Die jüdische Gemeinde von Buttenhausen

Entstehung – Geschichte – Besonderheiten


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gründe für die Entstehung einer jüdischen Siedlung in Buttenhausen
2.1. Der Judenschutzbrief von Buttenhausen
2.2. Gleichstellungspolitik Württembergs im 19. Jahrhundert

3. Leben und Besonderheiten der Juden von Buttenhausen
3.1. Wovon die Buttenhausener Juden lebten
3.2. Organisation und Besonderheiten der jüdischen Gemeinde
3.3. Jüdische Gebäude und Einrichtungen und ihre Geschichte

4. Das Ende der jüdischen Gemeinde
4.1. Geschehen im Ort während des Nazi-Regimes
4.2. Ende des Krieges und Nachkriegszeit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Dorf Buttenhausen liegt auf der Schwäbischen Alb im Tal der Großen Lauter. Es ist heute die Heimat von etwa 650 Menschen[2] und als Ortsteil der Stadt Münsingen im Kreis Reutlingen angegliedert. Die Gründung des Dorfes geht wahrscheinlich auf die späte Alemannenzeit (8. Jh.) zurück, das Dorf wurde aber erst 1220 erstmals urkundlich erwähnt. Bis zum Jahr 1782 erlebte es allein fünf Besitzer- und Herrscherwechsel.[1]

Buttenhausen war von 1788 bis 1942 die Heimat einer großen jüdischen Gemeinde, die vorbildliche Rechte genoss und eine interessante Entwicklung erlebte. Ihre 154 Jahre lange Geschichte soll hier wiedergegeben werden.

2. Gründe für die Entstehung einer jüdischen Siedlung in Buttenhausen

2.1. Der Judenschutzbrief von Buttenhausen

Bis zum 15. Jahrhundert lebten verstreut über ganz Württemberg zahlreiche Juden, die aufgrund der für sie geltenden Beschränkungen vor allem als Händler arbeiteten. Ende des 15. Jahrhunderts, als Württemberg zur Grafschaft aufstieg, wurden sie auch hier nicht mehr geduldet und mussten das Land verlassen. Für die Territorialherren, die in einem kleineren Rahmen planten, waren sie jedoch wegen ihrer Handelstätigkeiten und der daraus resultierenden höheren Abgaben sowie der Möglichkeiten der wirtschaftlichen Fortentwicklung von Gebieten, die sie bewohnten, interessant. Mit dem einsetzenden Zeitalter der Aufklärung im 17. Jahrhundert begannen viele Herrscher, ihre Untertanen humaner und gleichberechtigter zu behandeln, wovon auch die Juden profitierten.

Philipp Friedrich Freiherr von Liebenstein war Herr eines zu Württemberg gehörenden Ritterguts um Jebenhausen bei Göppingen. Auch er war bestrebt, die wirtschaftlichen Verhältnisse seines kleinen Reiches zu verbessern und stand deshalb den Ansiedlungswünschen der Juden sehr offen gegenüber. Ein jüdischer Handelsmann namens Elias Gutmann aus Illereichen bei Memmingen, der auf der Suche nach einer weniger restriktiven Herrschaft war, in der er seine Handelsinteressen besser ausbauen konnte, ersuchte Freiherr von Liebenstein um eine Siedlungserlaubnis in seinen Besitztümern und gab damit den Anstoß zur Erstellung des Judenschutzbriefs von Jebenhausen. Dieser wurde 1777 von Liebenstein ausgestellt; er war nicht nur von seinen wirtschaftlichen Interessen, sondern auch von humanitärem Denken geleitet. Liebenstein wollte den Juden nicht nur den freien Handel, sondern auch die undiskriminierte Ausübung ihrer Religion ermöglichen. Aufgrund der positiven wirtschaftlichen Entwicklung Jebenhausens in den darauf folgenden zehn Jahren sowie seiner persönlichen guten Erfahrungen mit den dort wohnen Juden erwog Liebenstein 1787, in seiner zweiten Herrschaft in Buttenhausen, die eigentlich Eigentum seiner Frau Catharina Friederika war, ebenfalls Juden anzusiedeln.

Von den Gaben der Natur nicht sehr reich gesegnet, hatte das Dorf in der frühen Neuzeit keine guten Entwicklungschancen, da Landwirtschaft auf den Albhöhen aufgrund der verkarsteten Jurakalkböden stark erschwert wurde und auch die Wiesen im tiefer liegenden Lautertal eher kiesig sind. Dazu kam die politische Situation: „Der Ort, umgeben von württembergischem Territorium, war keine einträgliche Herrschaft.“[3], wird diese von Deigendesch 2004 problematisiert. Buttenhausen war bis dato ein armes Bauerndorf, die Bewohner lebten eher schlecht und hungerten in Jahren schlechter Ernte. Schon 1755 hatten in Buttenhausen zeitweise einige Juden gewohnt, waren aber wieder ausgezogen. Liebenstein wünschte sich zur Förderung des Dorfes eine größere Menge jüdischer Bewohner. Er stellte deshalb am 7.7.1787 einen Judenschutzbrief für Buttenhausen aus, der mit dem Jebenhausener Schutzbrief fast identisch war. Zunächst waren 25 Familien vorgesehen, doch eine weitere Ansiedlung offen gestellt. Die Fläche für den Bau der Häuser wurde auf der gegenüber der christlichen Siedlung liegenden unbebauten Seite der Lauter ausgewiesen. Im Jahr 1788 zogen die ersten drei jüdischen Familien nach Buttenhausen.

Für die Aufnahme in die Gemeinde musste eine Familie zunächst ein Gesuch um Aufnahme in den Judenschutz stellen, sie mussten auch nachweisen, dass ihrem Wegzug aus der alten Gemeinde nichts entgegenstand. Alle neu aufzunehmenden jüdischen Siedler mussten dann den Judenschutzbrief unterschreiben. Einmal jährlich wurde er der versammelten Gemeinde vom jeweiligen Judenschultheiß vorgelesen. Jeder aufgenommene erwachsene Jude musste einen „Judenschutz“ von jährlich 12 Gulden zahlen. Dafür durften die Juden in Buttenhausen ihre religiösen Bräuche ungehindert ausüben und jede Art von Handel treiben, also über das Hausieren hinaus mit allen Gütern, ausgenommen Salz, handeln. Dies war nicht nur die Großzügigkeit Liebensteins, sondern der Grundstein für die wirtschaftliche Fortentwicklung des ganzen Dorfes. Zudem galten die Judenschutzbriefe von Jebenhausen und Buttenhausen als für ihre Zeit überaus liberal und fortschrittlich hin zur Aufklärung, da sie die Juden in keiner Weise diskriminierten und als eigene Religionsgemeinschaft anerkannten.

2.2. Gleichstellungspolitik Württembergs im 19. Jahrhundert

Als Buttenhausen 1805 zu Württemberg fiel, fielen für die dort lebenden Juden viele Belastungen weg. Sie mussten auf ihren Handelsreisen kein Geleitgeld und keinen Leibzoll mehr zahlen und erhielten die Erlaubnis zum Erwerb von Grundbesitz. Dazu „bezog der Staat von den Juden jährlich je 4 Gulden Schutz- und Schirmgeld, von Rabbiner, Vorsinger und den Witwen je 2 Gulden; die Aufnahmegebühr für einen fremden Juden betrug 50 Gulden, für eine fremde Jüdin 20 Gulden.“[4] Damit lagen die Kosten für die Ansiedlung und den Aufenthalt eines Juden in Buttenhausen deutlich unter dem bisherigen Preis.

Dies war nur der erste Schritt auf dem Weg, den die württembergische Regierung anstrebte. Das Königreich verfolgte eine Assimilierungspolitik, die die Juden zu normalen und gleichberechtigten Staatsbürgern machen sollte, die sich rechtlich nicht mehr vom Rest der Bevölkerung unterschieden. Am 1.3.1828 war der nächste Schritt in diesem Prozess erreicht: die Schutzjudenzeit endete gänzlich, womit auch die Schutzgelder wegfielen. Den Juden wurde damit auch die Ausübung von bürgerlichem Handwerk sowie der Eintritt in die Zünfte gestattet. 1849 erhielten sie aktive Bürgerrechte, 1864 war der Assimilierungsprozess dann rechtlich gesehen vollendet. Der Assimilierungsprozess wurde jedoch auch von radikalen Elementen wie der Unterstrafestellung geprägt, die nicht nur judenfreundlich gesinnt, sondern auch auf einen baldigen Abschluss der Politik um jeden Preis ausgerichtet waren. So heißt es bei Deigendesch 2004: „Die Assimilierung der Juden sollte einerseits Bestrafung bestimmter traditioneller Handlungsmuster, etwa des Schacherhandels, andererseits durch Gewährung einer gewissen rechtlichen Gleichstellung erreicht werden.“[5] Diese Strafen reichten von Geldstrafen bis hin zur sofortigen Enteignung und dem Verweis aus dem Königreich.

Entsprechend diesen positiven Veränderungen und aufgrund des im handelsschwachen Württemberg für sie noch großen Marktes stieg die Anzahl der Juden im 19. Jahrhundert auch in Buttenhausen stark an. Der Höhepunkt war 1870 erreicht, als mit 442 Juden und 392 Christen im Ort der Anteil der jüdischen Bevölkerung überwog. Erst mit der einsetzenden Industrialisierung, dem besseren Transportwesen und der steigenden Attraktivität großer Städte, die dank des gleichen Staatsbürgerrechts für alle offen standen, sowie der allgemein sinkenden Fertilitätsrate der Bevölkerung sank der Anteil der Juden an der Dorfbevölkerung wieder. Bei Dicker 1984 heißt es: „Die meisten der Ausreisenden verließen das Land, um ihre persönlichen Verhältnisse zu verbessern. In der Mehrzahl waren es allein stehende junge Männer.“[6] Während die jüdischen Abwandernden Ziele in Nordamerika, Frankreich oder Belgien bevorzugten, zogen viele christliche Auswandernde nur im Bereich des Oberamts Münsingen um[7], was für die Juden wegen der andernorts faktisch geringeren (wenngleich offiziell gleichen) Bürgerrechte ungünstiger war. Um 1900 waren noch 40% der Bewohner jüdischer Herkunft, 1925 nur noch 22,6%. Deshalb wurde es in der Zwischenkriegszeit schwierig, die schulische Ausbildung der wenigen Kinder zu sichern. Im Jahr 1911 gab es in ganz Württemberg nur noch sechs Gemeinden mit jüdischen Grundschulen[8]. Buttenhausen hatte aufgrund der Größe seiner jüdischen Gemeinde das Glück, eine dieser sechs zu sein. Der Ausweg, der den Prozess der Landflucht noch verstärkte, war, dass die Kinder nach Abschluss der Volksschule in der Stadt weiter ausgebildet wurden.

3. Leben und Besonderheiten der Juden von Buttenhausen

3.1. Wovon die Buttenhausener Juden lebten

Die Juden blieben zu Beginn ihrer Siedlungsgeschichte im Ort geographisch und sozial streng von den Buttenhausener Christen getrennt, so dass der Ort praktisch in zwei Teile zerfiel. Lediglich der Handel mit den Christen war den Juden gestattet, sie konnten jedoch kein Handwerk ausüben oder Landwirtschaft betreiben. In den ersten Jahren lebten die Juden in Buttenhausen in bitterer Armut. Sie hatten Abgaben an die Herrschaft und die Ortsgemeinde zu entrichten, interne gemeinschaftliche Aufgaben wie die Erhaltung der Synagoge und des Friedhofs zu erledigen, durch ihre Handelstätigkeit in angrenzenden Gebieten Leibzölle und Geleitgelder zu bezahlen sowie, da die anderen Gebiete in ihrer Judenpolitik weniger liberal waren, dort einige Schikanen zu akzeptieren. Die Juden, die keinen Handel außerhalb betrieben, lebten hauptsächlich vom Schacherhandel, der wenig einträglich war und eine sozial schwächere und weniger angesehene Stellung implizierte.

Wer Handel betreiben wollte, konnte vom Bürgermeisteramt ein Handelspatent erwerben, das ihm den Besuch der Märkte der Umgebung und den freien Weg dorthin gestattete. Einige Buttenhausener Juden kamen bei ihren Handelsreisen, die oft längere Zeit in Anspruch nahmen, bis nach Bayern, Österreich und Böhmen.

[...]


[1] Die gesamte Arbeit bezieht ihre Angaben, wo nicht anders angegeben, aus Renz/Zacher 1996, ferner aus Deigendesch 2004, Deigendesch/Waßner 2000 und Randecker 1988.

[2] Quelle: http://www.muensingen.de/pages/themen/stadt/zahlen/zahlen_links.htm

[3] Deigendesch 2004: 13.

[4] Randecker 1988: 59.

[5] Deigendesch 2004: 15.

[6] Dicker 1984: 52.

[7] Deigendesch/Waßner 2000: 38.

[8] Dicker 1984: 54.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die jüdische Gemeinde von Buttenhausen
Untertitel
Entstehung – Geschichte – Besonderheiten
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Quellen und Methoden zur jüdischen Kultur
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V81675
ISBN (eBook)
9783638875592
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gemeinde, Buttenhausen, Quellen, Methoden, Kultur
Arbeit zitieren
Benjamin Pape (Autor), 2006, Die jüdische Gemeinde von Buttenhausen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81675

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