Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Sturm-und-Drang-Drama "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz , das im Jahre 1774 erstmals erschienen ist. Im Mittelpunkt der Analyse soll jedoch nicht das Original des Stückes, sondern die im Jahre 1950 von Bertolt Brecht für das Berliner Ensemble verfaßte Bearbeitung des Dramas stehen. Das Ziel der Analyse ist es, anhand eines Vergleiches der beiden Bühnentexte die wesentlichen formalen und inhaltlichen Differenzen zwischen dem Original und der Bearbeitung zu zeigen und anhand dieses Vergleiches Rückschlüsse auf die Intention, die Brecht mit der Bearbeitung des Werkes verfolgte, zu ziehen. Auch die Frage, warum Brecht ein Stück, das zur Zeit der Bearbeitung vor über 150 Jahren erschienen war und außerdem von einem Autor stammt, der in der Literaturgeschichte bis dahin kaum Beachtung gefunden hatte und der schon fast in Vergessenheit geraten war, soll gestellt werden.
Im ersten Teil der Arbeit werden zunächst die formalen Unterschiede untersucht. Im Anschluß werden die inhaltlichen Abweichungen der Bearbeitung, die Brecht durch Kürzungen und Umstellungen, aber auch durch das Einfügen eigener Szenen erreicht, analysiert. Die ebenfalls deutlich vom Original abweichende Intention und Aussage der Bearbeitung soll dann exemplarisch an der für die Bedeutung zentralen Kastrationsszene verdeutlicht werden. Abschließend soll eine kritische Betrachtung der Absichten, die Brecht bezüglich des Publikums seiner Zeit mit der Bearbeitung verfolgte und seiner politischen Ziele verbunden mit seiner Theaterkonzeption vorgenommen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand und Ziel der Analyse
2. Vergleich der Dramen
2.1 Form und Aufbau bei Lenz
2.2 Form und Aufbau der Brecht-Bearbeitung
2.3 Inhaltliche Differenzen Lenz - Brecht
2.4 Die zentrale Bedeutung der Kastration Läuffers
3. Intention Brechts
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit vergleicht das Originaldrama "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz mit der Bearbeitung von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1950, um die formalen und inhaltlichen Differenzen herauszuarbeiten und Rückschlüsse auf Brechts Intention zu ziehen.
- Formale Gegenüberstellung der Dramenstrukturen und Szenenfolgen
- Analyse der inhaltlichen Abweichungen durch Kürzungen und Ergänzungen
- Untersuchung des zentralen Kastrationsmotivs als Ausdruck gesellschaftlicher Unterordnung
- Diskussion der politischen Intention Brechts und seiner Theaterkonzeption
- Einordnung des Werkes als bürgerliches Trauerspiel im Kontext der "deutschen Misere"
Auszug aus dem Buch
2.4 Die zentrale Bedeutung der Kastration Läuffers
Besonders deutlich ist die Aussage der beiden Texte an der Kastration Läuffers darzustellen. Anhand dieses zentralen Ereignisses lassen sich sowohl die unterschiedlichen Bedeutungsschwerpunkte bei Lenz und Brecht, aber auch besonders die Intention Brechts zeigen.
Bei Lenz kastriert sich Läuffer in erster Linie aus Reue und Verzweiflung. Nachdem er Gustchen verführt und erfahren hat, daß sie danach ein Kind zur Welt gebracht hat, will er sich aus Reue von seinen sexuellen Trieben befreien. Die Kastration geschieht bei Lenz nicht auf der Bühne, man erfährt davon erst in Szene 5.3, als Läuffer Wenzeslaus nach der Tat an sein Bett rufen läßt und ihm davon berichtet: "Ich weiß nicht, ob ich recht getan - ich habe mich kastriert ...". In der Reaktion des Schulmeisters ist bereits der Zusammenhang zwischen Untertänigkeit und Triebverzicht zu erkennen. Wenzeslaus betrachtet den sexuellen Trieb als Hindernis, das einer erfolgreichen bürgerlichen Karriere im Wege stehen kann. Er sieht in Läuffers Kastration eine Heldentat und beglückwünscht ihn dazu: "So recht, werter Freund! Das ist die Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt.". Diese von Wenzeslaus angenommenen Beweggründe haben Läuffers Handlunge jedoch nicht motiviert. Die Kastration geschieht bei Lenz bevor Läuffer mit Liese in der zehnten Szene des fünften Aktes in Kontakt tritt. Die später geschlossene Ehe zwischen Läuffer und Liese muß sich daher auf geistige Werte beschränken, was Liese jedoch nicht stört: So sagt Läuffer: "sehn sie, Herr Wenzeslaus, sie verlangt nur Liebe von mir. Und ist's denn notwendig zum Glück der Ehe, daß man tierische Triebe stillt?".
