Das „Journal des Luxus und der Moden“ und die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ als Determinanten für den Raum Weimar-Jena als geschmacksbildendes Zentrum um 1800?


Hausarbeit, 2003

38 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Weimar und Jena um 1800 – Ein kultureller Rahmen

3 Zeitschriften als geschmacksbildende Instanzen? – Ein Exkurs in die Zeitschriftenlandschaft des Deutschland um

4 Das Verlegerhaus als „Landes-Industrie-Comptoirs“, sein Gründer Friedrich Justin Bertuch und die Publikationen: Das „Journal des Luxus und der Moden“ (1786-1827) und die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ (1785-1803)
4.1 Eine kurze Biographie Bertuchs
4.2 Mode, Luxus, Bildung, Literatur, Kunst und Geschmack – die Konzepte zweier Erscheinungen aus dem Bertuchschen Verlagshaus
4.2.1 Das „Journal des Luxus und der Moden“ (Weimar)

5 Zusammenfassung

6 Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen:
6.2 Literatur:

1 Einleitung

„Und es schlingt ununterbrochen

Immer sich der Freudenkreis

Durch die zwey und funfzig Wochen,

Wenn man’s recht zu führen weiß.

Spiel und Tanz, Gespräch, Theater,

Sie erfrischen unser Blut;

Laßt den Wienern ihren Prater;

Weimar, Jena, da ist’s gut!“[1]

Für Johann Wolfgang Goethe waren Weimar und Jena Städte von schöngeistiger und musischer Bedeutung und lassen sich somit als „Doppelstadt“ bezeichnen, da sie nicht nur „… so nahe beysammen [… sind …] daß wir uns wohl als Stadtnachbarn betrachten können…“.[2] Zwischen ihnen bestand zudem eine geistige Verbundenheit, da Weimar Ort der Residenz des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach war und Jena der Standort der dazugehörigen Universität. Wenn ferner Goethe Weimar so sah, als wenn es einerseits einer großen Bestimmung entgegenzugehen schien und (vielleicht deswegen) andererseits von ganz Europa belächelt wurde[3], so weist dies darauf hin, dass um 1800 im Ereignisraum Weimar-Jena[4] vieles entstanden ist, was die nachfolgenden Jahrzehnte nachhaltig beeinflusste. Zumal Weimar für Goethe der Ort sein sollte, von dem aus die musische und literarische Welt bestimmt werden sollte: „… Eröffne du, die du besondere Lust / Am Guten hast, der Rührung deine Brust!“[5]. In den 1780er Jahren konnte ein Reisender jedoch nichts vorfinden, was von einer verheißungsvollen Bestimmung Weimars zeugen könnte: „Weimar besitzt weder Fabrik noch Handel noch Passage. Zwar hat das Industriekomptoir des Herrn Bertuch den Namen Industrie vor einiger Zeit in Weimar in Gang gebracht, aber dies ist auch das einzige, was hier von Industrie existiert.“[6] Was sollte also Goethe zu der Annahme veranlasst haben, dass Weimar ein besonderes Los (freilich im positiven Sinne) beschieden sein sollte?

Eine andere Charakterisierung fällt auf das damalige Jena; es ist – so wie Weimar durch die Residenz – durch die Universität geprägt:

„ Wo Jahr um Jahr die Jugend sich erneut, / Ein frisches Alter würd’ge Lehre beut, / Wo Fürsten reichlich hohe Mittel spenden, / Was alles kann und wird sich da vollenden, / Wenn jeder thätig froh an seinem Theil. – / Heil jedem Einzelnen! Dem Ganzen Heil!“[7]

