Zwischen SMS und Klingelton. Neue Medien im Fokus sich (ver-)ändernder Gewaltphänomene im schulischen Kontext

Gewalt- und Pornovideos auf Schülerhandys. Präventions- und Interventionsmöglichkeiten in Schulen


Examensarbeit, 2006

153 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1 Neue Medien
1.1 Begrifflichkeit
1.1.1 Neue Medien – Weite und enge Definition
1.1.2 Alte Medien – Neue Medien
1.1.3 Definition
1.2 Merkmale
1.3 Das Internet
1.3.1 Definition
1.3.2 Entwicklung des Internets
1.4 Das Handy
1.4.1 Merkmale
1.4.2 Entwicklung des Mobilfunks
1.4.3 Das Handy als Multifunktionsgerät
1.4.4 Datenübertragung

2 Jugendliche und Neue Medien
2.1 Exkurs: JIM-Studie
2.2 Jugendliche und das Internet
2.2.1 Internet-Erfahrung
2.2.2 Internet-Aktivitäten
2.2.3 Risiken der Internet-Nutzung
2.3 Jugendliche und das Handy
2.3.1 Besitz und Ausstattung
2.3.2 Handy-Nutzung
2.3.3 Handy-Wirkungen
2.3.4 Risiken der Handy-Nutzung
2.4 Exkurs: Konsultation der Europäischen Kommission

3 Aktuelle Gewaltphänomene im Zusammenhang mit Neuen Medien
3.1 Phänomenbereich Gewalt- und Pornovideos
3.1.1 Phänomen Snuff-Videos.
3.1.2 Phänomen Pornographische Videos.
3.1.3 Verbreitung
3.2 Phänomenbereich Happy Slapping
3.2.1 Zum Begriff
3.2.2 Ursprung und Entwicklung
3.2.3 Verbreitung
3.3 Phänomenbereich Cyberbullying
3.3.1 Definition
3.3.2 Erscheinungsformen und Verbreitung
3.3.3 Dimensionen des Cyberbullyings
3.4 Exkurs: Big Brother, Jackass, Youtube

4 Vertiefende Aspekte zum Phänomenbereich
4.1 Zur Aktualität eines Problems: Gewalt und Pornographie
4.2 Motive und Ursachen
4.2.1 Konsum angebotener Inhalte
4.2.2 Eigenes Gewalthandeln und mediale Präsentation
4.3 Mögliche Problemlagen
4.4 Rechtliche Aspekte
4.4.1 Besitz problematischer Schriften
4.4.2 Aktives Happy Slapping
4.4.3 Passives Happy Slapping.
4.4.4 Beobachten von Happy Slapping
4.5 Jugendmedienschutz
4.5.1 Jugendschutzgesetz (JuSchG)
4.5.2 Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV)
4.5.3 Institutionen des Jugendmedienschutzes
4.6 Exkurs: Verhaltenskodex der Mobilfunkanbieter

5 Der Phänomenbereich im schulischen Kontext
5.1 Der Ort Schule
5.2 Präventions- und Interventionsmöglichkeiten
5.2.1 Handy-Verbot
5.2.2 Rechtliche Aspekte im schulischen Kontext
5.2.3 Exkurs: Medienpädagogik
5.2.4 Zur medienpädagogischen Verantwortung von Schule
5.3 Beispiel: Alfred-Teves-Schule
5.3.1 Die Schule
5.3.2 Chronik
5.3.3 Das Projekt Saubere Handys.
5.3.4 Bilanz Dezember 2006
5.4 Der Phänomenbereich aus sonderpädagogischer Sicht

6 Methodenteil
6.1 Präzisierung der eigenen Fragestellung
6.2 Erhebungsinstrument
6.2.1 Auswahl der Interviewpartner
6.2.2 Konstruktion des Interviewleitfadens
6.2.3 Interview-Bedingungen
6.2.4 Transkription der Interviews
6.3 Aufbereitung und Auswertung der Daten

7 Ergebnisse der Datenerhebung
7.1 Der Phänomenbereich im jugendkulturellen Kontext
7.1.1 Aufbereitung
7.1.2 Auswertung
7.2 Dimensionen des Phänomenbereichs
7.2.1 Aufbereitung
7.2.2 Auswertung
7.3 Der Phänomenbereich im schulischen Kontext
7.3.1 Aufbereitung
7.3.2 Auswertung
7.4 Präventions- und Interventionsmöglichkeiten
7.4.1 Aufbereitung
7.4.2 Auswertung

8 Kritische Diskussion der Ergebnisse und Fazit

9 Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Besonders im Frühjahr des Jahres 2006 kommt es in den Medien wiederholt zu Berichterstattungen mit diesen und ähnlichen Titeln:

Gewaltvideos auf Handys entdeckt: Schule greift ein

(Aller Zeitung[1], 09.12.2005)

Handy-Razzia in Schule – Pornos, Gewalt und Nazi-Propaganda

(Focus[2], 10.03.2006)

CSU für Handy-Verbot an Schulen

(Die Welt[3], 27.03.2006)

Diese Schlagzeilen berichten von einem Trend, der sich innerhalb kürzester Zeit und von Erwachsenen unbemerkt unter Jugendlichen entwickelt hat. Es ist ein Trend, der eng mit der technischen Weiterentwicklung der Medien zusammenhängt, speziell dem Internet und dem Handy. Und es ist ein Trend, der in den Medien zwar sicherlich verzerrt dargestellt wird, aber dennoch absolut besorgniserregend ist. Jugendliche nutzen ihr Handy, um gewalthaltige und pornographische Videos zu sammeln und untereinander zu verbreiten bzw. eigene Gewalthandlungen zu filmen.

Gewalt- und Pornodarstellungen in Medien ist keine neue Problematik, hat allerdings in Form der Handyvideos eine andere Qualität bekommen. In erster Linie durch das Medium Internet ist eine schnelle und massenhafte Verbreitung solcher Inhalte möglich geworden, die sich auf jugendlichen Handys fortsetzt. Daneben nutzen Jugendliche das Medium Handy, um eigene reale Gewaltszenen zu inszenieren, zu filmen und zu verbreiten. Dieser Trend wurde in den Medien schnell als Happy Slapping bekannt.

Die genannten Phänomene stehen im Mittelpunkt dieser Examensarbeit zum Thema:

Zwischen SMS und Klingelton…

Neue Medien im Fokus sich (ver-)ändernder Gewaltphänomene im schulischen Kontext –

Präventions- und Interventionsmöglichkeiten in Schulen – unter besonderer Berücksichtigung von Gewalt- und Pornovideos auf Schülerhandys

Der Verfasser der Arbeit möchte einen wesentlichen Einblick in alle relevanten Aspekte des Phänomenbereichs liefern. Dieses Hintergrundwissen dient der kritischen Betrachtung, bei der in erster Linie mögliche Umgangsformen und Präventionsmaßnahmen im Blickpunkt stehen sollen. Dabei ist dem Verfasser besonders daran gelegen, die Problematik aus schulischer Perspektive zu betrachten.

Die Aktualität der Thematik bringt zwei entscheidende Faktoren mit sich. Eine eigene Erhebungs- und Untersuchungsmethode ist unumgänglich, da es bislang kaum verwertbare Literatur oder Untersuchungen dazu gibt. Zum anderen liegt gerade darin das Interesse des Verfassers begründet, sich mit dieser Thematik zu befassen.

Im Folgenden soll nun der Aufbau der Arbeit erläutert werden.

Der theoretische Teil ist in mehrere Abschnitte gegliedert. Zunächst werden einführend die beiden Medien Internet und Handy beschrieben. Mit diesem Hintergrundwissen wird in Kapitel 2 veranschaulicht, welche Bedeutung die Neuen Medien inzwischen für Jugendliche haben. Hier wird besonders die Rolle des Handys als Statussymbol der Jugendkultur deutlich. Als Ausdruck jugendlicher Medienkompetenz sind dabei bedenkliche Formen der Mediennutzung entstanden, z.B. das Tauschen gewalthaltiger Bildinhalte. Diese neuen Gewaltphänomene sollen in Kapitel 3 entsprechend beschrieben und in Kapitel 4 mit vertiefenden Aspekten umfassend erörtert werden. Es soll geklärt werden, welche Gründe Jugendliche haben, sich solche Videos auf ihre Handys zu laden, welches Gefahrenpotenzial besteht, aber auch, welche Rechts- und Jugendschutzbestimmungen bestehen. Der theoretische Teil der Arbeit schließt mit der schulischen Perspektive auf den Phänomenbereich in Kapitel 5. Dabei sollen Präventions- und Interventionsmöglichkeiten im Rahmen schulischer Verantwortung beschrieben werden. Das geschieht u.a. anhand des Beispiels einer Grund- und Hauptschule aus Niedersachsen.

Mit Kapitel 6 beginnt der praktische Teil der Arbeit. Hier erfolgt die Präzisierung der eigenen Fragestellung, die die Grundlage für die anschließende Begründung des Forschungsansatzes und die Durchführung der Datenerhebung bildet. Außerdem werden das Erhebungsinstrument sowie alle für die wissenschaftliche Arbeit relevanten Aspekte beschrieben. In Kapitel 7 erfolgt die Auswertung der Daten mit Hilfe eines gebildeten Kategoriensystems und der qualitativen Inhaltsanalyse, um die Ergebnisse darstellen zu können.

