Die Verlaufsform im Deutschen

Eine syntaktische Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Herkunft der am -Verlaufsform

2. Bildung der am -Verlaufsform
2.1 Die Präposition am
2.2 Der Infinitiv

3. Die Funktion der Verlaufsform

4. Syntaktische Analyse
4.1 Komplement oder analytisches Verb?
4.1.1 Prädikatsnomen
4.1.2 Analytisches Verb
4.1.3 Fazit
4.2 Analyse
4.2.1 Analyse nach der Dependenzgrammatik

Nachwort

Literatur

Einleitung

Aus dem Englischen sind uns Progressiv-Konstruktionen, wie „Peter as playing football“, nur allzu bekannt. Auch das Italienische und das Spanische können solche Konstruktionen aufweisen. Hier werden sie mit den Verben stare bzw. estar und dem Gerundium gebildet. Doch wie übersetzt man diese Konstruktionen, wie die englische, so ins Deutsche, dass der progressive Charakter des Verbs nicht verloren geht? Oft findet man diese Übersetzung: Peter spielt gerade.

Der rheinische Dialekt dagegen hat aber eine „elegantere“ Lösung gefunden: er führt einfach eine solche Verlaufsform ins Deutsche ein und übersetzt den Satz folgendermaßen: Peter ist am spielen.

Mittlerweile ist die deutsche Verlaufsform nicht mehr nur im Rheinland zu finden, sondern schon in anderen Dialekten, wie dem Bayerischen, bzw. im Standarddeutschen. Dass eine solche Form im Deutschen existiert, war vielen meiner Kommilitonen und anderen „Muttersprachlern“ im meinem Umfeld unbekannt und ich traf auf großes Unverständnis, als ich erklärte, welches Thema diese Arbeit behandelt. (Mir ging es also genauso, wie Krause (2001: 33)) Auf das „Phänomen“ der Verlaufsform bewusst aufmerksam geworden bin ich auch erst bei folgendem Zitat von Fußballspieler Lukas Podolski (gebürtiger Kölner): „[…]die Musik war am Laufen.“[1]

Aufgrund dieser Unbekanntheit der Verlaufsform war ich zunächst der Meinung, dass zu dem Thema in der linguistischen Literatur kaum etwas zu finden sein wird. Doch ich fand einige umfangreiche Abhandlungen, die sich mit der Verlaufsform, unter unterschiedlichen Gesichtspunkten, auseinandersetzen.[2]

Beispielsweise untersucht Krause (2002) empirisch die deutsche Verlaufsform im Gegensatz zu der englischen und niederländischen. Dabei geht er auch auf die verschiedenen Typen des Progressivs, wie auf den mit Präpositionen oder Positionsverben gebildeten Typ, ein.

Dagegen greift sich Van Pottelberge (2004) eine der verschiedenen Verlaufsformen, den am -Progressiv, heraus und untersucht anhand dieser Konstruktion sehr genau, welche Gemeinsamkeiten in Struktur und Entwicklung dieser im Niederdeutschen, Deutschen, Friesischen und in einzelnen Tochtersprachen, wie im Pennsylvaniadeutschen, aufweist.

Eine weitere wichtige Arbeit zum Thema „Verlaufsform im Deutschen“ ist die Dissertation von Reimann (1996). Ihre Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob es sich bei der Verlaufsform, vor allem mit der Präposition am, „um eine Konstruktion handelt, die an der Herausbildung eines deutschen Aspektsystems beteiligt ist.“ (Reimann, 1996: VII) Des eiteren überprüft sie Richtigkeit der Hypothese, „daß es sich bei der Verlaufsform nicht nur um ein dialektales […] Phänomen handelt, sondern um ein allgemeinsprachliches.“(Reimann, 1996: 103).

Außer diesen drei wichtigen Monographien gibt es auch eine ganze Reihe von Artikeln zu diesem Thema.

Ein etwas anderes Licht auf die Progressivform im Deutschen soll diese Arbeit werfen: die Verlaufsform in der syntaktischen Analyse. Das Problem, dass sich mir und meinen Kommilitonen, im Rahmen einer syntaktischen Analyse, mit eben einer solchen Verlaufsform stellte, war folgendes: Wie soll man die Verlaufsform syntaktisch analysieren? Handelt es sich um ein analytisch gebildetes oder ist es als Prädikatsnomenkonstruktion mit dem Kopulaverb sein zu analysieren? Welche Argumente sprechen für die eine Analyse, welche für die andere?

Das Ziel dieser Arbeit soll nun sein, eine geeignete und vor allem zufriedenstellende Lösung für eine syntaktische Analyse der Verlaufsform, sowohl aus Sicht der Dependenzgrammatik als auch aus Sicht der Generativen Grammatik, herauszuarbeiten. Dabei beschränke ich mich auf den am - Progressiv, da diese Konstruktion diejenige ist, die zum Einen auf dem Weg der vollständigen Grammatikalisierung am weitesten fortgeschritten ist (Krause, 1997: 56) und zum Anderen die wenigsten Restriktionen aufweist (Reimann, 1996: 96).

