"Der Hofmeister" im Original von Jakob Michael Reinhold Lenz und der Bearbeitung von Bertolt Brecht. Form, Aufbau und Inhalt im Vergleich


Seminararbeit, 1998

15 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand und Ziel der Analyse

2. Vergleich der Dramen
2.1 Form und Aufbau bei Lenz
2.2 Form und Aufbau der Brecht-Bearbeitung
2.3 Inhaltliche Differenzen Lenz - Brecht
2.4 Die zentrale Bedeutung der Kastration Läuffers

3. Intention Brechts

Literaturverzeichnis

1. Gegenstand und Ziel der Analyse

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Sturm-und-Drang-Drama "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz[1], das im Jahre 1774 erstmals erschienen ist. Im Mittelpunkt der Analyse soll jedoch nicht das Original des Stückes, sondern die im Jahre 1950 von Bertolt Brecht für das Berliner Ensemble verfaßte Bearbeitung des Dramas[2] stehen. Das Ziel der Analyse ist es, anhand eines Vergleiches der beiden Bühnentexte die wesentlichen formalen und inhaltlichen Differenzen zwischen dem Original und der Bearbeitung zu zeigen und anhand dieses Vergleiches Rückschlüsse auf die Intention, die Brecht mit der Bearbeitung des Werkes verfolgte, zu ziehen. Auch die Frage, warum Brecht ein Stück, das zur Zeit der Bearbeitung vor über 150 Jahren erschienen war und außerdem von einem Autor stammt, der in der Literaturgeschichte bis dahin kaum Beachtung gefunden hatte und der schon fast in Vergessenheit geraten war, soll gestellt werden.

Im ersten Teil der Arbeit werden zunächst die formalen Unterschiede untersucht. Im Anschluß werden die inhaltlichen Abweichungen der Bearbeitung, die Brecht durch Kürzungen und Umstellungen, aber auch durch das Einfügen eigener Szenen erreicht, analysiert. Die ebenfalls deutlich vom Original abweichende Intention und Aussage der Bearbeitung soll dann exemplarisch an der für die Bedeutung zentralen Kastrationsszene verdeutlicht werden. Abschließend soll eine kritische Betrachtung der Absichten, die Brecht bezüglich des Publikums seiner Zeit mit der Bearbeitung verfolgte und seiner politischen Ziele verbunden mit seiner Theaterkonzeption vorgenommen werden.

2. Vergleich der Dramen

In diesem Teil werden die beiden zu analysierenden Texte zunächst nach rein formalen Kriterien untersucht. Dabei werden die sich aus dem unterschiedlichen Aufbau und der voneinander abweichenden Szenenfolge ergebenden inhaltlichen Differenzen zunächst nur am Rande berücksichtigt. Die formale Analyse der Texte dient als Grundlage für die inhaltlichen Untersuchungen.

2.1 Form und Aufbau bei Lenz

Das Drama "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz ist ein für die Epoche des Sturm und Drang typisches Schauspiel. Die drei, nach Aristoteles, typischen Merkmale eines Bühnenstückes, die Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung sind im "Hofmeister" nicht mehr zu finden. Das Stück zeichnet sich dagegen durch eine große Vielfalt an Szenen, Schauplätzen und Personen aus. Lenz hat das Stück aus zwei, parallel zueinander verlaufenden Handlungssträngen konstruiert, zwischen denen in den einzelnen Szenen häufig gewechselt wird. Die primäre Handlungsebene, die den größten Teil des Stückes umfaßt, spielt zu Insterburg, Heidelbrunn und Königsberg, im Mittelpunkt der Handlung stehen die Familien des Majors von Berg und des geheimen Rates von Berg, der Hofmeister Läuffer, der Graf Wermuth und der Schulmeister Wenzeslaus. Die zweite, in Halle und Leipzig spielende Handlungsebene, ist in studentischen Kreisen angesiedelt, im Vordergrund stehen im wesentlichen der Sohn des geheimen Rates, Fritz von Berg, und dessen Freund Pätus. Insgesamt besteht das Drama aus fünf Akten und 35 Szenen. Die Szenen sind ungleichmäßig auf die einzelnen Akte verteilt: Der erste Akt besteht aus sechs Szenen, der zweite aus sieben Szenen, der dritte aus vier, der vierte wiederum aus sechs und der fünfte Akt aus 12 Szenen. Davon entfallen nur die Szenen 2.3, 2.4, 2.7, 4.6, 5.2, 5.4 und 5.8 direkt auf die Handlung um die Studenten von Berg und Pätus. Die übrigen Szenen können zu der primären Handlungsebene, den Geschehnissen um den Hofmeister Läuffer und die Familie von Berg gezählt werden. In den letzten beiden Szenen des Stückes, den Szenen 5.11 und 5.12, fließen die beiden Handlungsstränge zusammen. In diesen in Insterburg spielenden Szenen kehrt Fritz mit Pätus in seine Heimatstadt zurück.

Die vorgeschlagene Unterteilung muß insofern eingeschränkt werden, als sowohl die Ereignisse als auch die Personen miteinander in Beziehung stehen. Fritz von Berg steht nicht nur mit seiner Familie, sondern auch mit der Familie des Majors von Berg und hier insbesondere mit Gustchen in Verbindung, und auch die Ereignisse um ihn und Pätus haben natürlich ihre Auswirkungen und Konsequenzen auf die Familien des geheimen Rates und des Majors. Die Aufteilung der Handlung in diese beiden Ebenen ist jedoch nachvollziehbar und sinnvoll, wenn man bedenkt, daß Fritz und Pätus nur in den letzten beiden Szenen des Stückes mit dem geheimen Rat und der Familie des Majors direkt in Kontakt treten. Ansonsten befinden sich die Personen an unterschiedlichen Orten, und die Kommunikation unter ihnen findet ausschließlich durch Briefe und über Dritte, wie z. B. Seiffenblase, statt. Ausgenommen bleibt davon auch der erste Akt, der die Ausgangssituation des Dramas bildet. Zu diesem Zeitpunkt steht Fritz noch vor dem Studium und befindet sich noch in Insterburg bei seiner Familie. Die Aufteilung der Handlung ist auch notwendig, um die in der Bearbeitung von Brecht durch formale Umstellungen und inhaltliche Veränderungen erreichte unterschiedliche Gewichtung der Handlungsschwerpunkte zu verdeutlichen.

Die Zeitverhältnisse sind in Lenz' "Hofmeister" nicht immer eindeutig nachvollziehbar. Das deutlichste Beispiel hierfür ist die Dauer von Gustchens Schwangerschaft. In der ersten Szene des dritten Aktes entdeckt die Majorin Gustchen und Läuffer, danach verläßt Gustchen ihr Elternhaus und flieht vor dem Zorn ihres Vaters. Dann tritt Gustchen erst in der zweiten Szene des vierten Aktes wieder auf. In dieser Szene ist ihr Kind soeben geboren, sie ist noch geschwächt von der Geburt: "Aber wo wollt ihr denn hin, Grethe; Daß Gott erbarm! Da ihr noch so krank und so schwach seid;"[3] Da Gustchen Marthe vor ihrem Aufbruch erklärt, sie würde sie nun zum ersten mal in einem ganzen Jahr verlassen, muß ihre Schwangerschaft mindestens ein Jahr gedauert haben: "Liebe Marthe, bleibt zu hause und seht wohl nach dem Kinde: Es ist das erste mal, daß ich euch allein lasse in einem ganzen Jahr;"[4].

Ein weiteres Problem ist die Frage, zu welcher dramatischen Gattung das Stück gehört. Im Untertitel der 1774 erschienen Ausgabe des Stückes wird es von Lenz als "Komödie" bezeichnet. In Briefen nannte der Autor es jedoch auch mehrfach Trauerspiel. Bei der Überlegung, welche der beiden Gattungsbezeichnungen wohl eher auf das Stück zutrifft, ist man zunächst versucht, den "Hofmeister" als Komödie zu betrachten. Schließlich wird das Ausgangskriterium, daß ein Trauerspiel tragisch und in einer Katastrophe endet, in diesem Drama nicht erfüllt. Das allzu glückliche Ende, indem sich alle vorhandenen Konflikte zum Guten und zur Zufriedenheit aller handelnden Personen wenden, weist durch seine plötzliche und allumfassende Harmonie unter allen Personen beinahe satirische Züge auf und hat nichts mit einem tragischen Ende gemeinsam. Dennoch gibt es in dem Stück durchaus auch tragische Elemente. Die vierte Szene des vierten Aktes, in der sich Gustchen aus Verzweiflung darüber, daß sich ihr Vater um sie sorgt und daß sie ihn nicht erreichen kann, um ihm eine Nachricht zukommen zu lassen, in den Teich stürzt, oder Läuffers Kastration aus Reue und Verzweiflung über die Verführung Gustchens sind die tragischen Momente des Dramas. Diese Kombination aus komischen und tragischen Elementen brachte Lenz im Untertitel des Berliner Manuskripts[5] zum Ausdruck, als er sein Stück als "Lust- und Trauerspiel" bezeichnete. Daher könnte auch der Begriff der Tragikomödie für den "Hofmeister" zutreffend sein. Da jedoch die komischen Elemente in diesem Stück, z. B. die Szenen 2.3 und 2.4, die von der komischen Figur des Pätus dominiert werden, überwiegen, und am Ende jede Form der Tragik aufgelöst wird, ist der Begriff Komödie am ehesten zutreffend. Lenz wollte mit seinen Dramen "Gemälde der menschlichen Gesellschaft"[6] zeichnen, daher ist es konsequent, daß sich in seinen Schauspielen komische und tragische Charaktere und Ereignisse gegenüberstehen. Auch nach Lenz' Definition sind diese "Gemälde der menschlichen Gesellschaft", die eine große Vielfalt an Episoden und Personen beinhalten, grundsätzlich als Komödien zu bezeichnen.

[...]


[1] Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Stuttgart, 1993.

[2] Brecht, Bertolt: Der Hofmeister von Jakob Michael Reinhold Lenz. Bearbeitung. In: Brecht, Bertolt: Gesammelte Werke. Band III. S.2331-2394. Frankfurt am Main, 1967.

[3] Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Stuttgart, 1993. S. 49.

[4] Ebenda.

[5] Guthke, Karl: Nachwort. In: Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Stuttgart, 1993. S. 103.

[6] Lenz, Jakob Michael Reinhold: Rezension des Neuen Menoza. In: Titel, Britta und Haug, Hellmut (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz: Werke und Schriften. Stuttgart, 1965/66. Band 1. S. 420.

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Details

Titel
"Der Hofmeister" im Original von Jakob Michael Reinhold Lenz und der Bearbeitung von Bertolt Brecht. Form, Aufbau und Inhalt im Vergleich
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Mittelseminar Dramenanalysen
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
15
Katalognummer
V81763
ISBN (eBook)
9783638037303
ISBN (Buch)
9783668248946
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hofmeister, Vergleich, Originals, Jakob, Michael, Reinhold, Lenz, Bearbeitung, Bertolt, Brecht, Mittelseminar, Dramenanalysen
Arbeit zitieren
Markus Busche (Autor), 1998, "Der Hofmeister" im Original von Jakob Michael Reinhold Lenz und der Bearbeitung von Bertolt Brecht. Form, Aufbau und Inhalt im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81763

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