Kapitel 8 schließt die Arbeit mit einer kritischen Diskussion der Ergebnisse und einem Fazit des Verfassers.

Zum stilistischen Rahmen dieser Arbeit soll erwähnt werden, dass keine gesonderte Trennung von weiblichen und männlichen Personalpronomina vorgenommen wird. Einerseits soll die Lesbarkeit des Textes unbeeinträchtigt bleiben. Zum anderen wird es vom Verfasser dieser Arbeit als selbstverständlich angesehen, dass mit einem Personalpronomen, weiblich oder männlich, beide Geschlechtergruppen gemeint sind.

1 Neue Medien

1.1 Begrifflichkeit

Der Begriff der Neuen Medien ist in der heutigen Informationsgesellschaft längst zu einem gebräuchlichen Begriff geworden. Allgemein lassen sich mit dem Begriff sämtliche Soft- und Hardware im IT-Bereich[4] bezeichnen. Allerdings lässt sich der Begriff der Neuen Medien auch noch weiter spezifizieren. Man unterscheidet dabei zwischen einer weiten und engen Definition. Außerdem gibt es in der Fachliteratur keine Einigung darüber, wie Neue Medien in Abgrenzung zu Alten Medien einzuordnen sind.

1.1.1 Neue Medien – Weite und enge Definition

Neue Medien im weiteren Sinne sind Medien, die sich in irgendeiner Form digitaler Daten bedienen, so z. B. E-Mail-Programme oder das World Wide Web (kurz: WWW). Auch Digitalkameras und MP3-Player sind hierzu zu zählen, ebenso wie die Mobilkommunikation, also auch das Handy.

Eine enge Definition sieht die Neuen Medien hingegen lediglich im Zusammenhang mit dem Internet, also dem Datenaustausch zwischen mehreren Internet-Rechnern, den sogenannten Servern.

1.1.2 Alte Medien – Neue Medien

Um die beiden Begriffe der Alten bzw. Neuen Medien voneinander abzugrenzen, gibt es in der Wissenschaft zwei verschiedene Ansätze. Zum einen geht man davon aus, dass es sich bei den Neuen Medien um eine Weiterentwicklung der Alten Medien handelt, zum anderen werden die Neuen Medien neben den Alten Medien als selbstständig angesehen.

1.1.3 Definition

Nach einer Definition von BOLLMANN sind Neue Medien „alle Verfahren und Mittel, die mit Hilfe digitaler Technologie, also computerunterstützt, bislang nicht gebräuchliche Formen von Informationsverarbeitung, Informationsspeicherung und Informationsübertragung, aber auch neuartige Formen von Kommunikation ermöglichen“ (1998; 12). Das eigentlich Neue, so BOLLMANN weiter, sind „die Verbindungen, welche die fortschreitende Digitalisierung unter ihnen erlaubt“ (1998; 12).

1.2 Merkmale

Einzelne Merkmale wurden bereits angesprochen, etwa die digitale Form von Daten oder die computergestützte Handhabung.

In Anlehnung an RÜSCHOFF und WOLFF lassen sich für die Neuen Medien folgende allgemeine Merkmale nennen (vgl. 1999; 52 – 54):

- Neue Medien greifen auf Daten zurück, die in digitaler Form vorliegen.
- Inhalte können auf Festplatten oder Datenträgern wie USB-Stick und CD-Rom gespeichert werden. Über weltweite Netze können diese Inhalte übertragen und abgerufen werden
- Neue Medien sind interaktiv, d.h. der Benutzer kann mit ihnen einen Dialog führen.
- Es gibt keine räumliche und zeitliche Begrenzung, Informationen sind zu jeder Zeit und an jedem Ort abrufbar.
- Neue Medien haben eine hypermediale Struktur, d.h. es gibt keine vom Medium vorgegebene Linearität, man kann zwischen einzelnen Informationen hin und her wechseln.

Fortan stehen das Internet und das Handy im Mittelpunkt dieser Arbeit. Dazu sollen die beiden Medien zunächst näher erläutert werden.

1.3 Das Internet

1.3.1 Definition

Das Wort Internet setzt sich aus zwei Teilen zusammen, nämlich aus inter[5] und net[6]. Nach VETTER bedeutet Internet „die Vernetzung zwischen Computernetzen. Das Internet ist demnach ein Computernetz-Netz.“ (VETTER, 2006). Beim Internet handelt es sich also um die elektronische Verbindung von Rechnernetzwerken, mit dem Ziel über diese Verbindung Daten auszutauschen.

Irrtümlicherweise wird das Internet oft mit dem World Wide Web gleichgestellt. Dabei ist das World Wide Web nur eine von vielen Funktionen des Internets, nämlich eine, die vorrangig der passiven Informationsabfrage dient (vgl. VETTER, 2006).

Daneben ist besonders das Postsystem E-Mail ein beliebter und bekannter Dienst, mit dem sich Benutzer mittels der Leitungen des Internets Nachrichten übermitteln.

1.3.2 Entwicklung des Internets

An dieser Stelle folgt eine grobe historische Einordnung zur komplexen Entstehung und Entwicklung des Internets.

Seinen Ursprung hat das Internet im 1969 entwickelten APRANET, einem Forschungsprojekt der Advanced Research Project Agency (kurz: APRA), einer Abteilung des US-Verteidigungsministeriums. Das APRANET war ein Pilotprojekt, mit dem Ziel ein Netzwerk zwischen den Universitäten von Los Angeles, Santa Barbara, Stanford und Utah zu errichten.

In den Jahren bis 1975 wurden weitere Netzwerke entwickelt, die vor allem in der Wissenschaft zum Datenaustausch genutzt wurden. Jedes Netzwerk nutzte dazu ein eigenes Netzwerkprotokoll und die Daten wurden mittels Telefonleitungen, Radiowellen oder per Satellit übertragen. Um die verschiedenen Computernetze miteinander zu verbinden, war es aber notwendig, „sich auf ein einheitliches Datenformat und eine einheitliche Methode der Verbindungsherstellung zu einigen“ (VETTER, 2006). Dafür benötigte man ein neues Netzwerkprotokoll, das 1974 von den beiden Amerikanern Bob Kahn und Vinton Cerf entwickelt wurde, das sogenannte Transmission Control Protocol/Internet Protocol (kurz: TCP/IP). Damit war es möglich, die verschiedenen Netzwerke miteinander zu verbinden und auch die unterschiedlichen Übertragungswege arbeiteten zusammen. 1983 wurde TCP/IP zum Standart für das APRANET.

Es entstanden immer mehr Netzwerke, so unter anderem 1985 das NSFNET, das Netz der National Science Foundation (kurz: NSF), das immer beliebter wurde und 1990 die ARPANET-Funktionen übernahm.

Es folgte die „schrittweise Öffnung des Netzes: Immer mehr Personen und Länder, aber auch privat betriebene Netze erhielten einen Zugang zum NSFNET“ (VETTER, 2006). In den neunziger Jahren machten zwei weitere Entwicklungen das Internet massentauglich. 1991 entwickelte Tim Berners-Lee das Hyperlink -System und sorgte so für die Geburtsstunde des World Wide Web. Fortan konnte jede Seite mit jeder beliebigen anderen Seite verknüpft werden.

Und ab 1993, mit der Erfindung des Netscape-Browsers, wurde der Umgang mit dem Internet auch ohne große Computerkenntnisse möglich.

1.4 Das Handy

1.4.1 Allgemeine Merkmale

Das Handy ist ein kleines, tragbares Funktelefon. Andere Bezeichnungen sind Mobiltelefon, GSM-Telefon oder auch Funker.

Es gibt keine eindeutige Erkenntnis darüber, wie der Begriff Handy letztlich entstand, die naheliegende Vermutung einer Entlehnung aus dem englischsprachigen Raum trifft nicht zu.

Zunächst einmal hat das Handy alle Funktionen eines drahtgebundenen Telefons, darüber hinaus jedoch einen Funkteil sowie einen Akkumulator (kurz: Akku) zur Stromversorgung. Wichtigstes Element ist die sogenannte SIM -Karte, die man zur Identifizierung gegenüber dem jeweiligen Mobilfunknetz braucht und die in jedes Handy eingelegt werden muss.

Mittlerweile ist das Handy zu einem Multifunktionsgerät geworden, denn viele technische Errungenschaften sind zur Funktion des Telefonierens hinzugekommen. Diese werden an späterer Stelle näher erläutert.

1.4.2 Entwicklung des Mobilfunks

Die Entwicklung des Mobilfunks in Deutschland lässt sich in drei verschiedene Phasen einordnen, den sogenannten Mobilfunkgenerationen.

Die erste Mobilfunkgeneration startet 1958 mit der Einführung des A-Netzes, dem ersten nationalen und fast flächendeckenden Mobilfunknetz. Anschaffung und Mobilfunkdienste sind jedoch mit hohen Kosten verbunden und lediglich 10.500 Kunden nutzen das exklusive Angebot.

1972 folgt zunächst die Einführung des B-Netzes, 1985 schließlich die des C-Netzes. Beide Netze zählen trotz einiger Weiterentwicklungen ebenfalls noch zur ersten Mobilfunkgeneration, mit dem C-Netz beginnt aber bereits „der Übergang vom reinen Autotelefon zum tragbaren Mobilfunktelefon“ (IZMF, 2006).