Für Schiller entspricht die Universitätsstadt „… einer ziemlich freien und sicheren Republik, in welcher nicht leicht Unterdrückung stattfindet. […] Die Professoren sind in Jena fast unabhängige Leute […] Diesen Vorzug hat Jena unter den Akade-mien voraus.“[8] Die hieraus abzuleitende Bedeutung der Stadt ist für Kopfermann und Steinbach mit der einer literarischen und wissenschaftlichen Hauptstadt zu vergleichen. Dies begründen sie erstens mit Goethes Zuständigkeit als herzoglicher Minister für die Universität, dessen Einfluss zweitens große Auswirkungen auf die Belebung der Naturwissenschaften zur Folge hatte, dass drittens die damaligen philo-sophischen Größen wie Fichte, Schelling und Hegel in Jena als Lehrstuhlinhaber tätig waren und Großes leisteten und viertens damit, dass hier die literarische Klassik und die Frühromantik aufeinander trafen.[9] In dieser Stadt entstanden so namhafte Publikationen wie Schillers Horen oder das Athenäum der Brüder Schlegel, in denen die Erstausgabe einiger Werke Schillers und Goethes veröffentlicht wurde bzw. man literarische Streitgespräche führte.

Es ist also einiges, was Weimar und Jena nicht nur durch ihre geographische Nähe verbindet. Was ist es aber, dass sie – um zur zentralen Fragestellung zu kommen – im Bezug auf den Geschmack jener Zeit als „Doppelstadt“ mit Zentrumscharakter gelten lassen könnte?

Johann Christoph Adelung zufolge bedeutet Geschmack in unserem Zusammen-hang die „…Empfindung des Guten und Schönen an einer Sache [… z. B. …] in der Musik, in der Dichtkunst, in der Mahlerey …“.[10] Der modische Geschmack „… in engerm Verstande [… hingegen ist …] die veränderliche Art der Kleidung und der Anordnung alles dessen, was zum Schmucke gehöret …“[11]. Innerhalb dieser Defini-tionen soll der vorliegende Aufsatz untersuchen, ob die Doppelstadt tatsächlich in der Lage war, den Geschmack ihrer Zeit (mit-)zu bestimmen. Allerdings muss ge-klärt werden, in welchem Umfang dies gelten könnte. Sicher lässt sich Weimar-Jena im Zeitraum um 1800 keinesfalls mit den Metropolen Paris, London oder Mailand vergleichen, da hier weitaus entscheidendere Geschmackspublikationen erschienen. Jedoch ist damit eine „innerdeutsche“ Relevanz der beiden Städte nicht ausgeschlos-sen. Eine Erörterung, warum nun Weimar-Jena im deutschen Raum für die Heraus-bildung eines bestimmten Geschmacks – nach Adelung – in Mode, Kunst, Schön-geist oder geselligen Lebens gelten könnte, kann diese Arbeit zwar nicht vollständig darstellen. Aber an ausgewählten Beispielen wird zumindest versucht eine mögliche Antwort auf die Frage zu geben. Um überhaupt einen gewissen Grad an Geschmack zu vermitteln, zu fördern oder gar zu entwickeln, bedarf es bestimmter Institutionen, die z. B. durch spezifische Publikationen eine möglichst breite Leserschaft anspricht und so „geschmacksbildend“ beeinflussen kann. Eine solche Einrichtung kann in dem von Friedrich Justin Bertuch 1791 gegründeten Landes-Industrie-Comptoirs und in den in ihm erschienen Journal des Luxus und der Moden und der Allgemeinen Literatur-Zeitung (A.L.Z.) gesehen werden.[12] Da diese Periodika beide Städte reprä-sentieren, aus einem Verlagshaus stammen und aus Gründen der Vereinfachung eine umfassende „Geschmacksbildungs-Untersuchung“ mehr als müßig wäre, sollen sich die zentralen Aussagen an diesen Journalen ausrichten.

Um dies vorzunehmen, ist es im Vorfeld nötig die für den Geschmack einer Ge-sellschaft bedingenden kulturellen etc. Eigenheiten des Raumes Weimar-Jena um 1800 zu umreißen[13]. Darauf aufbauend erfolgt eine kurze Betrachtung der damaligen Zeitschriftenlandschaft in Deutschland. Hier stellt sich die Frage, wie es um die Peri-odika bestellt war und ob einzelne Zeitschriften überhaupt in der Lage waren einen Geschmack beim Leser herauszubilden. Hiervon ausgehend werden das in Weimar ansässige Verlegerhaus und sein Gründer Friedrich Justin Bertuch charakterisiert. Anhand des Journals des Luxus und der Moden (Weimar) und der A.L.Z. (Jena) wird erläutert, in welchem Umfang sich die Konzepte der Publikationen bewegten, und welche Bedeutung ihnen somit zuzumessen ist. Die Resonanz der Zeitschriften bei den Lesern spielt dabei ebenso eine Rolle, um letztendlich einschätzen zu können, ob sie für die Doppelstadt Weimar-Jena als Faktoren angeführt werden können, um aus ihr ein geschmacksbildendes Zentrum zu machen.

2 Weimar und Jena um 1800 – Ein kultureller Rahmen

Weimar und Jena sind um 1800 die beiden bedeutenderen Städte des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Während die eine – Weimar – die Residenz der Älteren Sächsisch-Ernestinischen Linie der Wettiner war, war die andere – Jena – der Ort der akademischen Ausbildung. Von beiden Städten war die Universitätsstadt die größere, nach Hellmann allerdings im Bekanntheitsgrad und in der wirtschaftlichen Relevanz ebenso wenig bedeutend wie Weimar.[14] Die offensichtlichere Verbindung beider besteht u. a. darin, dass das Herzogtum der größere der vier Erhalter der Universität war, die das Alltagsleben hier maßgeblich bestimmte.

Blickt man Ende des 18. Jahrhunderts auf Weimar, so wird das dortige Gesche-hen maßgeblich durch den so genannten Musenhof[15] der Herzogin Anna-Amalia bestimmt, der nach außen einen „… liberalen und kulturorientierten Geist …“[16] versprühte. Hierhin kamen zwar große Denker wie Goethe, Schiller und Wieland, allerdings nicht um für den Hof zu dichten oder zu schreiben, sondern um als Ange-stellte des Herzogs zu dienen. Auch kamen hier Interessierte der Weimarer Society zusammen, um sich an der Freien Zeichenschule in allen Facetten der künstlerischen Darstellung unterrichten zu lassen. Dieser Hof und all seine Vorlieben für Musik, Schauspiel, Literatur und bildende Kunst richteten sich völlig nach den Neigungen Anna Amalias aus.[17] Aber laut Ventzkes Einschätzung sind die geographische Mit-tellage und die unwichtigere Rolle Weimars in der Reichspolitik die Faktoren dafür, dass sich das Herzogtum anderen – „… künstlerisch-mäzenatischen Leistungen …“[18] – widmete, somit den Entwicklungen seiner Zeit unterlag und zum festen Bestandteil (und zuweilen auch Ausgangspunkt) gesellschaftlicher Wandlungen war. In diesem Zusammenhang ist auch die Freitagsgesellschaft zu verstehen, der renommierte Ver-treter von Literatur und Dichter angehörten und in diesem Kreis dem schöngeistigen und „geschmackvollen“ Zeitvertreib nachgingen.[19]

Eine weitere, für diese Zeit bestimmende Erscheinung waren die Logen. Das in ihnen vorherrschende System wurde maßgeblich durch den „Hohen Orden vom Hei-ligen Tempel zu Jerusalem“ gebildet. Der Orden war die zentrale Instanz, von der aus einige freimaurerische Verbindungen gegründet wurden, die ihrerseits wiederum andere „Tochterlogen“ ins Leben riefen. Die Weimarer Brüderschaft „Anna Amalia zu den drei Rosen“ war eine vom „Hohen Orden“ begründete Loge, nachdem die Jenaer Verbindung „Zu den drei Rosen“ aufgelöst wurde. Diese Logen setzten sich zum Ziel in Politik und Gesellschaft hinein zu wirken, und so „… ihren Mitglieder-bestand um Persönlichkeiten aus Hof und Verwaltung Weimars zu erweitern […] und von Anfang an […] noch am Beginn ihrer Karriere stehende Hof- und Staats-diener zu gewinnen […], von denen sich eine bedeutende Karriere erwarten ließ …“ – so auch von Friedrich Justin Bertuch. Somit wurden die Logen zu einem dichten Netz politischer und gesellschaftlicher Eliten, die das öffentliche Leben des Herzog-tums auch in der Gründung verschiedener Schulen und Anstalten bestimmten, so dass es z.B. nur noch Schülern dieser Einrichtungen gestattet wurde als Lehrer tätig zu werden. Dass dies möglich war, ist folglich in der Mitgliedschaft der Herzöge in der Loge „Anna Amalia“ begründet.[20]

Im selben Zeitraum entwickelte sich in Jena der steile Aufstieg von Literatur, Philosophie und Naturkunde. Goethe wirkte nicht nur als Literat, sondern auch als Interessierter an Pflanzen, Mineralien und Medizin. Professor Fichte sorgte auch über die Grenzen des Herzogtums hinaus mit seiner Philosophietheorie für ständigen und nicht immer wohlwollenden Gesprächsstoff und es entstanden – neben der noch zu diskutierenden Allgemeinen Literaturzeitung – Schillers Horen und das Schlegelsche Athenäum.

Die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel beabsichtigten in den 1790er Jahren etwas vollständig Neues: „… ein großer Plan […] Nämlich ein Journal von uns beiden nicht bloß ediert, sondern ganz allein geschrieben …“.[21] Dies hätte dann ihrer Meinung nach die bislang bei allen Journalen versuchte „… Einheit des Geistes …“ als Folge, um symphilosophisch und sympoetisch zu publizieren. Damit war die Zeitschrift für die Frühromantik und ihre mystischen Vorstellungen des gemein-schaftlichen Philosophierens und Poetisierens wegweisend. Auch wenn August Will-helm Schlegel für Zeitschriften von Rang und Namen (Bertuchs Allgemeine Litera-tur-Zeitung, Johann Friedrich Reichardts Lyceum und Deutschland oder Schillers Musenalmanach und Horen) schrieb, überwarf sich der jüngere, Friedrich Schlegel, mit Schiller und brauchte damit keine Anstrengungen mehr zu investieren, um für eine der Magazine arbeiten zu können. Als August Wilhelm sein Engagement bei Schiller verlor, war es nur noch eine Frage der Zeit „… die entwickelten Ideen und Lebensansichten nach eigenen Maximen und frei von der Bevormundung durch andere Herausgeber dem Publikum darbieten zu können.“ Hieraus ergibt sich auch das Konzept jedes Lob und jede Kritik zur Poesie, Literaturgeschichte und Philoso-phie darzustellen – ein brisantes Vorhaben, wenn nur relativ bekannte Schriftsteller die Arbeiten der Berühmten wie Schiller und Goethe beurteilen wollen. Vielleicht wählten sie deswegen den Titel Athenäum, der Tempel Pallas Athenes, um auf Erleuchtung und Beistand zu hoffen.

Schiller hingegen wollte alles, „… was mit Geschmack und philosophischem Geiste behandelt werden kann [… mit …] historischen und poetischen Darstellungen …“[22] verbinden und versendete zu diesem Zweck 1784zahlreiche Einladungen zur Mitarbeit an seinen Horen. Zwar rühmte er sich „… eine Gesellschaft bekannter Ge-lehrter …“ vereinigt zu haben. Aber in Wahrheit sendeten die gewonnenen Autoren wie Fichte ihre Essays verspätet und unkorrigiert, wie Lichtenberg gar nicht oder antworteten wie Kant nicht einmal auf die Einladung[23]. Der Anspruch der Monats-schrift war hoch – der Erfolg bescheiden. Weisen doch Punkte des Vertrags Schillers mit dem Tübinger Verleger Cotta auf eine Notgeburt hin. Allein in Punkt 15 ist die Geldnot Schillers ersichtlich: Es wurde vereinbart, dass, wenn die Horen eine Aufla-genzahl von 2000 übersteigen, Cotta ein Drittel des Ertrages an die Redaktion und den Ausschuss des Blattes abtreten müsse, wobei der Redakteur – Schiller selber – davon die Hälfte bekäme. Diese Auflage erreichten sie nie. Stattdessen erzielte die letzte Ausgabe gerade mal die Hälfte als Schiller sie mit halbjähriger Verspätung am 3. Juni 1798 versendete und die Herausgabe einstellte; war sie doch erst 1795 erschienen. Trotz seiner Akribie und Energieaufwendung für die Zeitschrift[24], wurde Schillers Traum („Unser Journal soll ein Epoche machendes Werk seyn“), den er Körner in einem Brief 1794 übermittelte, nicht wahr; dafür wurde aber seine Befürchtung – „…Herr hilf mir, oder ich sinke…“ – zur schmerzlichen Gewissheit. Die Horen, die sich entgegen der damals üblichen politischen Ausrichtung lieber der Philosophie der Zukunft sowie „… reinerer Grundsätze und edlerer Sitten …“ der Menschen widmete, konnten ihren Untergang nicht aufhalten.[25]

Allerdings muss eine Bilanz beider Zeitschriften zum Zeitpunkt ihres Erschei-nens deutlich realistischer ausfallen – auch wenn die literarische, philosophische, schöngeistige und historische „Nachwelt“ sie weitaus mehr schätzte:[26] Athenäum und Horen waren in ihren Ansprüchen und Zielen durchaus Vorzeigebeispiele, im andau-ernden Erfolg aber eher mäßig. Für Johann Goldfriedrich galten sie sogar als „… ‚buchhandelsgeschichtlich[e]’ [...] Nieten …“.[27] Zwar höhnte der ältere Schlegelbru-der 1795: „Die Horen wurden bald zu Huren …“; allerdings ahnte er wohl nicht, dass das Athenäum bereits im dritten Jahrgang seines Erscheinens keineswegs mehr der Tempel der Göttin Athene war, der es sein wollte. Und dennoch werden die Horen heute als das Dokument, Aushängeschild und Vorzeigejournal des klassischen Denkens bezeichnet, das nachfolgende Projekte maßgeblich beeinflusste.[28] Das Athe-näum war hingegen die erste Zeitschrift für die Ideenwelt der Frühromantik sowie Kiosk kritischer Aufsätze zur neuesten Literatur und Philosophie[29].

Anhand dieser beiden äußerst kurzlebigen Zeitschriften ist es schwer vorstellbar zu behaupten, dass durch sie Jena in Bildung, Wissenschaft und Literatur zum Zentrum des Reiches hätte werden können. Und dennoch hatte Jena gerade durch sie einen Namen erhalten. Die Langlebigkeit kann dann wohl nicht tatsächlich angeführt werden, um das Ziel des „Epochemachens“ zu erreichen; anders gesagt: gerade kurz-zeitig erscheinende Zeitschriften können mindestens so bedeutend und epoche-machend sein wie über Jahrzehnte herausgegebene. Auf der anderen Seite scheinen der „Musenhof“ Anna Amalias, die Freitagsgesellschaft und die Logen nicht die Wirkung auf die gesamte Bevölkerung gehabt zu haben, dass Weimar überhaupt ein Geschmackszentrum gewesen sein könnte. Aber vielleicht sind sie auch nur ein Teil des Ganzen. Aus diesem Grund soll im Folgenden untersucht werden, inwieweit Zeitschriften überhaupt in der Lage waren Geschmack zu bilden bzw. wie die Zeit-schriftenlandschaft um 1800 in Deutschland aussah.

3 Zeitschriften als geschmacksbildende Instanzen? – Ein Exkurs in die Zeitschriftenlandschaft des Deutschland um 1800

Wenn Journale als Instanzen einer Geschmacksbildung herangezogen werden, weil sie innerhalb eines kurzen Zeitraumes eine große Zahl an Menschen erreichen kön-nen, so sind jedoch nur die Periodika mit höherer Auflagenzahl, größerer Verbrei-tung und breit gefächerten Inhalten wohl am ehesten als geschmacks bildend zu bezeichnen. Eine möglichst lange Lebensdauer ist (wie bereits deutlich geworden) weniger entscheidend. Hiermit klingt an, dass besonders den Zeitschriften und Magazinen im Zeitraum um 1800 eine große Bedeutung zuzumessen ist, da sie „… kommunikationshistorisch den Initialpunkt [… einer …] ‚Medienrevolution’ …“ darstellen.[30] Dies liegt zum einen daran, dass seit dem frühen 18. Jahrhundert die Periodika eine aus den gesellschaftlichen und politischen Wandlungen ergebende Themenflut überkam, über die die Leser informiert werden wollten und so zum ande-ren im Zeitraum von 1700 bis 1790 eine kaum überschaubare Masse von ca. 6000 Zeitschriften aus dem Nichts entstand[31]. Dass ferner Deutschland hier im Vergleich zu Frankreich und England eine herausgehobene Rolle spielt, liegt an seinem dezen-tralistischen Charakter der vielen Kleinstaaten und -territorien. Zudem resultierte aus der zunehmenden Bedeutung von Bildung die Herausbildung von zahlreichen Lese-gesellschaften und Leihbibliotheken, in denen die neue Bürgerlichkeit ihrer „Lese-wut“ nachgehen konnte.[32]

[...]


[1] Johann Wolfgang Goethe, Die Lustigen von Weimar, in: WA, Abt. I; Bd. 1, S. 151.

[2] Die Bezeichnung als „Doppelstadt“ geht auf den hier zitierten Brief Goethes an Johann Friedrich Heinrich Schlosser zurück, vgl. WA, Abt. IV; Bd. 24, S. 16; vgl. auch Goethes Gedichte, 3. Theil: Zahme Xenien V., in: ebd., Bd. 3, S. 314: „’Wohin willst du dich wenden?’ / Nach Weimar-Jena, der großen Stadt, / Die an beiden Enden / Viel Gutes hat.“

[3] Vgl., die 6. Strophe des Gedichts „Auf Miedings Tod“: „O Weimar! dir fiel ein besonder Los! / Wie Bethlehem in Juda, klein und groß./ Bald wegen Geist und Witz beruft dich weit / Europens Mund, bald wegen Albernheit …“ (WA, Abt. I; Bd. 16, S. 133-140, hier S. 134).

[4] So die Bezeichnung (vollst.: „Ereignis Weimar-Jena, Kultur um 1800“) des Sonderforschungsbe-reiches 482 des Historischen Instituts der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

[5] Auf Miedings Tod, letzter Teil der 6. Strophe.

[6] Zit. nach Fritz Kühnlenz, Weimarer Porträts. Bedeutende Frauen und Männer um Goethe und Schiller, Rudolstadt 1993, S. 8. Kühnlenz kann den Ursprung des Ausspruches nicht identifizieren, allerdings stammt diese Einschätzung nach Gerhard R. Kaiser, Friedrich Justin Bertuch – Versuch eines Porträts, in: Ders./ Siegfried Seifert (Hrsg.), Friedrich Justin Bertuch (1747-1822). Verleger, Schriftsteller und Unternehmer im klassischen Weimar, Tübingen 2000, S. 15-39, hier S. 15f, aus den Reiseberichten Wölfings.

[7] So ein Sechszeiler Goethes mit dem Titel Toast zum 28. August 1820 bei’m akademischen Gastmahl auf der Rose aus seinen, Gedichten, 4. Theil: Inschriften, Denk- und Sende-Blätter, in: WA, Abt. I; Bd. 4, S. 57.

[8] Zit. nach Thomas Kopfermann/ Dietrich Steinbach, Weimar-Jena. Epochenzentrum um 1800, Stuttgart u. a. 1992, S. 81.

[9] Vgl., ebd., S. 85-88.

[10] Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart mit bestaendiger Vergleichung der uebrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen, von Johann Christoph Adelung, mit D. W. Soltau’s Beytraegen, revidirt und berichtiget von Franz Xaver Schönberger, hrsg. v. Jonathan Gabriel Affenheimer, Wien 1808, Zweyter Theil, Sp. 612-614, hier Sp. 613.

[11] Ebd., Dritter Theil, Sp. 253-254, hier Sp. 254.

[12] Vgl., Walter Steiner/ Uta Kühn-Stillmark, Friedrich Justin Bertuch. Ein Leben im klassischen Weimar zwischen Kultur und Kommerz, Köln/ Weimar/ Wien 2001, S. 75 bezeichnet das Kontor als Presse-Imperium und das Journal sogar als dessen Flaggschiff (ebd., S. 94).

[13] Da eine differenziertere Betrachtung hier leider ausgespart bleiben muss, kann in diesem Rahmen tatsächlich nur eine vereinfachte Darstellung der Grundzüge erfolgen.

[14] Vgl., hierzu u. a. Birgitt Hellmann, „Jena und Weimar sind so nahe beysammen daß wir uns wohl als Stadtnachbarn betrachten könnten“, in: „Wie zwey Enden einer großen Stadt …“. Die „Doppel-stadt Jena-Weimar“ im Spiegel regionaler Künstler 1770-1830, Katalog der Städtischen Museen Jena und des Stadtmuseums Weimar, Teil 1: Jenaer Künstler, Rudolstadt 1999, S. 11-12, hier S. 11.

[15] Vgl., hierzu u. a. Joachim Berger, Geselligkeit, Mäzenatentum und Kunstliebhaberei am ‚Musen-hof’ Anna Amalias – neue Ergebnisse, neue Fragen, in: Ders., (Hrsg.), Der ‚Musenhof’ Anna Ama-lias. Geselligkeit, Mäzenatentum und Kunstliebhaberei im klassischen Weimar, Köln/ Weimar/ Wien 2001, S. 1-17; Ders., Die Erfindung des Weimarer ‚Musenhofs’ durch Editionen im 19. Jahrhundert, in: Diether Degreif, Archive und Kulturgeschichte, Referate des 70. Deutschen Archivtags, 21.-24. September 1999 in Weimar (Der Archivar; 5), Siegburg 2001, S. 295-314.

[16] Steiner/ Kühn-Stillmark, Bertuch, S. 66; vgl. ebenso Marcus Ventzke, Die Regierung des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach von 1775-1783. Modellfall aufgeklärter Herrschaft?, Univ.-Diss., Jena 2001, S. 349-353.

[17] Vgl., Berger, Geselligkeit, S. 14 u. 4.

[18] Marcus Ventzke, Hofkultur und aufklärerische Reformen – ein neuer Blick auf die Höfe des späten 18. Jahrhunderts, in: Ders., (Hrsg.), Hofkultur und aufklärerische Reformen in Thüringen. Die Bedeu-tung des Hofes des späten 18. Jahrhundert, Köln/ Weimar/ Wien 2000, S. 1-10, hier S. 2; insgesamt dazu, S. 2-6. Ferner insgesamt Ders., Regierung.

[19] Vgl., Gerhard, Wagner, Von der Galanten zur Eleganten Welt. Das Weimarer Journal des Luxus und der Moden (1786-1827) im Einflussfeld der englischen industriellen Revolution und der Französischen Revolution, Hamburg 1994, S. 10; auch Peter Gradenwitz, Literatur und Musik in geselligem Kreise. Geschmacksbildung, Gesprächsstoff und musikalische Unterhaltung in der bürger-lichen Salongesellschaft, Stuttgart 1991.

[20] Zu den Logen insgesamt, vgl., Gerhard Müller, Freimaurerei und politische Führungseliten. Die Strikte Observanz in den thüringischen Staaten (1764-1782), in: Joachim Berger und Klaus-Jürgen Grün (Hrsg.), Geheime Gesellschaft. Weimar und die deutsche Freimaurerei, Katalog zur Ausstel-lung der Stiftung Weimarer Klassik im Schiller-Museum Weimar 21.6. bis 31.12. 2002, hrsg. v., Weimar 2002, S. 169-175, hier 169.

[21] Dies geht aus einem Brief Friedrich Schlegels an seinen Bruder August Wilhelm vom 31.10. 1797 hervor. Zit. nach Ernst Behler, Athenaeum. Die Geschichte einer Zeitschrift, in: August Wilhelm Schlegel u. Friedrich Schlegel (Hrsg.), Athenaeum. Eine Zeitschrift, Bd. 3, Stück 1 u. 2 (ND von 1800), Darmstadt 1983, Anhang-S. 1-64, hier S. 6. Für die folgenden Aussagen zum Athenäum sind besonders S. 6-18 u. 23-26 maßgeblich.

[22] Friedrich Schiller, Einladung zur Mitarbeit – Die Horen, in: Rolf Michaelis, Die Horen. Ge-schichte einer Zeitschrift, Suppl.-Bd., Weimar 2000, S. 65-71, hier S. 65. Für das Folgende sei hier auf Michaelis’ Untersuchung verwiesen; besonders auf die Seiten 1-6 u. 46 sowie auf den abge-druckten Contract über die literarische Monatsschrift „Die Horen“, S. 61-64; ebenso Paul Raabe, Die Horen. Einführung und Kommentar, Berlin 1959, S. 7-16.

[23] Zu den ständigen Autoren zählten auch Goethe, Herder, Körner, Jacobi und W. von Humboldt; vgl., ebd., S. 8; die Bedeutung der abgedruckten und herausragenden Schriften soll nur genannt, nicht weiter ausgeführt werden.

[24] Vgl., Raabe, Horen, S. 10f u. 13.

[25] Vgl., Michaelis, Horen, S. 3 u. 5.

[26] Vgl., Raabe, Horen, S. 15.

[27] Zit. nach Gotthard Brandler, Friedrich Justin Bertuch und sein Journal „London und Paris“ I. London und Paris und die Journalliteratur um 1800, in: Harald Olbrich (Hrsg.) u. a., Greizer Studien, Greiz 1989, S. 128-145, hier S. 128.

[28] Vgl., Behler, Athenaeum, S. 5.

[29] Vgl., Raabe, Horen, S. 9.

[30] Ernst Fischer/ Wilhelm Haefs/ York-Gothart Mix, Einleitung: Aufklärung, Öffentlichkeit und Medienkultur in Deutschland im 18. Jahrhundert, in: Dies., (Hrsg.), Von Almanach bis Zeitung. Ein Handbuch der Medien in Deutschland 1700-1800, München 1999, S. 9-23, hier S. 9.

[31] Vgl., John A. McCarthy, Literarisch-kulturelle Zeitschriften, in: ebd., S. 176-190, hier S. 177.

[32] Vgl., in diesem Zusammenhang Reinhard Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, 2. durchges. Aufl., München 1999, S. 200-218.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Das „Journal des Luxus und der Moden“ und die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ als Determinanten für den Raum Weimar-Jena als geschmacksbildendes Zentrum um 1800?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Insitut)
Veranstaltung
Hauptstädte des Alten Reiches: Regensburg, Speyer, Wetzlar, Wien…
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
38
Katalognummer
V81785
ISBN (eBook)
9783638887168
ISBN (Buch)
9783638887274
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luxus, Moden“, Literatur-Zeitung“, Determinanten, Raum, Weimar-Jena, Zentrum, Hauptstädte, Alten, Reiches, Regensburg, Speyer, Wetzlar, Wien…
Arbeit zitieren
Johannes Henning (Autor:in), 2003, Das „Journal des Luxus und der Moden“ und die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ als Determinanten für den Raum Weimar-Jena als geschmacksbildendes Zentrum um 1800?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81785

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