Die Germania des Tacitus - ein Bericht von Land und Leuten?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Vorbemerkung

Es dürfte wohl kaum einen Schüler geben, der Tacitus’ Germania nicht kennt. Im Geschichtsunterricht der Klassenstufe 6 nimmt die Behandlung der römischen Geschichte einen zentralen Platz ein. In Verbindung mit der „Germania“ heißt dies vor allem die Erörterung der Beziehungen zwischen den Römern und germanischen Volksstämmen. Meist wird dieser Teil des Stoffgebietes dazu genutzt, um die Bedeutung des Limes als Grenz- und Handelsmarkierung gleichermaßen zu beleuchten. Oftmals stellen Schüler in diesem Zusammenhang Fragen, woher gewusst werden kann, warum es zwischen Römern und Germanen nicht immer friedlich zugehen konnte oder was die Germanen als solche überhaupt auszeichnete. Meist verweisen Lehrer auf Tacitus, lassen ihn zitieren und schöpfen für die Schüler aus der „Germania“ die notwendigen Sachinformationen, um die Fragen der Schüler hinreichend beantworten zu können. Allerdings geschieht dies in der Regel ohne die Umstände, Hintergründe und Einwände zu dieser Schrift des römischen Gelehrten mit der gebotenen Sorgfalt zu betrachten. Aus diesem Grund will die vorliegende Misszelle im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten versuchen darüber aufzuklären, inwieweit Tacitus’ Germania der tatsächliche Bericht von Land und Leuten ist, als der er landläufig aufgefasst wird. Folgendes bleibt unbeachtet: Genaue Gliederung des Werks mit eingehender inhaltlichen Betrachtung, inwiefern die einzelnen Angaben von anderen antiken Autoren abweichen oder übereinstimmen und eine generelle Quellenkritik.

Stattdessen soll ein knapper allgemeiner und enzyklopädischer Teil zur Peron des Schreibers den Zugang zu seinem hier thematisierten Werk bilden. Daran schließt sich der Hauptteil an, der die Schilderungen aufgreift, die eine Kritik an einem ethnographischen Bericht zwar auf den ersten Blick nicht rechtfertigen, allerdings auf den zweiten Blick verschiedene Gegensätzlichen aufzeigen. Diese werden unter dem eigentlichen Grund knapp beleuchtet, warum Tacitus die Germanen in der dargestellten Weise charakterisiert. Im Resümee wird ein Ausblick auf das gegeben, was noch zu untersuchen sei, um die ethnographische Eigenschaft der Germania über das hier anzuführende Argument hinaus zu hinterfragen.

2. Allgemeines zu Publius(?) Cornelius Tacitus,

römischer Geschichtsschreiber, *um 55 n. Chr., † nach 115; Ort der Geburt ist nicht be-kannt; 88 Prätor, 97 Konsul, um 112/113 Prokonsul der Provinz Asia; eng mit Plinius' dem Jüngeren befreundet, sehr geschätzter Redner. Als Schriftsteller trat Tacitus erst nach der Gewaltherrschaft Domitians hervor. 98 n. Chr. veröffentlichte er eine Biographie seines Schwiegervaters („De vita et moribus Iulii Agricolae“) und die Schrift über Germanien („De origine et situ Germanorum“ = „Über den Ursprung und die Gebiete der Germa-nen“, kurz „Germania“), die einzige aus der römischen Literatur bekannte landeskundliche Monographie und das wichtigste „Zeugnis“ über Altgermanien.

In seinen „Historiae“ (wohl 14 Bücher, 105-110) beschrieb er die Zeit der Flavier. Von seinem Alterswerk, den „Annales“ (eig. „Ab excessu divi Augusti“; wohl 16 Bücher), die den Zeitraum vom Tod des Augustus bis zu dem Neros (14-68) behandeln, sind insgesamt nur unvollständig erhalten.