Anfang der neunziger Jahre, mit der Einführung flächendeckender digitaler Mobilfunknetze, folgt in Deutschland die zweite Mobilfunkgeneration. Die sogenannten GSM[7] -Netze öffnen den breiten Zugang zur mobilen Kommunikation. Insgesamt werden vier verschiedene Netze errichtet:

- Das D1-Netz (1992, damaliger Netzbetreiber: Deutsche Bundespost; heute: T-Mobile)
- Das D2-Netz (1992, damaliger Netzbetreiber: Mannesmann Mobilfunk; heute: Vodafone)
- Das E1-Netz (1994, damaliger/heutiger Netzbetreiber: E-Plus)
- Weiteres E-Netz (1998, damaliger Netzbetreiber: VIAG Interkom; heute: O2)

Erwähnenswert ist zudem noch die Entwicklung des Short Message Service (kurz: SMS) im Jahr 1995, mittlerweile der meistgenutzte Handy-Dienst nach dem Telefonieren.

Seit 2004 schließlich befindet sich die dritte Generation in der Markteinführung. Das Universal Mobile Telecommunications System (kurz: UMTS) ist eine Weiterentwicklung des GSM-Standards und „baut die mobile Kommunikation zu einem Multimedia-Service aus“ (IZMF, 2006). Die deutlich höhere Datenübertragungsrate ermöglicht einen schnellen Internet-Zugang, mobile multimediale Daten- und Videoanwendungen, Bildtelefonie u.v.m.

Noch ist die Zahl der UMTS-Nutzer im Vergleich zu den GSM-Nutzern sehr gering, doch Experten erwarten spätestens für das Jahr 2011 eine „Milliarde UMTS-Nutzer weltweit“ (IZMF, 2006).

1.4.3 Das Handy als Multifunktionsgerät

Längst ist das Handy mehr als nur ein kleines tragbares Telefon. Verschiedene Weiterentwicklungen haben das Handy in ein Multifunktionsgerät verwandelt und ein Ende der technischen Neuerungen ist nicht in Sicht. Mittlerweile vereint das moderne Handy Dinge wie das Telefon, den MP3-Player, das Radio, die Digitalkamera, das Navigationssystem, den Internetzugang oder auch die Spielkonsole. Funktionen wie Uhr, Rechner, Wecker und Organizer gehören schon längst zum Standard. Und mit der Einführung von UMTS sind weitere Funktionen verbunden, etwa das Handy-Fernsehen.

Immer wichtiger wird es, das Handy mit anderen Medien, wie z.B. einem Computer, einer Freisprechanlage oder einem anderem Handy zu verbinden. Dazu bedarf es einer Datenschnittstelle, die es in verschiedenen Varianten gibt.

Diese vielfältigen Möglichkeiten des Handys lassen sich zur besseren Übersicht in verschiedene Funktionen aufgliedern und als Schaubild darstellen (vgl. WAGNER, 2006; 4):

Abb. 1: Aktuelle Entwicklungen in der mobilen Mediennutzung

Die Multifunktionalität des Mobiltelefons hat Auswirkungen auf den Medienumgang:

Als Individualmedium

- vorrangig ein Mittel zur Kommunikation (Telefonieren, SMS)
- Spielemedium
- Mittel zur eigenen Produktion von Medieninhalten

Als konvergentes Medium = Schnittstelle zu anderen Massenmedien

- Information (z. B. Fußballergebnisse, Nachrichten etc.)
- Rezeption (Trailer, Videos, Zusammenfassungen etc.)
- Organisation von Datenaustausch

(Quelle: JFF – Institut für Medienpädagogik)

Dazu noch einige Ergänzungen. Vor allem im Bereich der technischen Konvergenz wird sich der Fortschritt der dritten Handy-Generation bemerkbar machen. Zwar ist der Abruf von Informationen auch für GSM-Nutzer über die sogenannte WAP -Funktion[8] möglich, doch UMTS ermöglicht nun auch den Empfang von bewegten Bildern, und somit den Schritt hin zum bereits erwähnten Handy-Fernsehen.

In Hinblick auf das Thema dieser Arbeit sind besonders zwei Punkte von Bedeutung. Zum einen die „Möglichkeiten, eigene Medieninhalte zu produzieren. Vor allem im Bereich der Fotografie ist dies auch schon verbreitet“. (WAGNER, 2006; 4). Die Problematik selbstgedrehter Videos mit jugendgefährdenden Inhalten ist in diesem Zusammenhang zu sehen und soll als Thema dieser Arbeit ausführlich erörtert werden. Zum anderen spielt der Datenaustausch eine wichtige Rolle, schließlich sorgt dieser für eine schnelle Verbreitung eben jener problematischen, also gewalthaltigen und pornographischen Inhalte unter den Jugendlichen.

1.4.4 Datenübertragung

Die technische Weiterentwicklung verläuft rasant und mittlerweile gibt es verschiedene Möglichkeiten, Daten auszutauschen.

Zum direkten Datenaustausch zwingend erforderlich ist eine Datenschnittstelle. Diese verbindet das Handy mit einem anderen Medium, z.B. einem zweiten Handy. Beide Medien müssen dabei über dieselbe Datenschnittstelle verfügen.

- Datenschnittstelle Bluetooth

Bluetooth ist „ein lizenzfreies Nahbereichsfunkverfahren zur kabellosen Sprach- und Datenkommunikation“ (BSI, 2006; 59) und unter Jugendlichen derzeit die beliebteste Methode, Daten untereinander zu tauschen. Bei Handys liegt die Funkreichweite bei etwa zehn Metern. Zur Übertragung können die Geräte sogar in der Tasche bleiben. Praktisch ist der Einsatz besonders für drahtlose Headsets oder Freisprechanlagen im Auto. Mit Bluetooth sind auch größere Datenmengen kein Problem, selbst MP3-Dateien oder Videos werden in wenigen Sekunden verschickt.

- Datenschnittstelle Infrarot

Die Infrarot-Technik kennt man von der Fernbedienung für den Fernseher. Sender- und Empfängergerät benötigen ein Infrarot-Auge und beide Geräte müssen ohne großen Abstand Sichtkontakt haben, damit übertragen werden kann.

Eine andere übliche Bezeichnung für Infrarot ist IrDA, benannt nach der Organisation Infrared Data Association.

Die Funkreichweite bei Handys ist mit 20 Zentimetern eher gering. Auch das Verschicken größerer Datenmengen geschieht nur sehr langsam.

- Datenschnittstelle Serielle Schnittstelle

Eine eher selten genutzte Möglichkeit für den Datentausch. Über ein Datenkabel lässt sich das Handy mit der seriellen Schnittstelle eines anderen Geräts verbinden. Notebooks werden aber meist mit solchen Schnittstellen schon gar nicht mehr versehen.

- Datenschnittstelle Unified Serial Bus

Handys, die Unified Serial Bus (kurz: USB) unterstützen, lassen sich per Datenkabel mit einem USB-Anschluss verbinden, über den jeder moderne Rechner verfügt. Ähnlich wie beim Bluetooth ist auch per USB die schnelle Übertragung größerer Datenmengen kein Problem.

2 Jugendliche und Neue Medien

Dieses Kapitel verdeutlicht den Stellenwert, den die beiden Medien Internet und Handy mittlerweile bei Jugendlichen haben und wie sie von ihnen genutzt werden.

In diesem Rahmen werden auch zum ersten Mal die Phänomene angesprochen, die den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden: Videos mit gewaltverherrlichenden und pornographischen Inhalten auf Schülerhandys, die entweder aus dem Internet heruntergeladen oder mit der Handy-Kamera selbst inszeniert werden.

Die aktuelle Brisanz dieses neuen und bei Jugendlichen beliebten Trends zeigt sich an der Vorabauswertung der JIM-Studie[9] 2006 zu den Themengebieten Mobiltelefon und Chat. Diese Vorabauswertung geschieht vor dem Hintergrund einer Konsultation der Europäischen Kommission[10], die im Juli 2006 veröffentlicht wurde und mit der gezielt in allen europäischen Mitgliedsstaaten „Daten zu Risiken erfragt [werden sollen], die in der Nutzung von Mobiltelefonen durch Kinder und Jugendliche liegen“ (MPFS/JIM, 2006; 1).

Den selbstverständlichen Umgang mit den Neuen Medien demonstrieren nicht zuletzt Begriffe wie Mediengeneration (vgl. STMUK, 2006; 17), Always-On-Generation (vgl. ROBERTZ, 2006; 14), Generation SMS (vgl. DÖRING, 2006; 2) oder auch Handy-Kids (vgl. DÖRING, 2006; 2), die in diesem Zusammenhang genannt werden.

2.1 Exkurs: JIM-Studie

Die JIM-Studie wird seit 1998 jährlich vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (kurz: MPFS) durchgeführt. Dieser Forschungsverbund ist ein Kooperationsprojekt der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg und der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz. „Er erhebt, dokumentiert und verbreitet Daten und Informationen zur Nutzung, Funktion, Wirkung und den Inhalten von Medien“ (MPFS, 2006).

Mit anderen Worten liefert der MPFS aktuelle Daten, dokumentiert Materialien zum Umgang mit Medien und erarbeitet Vorschläge, die zu einem bewussten Umgang mit den Medien beitragen sollen. Grundlage sind dabei die beiden Basisuntersuchungen JIM[11] und KIM[12], die seit 1998 kontinuierlich repräsentatives Datenmaterial zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen bieten.

Da der angesprochene Phänomenbereich der problematischen Handy-Videos besonders unter Schülern der Sekundarstufe 1 auftritt, werden für diese Arbeit lediglich die Ergebnisse der JIM-Studie verwendet.

Hierzu werden pro Jahr etwa 1.200 Jugendliche telefonisch zur ihrer Mediennutzung befragt. Die jüngste Befragung fand in den Monaten Mai und Juni 2006 statt und üblicherweise werden die Ergebnisse im Dezember jeden Jahres ausführlich dokumentiert. Im Jahr 2006 gibt es aufgrund der aktuellen Debatte im Rahmen der Europäischen Kommission eine erste Vorabauswertung der JIM-Studie im September, um aktuelle Zahlen zur Verfügung zu stellen.

2.2 Jugendliche und das Internet

2.2.1 Internet-Erfahrung

Internet und Computer haben sich in den Jahren zu festen Größen im Alltag von Jugendlichen entwickelt. So haben bereits 90 Prozent der 12 – 19-Jährigen Interneterfahrung und über 97 Prozent ist der Umgang mit einem Computer vertraut (vgl. MPFS/JIM, 2006; 7). 1998 waren es lediglich 18 Prozent, die das Internet schon einmal genutzt hatten.

Bei der Internet-Nutzung lässt sich kein geschlechtsspezifischer Unterschied ausmachen, wohl aber ein deutliches Bildungsgefälle. Gymnasiasten (94 %) und Realschüler (90 %) haben deutlich mehr Erfahrung mit dem Internet als Hauptschüler (83 %) (vgl. MPFS/JIM, 2006; 7). Dieses Gefälle ist in den letzten Jahren konstant geblieben.

Die bereits angesprochene Alltagsintegration lässt sich an weiteren Zahlen festmachen. So zeigt sich eine zunehmende Häufigkeit der Internet-Nutzung im Vergleich zu den Jahren zuvor. 2006 sind 77 Prozent der Internet-Nutzer mehrmals pro Woche online, 2005 lediglich 70 % und 2004 sogar nur 58 % (vgl. MPFS/JIM, 2006; 7).

2.2.2 Internet-Aktivitäten

Für Jugendliche ist das Internet in erster Linie ein Kommunikationsmedium. Als häufigste Anwendung wird die Funktion eines Instant Messengers[13] genannt, dicht gefolgt vom Senden und Empfangen von E-Mails. Mädchen bevorzugen dabei das Instant Messaging, Jungen die E-Mail-Funktion.

Als weiteres Kommunikationsmittel wird außerdem das Chatten genannt. Darunter ist allgemein die Unterhaltung im Internet zu verstehen. In so genannten Chatrooms können zeitgleich mehrere Personen online sein, die sich in einem dafür vorgesehenen Textfeld miteinander unterhalten. Nach der JIM-Studie 2006 haben 53 Prozent der Jugendlichen Erfahrungen mit solchen Chatrooms, die oft thematische Schwerpunkte haben, z. B. Flirtchats.

Neben diesen kommunikativen Funktionen nutzen Jugendliche das Internet vor allem als Informations- und Recherchemedium für Schule und Beruf (vgl. MPFS/JIM, 2006; 8). Besonders die Suchmaschine Google ist in diesem Zusammenhang populär und wird von zwölf Prozent der Jugendlichen genannt.

War 2004 die Informationssuche noch die häufigste Online-Tätigkeit, belegt sie mittlerweile nur noch den dritten Platz hinter den beiden Möglichkeiten zur Kommunikation.

2.2.3 Risiken der Internet-Nutzung

Mit seinen unzähligen Möglichkeiten übt das Internet eine große Faszination auf Kinder und Jugendliche aus. Doch mit den verlockenden Möglichkeiten als Kommunikations- und Informationsmedium sind auch Gefahren verbunden.

Zu den zentralen Problembereichen des Internets zählt der Kriminalhauptkommissar Rainer Richard[14] „pornographische Abbildungen, Darstellung und Verherrlichung von Gewalt, Betrug, politischen und religiösen Extremismus, Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz und gegen das Urheberrecht“ (in: STMUK, 2006; 37).

In Hinblick auf das Thema der Arbeit sind besonders die ersten beiden Punkte interessant, nämlich Internetseiten mit pornographischen und gewaltverherrlichenden Inhalten. Unterscheiden muss man dabei, ob Seiten mit diesen Inhalten bewusst oder zufällig von Kindern und Jugendlichen aufgerufen werden. Mögliche Motive für das bewusste Suchen und Herunterladen von pornographischen und gewalthaltigen Inhalten werden an späterer Stelle[15] ausführlich erörtert. Sehr schnell kann es jedoch passieren, dass Kinder und Jugendlichen bei „harmlosen Ausflügen ins Internet ungewollt mit verstörenden Abbildungen konfrontiert werden“ (STMUK, 2006; 37). Ein kleiner Tippfehler oder ein unbedachter Mausklick reichen aus, um sich auf Seiten von Pornoanbietern wiederzufinden. Schon auf den Startseiten sind häufig Abbildungen zu sehen, die Kinder schockieren und abstoßen.

„Verheerend sei“, so Richard weiter, „dass problemlos auf amerikanischen Servern pornographische und Gewalt verherrlichende Inhalte abgerufen werden könnten, die in Deutschland klar verboten sind“ (in: STMUK, 2006; 37). Die deutschen Gesetze schränken die Handlungsmöglichkeiten der Polizei jedoch sehr stark ein und so ist es neugierigen Jugendlichen ein Leichtes, Zugang zu geschmacklosen und sogar menschenverachtenden Angeboten zu finden (vgl. STMUK, 2006; 37). Mögliche Inhalte sind dabei Abbildungen von Sodomie, Folter- oder Hinrichtungsvideos. Welche Auswirkungen das unvorbereitete Anschauen solcher Bilder auf Kinder und Jugendliche haben kann, wird ebenfalls noch ausführlich beschrieben.[16]

An dieser Stelle steht zunächst jenes Gefahrenpotenzial im Blickpunkt, das von den Chatrooms ausgeht. Der Reiz beim Chatten liegt in der spontanen und anonymen Kommunikation, die die Teilnehmer in einer spielerischen und erfindungsreichen Sprache verbindet. Oft wird in Chatrooms die Möglichkeit gegeben, ein eigenes Profil anzulegen. Über die Angaben persönlicher Daten haben die Chat-Teilnehmer die Möglichkeit, sich über die anderen Teilnehmer zu informieren. Dabei besteht die Gefahr, dass Unbekannten ungewollt ein tiefer Einblick gegeben wird. Denn Kinder und Jugendliche haben oft noch nicht die Erfahrung, um einschätzen zu können, was sie besser nicht preisgeben sollten. Oft werden Kinder und Jugendliche direkt von anderen Teilnehmern dazu aufgefordert, Persönliches wie Adressen oder Telefonnummern zu offenbaren (vgl. STMUK, 2006; 92). Laut aktueller Studie kommt sogar „fast ein Viertel [der Jugendlichen] dieser Aufforderung nach[…]“ (MPFS/JIM, 2006; 10).

Dass Jugendliche nicht nur angenehme Erfahrungen mit Unbekannten machen, wird durch die JIM-Studie 2006 belegt. So berichtet die Hälfte der Jugendlichen von unangenehmen Kontakten im Chat, besonders Mädchen (57 %) fühlten sich schon einmal belästigt. „Die mögliche Bandbreite reicht hier von Kraftausdrücken über Beschimpfungen bis hin zu sexuellen Belästigungen“ (MPFS/JIM, 2006; 9-10).

Trotz der Risiken darf die Kommunikationsform Chat nicht nur schlecht gemacht werden. Es ist eine „faszinierende Möglichkeit, um über alle räumlichen und zeitlichen Grenzen hinweg mit anderen Menschen in Kontakt zu treten“ (STMUK, 2006; 93).

2.3 Jugendliche und das Handy

Das Handy ist mehr als nur ein tragbares Telefon. Unter Kindern und Jugendlichen – Mädchen gleichermaßen wie Jungen – hat es sich als digitales Mehrzweck-Medium etabliert und wird entsprechend genutzt. Welcher Art die Nutzung ist, welche Wirkungen mit dem Handy verbunden sind und welche möglichen Risiken davon ausgehen, diese Fragen werden nun erläutert.

2.3.1 Besitz und Ausstattung

Kein anderes Medium hat sich unter Kinder und Jugendlichen so schnell verbreitet und hat eine so hohe Besitzrate wie das Handy. Waren 1998 lediglich acht Prozent der 12 – 19-Jährigen in Deutschland im Besitz[17] eines Handys, stieg die Anzahl der Handy-Besitzer in drei Jahren fast um das Zehnfache auf 74 Prozent (vgl. MPFS, 2006).

Mittlerweile haben 92 Prozent der Jugendlichen ein eigenes Handy (vgl. MPFS/JIM, 2006; 2) und damit ist das Handy das am weitesten verbreitete Mediengerät. Auch in der Gruppe der 6 – 13-Jährigen wird der Handy-Besitz zunehmend zur Normalität, beinahe jedem Zweiten steht ein Gerät zur Verfügung (vgl. MPFS, 2006).

Besonders ab dem zehnten Lebensjahr, also in der Altersklasse, die mit dem Wechsel auf eine höhere Schulform verbunden ist, nimmt der Besitz deutlich zu.

Auffällig ist, dass Mädchen Handys früher und intensiver als Jungen nutzen (vgl. DÖRING, 2006; 4) und, anders als bei der Nutzung des Internets, gibt es beim Handy kein Bildungsgefälle. Vielmehr sind Schüler von Haupt- und Realschulen besser mit Handys ausgestattet als Gymnasiasten. Gerade für Jungen aus sozial schlechter gestellten Milieus scheint das Handy ein wichtiges Statutssymbol zu sein, besonders auf die technische Ausstattung wird Wert gelegt. Die Technik allein reicht aber nicht, Marke und Modell spielen eine wichtige Rolle. Zudem werden die Handys teilweise durch Aufkleber und Anhänger verziert, um die Bedeutung zu unterstreichen (vgl. DÖRING, 2006; 4).

2.3.2 Handy-Nutzung

Seine ursprüngliche Bedeutung hat das Handy auch bei Jugendlichen nicht verloren und wird in erster Linie zur Kommunikation genutzt. Allerdings steht nicht das Telefonieren an erster Stelle, sondern die Kommunikation per SMS[18]. Somit dominieren auch beim Handy die „Funktionen der interpersonalen Kommunikation“ (DÖRING, 2006; 4). Die Beliebtheit der SMS-Kommunikation lässt sich gut mit dem Instant Messaging oder dem Chatten vergleichen. Es sind drei Möglichkeiten, mit Sprache spielerisch umzugehen. Der korrekte Sprachgebrauch steht im Hintergrund, stattdessen dominieren „Kürzel, abgebrochene Sätze, Smileys und Kombinationen von Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen“ (STMUK, 2006; 91). Besonders Jugendlichen mit bildungsfernem Hintergrund wird so die Scheu vor der Kommunikation genommen.

Bereits mit deutlichem Abstand folgt auf Platz drei der beliebtesten Handy-Funktionen die Nutzung der eingebauten Digitalkamera und hier rangiert das Fotografieren deutlich vor dem Videodreh. Zurückgegangen sind die Bedeutung von Spielen und das Interesse an Logos und Klingeltönen. So gut wie keine Rolle spielen bislang die Möglichkeiten, mit dem Handy im Internet zu surfen oder TV-Programme zu empfangen.

Aktuelle Zahlen zeigen die Wichtigkeit der einzelnen Handy-Funktionen. „So schicken 85 Prozent mindestens mehrmals pro Woche eine SMS, ‚nur’ 63 Prozent telefonieren mit dieser Häufigkeit“ (MPFS/JIM, 2006; 4). Schon im Jahr zuvor zeigte sich diese Verteilung, denn mit durchschnittlich vier gesendeten und fünf empfangenen SMS pro Tag ergab sich ein „monatliches SMS-Aufkommen von mehr als 250 Kurzmitteilungen“ (DÖRING, 2006; 4). Die SMS-Kommunikation als wichtigste Funktion lag mit 47 Prozent deutlich vor dem Telefonieren mit 38 Prozent (vgl. MPFS, 2006). Die Funktion der Digitalkamera rangiert in den letzten beiden Jahren hinter den beiden Kommunikationsformen auf Platz drei, von Jugendlichen zwar deutlich unwichtiger eingestuft, doch mittlerweile fest etabliert. Zu bedenken ist hier, dass die Digitalkamera noch nicht lange zur technischen Ausstattung eines Handys gehört. So taucht in der Studie Daumenbotschaften[19] aus dem Jahr 2003 bei der Frage zur Handy-Nutzung die Möglichkeit zum Fotografieren noch gar nicht auf (vgl. NOWOTNY, 2003; 24).

Die weiteren Funktionen spielen in ihrer Bedeutung eine zu geringe Rolle, als dass eine Auflistung der Zahlen erforderlich erscheint.

2.3.3 Handy-Wirkungen

Deutlich wurde bisher, dass der Handy-Besitz zum normalen Alltag von Jugendlichen gehört und wie die Mobiltelefone von ihnen bevorzugt genutzt werden. Im nächsten Schritt soll die Bedeutung und Wirkung der Mobilkommunikation dargestellt werden. Warum das Handy im Leben Heranwachsender eine so wichtige Rolle spielt, ist in den letzten Jahren durch eine Reihe psychologischer, soziologischer und kommunikationswissenschaftlicher Studien untersucht worden. Anhand dieser Befunde unterscheidet DÖRING[20] verschiedene Wirkungsdimensionen des Handys. Die wichtigsten Aspekte sollen hier kurz vorgestellt werden (vgl. DÖRING, 2006; 7 – 13):

- Sicherheitsfunktion

Oft statten Eltern ihre Kinder mit einem Handy aus, damit diese sich bei Bedarf, etwa einem Unfall, einer Verspätung oder einem Hilferuf, melden können. Das Handy wird somit zu einem wichtigen Sicherheitsfaktor, die mögliche gegenseitige Erreichbarkeit beruhigt Eltern gleichermaßen wie Kinder. Allerdings besteht dabei auch die Gefahr einer übermäßigen Kontrolle. Ebenso können Probleme bzw. Verunsicherung entstehen, falls die Erreichbarkeit einmal nicht gegeben ist, beispielsweise durch ein Funkloch oder einen leeren Akku.

- Organisationsfunktion

Eine wichtige Rolle spielt das Handy, wenn es darum geht, den Alltag zu koordinieren. Dabei reicht die Bandbreite „vom Vereinbaren von Abholdiensten mit den Eltern bis zu Kontakten mit den Peers“ (DÖRING, 2006; 8). Mit zunehmendem Alter steigt auch die Anzahl der Freizeitaktivitäten der Kinder und Jugendlichen. Das Handy erleichtert dabei in großem Maße die Koordination mit den Terminen berufstätiger Eltern.

Untereinander verlegen sich Jugendliche zunehmend auf eine spontane Freizeitplanung, z. B. durch SMS-Mitteilungen, und verzichten auf feste Absprachen von Uhrzeit und Treffpunkt.

- Beziehungsfunktion

„Das Handy ist für Jugendliche die Schaltzentrale ihres sozialen Netzwerkes“ (DÖRING, 2006; 9), denn sie erreichen ihre Freunde und andere Kontaktpartner praktisch überall und jederzeit.

Dabei steht eine emphatische Kommunikation im Vordergrund, indem Jugendliche durch das Ausdrücken von Gefühlen und Anteilnahme am Alltag der Anderen Zusammengehörigkeit signalisieren. Bekräftigt wird die Beziehung oftmals durch Fotos, Witze oder sonstigen SMS-Sprachspielen, die untereinander zugeschickt werden.

Neben der Peer Group ist der feste Freund bzw. die feste Freundin die wichtigste Kontaktperson. Die schriftliche Kommunikation per SMS hat dabei eine enthemmende Wirkung, Gefühle bis hin zu Liebesbeteuerungen können einfacher mitgeteilt werden.

- Identitätsfunktion

In der Pubertät spielt die Ausbildung einer eigenen Identität eine wichtige Rolle. Das Handy als persönliches Mehrzweckgerät wird dabei von Jugendlichen bewusst eingesetzt. So eignen sich auswechselbare und dekorierbare Handyschalen, Logos oder auch Klingeltöne zur Identitätsdarstellung.

Auch die Geschlechtsrollen spiegeln sich in der Nutzung des Handys wider, „etwa wenn Jungen sich das Endgerät […] stärker als technisches Artefakt aneignen und Mädchen eher als modisches Accessoire“ (DÖRING, 2006; 11).

Problematisch wird es, wenn bei der Identitätsfindung gewisse Grenzen ausgetestet und auch überschritten werden. In diesem Rahmen sind z.B. Gewalt- und Pornovideos zu nennen, die sich Jugendliche auf dem Handy ansehen und verbreiten. Dabei werden z.T. sogar Strafbestände erfüllt.

- Unterhaltungsfunktion

Was machen Jugendliche in Wartezeiten oder wenn ihnen langweilig ist? An Haltestellen für Bus oder Bahn, auf Schulhöfen, teilweise sogar während des Unterrichts? „Richtig, sie telefonieren, sie schicken SMS, sie holen sich neue Klingeltöne oder verschicken Fotos, sie spielen mit dem Handy“ (EHLER, 2005; 10).

Neben der Beziehungspflege dient das Handy dem Zeitvertreib und der Ablenkung. Besonders Handy-Spiele sind ein beliebtes Mittel zur Unterhaltung. Allerdings kann dieser Zeitvertreib auch zu Problemen führen. Zum einen, wenn auf nicht altersgerechte Inhalte zugegriffen wird, zum anderem erfordert es „ein ständiges Multi-Tasking, dass die Konzentration auf andere wichtige Aktivitäten reduziert“ (DÖRING, 2006; 12).

- Informationsfunktion

Das Handy erlaubt es, diverse Informationsangebote oder Lernprogramme zu nutzen. Bekannt sind besonders Nachrichtendienste, die per SMS über aktuelle Ereignisse informieren. Aber auch der Zugriff auf Internet-Suchmaschinen, Lexika und Fachbücher als E-Books (vgl. DÖRING, 2006; 12) ist möglich.

