In dieser Arbeit soll die Hierarchisierung der Sinneswahrnehmungen des Menschen untersucht und bewertet werden. Das Ziel ist, eine empirisch sinnvolle und möglichst aus allen Richtungen betrachtet akzeptable Gewichtung aller Sinne vorzunehmen. Nach einer Abgrenzung des Begriffs der menschlichen Sinne (Kap. 1.1. und 1.2.) sollen zunächst Hierarchien untersucht werden, die in der Vergangenheit existierten und andere, die auch aktuell existieren (Kap. 2.). Es soll versucht werden, diese in ihren jeweiligen Kontext einzuordnen und in ihrer Motivation zu verstehen. Im Hauptteil soll schließlich eine für die heutige Zeit gültige Hierarchie gefunden werden (Kap. 3.).
Diese Arbeit verzichtet bewusst auf eine reine Auflistung der gegebenen historischen Hierarchisierungen und eine anschließende Aufzählung der Sinne, die jedem einzeln seine Wichtigkeiten und Unwichtigkeiten attestiert. Vielmehr versucht sie, aus den historischen Entwicklungen sowie den wissenschaftlichen Erkenntnissen und vor allem den bisher begangenen Fehlern zu lernen und eine Antwort auf die Frage zu finden, die in anderen Arbeiten zu diesem Thema durch reine Auflistungen und abschließende subjektive Fazite geschickt umschifft wurde: Welche Sinneshierarchie entspricht in der neuzeitlichen westlichen Welt der Realität?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Abgrenzung des Untersuchungsgebiets
1.1. Definition der Sinne
1.2. Die menschlichen Sinne
1.3. Qualität der Wahrnehmung
1.4. Abgeleitete Hierarchien
2. Historische Hierarchisierungen
3. Versuch einer neuzeitlichen Hierarchisierung
3.1. Prozesse zwischen Urzeitmensch und Kant
3.2. Prozesse im 19. und 20. Jahrhundert
3.3. Einheit der Sinne und mögliche Ausfälle
3.4. Hierarchisierung nach Anteil an der Wahrnehmung
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die Hierarchisierung menschlicher Sinneswahrnehmungen mit dem Ziel, eine empirisch fundierte und kontextabhängige Gewichtung der Sinne zu entwickeln, anstatt sich auf traditionelle, oft subjektive oder überholte Rangfolgen zu stützen.
- Historische und neuzeitliche Definitionen der Sinne
- Kritische Analyse traditioneller Sinneshierarchien
- Einfluss von Kultur, Evolution und Lebenssituation auf die Wahrnehmung
- Die Sinne als funktionale Einheit
- Entwicklung einer situationsabhängigen Hierarchisierung nach Wahrnehmungsanteil
Auszug aus dem Buch
3.2. Prozesse im 19. und 20. Jahrhundert
Die letzten beiden Jahrhunderte sind vor allem durch eine weitere Aufwertung des Gesichtssinns geprägt gewesen. Der Aufstieg der bürgerlichen Kultur im 19. Jahrhundert brachte vor allem eine Aufwertung für die bis dahin eher stigmatisierten niederen Sinne. So waren die bürgerliche Handwerkskunst anfass- und die bürgerliche Küche schmeckbar. Üble Gerüche verschwanden von den Straßen, stattdessen breitete sich der Geruch der Industrialisierung in den Städten aus, und die Bürger und zuvor übel riechenden Bauern wurden zu Fabrikarbeitern. Der Gehörsinn gewann an ungewollter Bedeutung, als der industrielle Lärm, der anfangs niemanden tangierte, zu einem wachsenden Störfaktor für die Gesellschaft wurde. Im 20. Jahrhundert war ein ähnlicher Effekt mit den Autobahnen zu beobachten, die bis in die 60er-Jahre hinein als Symbol für Fortschritt sogar einen Autobahntourismus („Picknick an der Autobahn“) erlebten, später aber immer mehr als Lärmfaktor kritisiert und gemieden wurden.
An die Industrialisierung schloss sich die Dienstleistungsgesellschaft an, in der Augen und Ohren eine wichtige Rolle für die Interaktion mit Handelspartnern spielen. Der in der Hierarchie wichtiger werdende Gehörsinn gewinnt durch die Verbreitung von Radios als Informationsquellen in entlegenen Gebieten sowie Telefonen an zusätzlicher Bedeutung. Parallel zur Dienstleistungsgesellschaft entsteht in Europa im 20. Jahrhundert die moderne Wissens- und Konsumgesellschaft. Immer mehr Informationen werden seit dem 19. Jahrhundert visuell und audiovisuell vermittelt, sei es durch Vorträge oder Präsentationen an Schulen, Universitäten oder anderen Lehranstalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Abgrenzung des Untersuchungsgebiets: Es wird das Ziel definiert, eine zeitgemäße, empirisch sinnvolle Sinneshierarchie zu finden und der Begriff der menschlichen Sinne eingegrenzt.
2. Historische Hierarchisierungen: Dieses Kapitel stellt verschiedene, teils eurozentrisch geprägte historische Ansätze zur Einteilung der Sinne vor.
3. Versuch einer neuzeitlichen Hierarchisierung: Es werden die Entwicklungen von der Urzeit bis zur Moderne analysiert und eine situationsabhängige Hierarchisierung nach Wahrnehmungsanteil vorgeschlagen.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass eine endgültige, universelle Sinneshierarchie nicht möglich ist, da die Gewichtung der Sinne stets von der jeweiligen Situation und dem kulturellen Kontext abhängt.
Schlüsselwörter
Sinneswahrnehmung, Hierarchisierung, Wahrnehmung, Geschichte der Sinne, Sinne, Physiologie, Kultur, Evolution, Wahrnehmungsintensität, Fernsinn, Nahsinn, Konsumgesellschaft, Sinnesorgane, Sinneshierarchie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie und warum menschliche Sinne hierarchisiert werden und ob eine sinnvolle Gewichtung existiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen historische Sinnesdefinitionen, den Einfluss von Evolution und Kultur auf die Wahrnehmung sowie die funktionale Einheit der Sinne.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, eine empirisch nachvollziehbare und situationsabhängige Hierarchie der Sinne zu finden, statt sich auf bloße Auflistungen zu verlassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche und anthropologische Analyse bestehender Ansätze und ergänzt diese durch eine situationsabhängige Betrachtung des Informationsanteils.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert historische Konzepte, die gesellschaftlichen Prozesse des 19. und 20. Jahrhunderts und leitet daraus eine moderne, kontextabhängige Hierarchisierung ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sinneswahrnehmung, Wahrnehmungshierarchie, Fernsinn, Nahsinn und die funktionale Einheit der Sinne.
Wie unterscheidet sich die Bewertung von Blindheit und Taubheit in der Arbeit?
Die Arbeit stellt dar, dass Taubheit aufgrund der Rolle des Gehörs als „sozialem Sinn“ für Sprache und Kommunikation schwerwiegendere Auswirkungen auf die soziale Teilhabe haben kann als Blindheit.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „höheren“ und „niederen“ Sinnen laut Autor problematisch?
Der Autor sieht darin eine unzulässige Abwertung, die oft kulturell oder religiös motiviert ist, während die Sinne in der Realität als eine zusammenwirkende Einheit betrachtet werden müssen.
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- Benjamin Pape (Author), 2006, Zum Problem der Hierarchie der Sinne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81677