Vor den Spiegeln
Zur Ideengeschichte der Eitelkeit
von Thomas Michel
Unter Eitelkeit versteht man allgemein eine Sucht
nach Anerkennung, die eines Freien nicht würdig ist.
Theophrast, Charaktere
"Die Eitelkeit ist etwas Motivierendes, wir sollten uns als Menschen feiern, wenn wir schon einen eigenen Stil haben". So, frei von Ironie, ermuntert uns die öffentlich-rechtliche Lebenshilfe der 90er Jahre zu dem, was gemessen an den Aufwendungen für Kosmetik und Diätetik oder der wachsenden Akzeptanz eines Körperdesigns mit Skalpell und Spritze der Ermunterung kaum zu bedürfen scheint, zum Arrangement nämlich mit jenen selbstbezüglichen Verhaltensweisen, die Blaise Pascal einst als "die größte Niedrigkeit des Menschen" meinte ächten zu müssen. Wir zweifeln vielleicht, dass es dem Eitlen in seiner Eitelkeit um den eigenen Stil – die "leidenschaftliche Anstrengung zur Identität" (Horkheimer/Adorno) – geht, wundern uns aber auch über die Emphase des Philosophen, wo Eitelkeit doch keine Kategorie der praktischen Philosophie, kein Maßstab kritischer Gesellschaftstheorie und allenfalls Hinterbänkler unter den psychologischen Begriffen ist, so dass sich jeder Eifer verbietet. Gleichwohl gab es Zeiten, in denen Eitelkeit als Phänomen und Begriff prominente Köpfe bewegte, und manches spricht dafür, dass sich im Widerspruch der zitierten Urteile nicht nur konträre Temperamente oder Bewegungen in der Epidermis des Zeitgeistes äußern, sondern sich ein Sinneswandel im Zentrum der Anthropologie dokumentiert. Dies umso mehr, als sich in der Eitelkeit menschlicher Fremd- und Selbstbezug, Abhängigkeit und Initiative, unauflöslich zu verschränken scheinen. An das ideengeschichtliche Resümee dieses Sinneswandels knüpft sich darum die Absicht, das Gemurmel von Begriffen und Meinungen, das die seit dem 19. Jahrhundert gerne als Individualisierung bezeichnete, aber bereits Pascal beunruhigende Geschichte des okzidentalen Subjekts reflektiert, aus dem Blickwinkel eines alltäglichen Lasters zu rekapitulieren. Die mit Eitelkeit verknüpften Bedeutungen und Urteile betreffen dabei nicht nur das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und sein Verhältnis zu anderen, sondern insbesondere auch das Verhältnis dieser Verhältnisse zueinander.
Inhaltsverzeichnis
Vor den Spiegeln
Zur Ideengeschichte der Eitelkeit
I
II
III
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ideengeschichtliche Entwicklung und soziologische Bedeutung des Phänomens der Eitelkeit. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich die Wahrnehmung von Eitelkeit im Wandel des okzidentalen Subjektverständnisses – vom christlichen Laster zur strategischen Selbstdarstellung in der modernen Gesellschaft – verändert hat.
- Ideengeschichte des Eitelkeitsbegriffs von der Antike bis zur Moderne.
- Spannungsfeld zwischen Selbstliebe, Authentizität und sozialer Anerkennung.
- Kritik an der instrumentellen Vernunft und dem sozialen Konformismus.
- Verhältnis von Eitelkeit zu Identitätskonstruktionen und Entfremdungsprozessen.
- Analyse soziologischer Theorien zur modernen Gesellschaft und Massenkultur.
Auszug aus dem Buch
Vor den Spiegeln
"Die Eitelkeit ist etwas Motivierendes, wir sollten uns als Menschen feiern, wenn wir schon einen eigenen Stil haben"1. So, frei von Ironie, ermuntert uns die öffentlich-rechtliche Lebenshilfe der 90er Jahre zu dem, was gemessen an den Aufwendungen für Kosmetik und Diätetik oder der wachsenden Akzeptanz eines Körperdesigns mit Skalpell und Spritze der Ermunterung kaum zu bedürfen scheint, zum Arrangement nämlich mit jenen selbstbezüglichen Verhaltensweisen, die Blaise Pascal einst als "die größte Niedrigkeit des Menschen" meinte ächten zu müssen. Wir zweifeln vielleicht, dass es dem Eitlen in seiner Eitelkeit um den eigenen Stil – die "leidenschaftliche Anstrengung zur Identität" (Horkheimer/Adorno) – geht, wundern uns aber auch über die Emphase des Philosophen, wo Eitelkeit doch keine Kategorie der praktischen Philosophie, kein Maßstab kritischer Gesellschaftstheorie und allenfalls Hinterbänkler unter den psychologischen Begriffen ist, so dass sich jeder Eifer verbietet.
