Kriminalliteratur in der Deutschen Demokratischen Republik als Spiegel der politischen Verhältnisse


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Externe Faktoren, die auf die Entstehung von Kriminalliteratur der DDR eingewirkt haben
2.1 Literatur und Politik im Überblick der Geschichte der DDR
2.2 Schreibsituationen für Autoren der DDR
2.3 Politik und Verlagswesen

3 Typische werkimmanente Merkmale des Kriminalromans der DDR
3.1 Handlungsraum und Handlungszeit
3.2 Die Verbrecher und Verbrechen
3.3 Die Opfer
3.4 Die Detektive

4 Günter Prodöhl: Der todsichere Tipp

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Wenn man wirklich etwas über DDR-Wirklichkeit erfahren will, muss man zum Krimi greifen.“ (Hartmut Mechtel)[1] Nicht nur dieses Zitat, sondern auch die Tatsache, dass zu Zeiten der DDR beträchtlich wenig Kriminalliteratur veröffentlich wurde, machte mich auf dieses Themengebiet neugierig. Inwieweit hatte die Regierung Einfluss auf die Verfassung und Veröffentlichung von Kriminalliteratur? Und wie sehr wurden die Schriftsteller in ihrem Schaffen dadurch eingeschränkt?

Dazu möchte ich in meiner Hausarbeit auf die politisch festgelegten, externen Einwirkungen auf das Entstehen der Kriminalliteratur, die von deutschen Autoren in der DDR verfasst und veröffentlicht wurde, eingehen und mich dabei auch auf dem Gebiet der Kulturpolitik und Literaturgeschichte der DDR bewegen. Auf der anderen Seite interessieren mich aber auch Auswirkungen auf werkimmanente Eigenschaften des Genres dieser Zeit und so werde ich mich außerdem den typischen Elementen des Kriminalromans (Handlungszeit, -raum und Personen) zuwenden. Besonders hinsichtlich dieser beziehe ich mich auf die Arbeit von Anselm Dworak, ein Autor, der sich mit einer breiter angelegten Arbeit mit diesem Themenfeld auseinander setzte und seine Thesen in seinem Werk Der Kriminalroman der DDR umfassend wissenschaftlich verifiziert.

Dazu werde ich selbst den Roman Der todsichere Tip von Günter Prodöhl im Hinblick auf die zunächst dargestellten Eigenschaften und Merkmale untersuchen. Zeitlich beschränken sich die Informationen also hinsichtlich der Geschichte auf die gesamte Zeit des Bestehens der DDR, in Bezug auf die werkimmanenten Eigenschaften des Kriminalromans auf die Jahre 1952 bis 1970 und der analysierte Roman wurde im Jahre 1958 veröffentlicht. Insgesamt liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit also auf den Kriminalromanen der Anfangszeit der DDR-Literatur. Ich denke diese Seminararbeit bildet eine bereichernde Ergänzung zu den im Seminar behandelten Themenfeldern und Gebieten.

2 Externe Faktoren, die auf die Entstehung von Kriminalliteratur der DDR eingewirkt haben

An dieser Stelle befasse ich mich zunächst mit den geschichtlichen Hintergründen von der Entstehung der DDR bis zur Wiedervereinigung zur Bundesrepublik Deutschland. Ein Einblick in hermeneutische Fakten in Bezug auf politische und kulturelle Gegebenheiten soll als Voraussetzung und Fundament der Untersuchung werkimmanenter Besonderheiten von Kriminalliteratur in der DDR dienen. Wichtig sind hier auch das Einwirken der Reglementierungen auf die Schriftsteller und das Verlagswesen.

2.1 Literatur und Politik im Überblick der Geschichte der DDR

Der zweite Weltkrieg war vorüber, Deutschland war zerstört und zwei politische Richtungen der östlichen und westlichen Besatzungsmächte teilten das Deutsche Reich in zwei Teile. Im Westen trugen die eingeführte, formale Demokratie und der Marshallplan zum Wiederaufbau des Westens von Deutschland und anderen europäischen Länder bei und brachten ihnen einen engeren wirtschaftlichen Zusammenschluss. Im Osten hingegen wurden Nationalsozialisten stärker verfolgt und bestraft – die Machthaber, die rote Armee, der Sowjetische Militär und die Administration in Deutschland (SMAD) und die KPD (später SED) sorgten durch spezielle Maßnahmen für große Veränderungen im deutschen Wirtschaftssystem. So wurden auch der Kulturbereich und der Erziehungsbereich von faschistischem Personal und entsprechendem Kulturgut, wie etwa durch die Entfernung von nazistischen und militaristischen Büchern aus öffentlichen Bibliotheken, gesäubert.[2]