Tacitus beabsichtigte mit den Annales, die gleichzeitig bedeutendstes Zeugnis und Schlusspunkt der senatorischen Historiographie darstellen, den politischen und moralischen Verfallsprozess unter der Monarchie aufzuzeigen. Er knüpft dabei in Sprache, Stil und Komposition, wie auch in der pessimistischen Grundhaltung, an Sallust an. Trotz seines Wahlspruchs „sine ira et studio“ – also „ohne Zorn und Vorliebe“ unparteiisch („Anna-len“ I, 1) zu sein, gelangt er zu einseitig-negativen Urteilen. Mit seinen Charakterisierungen und in der starken Berücksichtigung der Geschichte Roms und der Kaiser, hinter der die des Reichs und der Provinzen zurücksteht, hat er durch die Jahrhunderte auf die Ge-schichtsschreibung gewirkt.[1]

3. Die „Germania“

Wie schon angesprochen, soll es sich bei der „Germania“ um das erste ethnographische Werk überhaupt handeln, was besonders auch deswegen hervorgehoben werden sollte, weil hierin Tacitus dem Sittenverfall Roms ein idealisiertes Germanenbild gegenüberstellt. Im ersten Teil der Schrift schildert er allgemein Land und Leute, im zweiten Teil charakteri-siert er einzelne Stämme und beschreibt ihren Wohnsitz. Seine Kenntnisse bezog Tacitus jedoch nicht aus eigener Anschauung, sondern hauptsächlich aus literarischen Quellen – er war nie vor Ort! Da aus der Antike keine andere selbständige volkskundliche Schrift überliefert ist, lassen sich die Gründe für die Entstehung der „Germania“ nur vermuten. Aus diesem Grund lässt sich die Motivation Tacitus’, der Dekadenz der römischen Sitten ein positives Gegenbild entgegenzusetzen, leicht erklären.

Die den Römern und auch Tacitus fremde germanische „Gesellschaft“ wird mit der eigenen verglichen und auf diese Weise mit Maßstäben gemessen, die nicht auf die Germa-nen passen; ihre Beschreibung stellt daher ein verzerrtes Spiegelbild der Gesellschaft des Beobachters dar. Gleichzeitig gilt jedoch der „Wilde“ als Gegensatz zum „Zivilisierten“: Die in der Germania dargestellte Rückschrittlichkeit im technisch-zivilisatorisch-kulturel-len Bereich wird belächelt; dagegen werden die vermeintlich ursprünglichen und natür-lichen ‚moralischen’ Verhaltensweisen vor dem Hintergrund der Probleme der eigenen Gesellschaft idealisiert. Demzufolge sind im Menschenbild der Germania zwei gegen-läufige Tendenzen festzustellen:

1.) Auf der einen Seite ist der Germane von der Vernunft nicht oder nur kaum gesteuert und deshalb einfältig, unüberlegt, impulsiv, aggressiv, disziplinlos und faul. Das wird daraus ersichtlich, das die Germanen, wenn sie sich nicht gerade auf Heerfahrt befinden,

„… verbringen sie nur den kleinen Teil ihrer Zeit mit Jagden, den größeren jedoch mit Ausruhen, indem sie schlafen und essen (Kap. 15) [ … ] Die Kost ist einfach: wildes Obst, frisches Wildbret oder geronnene Milch [ … ] Dem Durst gegenüber beherrschen sie sich nicht ebenso. Gibt man ihrer Trinklust nach und verschafft man ihnen zu trinken, soviel sie haben wollen, so wird man sie ebenso leicht durch ihre Laster wie durch die Waffen bezwingen (Kap. 23) [ … Beim … ] Würfelspiel [ … ] sind sie in Bezug auf Gewinn oder Niederlage von einer so blinden Leidenschaft besessen, dass sie, wenn sie alles andere verspielt haben, mit dem letzten Wurfe um ihre Freiheit und um ihren Leib kämpfen (Kap. 24).“

[...]


[1] Zur Vita des Cornelius Tacitus vgl. die Information in den einschlägigen Lexika, v. a. Brockhaus, multimedia 2002.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die Germania des Tacitus - ein Bericht von Land und Leuten?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Altertumswissenschaft)
Veranstaltung
Roms Weg zur Weltmacht
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V81786
ISBN (eBook)
9783638887175
ISBN (Buch)
9783638887328
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germania, Tacitus, Bericht, Land, Leuten, Roms, Weltmacht
Arbeit zitieren
Johannes Henning (Autor), 2003, Die Germania des Tacitus - ein Bericht von Land und Leuten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81786

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Germania des Tacitus - ein Bericht von Land und Leuten?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden