Die Zeit vor der Reformation war in Hamburg von einer sehr großen Verbundenheit mit Rom geprägt. Groß war die Devotion gegenüber der Kirche und der Ewigen Stadt, welche eine dementsprechend starke Wirkung auf die Stadt Hamburg hatte. Von den etwa 500 Geistlichen in Hamburg hat nahezu jeder schon die ewige Stadt besucht, oft um alte Pfründen zu verteidigen, zu tauschen oder neue zu erjagen. Jedoch auch Hunderte von Bürgern sind auf Pilgerfahrt nach Rom gereist, um am Grabe des Apostelfürsten zu beten, die sieben großen Kirchen Roms zu besuchen und sich schließlich an allen damit verbundenen Ablässen zu beteiligen (siehe hierzu Kapitel 3.3).
Der ungeheuchelten Devotion gegenüber standen auch damals bereits einige kritische Stimmen, wie z.B. die von Albert Krantz, ein großer Hamburger Theologe und Kirchenmann, der über die „Maßlosigkeit der Kurie beim Aussaugen der Provinzen, indem gegen Geld unerhörte Indulgenzen und unglaubliche Gnaden verliehen werden“ klagte. Ein anderes Mal ruft er verzweifelt aus: „Siehe Du, Petrus, Deinen Nachfolger, und Du, Heiland Christus, Deinen Stellvertreter! Siehe, wohin uns der Hochmut des Knechts Deiner Knechte gestiegen ist!“
Welche Umstände zu derartigen Äußerungen führten und wie es zu den weitgreifenden Folgen dieser Tatsachen in der Reformation kommen konnte, ist Gegenstand dieser Hausarbeit. Zunächst werden die Organisationsstrukturen des Klerus mit den wichtigsten Institutionen und Ämtern in Hamburg kurz beschrieben. Hierbei wird eingehender auf das Domkapitel eingegangen, welches einen der Haupteinflüsse im kirchlichen leben der Stadt anführte. Eingebettet ins kirchliche Leben ist das Amt des Pfarrers und der Altargeistlichen. In einem weiteren Kapitel wird auf die damals währende Kritik am Klerus eingegangen, welche im wesentlichen auf die Sonderstellung der Kirche und damit der Trennung zwischen Kirche und Laientum beruht. Das Phänomen und die Ausmaße des Pfaffenhasses werden hierbei vorgestellt, genauso wie eine weitere große Unsitte im kirchlichen Leben, das Ablasswesen. Um die allgemeine Lage um die Zeit vor der Reformation begreifen zu können, wird im nächsten versucht, die Zeitstimmungen und Gedanken der Bevölkerung zu skizzieren. Am Ende dieser Hausarbeit stehen einige Schlussbemerkungen zum Thema.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Institutionen und Ämter des Klerus
2.1. Domkapitel
2.2. Der Geistliche Stand
3. Kritik am Klerus
3.1. Sonderstellung der Kirche
3.2. Pfaffenhass
3.3. Ablasswesen
4. Zeitstimmungen
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftliche und kirchliche Situation in Hamburg unmittelbar vor der Reformation, um die Ursachen für die aufkommende Kritik an der Kirche und dem Klerus zu beleuchten.