Von nun an existierte Literatur in der DDR auf der Basis politischer Ziele, die auf der einen Seite aus der „Vernichtung der Naziideologie“ und der „Bildung einer nationalen Einheitsfront der deutschen Geistesarbeiter“[3] bestanden. Die Besatzungsmacht verfolgte eine Politik, die an Traditionen des antifaschistischen Kampfes seit dem Jahr 1935, also an die Politik der Volksfront, anknüpfte und am 4. Juli 1945 wurde der Öffentlichkeit in Berlin das Gründungsmanifest des deutschen Kulturbundes vorgestellt; das Volk sollte „auf geistig kulturellem Gebiet ein neues, sauberes, anständiges Leben“[4] aufbauen.

Unter der Besetzung durch die Sowjets wurde der Sozialistische Realismus entsprechend der Vorstellungen der Parteien auch in der DDR umgesetzt, sodass die Schriftsteller von nun an dieser Reglementierung zu folgen hatten.

An dieser Stelle sei ein Exkurs zum sozialistischen Realismus angebracht:

1934 erklärte Andreij Shdanow auf einem Unionskongress sowjetischer Schriftsteller, dass ein Autor bestimmten Verpflichtungen mit seiner Arbeit nachzugehen hat. Dieser habe „die Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung“ darzustellen und eine „wahrheitsgetreue und historisch-konkrete künstlerische Darstellung“ in seinem Werke zu schaffen. Weiterhin sieht er das Werk eines Künstlers nicht als Objekt, das ausschließlich zur Unterhaltung dient, vielmehr steht für ihn die Aufgabe, Menschen mit einem literarischen Beitrag „im Geiste des Sozialismus umzuformen“ im Vordergrund. Er beteuert, es gäbe keine unpolitische Literatur.

Da der Realismus die Realität analysieren, das heißt mit ihren kausalen Zusammenhängen darstellen soll, bildeten sich in der Literatur bestimmte Merkmale, die unten weiter aufgeführt sind, für Typisches heraus.[5]

Unterhaltungsliteratur spielte hinsichtlich der Produktionszahlen zunehmend eine größere Rolle; sie war frei von Gewaltverherrlichung, Rassenhetze, Völkerhass oder faschistischen Relikten.[6]

Das Ministerium für Kultur (1951 – 1956 Amt für Literatur und Verlagswesen), hatte seit 1945 die Aufgabe

„die Verlage zu lizenzieren, die unterstellten Verlage anzuleiten und für eine zweckentsprechende Arbeitsteilung zwischen den Verlagen Sorge zu tragen; die thematische Jahres- und Perspektivplanung der Verlage anzuleiten, zu koordinieren und ihre Erfüllung zu kontrollieren; die Manuskripte der Buchverlage und die Erzeugnisse der nichtlizenzierten Verlage zu begutachten und Druckgenehmigungen zu erteilen.“

Eine Lizenz für alle Druckschriften war hiermit gegeben, die mit ihrer Regelung sogar der Verfassung der DDR widersprach, in der in Artikel 27, Absatz 1 einem jeden Bürger das Recht auf freie und öffentliche Meinungsäußerung garantierte.8

Bis 1950 also wurde in der DDR keine Kriminalliteratur verlegt. In den folgenden zwei Jahren wurde diskutiert, ob der Kriminalroman nicht als „Kampfmittel für Frieden und Fortschritt“ (Hans Morgan) eingesetzt werden könne und Kriminalliteratur nicht in die bestehende sozialistische Literaturgemeinschaft aufgenommen werden solle. So wurden 1952 die ersten DDR- Krimis vom Verlag Das Neue Berlin (DNB) produziert. Manche Buchhandlungen lehnten den Vertrieb, dem viele Kritiker skeptisch gegenüber standen, ab, die angebotenen Objekte waren jedoch schnell vergriffen. Bis zum Jahre 1961 waren die Nachfragen von Lesern der Kriminalromane so groß, dass es der DNB auch mit der Unterstützung von anderen Verlagen schaffte, diese zu decken. Das Geschehen wurde zwar immer noch kritisch begutachtet, aber mehr und mehr wurden die positiven Seiten dessen aufgedeckt. Immer mehr bildete sich ein typisches Bild der Kriminalliteratur der DDR heraus. Dabei beinhalteten nun fünfzig Prozent der Literatur ein Verbrechen, dass auf den Taten von Schiebern und Agenten beruhte, die der DDR durch die Ausnutzung der offenen Grenzen in Berlin große Schäden zufügten. Als die Grenze 1961 nicht mehr existierte wurde die Produktion der Agenten- und Schieberromane gestoppt, da in ihnen keine aktuellen Tatsachen dargestellt wurde, was eine der inhaltlichen Notwendigkeiten der Kriminalliteratur darstellte. Am 13. August 1961 gab es einen ideologischen Umschwung und das Kultusministerium forderte die Schriftsteller auf, dieses nun auch in ihren Werken zu verdeutlichen und umzusetzen. Da die Künstler dieser Aufforderung allerdings nicht nachkamen, wurde eine Zäsur aufgestellt, die besagte, dass Kriminalliteratur nun einem bestimmten Handlungsmuster folgen sollte:

„In einem kapitalistischen Staat klärt ein fortgeschrittener Einzelner ein Gewaltverbrechen. Die Aufklärung des Verbrechens wird durch staatliche Instanzen (Polizei, Justiz etc.) behindert oder verunmöglicht.“

Durch die inhaltliche Einschränkung, der die Literatur unterlag, wurde immer weniger produziert. Ab dem Jahre 1963 zählte die Krimigesamtproduktion eine jahresdurchschnittliche Produktion von ungefähr 35 Titeln und die Deckung der Nachfrage von Lesern konnte wiederholt nicht gedeckt werden. Die geringe Menge an Kriminalliteratur wurde von nun an hauptsächlich im DNB, der nun ‚Spezialverlag für Kriminalliteratur’ geworden war, produziert. Während die Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz des Kriminalromans ausgelöscht worden war, hatte nun „neue, sozialistische Kriminalliteratur [...] ihren Platz endgültig gefunden“[7].[8]

Es wurde weiterhin an den bestehenden Zensuren festgehalten, jedoch begann die Literatur immer subjektiver zu werden. Die Inhalte beschränkten sich auf eigene Lebensumstände, Verhältnisse, aber auch auf die deutsche Vergangenheit – viele Werke der Autoren in der DDR wurden in der BRD veröffentlicht. „Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte.“ Berichterstatter Honecker äußerte sich mit diesen Worten skeptisch gegenüber der Literatur; Pornographie und andere, den Machthabern als unmoralische betrachtete Motive, wurden verboten.[9]

[...]


[1] Germer, Dorothea: Die ‚dicken Hunde’ wurden gestrichen. Dorothea Germer im Gespräch mit Jan Eik, Wolfgang Mittmann, Reinhard Hillich und Hartmut Mechtel. In: die horen, 41. Jahrgang (1996), Nr. 182. S. 105.

[2] Vgl.: Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erw. Neuausg., 1. Aufl. Leipzig 1996. S. 29-39.

[3] Vgl.: Schütz, Erhard und Jochen Vorgt: Einführung in die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Band 3: Bundesrepublik und DDR. Westdeutscher Verlag. Opladen 1980, S. 9-15.

[4] Vgl.: Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erw. Neuausg., 1. Aufl. Leipzig 1996. S. 75.

[5] Vgl.: Dworak, Anselm: Der Kriminalroman der DDR. Im Selbstverlag des Herausgebers Hans-Friedrich Foltin. Marburg (Lahn) 1974, S. 14-34.

[6] Vgl.: Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Luchterhand. Darmstadt und Neuwied: 1981.S. 25.

8 Vgl.: Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Luchterhand. Darmstadt und Neuwied: 1981.S. 29.

[7] Wolfgang Lange: Kriminalromane - Mehr und billiger. In: Börsenblatt. Leibzig 1965, S. 112-113, hier S. 112.

[8] Vgl.: Dworak, Anselm: Der Kriminalroman der DDR. Im Selbstverlag des Herausgebers Hans-Friedrich Foltin. Marburg (Lahn) 1974, S. 457-459.

[9] Vgl.: Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erw. Neuausg., 1. Aufl. Leipzig 1996, S. 174-191.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Kriminalliteratur in der Deutschen Demokratischen Republik als Spiegel der politischen Verhältnisse
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Verbrechen in Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V81798
ISBN (eBook)
9783638885300
ISBN (Buch)
9783638886710
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalliteratur, Deutschen, Demokratischen, Republik, Spiegel, Verhältnisse, Verbrechen, Literatur
Arbeit zitieren
Julia Mrosek (Autor), 2006, Kriminalliteratur in der Deutschen Demokratischen Republik als Spiegel der politischen Verhältnisse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81798

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