Gleichwohl gab es Zeiten, in denen Eitelkeit als Phänomen und Begriff prominente Köpfe bewegte, und manches spricht dafür, dass sich im Widerspruch der zitierten Urteile nicht nur konträre Temperamente oder Bewegungen in der Epidermis des Zeitgeistes äußern, sondern sich ein Sinneswandel im Zentrum der Anthropologie dokumentiert. Dies umso mehr, als sich in der Eitelkeit menschlicher Fremd- und Selbstbezug, Abhängigkeit und Initiative, unauflöslich zu verschränken scheinen. An das ideengeschichtliche Resümee dieses Sinneswandels knüpft sich darum die Absicht, das Gemurmel von Begriffen und Meinungen, das die seit dem 19. Jahrhundert gerne als Individualisierung bezeichnete, aber bereits Pascal beunruhigende Geschichte des okzidentalen Subjekts reflektiert, aus dem Blickwinkel eines alltäglichen Lasters zu rekapitulieren. Die mit Eitelkeit verknüpften Bedeutungen und Urteile betreffen dabei nicht nur das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und sein Verhältnis zu anderen, sondern insbesondere auch das Verhältnis dieser Verhältnisse zueinander.
Zusammenfassung der Kapitel
Vor den Spiegeln: Einleitung in die Thematik der Eitelkeit als menschliches Phänomen und historische Einordnung des Begriffs.
Zur Ideengeschichte der Eitelkeit: Rekapitulation der Eitelkeit als kulturelles und soziales Laster sowie der Wandlung des Selbstbildes.
I: Analyse der theologischen und philosophischen Perspektiven auf Eitelkeit, Selbstliebe und die Rolle des Narzissmus im Kontext der Schöpfungsordnung.
II: Untersuchung der frühneuzeitlichen und aufklärerischen Debatten über Authentizität, das Ringen um Anerkennung und das Ideal des "moralischen Sinns".
III: Diskussion der Krise der Subjektivität im 20. Jahrhundert und der Bedeutung von Eitelkeit innerhalb der Massengesellschaft sowie zeitgenössischer Identitätskonstruktionen.
Schlüsselwörter
Eitelkeit, Selbstliebe, Authentizität, Subjektivität, Anerkennung, Gesellschaftskritik, Identität, Entfremdung, Narzissmus, Soziologie, Ideengeschichte, Individualisierung, Konformismus, Moral, Selbsttäuschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Ideengeschichte und soziologischen Deutung der Eitelkeit, von ihren Ursprüngen als christliches Laster bis hin zur Rolle als Strategie der Selbstdarstellung in der modernen, konkurrierenden Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Evolution des Subjektverständnisses, das Spannungsverhältnis zwischen individueller Selbstbehauptung und sozialer Anerkennung sowie die Kritik an der Entfremdung innerhalb der Massenkultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das "Gemurmel von Begriffen" rund um die Eitelkeit historisch und systematisch zu ordnen und zu zeigen, wie Eitelkeit als Ausdruck menschlicher Fremd- und Selbstbezüge fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geistes- und sozialwissenschaftliche Studie, die philosophische, ideengeschichtliche und soziologische Ansätze kombiniert, um den Wandel des Begriffs Eitelkeit über Jahrhunderte hinweg zu rekapitulieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Ansätze von Denkern wie Pascal, Augustinus, Kant, Rousseau, Hegel, Marx, Nietzsche und zeitgenössischen Soziologen wie Gehlen oder Bourdieu analysiert, um die Transformation der Eitelkeit darzustellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Eitelkeit, Authentizität, Selbstliebe, Anerkennung, Entfremdung, Subjektivität und soziale Integration.
Wie unterscheidet sich die Eitelkeit bei Rousseau von jener bei Kant?
Während Kant Eitelkeit als vergleichende Selbstliebe und Trieb zur Kultur einordnet, sieht Rousseau sie primär als negatives Verfallsprodukt des gesellschaftlichen Lebens, das die natürliche Einheit des Menschen zerstört.
Welche Rolle spielt der Spiegel in diesem Kontext?
Der Spiegel figuriert als Requisit der Selbsterkenntnis, im christlichen Denken aber vornehmlich als Emblem sündhafter Eitelkeit, welches die Flüchtigkeit der Welt mit der Selbstliebe verknüpft.
Was bedeutet der "Marketing-Charakter" für das Verständnis von Eitelkeit?
Das Konzept beschreibt den Typus des modernen Menschen, der sich selbst als Ware begreift und dessen Eitelkeit in einer ständigen, auf Markterfolg und öffentlicher Aufmerksamkeit basierenden Inszenierung besteht.
Warum hält der Autor den Rückzug aus der Gesellschaft für problematisch?
Der Autor hinterfragt den Rückzug (etwa bei Montaigne oder in der Romantik) kritisch, da eine authentische Identität nach der "ontologischen Zweideutigkeit" (Plessner) nur in der Auseinandersetzung mit der sozialen Welt gewonnen werden kann.
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- Thomas Michel (Author), 2007, Vor den Spiegeln, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81629