- Strukturen und Ämter des Klerus in Hamburg
- Die Rolle des Domkapitels im kirchlichen Leben
- Die Privilegien und die Sonderstellung der Kirche
- Ursachen für den sogenannten Pfaffenhass
- Das Ablasswesen und die religiösen Zeitstimmungen der Bevölkerung
Auszug aus dem Buch
3.2. Pfaffenhass
Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts kam vermehrt ein neues Phänomen zum Ausdruck, welches das Verhältnis zwischen Laien und Geistlichkeit kennzeichnete und auf einem wachsenden Gegensatz zwischen Frömmigkeit und Missständen und Verweltlichung der Anstaltskirche beruhte. Aufgrund der sittenlosen und verantwortungslosen Lebensweise vieler Geistlicher kam es zu einem regelrechten Pfaffenhass und einer Pfaffenverachtung. Dies hatte mehrere Grüne. Zum einen kann es sicher als Reaktion auf den jahrelang anwährenden Streit angesehen werden. Zudem existierte ein großer Ärger über die vielen Abgaben, deren Art der Erhebung sehr anfechtbar und ungerecht zuging. Das unkorrekte Vorgehen im Pfründenwesen mit seinem Ämterhandel, dem Vertauschen, Verkaufen und Anhäufen von Ämtern erregte ebenfalls den Zorn der Bevölkerung. Sogar der Papst, der viele Ausnahmegenehmigungen bei der Vergabe von Ämtern erlaubte, hatte keinen guten Ruf. Die Kirche musste auf diese Stimmungen reagieren. Ein Versuch den Ruf zu verbessern entstand durch das Verbot der Häufung von Pfründen 1502 durch das Domkapitel und seiner Bestätigung durch den Erzbischof.
Dies hat trotzdem nie wirklich funktioniert, da oftmals die Lebensgrundlage der Geistlichen von diesen Ämtern abhing.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel skizziert die tiefe Verbundenheit der Hamburger Bevölkerung mit der Kirche vor der Reformation sowie erste kritische Stimmen gegenüber den Missständen an der Kurie.
2. Institutionen und Ämter des Klerus: Hier werden die hierarchischen Strukturen der Kirche in Hamburg, insbesondere die Machtstellung des Domprobstes und die Verwaltung durch das Domkapitel, beschrieben.
3. Kritik am Klerus: Dieses Kapitel analysiert die zunehmenden Spannungen zwischen Klerus und Laien, die sich in Steuerstreitigkeiten, dem wachsenden Pfaffenhass und dem kritisierten Ablasshandel manifestierten.
4. Zeitstimmungen: Die Ausführungen beleuchten die psychologische Verfassung der Menschen, die von einer Mischung aus tiefer Höllenangst und exzessiver Lebenslust geprägt war.
5. Schlussbemerkungen: Zusammenfassend wird die unausweichliche Notwendigkeit der Reformation angesichts der geschilderten sozialen und kirchlichen Gegensätze hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Hamburg, Reformation, Domkapitel, Klerus, Kirche, Pfaffenhass, Ablasswesen, Privilegien, Immunität, Sittenlosigkeit, Zeitstimmung, Albert Krantz, Fegefeuer, Laien, Kirchenverwaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation der Kirche und des Klerus in Hamburg in der Zeit unmittelbar vor der Reformation.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Organisationsstruktur des Klerus, die Sonderrechte der Kirche, das Verhältnis zwischen Laien und Geistlichen sowie die religiösen Zeitstimmungen jener Ära.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Umstände aufzuzeigen, die zu den weitgreifenden Folgen der Reformation führten, indem die sozialen und strukturellen Spannungen dieser Zeit beleuchtet werden.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die sich primär auf die Auswertung existierender Fachliteratur und historischer Quellen zur hamburgischen Kirchengeschichte stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der kirchlichen Ämter, die Analyse der Konflikte um die Sonderstellung der Kirche und die Untersuchung von Phänomenen wie dem Pfaffenhass und dem Ablasshandel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Reformationsvorabend, Klerus, Domkapitel, Pfaffenhass und die religiöse Mentalität der Hamburger Stadtgesellschaft charakterisieren.
Welche Rolle spielte Albert Krantz in der dargestellten Zeit?
Albert Krantz war ein prominenter Hamburger Theologe und Domdekan, der als kritische Stimme gegen die Sittenlosigkeit des Klerus und für eine rationale Herangehensweise an Legenden auftrat.
Was war der "Pfaffenhass" und warum entstand er?
Der Pfaffenhass beschreibt die verbreitete Verachtung der Geistlichen durch die Laien, begründet durch die sittenlose Lebensführung vieler Kleriker, intransparente Abgaben und den Ämterhandel.
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- Marco Vorwig (Author), 2006, Kirche und Klerus in Hamburg vor der Reformation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81788