widerstandes, Indigenismo
Arbeit zitieren
Anne-Christin Hirsch (Autor), 2004, Resistance - Formen des indianischen Widerstandes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81413

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