In der DDR, dessen politisches System durch den Sozialismus gekennzeichnet war, wurde auch die Wissenschaft durch und mit dem Sozialismus erklärt – dieses geschah vor allem aus ideologischer Perspektive. Die starke Politisierung, die Einschränkungen der internationalen Kontakte und die permanente Kontrolle durch die DDR Regierung formten die Wissenschaft. Die Soziologie war ein Teil der Wissenschaft. Doch im welchen Verhältnis stand die Soziologie mit der Regierung und den Prinzipien der DDR? Welche Probleme, Disziplinierungsmaßnahmen und Charakteristika kennzeichneten die Jahre von 1949-1989 der DDR-Soziologie?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die geschichtliche Entwicklung der Soziologie in der DDR
2.1. Die Soziologie in der sowjetischen Besatzungszone
2.2. Die Gründungsphase der DDR-Soziologie bis 1964/65
2.3. Herausbildung einer disziplinären Community 1965 bis 1973/74
2.4. Die Phase der Systemanpassung und der Expansion 1975-1985
2.5. Die Soziologie an der Universität in Leipzig – Ein Fallbeispiel
3. Die Bevölkerungswissenschaftliche Forschung in der DDR
4. Disziplinierungsmaßnahmen und der Anstieg der Systemkritik
4.1. Disziplinierungsmaßnahmen gegen Soziologen
4.2. Der Anstieg der Systemkritik
5. Der Zusammenbruch der Soziologie und die Zeit des Neubeginns
5.1. Das Ende der DDR-Soziologie
5.2. Die Zeit der Wende- Ein Neubeginn (?)
6. Ein Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen soziologischer Forschung und der politischen Einflussnahme durch das sozialistische Regime in der DDR zwischen 1949 und 1989. Dabei wird analysiert, inwieweit die Soziologie als „traurige Disziplin“ unter ideologischer Kontrolle stand, welche disziplinierenden Maßnahmen praktiziert wurden und wie sich die Wissenschaft während des Zusammenbruchs und des darauf folgenden Neubeginns nach der Wende transformierte.
- Geschichtliche Etappen der DDR-Soziologie von der Besatzungszone bis 1989.
- Die Rolle der Soziologie als Instrument zur Machtsicherung und politischen Erziehung.
- Die Besonderheiten der bevölkerungswissenschaftlichen Forschung.
- Disziplinierungsmaßnahmen gegen abweichende Wissenschaftler und der Anstieg von Systemkritik.
- Der Transformationsprozess und die Neugründung soziologischer Institute nach der Wende.
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Soziologie in der sowjetischen Besatzungszone
Die verheerenden Folgen des Zweiten Weltkrieges, die Aufteilung Deutschlands in die vier Besatzungszonen und die rasch auseinanderdriftende Besatzungspolitik beeinflusste die Entwicklung der beiden deutschen Staaten. Diese Entwicklung dauerte von 1945 bis zum Ende der Deutsch-Deutschen Teilung 1989 an. Durch die strukturellen Assimilierungsprozesse ähnelte die sowjetische Besatzungszone zunehmend politisch und ökonomisch der UdSSR. Dabei wurden drei Änderungen durchgeführt. Erstens die Auflösung der verbliebenen Machtbasis der bürgerlichen Kräfte, zweitens die Konsolidierung monolithischer kommunistischer Parteien und drittens die Verschmelzung von monolithischen Parteien und den Staatsapparaten. (vgl. Ettrich 1992: S. 454)
Bereits vor der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 existierte soziologisches Denken in der sowjetischen Besatzungszone. Dabei werden drei Arten der Vermittlung von soziologischem Wissen unterschieden. Die erste war die Weiter-Vermittlung von philosophischen und soziologischen Gedanken durch Wissenschaftler der Weimarer Republik bzw. sogar des Nationalsozialismus z.B. Freyer. Zweiten erfolgte die Vermittlung über antifaschistische bzw. marxistisch orientierte Lehrveranstaltungen. Auf die soziologischen Inhalte wurde zwar nicht expliziert hingewiesen, dennoch sollten in diesen Veranstaltungen soziologische Gedanken behandelt werden. 1946 wurde die „Gewifa“, die Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät, in Leipzig, Jena und Rostock auf Anordnung der sowjetischen Militäradministration gegründet. Sie hatten die Funktion den Marxismus-Leninismus an den Universitäten zu verankern (vgl. Ettrich 1992: S. 455). Drittens kam es zu interdisziplinären Verflechtungen. Zum Beispiel mit der Religionssoziologie unter Emil Fuchs oder auch ethnografischen Studien des Ehepaares Eva und Julius Lips. Anhand einer Analyse von Vorlesungsverzeichnissen lehrten 22 Wissenschaftler soziologische Themen im universitären Betrieb (vgl. Ettrich 1992: S. 455). 1950/51 wurde die "Gewifas" aufgelöst, da sie ihre Funktion erfüllt hatten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die starke ideologische Politisierung der Soziologie in der DDR und stellt die Forschungsfrage nach deren wissenschaftlicher Unabhängigkeit sowie deren Verhältnis zur SED-Regierung.