Bislang ist eine solche Nutzung kaum verbreitet, wird aber mit der Weiterentwicklung und Ausbreitung der dritten Mobilfunkgeneration UMTS zunehmend an Bedeutung gewinnen.

- Sozialisationsfunktion

Der Gebrauch des Handys im sozialen Umfeld hat eine Sozialisationsfunktion. Die Nutzung unterliegt Normen und Regeln, mittels derer Jugendliche den angemessenen Umgang mit dem Mobiltelefon erlernen. So lernen sie, „wann und wo die Nutzung des Mobiltelefons angemessen ist oder nicht, wie schnell man auf SMS-Botschaften antworten soll, wie mit den Handykosten umzugehen ist usw.“ (DÖRING, 2006; 13).

2.3.4 Risiken der Handy-Nutzung

Anhand der Wirkungsdimensionen zeigt sich das große Potenzial der Handys. Allerdings bestehen neben den vielen Chancen und Einsatzmöglichkeiten der Mobilfunkgeräte auch Risiken und Gefahren, die inzwischen zu einer internationalen Diskussion geführt haben.

Im Juni 2005 gab es mit dem Forum Child Safety and Mobile Phones erstmals dazu eine Fachtagung in Luxemburg auf europäischer Ebene. In diesem Zusammenhang ist auch die bereits angesprochene Konsultation der Europäischen Kommission zu sehen, die als Folge dieser Fachtagung im Juli 2006 veröffentlicht wurde und die aktuelle Situation in den EU-Mitgliedsstaaten untersuchen soll.

Bevor in einem Exkurs diese Konsultation näher beschrieben wird, sollen zunächst die relevanten Problemdimensionen des Handys aufgezeigt werden. Insgesamt lassen sich dabei sechs Risiken unterscheiden (vgl. DÖRING, 2006; 13 – 15).

- Finanzielle Risiken

Formal müssen Erwachsene die Verantwortung übernehmen, wenn Minderjährige ein Handy nutzen wollen. In der Regel ist es ein Elternteil, der die Prepaid -Karte angemeldet oder den Handy-Vertrag abgeschlossen hat. Die Kosten werden hingegen größtenteils von den Jugendlichen getragen, „rund 90 Prozent […] begleichen sie aus der eigenen Tasche“ (MPFS/JIM, 2006; 2). Dieser Eigenanteil ist im Vergleich zum letzten Jahr deutlich gestiegen, lag er 2005 noch lediglich bei 67 Prozent.

Ein finanzielles Risiko besteht besonders bei einem Handy-Vertrag, einem Postpaid -Zahlungssystem, bei dem erst am Ende einer Abrechnungsperiode die genutzten Handy-Dienste bezahlt werden müssen. Unerfahrene Kinder und Jugendliche können den Überblick über die Gesamtausgaben leicht verlieren und übermäßige Kosten verursachen.

Insgesamt nutzen jedoch zwei Drittel der Jugendlichen eine Prepaid -Karte für ihr Handy, also ein Guthabensystem, mit dem eine gewisse Kostenkontrolle verbunden ist, weil die Handy-Dienste im Voraus bezahlt werden müssen.

Aktuell geben acht Prozent der Jugendlichen an, regelmäßig Probleme mit der Zahlung der Handy-Kosten zu haben, weitere 19 Prozent berichten von gelegentlichen Schwierigkeiten (vgl. MPFS/JIM 2006; 3). Das Problem einer massenhaften Verschuldung ist jedoch nicht auszumachen, nur sechs Prozent der Jugendlichen haben schon einmal Schulden gemacht.

- Gesundheitliche Risiken

Im Mittelpunkt gesundheitlicher Risiken steht die Diskussion um eine mögliche krebserregende Strahlung, ausgelöst durch elektromagnetische Felder zwischen Handys und Sendemasten. Trotz vielfacher wissenschaftlicher Untersuchungen konnte eine konkrete Gesundheitsschädigung bisher nicht nachgewiesen werden. „Generell wird eine mögliche Gefährdung bei Kindern aber höher eingeschätzt“ (DÖRING, 2006; 14).

Um die elektromagnetischen Wirkungen zu reduzieren, empfiehlt es sich, strahlungsarme Handys zu wählen und nur bei gutem Empfang zu telefonieren. Auch Headsets[21] verringern die Gefahr möglicher Schäden, „da das Handy dann z.B. im Rucksack oder am Gürtel bleiben kann“ (BÖKER, 2004).

- Kriminelle Risiken

Mit dem Handy sind mehrere kriminelle Risiken verbunden. „Dies betrifft z.B. Handy-Diebstahl oder -Raub, Handy-Viren, Kontaktaufnahme durch sexuell motivierte Erwachsene […], voyeuristische Handy-Fotos […], Bedrohung und Belästigung bis hin zum Stalking oder auch Hacking“ (DÖRING, 2006; 14).

Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass Jugendliche selbst zu Tätern werden und das Handy für kriminelle Aktivitäten nutzen.

- Problematische Medieninhalte

Seit der technischen Entwicklung von Farbdisplays und Fotofähigkeit werden jugendliche Handy-Besitzer vermehrt mit entwicklungsbeeinträchtigenden oder jugendgefährdenden Inhalten konfrontiert.

Spam -SMS mit mobilen Pornographie- und Glücksspielangeboten werden von privaten Anbietern genauso angepriesen wie Handy-Logos, Hintergrundbilder oder Animationen. Zwar gibt es von Seiten der Netzbetreiber Schutzmaßnahmen, z. B. die Handys für 0190er-Nummern sperren zu lassen, doch in Hinblick auf den aktuellen Trend sind auch diese Maßnahmen wirkungslos. Über die neuen Möglichkeiten der Datenübertragungen „können problematische Inhalte auch vom PC auf das Handy übertragen und dann direkt zwischen Handys ausgetauscht werden“ (DÖRING, 2006; 15). Mit dieser technischen Entwicklung haben sich besonders gewalthaltige und pornographische Inhalte unter Jugendlichen verbreitet.

- Normverletzende Handynutzung

Eine Normverletzung ist immer kontextabhängig. Beispiele für eine unangemessene Handynutzung sind öffentliche oder teilöffentliche Orte wie Schulunterricht, Kirche, Kino, Theater (vgl. DÖRING, 2006; 15). Kinder und Jugendliche müssen die relevanten Normen und eine angemessene Handhabung erst kennen lernen. Z.B. laufen im Kino vor dem Hauptfilm kurze Erinnerungs-Clips, das Handy zumindest auf lautlos zu stellen und in Bibliotheken mahnen Hinweisschilder zum Ausstellen.

- Handy-Abhängigkeit

Dieses Phänomen ist bisher nur aus dem Ausland bekannt. So spricht man in China bereits von einem Handy-Abhängigkeits-Syndrom (vgl. BÖKER, 2004), weil sich Jugendliche so sehr vom Handy ablenken lassen, dass sie sich nicht mehr auf andere Dinge konzentrieren können. Ein mögliches Problemfeld ist der Schulunterricht. Auch Beispiele aus Amerika offenbaren Probleme eines extremen Handynutzungsverhaltens. Im Blickpunkt stehen dabei die Organisations- und Beziehungsfunktionen. So „ist das Handy […] so stark in den Alltag integriert, dass Handy-Abstinenz zu erheblichen Nachteilen führt“ (DÖRING, 2006; 15).

2.4 Exkurs: Konsultation der Europäischen Kommission

Mit der dritten Mobilfunkgeneration und den damit verbundenen technischen Weiterentwicklungen bietet die Mobilkommunikation große Chancen und Einsatzmöglichkeiten. Mit der neu eingeführten Technologie, der hohen Verbreitungsrate der mobilen Endgeräte unter Jugendlichen sowie den schnellen und kostenlosen Möglichkeiten der Datenübertragung, geraten jedoch die Gefahren und Risiken rund um das Handy zunehmend in den Blickpunkt.

Die Europäische Kommission hat zu diesem Zweck eine öffentliche Konsultation veröffentlicht, um möglichst viele Meinungen zum Jugendmediumschutz einzuholen. Das Diskussionspapier Child Safety & Mobile Phone Services[22] wurde im Juli 2006 an alle EU-Mitgliedsstaaten verschickt, um die aktuelle Situation möglicher Risiken zu prüfen. Bis zum 16. Oktober 2006 hatten alle Beteiligten Zeit, ihre Stellungnahme zum Jugendschutz bei der Handybenutzung abzugeben. Mit dem Diskussionspapier, bestehend aus einem Informationsüberblick und einem Fragebogen, sollten in erster Linie Jugendschutz-, Eltern- und Verbraucherorganisationen, Mobilfunkbetreiber, Inhalteanbieter, Handset-Hersteller, Netzausrüster sowie Regulierungsstellen angesprochen und um eine Rückmeldung gebeten werden (vgl. EK, 2006; 4). Nach Durchsicht und Auswertung aller eingegangenen Antworten wird die Europäische Kommission einen zusammenfassenden Bericht aller Hauptpunkte veröffentlichen.