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gegenstand und Ziel der Analyse: Einleitung in das Thema, Vorstellung der verglichenen Dramen (Lenz 1774 und Brecht 1950) sowie Formulierung der zentralen Fragestellung des Vergleichs.
2. Vergleich der Dramen: Detaillierte Untersuchung der formalen Unterschiede, der inhaltlichen Differenzen sowie der Bedeutung der Kastrationsszene in beiden Werken.
2.1 Form und Aufbau bei Lenz: Analyse der ursprünglichen Struktur des Sturm-und-Drang-Dramas mit seinen zwei Handlungsebenen und der Gattungsproblematik.
2.2 Form und Aufbau der Brecht-Bearbeitung: Untersuchung der Straffung der Szenenfolge durch Brecht sowie der Einführung von Prolog, Zwischenspiel und Epilog.
2.3 Inhaltliche Differenzen Lenz - Brecht: Analyse der Akzentverschiebungen, insbesondere der Hervorhebung der sexuellen Not Läuffers und der veränderten Darstellung der Figur Pätus.
2.4 Die zentrale Bedeutung der Kastration Läuffers: Exemplarische Analyse des zentralen Motivs der Kastration als Ausdruck der geistigen und körperlichen Unterordnung unter bürgerliche Zwänge.
3. Intention Brechts: Zusammenfassende Betrachtung von Brechts Absichten, das Publikum durch Historisierung und Verfremdung zur Kritik der "deutschen Misere" anzuregen.
Schlüsselwörter
Der Hofmeister, Jakob Michael Reinhold Lenz, Bertolt Brecht, Dramenvergleich, Kastration, bürgerliches Trauerspiel, Sturm und Drang, deutsche Misere, Untertänigkeit, Literaturwissenschaft, Theaterkonzeption, gesellschaftliche Emanzipation, Läuffer, Pätus, Epik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede zwischen dem Originaldrama "Der Hofmeister" von J.M.R. Lenz und der 1950 erstellten Bearbeitung durch Bertolt Brecht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die formale Struktur, inhaltliche Differenzen, das Motiv der Kastration sowie die politische Absicht Brechts bei der Bearbeitung des Stoffes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, durch einen Vergleich der Texte Rückschlüsse auf Brechts Intention zu ziehen und zu ergründen, warum er ein fast vergessenes Stück des Sturm und Drang für das Berliner Ensemble bearbeitete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse und ein vergleichender methodischer Ansatz angewandt, um die Struktur- und Inhaltsänderungen zu dokumentieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in formale Analysen der beiden Stücke, inhaltliche Differenzen bezüglich der Handlungsstränge und eine tiefgehende Untersuchung der Kastrationsszene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Hofmeister-Rezeption, bürgerliches Trauerspiel, Kastrationsmotiv, deutsche Misere und Brechtsche Theaterkonzeption charakterisiert.
Warum ordnet Brecht das Stück als bürgerliches Trauerspiel ein?
Brecht ordnet es so ein, da aus seiner marxistischen Sicht das Stück keine gesellschaftlichen Perspektiven zur Überwindung der feudalgesellschaftlichen Unterdrückung bietet und den Mangel an Auswegen tragisch thematisiert.
Welche Funktion hat das neue Zwischenspiel bei Brecht?
Das Zwischenspiel dient der Straffung der Handlung, überbrückt die unklare zeitliche Dauer der Schwangerschaft und stellt symbolisch Entwicklungen der Nebenfiguren dar.
Wie unterscheidet sich die Motivation zur Kastration bei Lenz und Brecht?
Bei Lenz geschieht die Kastration primär aus Reue und Verzweiflung, bei Brecht hingegen aus einer utilitaristischen Entscheidung heraus, um sich den bürgerlichen Karriereanforderungen anzupassen.
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- Markus Busche (Author), 1998, "Der Hofmeister" im Original von Jakob Michael Reinhold Lenz und der Bearbeitung von Bertolt Brecht. Form, Aufbau und Inhalt im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81763