2. Die geschichtliche Entwicklung der Soziologie in der DDR: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung der Disziplin von ihren Anfängen in der Besatzungszone über die Gründung und Institutionalisierung bis zur Systemanpassung und Expansion nach.
3. Die Bevölkerungswissenschaftliche Forschung in der DDR: Der Abschnitt behandelt die demografische Forschung, die zwischen systemkonformem Herrschaftswissen und dem Versuch, reale gesellschaftliche Bedingungen abzubilden, changierte.
4. Disziplinierungsmaßnahmen und der Anstieg der Systemkritik: Hier werden die Repressalien gegen Soziologen sowie das Anwachsen kritischen Potenzials innerhalb der Disziplin in den 1980er Jahren analysiert.
5. Der Zusammenbruch der Soziologie und die Zeit des Neubeginns: Das Kapitel beschreibt den Niedergang der DDR-Soziologie nach 1989 und den schwierigen Prozess der universitären Neuordnung in Ostdeutschland.
6. Ein Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die DDR-Soziologie weitgehend instrumentalisiert wurde, wobei einige Teilgebiete fachlich dennoch beachtliche Resultate erzielten.
Schlüsselwörter
DDR-Soziologie, SED, Historischer Materialismus, Empirische Sozialforschung, Systemkonformität, Disziplinierung, Wissenschaftspolitik, Marxismus-Leninismus, Transformation, Wende, Bevölkerungsforschung, Akademien, Institutionalisierung, Forschungsfreiheit, Systemkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Hausarbeit untersucht die Rolle und Entwicklung der Soziologie in der DDR zwischen 1949 und 1989 sowie deren institutionelle und inhaltliche Transformation im Zuge der Wiedervereinigung.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die ideologische Indienstnahme der Wissenschaft durch die SED, die methodischen und theoretischen Defizite sowie die Praxis der Disziplinierung von Soziologen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, ob die DDR-Soziologie zu Recht als „traurige Disziplin“ bezeichnet wurde und wie stark die wissenschaftliche Praxis durch politische Vorgaben bestimmt war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Aufarbeitung und Analyse soziologischer Fachliteratur sowie auf Fallbeispielen zur institutionellen Entwicklung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung, die spezifische Situation der Bevölkerungswissenschaft, die politischen Repressalien und die Neuordnung nach 1989.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Systemkonformität, marxistisch-leninistische Soziologie, Doppel-Evaluation und politische Indoktrination.
Welche Bedeutung hatte die „doppelte Evaluation“ nach der Wende?
Sie diente dazu, die persönliche Integrität und die wissenschaftliche Qualifikation ehemaliger DDR-Wissenschaftler zu überprüfen, bevor sie an neu strukturierten Instituten weiterarbeiten durften.
Wie wurde die Soziologie in Leipzig als Fallbeispiel bewertet?
Die Leipziger Soziologie war über Jahrzehnte stark von politischen Umbrüchen geprägt und wurde schließlich als systemnah „abgewickelt“, um einen komplett neuen universitären Aufbau zu ermöglichen.
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- Ellen Ziegler (Author), 2007, Soziologie in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81429