Das Diskussionspapier ist wie folgt aufgebaut. Nach einer kurzen Erläuterung im ersten Kapitel, welches Ziel mit dem Papier verbunden ist, gibt Kapitel 2 einen Überblick zu den Risiken, die durch die Nutzung von Mobiltelefonen durch Kinder entstehen. Allerdings wird dabei nur zwischen drei möglichen Risiken unterschieden, explizit ausgeklammert wird von der Kommission der Bereich der gesundheitlichen Risiken. Außerdem fehlen die Aspekte der Normverletzenden Handynutzung sowie die Handy-Abhängigkeit (vgl. DÖRING, 2006; 13 – 15). Im Mittelpunkt der Diskussion stehen die Risiken der illegalen bzw. jugendgefährdenden Inhalte auf dem Handy, mögliche Belästigungen in Verbindung mit dem Handy sowie das hohe Kostenrisiko für Jugendliche. Diese Beschränkung ist gewollt und hängt mit dem Safer-Internet-Programm der Europäischen Kommission zusammen. Dieses Programm wurde in erster Linie zur Bekämpfung illegaler und schädlicher Inhalte hauptsächlich im Bereich des Schutzes von Kindern und Minderjährigen entwickelt (vgl. EK, 2006; 29). Der aktuelle 4-Jahres-Plan umfasst dabei insbesondere den Bereich der Mobiltelefone. Es folgen in den Kapiteln 3, 4 und 5 verschiedene Lösungsmöglichkeiten, die in einzelnen Mitgliedsstaaten bereits umgesetzt werden. Das sechste Kapitel schließlich benennt die Handlungsmöglichkeiten der Europäischen Kommission für Maßnahmen auf europäischer Ebene. Angehängt ist der Fragebogen mit insgesamt 13 Fragen zu den vier Schwerpunkten Risiken, Regulierungsrahmen, Technische Lösungen und Europäische Lösungen.

3 Aktuelle Gewaltphänomene im Zusammenhang mit Neuen Medien

In den ersten Kapiteln ist deutlich geworden, welchen Stellenwert die Medien Internet und Handy mittlerweile im Alltag von Jugendlichen haben. Ebenso wurden die Gefahren und Risiken beschrieben, die neben den technischen Möglichkeiten für Jugendliche bestehen. Selbst die Europäische Kommission hat das Thema aufgegriffen und ein Forum für eine öffentliche Debatte zur Problematik des Jugendmedienschutzes gestartet.

Im Mittelpunkt der Diskussion steht dabei besonders ein Phänomenbereich: Illegale bzw. jugendgefährdende Bilder und Videoclips auf Handys. Entweder als Datei aus dem Internet heruntergeladen, mit der eingebauten Digitalkamera selbst gedreht oder mittels Datenübertragung von Freunden erhalten.

Auch in Deutschland häufen sich die Medienberichte „über Jugendliche, die im Internet Gewalt- und Pornovideos herunterladen und auf dem Schulhof von Handy zu Handy verschicken“ (AJS, 2006). Daneben erregt ein in den Medien als Happy Slapping bekannt gewordener Trend als neuartige Form der Gewalt die Aufmerksamkeit. Jugendliche verüben grund- und wahllos Gewalttaten, um sich dabei von der Handy-Kamera filmen zu lassen. Meist werden die selbstgedrehten Videos oder Fotos anschließend im Internet veröffentlicht oder zumindest per Datenübertragung verbreitet. Die öffentliche Darstellung verfolgt dabei hauptsächlich den Zweck einer zusätzlichen Bloßstellung und Demütigung der Opfer. Experten sprechen in solchen Fällen mittlerweile von Cyberbullying.

3.1 Phänomenbereich Gewalt- und Pornovideos

3.1.1 Phänomen Snuff-Videos

Videos mit extremen Gewaltdarstellungen werden unter Jugendlichen meist als sogenannte Snuff-Videos bezeichnet. Der Begriff Snuff leitet sich ab vom englischen Verb to snuff out und lässt verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten[23] zu.

Solche Videosequenzen werden in der Regel aus dem Internet heruntergeladen. Zu finden sind sie über einschlägige Webseiten sowie über Tauschbörsen (vgl. PK, 2006). Die Videoaufzeichnungen dauern häufig nur wenige Sekunden und stellen „Akte brutaler Körperverletzung und Tötung – von der Vergewaltigung bis hin zur grausamen Hinrichtung – dar“ (BPJM, 2006; 13).

Unterscheiden muss man zwischen realen und gestellten Aufnahmen, auch wenn dieser Unterschied oftmals nicht zu erkennen ist. Oftmals sind Snuff -Videos gestellt, werden jedoch als reale Tötungsdelikte dargestellt. Quelle der Videoclips sind hauptsächlich „Ausschnitte von Film-/Video-Produktionen oder […] Dokumentationen tatsächlicher Tötungen – wie beispielsweise Enthauptungen, Steinigungen, Verbrennungen, Leichenschändungen“ (PK, 2006).

Bekanntes Beispiel einer realen Hinrichtung ist die Enthauptung des US-Bürgers Nicolas Berg während des Irak-Krieges. Das dem arabischen Fernsehsender Al-Dschasira zugespielte Video wurde zwar von westlichen Sendern zensiert, war im Internet jedoch in kürzester Zeit abrufbar. In Hinblick auf die Problematik ließ sich nachweisen, „dass in dem betreffenden Monat der Name des Toten der in den Suchmaschinen am häufigsten genannte Suchbegriff war“ (STMUK, 2006; 39).

Reale Tötungen werden zumeist von Terroristen veröffentlicht, „im Wissen, dass ‚naive’ Betrachter diese Filme herunterladen, in Umlauf bringen und so (un-)gewollt die eigene Propaganda unterstützen“ (PK, 2006). Diesen Zweck verfolgen Jugendliche sicherlich nicht, vielmehr geht es ihnen beim Tausch solcher Videos um Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Der bloße Besitz solchen Bildmaterials ist straflos, erst das Anbieten, Überlassen oder Zugänglich-Machen an Personen unter 18 Jahren erfüllt einen Strafbestand (vgl. LKA NRW, 2006; 3).

3.1.2 Phänomen Pornographische Videos

Mit Beginn der Pubertät wächst bei Jugendlichen, besonders bei Jungen, das Interesse an erotischen und pornographischen Bildern. Gerade das Internet bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Neugier zu befriedigen und „deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Angebote von Contentanbietern[24] gern ausprobiert werden“ (LSKJ, 2006).

Unterschieden werden muss zwischen Erotik und Pornographie. Pornographie zielt allein auf die sexuelle Erregung und somit auf die Triebbefriedigung ab. Meist reduziert sich Pornographie auf die bloße Darstellung der Geschlechtsteile oder des Geschlechtakts. Minderjährigen unter 18 Jahren ist der Zugang zu pornographischen Inhalten verboten. Erotische Angebote, die in erster Linie durch Körperästhetik die Fantasie anregen sollen, verzichten auf Bloßstellungen der Geschlechtsteile und sind in der Regel ab 16 Jahre freigegeben. Das Internet umgeht diese Hürde, denn „Altersverifizierungen seien in der Realität kein wirklicher Schutz“ (STMUK, 2006; 37).

Das Problem sind demnach die pornographischen Angebote, die ohne Kontrolle für Minderjährige zugänglich sind. „Neugierigen Jugendlichen sei es ein Leichtes, Zugang zu Angeboten zu erhalten, die nicht nur geschmacklos und abstoßend, sondern auch zutiefst menschenverachtend sind“ (STMUK, 2006, 37). Server aus dem Ausland verbreiten extreme pornographische Inhalte, die in Deutschland verboten sind, z.B. Sex mit Kindern, Sodomie oder solche in Verbindung mit Gewalt. Wie groß mittlerweile das Angebot pornographischer Inhalte im Internet geworden ist, zeigt ein Vergleich von Suchmaschinenergebnissen. „Waren Anfang 1998 noch drei Millionen Treffer zum Suchbegriff ‚Sex’ zu finden, sind es im Jahr 2005 bereits 300 Millionen Treffer“ (STMUK, 2006; 37).

Dass Jugendliche sich solche pornographischen Videoclips aus dem Internet auf ihr Handy herunterladen, hat wenig mit dem Ziel sexueller Erregung zu tun. Ähnlich den Gewaltvideos dient das Zeigen, Tauschen oder Verbreiten solcher Videos der Image-Pflege. „Wenn man in der Clique etwas Besonderes zeigen kann, ist man unter Umständen wer“ (LSKJ, 2006).

3.1.3 Verbreitung

Die Vorabauswertung der JIM-Studie 2006 zeigt deutlich die aktuelle Problematik, die Videos mit gewaltverherrlichenden oder pornographischen Inhalten inzwischen darstellen. Die Ergebnisse sind die ersten konkreten statistischen Erhebungen zur Thematik, bislang konnten zur Verbreitung allenfalls Vermutungen geäußert werden. In Hinblick auf die technische Ausstattung der Jugendlichen und die einfachen Möglichkeiten, solche Videos zu beschaffen, warnen Fachleute allerdings schon länger davor, das Thema zu bagatellisieren (vgl. LKA NRW, 2006; 1). Die Ergebnisse der JIM-Studie weisen auf ein großes Ausmaß der Verbreitung hin und bestätigen somit diese Vermutungen. So haben 88 Prozent der Jugendlichen Kenntnis davon, dass Gewalt- und Pornovideos mit dem Handy verschickt werden können. Selbst unter den 12 – 13-Jährigen wissen bereits 80 Prozent davon.

Anschließend sollten die Jugendlichen in zwei Schritten von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Zunächst wurden sie danach gefragt, ob sie Freunde oder andere Bekannte kennen, denen schon einmal solche Videos auf ihre Handys zugeschickt wurden. „Insgesamt bestätigten dies 34 Prozent der Handy-Besitzer“ (MPFS/JIM, 2006), wobei der Anteil mit zunehmenden Alter ansteigt. Sind es bei den 12 – 13-Jährigen lediglich 20 Prozent, so kennen bereits 39 Prozent der 16 – 17-Jährigen jemanden, der Gewalt- oder Pornovideos auf dem Handy hat.

Bei der Nachfrage, ob die Jugendlichen derartige Videos schon selbst auf dem eigenen Handys hatten, gehen die Angaben stark zurück. Allerdings muss bei dieser Frage davon ausgegangen werden, dass viele Jugendliche statt einer ehrlichen eher eine sozial erwünschte Antwort wählen. Nur sieben Prozent geben an, eigene Erfahrungen mit Gewalt- oder Pornovideos gemacht zu haben (vgl. MPFS/JIM, 2006).

Darüber hinaus sind bei der Studie zwei Aspekte deutlich geworden. Jugendliche mit geringerem Bildungshintergrund sind offenbar vertrauter mit solchen Videos bzw. anfälliger für diese. Denn den 42 Prozent an Hauptschülern mit entsprechendem Wissen stehen lediglich 28 Prozent an Gymnasiasten gegenüber. Außerdem haben fast dreimal so viele Jungen wie Mädchen Erfahrungen mit diesem Phänomen gemacht.

3.2 Phänomenbereich Happy Slapping

Happy Slapping ist eine neuartige Form von Gewalt und ist ein beliebter Trend unter Jugendlichen. Bezeichnet wird damit ein grundloser und unerwarteter Angriff auf eine Person, wobei die Gewalttaten von weiteren Beteiligten meist Handy-Kamera gefilmt werden. Diese Attacken werden z.T. von den Jugendlichen geplant, geschehen aber auch wahllos oder aus Langeweile. Nach den blitzartigen Übergriffen werden die Opfer zurückgelassen und die Aufnahmen in der Regel im Internet veröffentlicht oder von Handy zu Handy weitergegeben.

Happy Slapping wird als Erscheinung zum sogenannten Cyberbullying gezählt, einem Oberbegriff für jegliche Art von Gewaltformen, in denen Personen im Zusammenhang mit neuen Medien und Informationstechnologien verletzt oder belästigt werden (vgl. ROBERTZ, 2006; 12). Da besonders das Happy Slapping in der Berichterstattung der Medien für Diskussionen gesorgt hat, soll dieses Phänomen hier gesondert und in einzelnen Schritten erläutert werden. Vertiefende Informationen zum Cyberbullying schließen sich an.

3.2.1 Zum Begriff

Der Begriff leitet sich ab vom englischen Verb to slap[25] und bedeutet übersetzt etwa Fröhliches Schlagen oder Heiteres Einschlagen. Durch die Medien hat sich diese Bezeichnung verbreitet, z.T. kommt es sogar zu Weiterentwicklungen, etwa wenn vom Happy Burning die Rede ist. Gemeint ist dabei das Anzünden von Autos durch Jugendliche.

Der Begriff ist sehr kritisch zu sehen, denn er verharmlost oder verherrlicht sogar brutale Gewalttaten (vgl. LKA NDS, 2006; 3). „Andere quälen, demütigen, verprügeln und alles mit dem Handy zu filmen ist eine Form von Mobbing“ (AJS, 2006) und hat nicht im Entferntesten fröhlichen oder heiteren Charakter. Vielmehr handelt es sich dabei größtenteils um Straftaten und „gewaltverherrlichende Bilder und Videos müssen als solche auch so bezeichnet werden“ (LKA NDS, 2006; 3).

3.2.2 Ursprung und Entwicklung

Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wann und wo dieses Gewaltphänomen entstanden ist. Allerdings stammen erste Berichte über derartige Vorfälle aus Großbritannien. Erstmals wurden im Jahr 2004 Fälle gemeldet, bei denen britische Jugendliche arglose Passanten angriffen, die Attacken aufzeichneten und rasch wieder verschwanden. „Kurz danach wurde eine epidemieartige Ausbreitung über britische Schulhöfe verzeichnet“ (LKA NDS, 2006; 3). Besonders brutale Fälle wurden auch in Deutschland bekannt, etwa als am 30. Oktober 2004 in London eine Jugendbande einen 37-jährigen Mann zu Tode prügelt[26] oder die Vergewaltigung eines 11-jährigen Mädchens durch vier Jugendliche ebenfalls in London[27]. In beiden Fällen wurden die Taten mit der Handy-Kamera gefilmt und anschließend verbreitet.

Die Täter wurden jeweils gefasst und die ausführliche Berichterstattung in den Medien machte dieses Phänomen in Deutschland bekannt. Seit 2005 sind auch hier Vorfälle zu verzeichnen, zwar noch nicht in den Ausmaßen wie in Großbritannien, doch teilweise von ebenso erschreckender Brutalität. Als Beispiel sei hier auf die Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens verwiesen, so geschehen in Berlin-Charlottenburg im Mai 2005[28]. Täter waren auch hier mehrere Jugendliche im Alter zwischen 13 und 15 Jahren, wobei einer die Tat mit seinem Handy filmte.

[...]


[1] Weiterführende Angaben im Literaturverzeichnis

[2] Weiterführende Angaben im Literaturverzeichnis

[3] Weiterführende Angaben im Literaturverzeichnis

[4] Informationstechnologie-Bereich

[5] Lateinisch; dt. Übersetzung: zwischen

[6] Englisch, Abkürzung für networking; dt. Übersetzung: vernetzen

[7] GSM: Global System for Mobile Communication

[8] Informationen sind abrufbar, aber nur in Textform

[9] Nähere Informationen: Kapitel 2.1 Exkurs: JIM-Studie

[10] Nähere Informationen: Kapitel 2.4 Exkurs: Europäische Kommission

[11] Jugend, Information, (Multi-) Media; (Altersklasse 12 – 19 Jahre)

[12] Kinder und Medien (Altersklasse 6 – 13 Jahre)

[13] Das Instant Messaging (dt.: Nachrichtensofortversand) ermöglicht es, mit anderen Teilnehmern in Echtzeit zu kommunizieren. Bekanntes Beispiel: ICQ

[14] Leiter der Spezialdienststelle für die Bekämpfung von Straftaten in Datennetzen in Bayern

[15] Siehe ab Kapitel 4, besonders Kapitel 4.2 Motive und Ursachen

[16] Siehe ab Kapitel 4, besonders Kapitel 4.3 Mögliche Problemlagen

[17] Rechtlich betrachtet sind bei Minderjährigen die Eltern die Besitzer des Handys.

[18] Andere Bezeichnungen: simsen, texten, tickern oder mailen

[19] Fragebogenerhebung im März/April 2003 unter knapp 2.000 Schülern zwischen 12 – 24 Jahren

[20] Professorin für Medienkonzeption und Medienpsychologie an der TU Ilmenau

[21] Kopfhörer mit eingebautem Mikrofon

[22] Dt. Übersetzung: Sicherheit von Kindern bei der Nutzung von Mobiltelefondiensten

[23] z.B.: (jemanden) umbringen, (eine Kerze) ausblasen, (ein Leben) auslöschen

[24] Content, engl.: Inhalt; hier: mediale Inhalte wie Wetter, Sport, aber auch Pornographie

[25] to slap, engl.: schlagen, klatschen, mit der Hand schlagen

[26] Weiterführende Angaben im Literaturverzeichnis: SPIEGEL 24.01.2006

[27] Weiterführende Angaben im Literaturverzeichnis: RHETORIK 20.06.2006

[28] Weiterführende Angaben im Literaturverzeichnis: TAGESSPIEGEL 13.05.2005

Ende der Leseprobe aus 153 Seiten

Details

Titel
Zwischen SMS und Klingelton. Neue Medien im Fokus sich (ver-)ändernder Gewaltphänomene im schulischen Kontext
Untertitel
Gewalt- und Pornovideos auf Schülerhandys. Präventions- und Interventionsmöglichkeiten in Schulen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
153
Katalognummer
V81517
ISBN (eBook)
9783638858601
ISBN (Buch)
9783668350298
Dateigröße
1075 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Klingelton…, Neue, Medien, Fokus, Gewaltphänomene, Kontext
Arbeit zitieren
Andreas Homuth (Autor), 2006, Zwischen SMS und Klingelton. Neue Medien im Fokus sich (ver-)ändernder Gewaltphänomene im schulischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81517

Kommentare

  • Gast am 16.1.2008

    Tolle Arbeit....

    Diese Arbeit kann ich allen INteressierten Medienpädagogen nur ans Herz legen. Hier werden alle relevanten Aspekte zum Thema sehr detailliert erläutert, gespickt mit Beispielen aus der Praxis.

    Lieber Andreas, toll geworden ;-)

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Titel: Zwischen SMS und Klingelton. Neue Medien im Fokus sich (ver-)ändernder Gewaltphänomene im schulischen Kontext



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