Dazu wird im ersten Kapitel zunächst dargestellt, woher die Verlaufsform überhaupt kommt und auf welches Gebiet sie sich anfangs beschränkte, bis sie sich auf ein größeres Gebiet ausgeweitet hat.

Anschließend werden im zweiten Kapitel die einzelnen Komponenten der am -Verlaufsform vorgestellt. Dabei wird vor allem darauf eingegangen, welche Probleme sich durch die Präposition und den Infinitiv ergeben.

Im Anschluss daran werden die Funktionen der am -Verlaufsform beschrieben. Hier spreche ich auch kurz das Problem der Kategorisierung „Aspekt“ an. Auf die Diskussion, die dazu in der Literatur zu finden ist, soll aber nicht näher eingegangen werden.

Im letzten Kapitel soll dann die syntaktische Analyse der am- Verlaufsform erfolgen. Dafür muss zunächst eine Entscheidung in der Frage Prädikatsnomenkonstruktion oder analytisch gebildetes Verb getroffen werden. Im Anschluss daran analysiere ich einen Satz mit der Verlaufsform, erst nach der Dependenz- und dann nach der Generativen Grammatik.

1. Herkunft der am -Verlaufsform

Die Verlaufsform im Deutschen war ursprünglich eine dialektale Eigenart aus dem Rheinischen, oder auch Ribuarischen[3]. Daher ist in der Literatur auch immer wieder von der „rheinischen Verlaufsform“ die Rede.

Die westdeutsche Region, in welcher der rheinische Dialekt bzw. das Ribuarische vermehrt gesprochen wird, ist „im Süden durch die Höhen der Eifel und im Westen durch die Staatsgrenze begrenzt […].“ (Klein et al., 1978: 19). Nördlich erstreckt sich das Gebiet bis nach Düsseldorf und fällt hier mit der Benrather Linie, der Grenze zu den niederdeutschen Mundarten, zusammen. Zum Rheinischen zählen im Osten auch der Rheinisch- Bergische-, der Rhein- Sieg- und der Oberbergische Kreis. (ebd.)

Ausgehend von diesem Gebiet breitete sich die Verlaufsform auf das gesamtdeutsche Gebiet aus und ist hier vor allem in der gesprochenen Sprache auffindbar. Erst Reimann (1996) räumte das „Vorurteil“, dass die Verlaufsform nur im rheinischen Dialekt existiert, mit ihrer empirischen Studie aus der Welt. Sie stellte fest, dass in ganz Deutschland die Verlaufsform benutzt wird.

Noch zu erwähnen ist die Tatsache, dass sich die Verlaufsform im Deutschen und die im Ruhrgebiet durchaus unterscheiden: die Verlaufsform im Rheinland hat sehr viel weniger Restriktionen als die Verlaufsform im Standarddeutschen. Näher soll darauf aber nicht eingegangen werden, da es für das eigentliche Problem in der syntaktischen Analyse keinen Wert hat. Eine ausführliche Darstellung dazu findet sich bei Andersson (1989).

2. Bildung der am -Verlaufsform

Morphologisch gesehen handelt es sich bei der am - Verlaufsform um eine Verbindung des flektierten Verbs[4] sein und einer Präpositionalphrase. (Zifonun et al., 1997: 1878)

Diese Phrase setzt sich zum Einen aus dem Portmanteau- Morphem am, der morphologischen Einheit der Präposition an und des bestimmten Artikels im Dativ dem, und zum Anderen aus einem Infinitiv zusammen: (ebd.)

(1) „Die Sache ist am Laufen, aber es gibt noch ein paar Hindernisse.“ (Mannheimer Morgen, Ressort Bürstadt, 28.01.2002, aus dem Korpus der IDS)

Die Präpositionalphrase ist in der Verlaufsform stets formal festgelegt, d.h. es ist nicht möglich, diese mit Modifikationen (2), Attribuierungen (3) und Appositionen zu erweitern: (Van Pottelberge, 2004: 2)

(2a) „Sie tanzt wunderschön.“ (Zifounun et al., 1997: 1183)
(2b) *Sie ist am tanzen wunderschön.

(3a) Er kocht gut.
(3b) *Er ist am gut kochen.

Ein weiteres Bildungsmerkmal der Verlaufsform im Deutschen ist, dass diese mit dem Präsens (4a), den Vergangenheitstempora (4b/4c) und dem Futur (4d), aber nur mit der modalen Lesart des Futur 1, gebildet werden kann. Daher ist die Progressivform nicht zu den Tempora zu zählen: (Glück, 2001: 81)

(4a) Ich bin am suchen.
(4b) Ich war am suchen.
(4c) Ich bin am suchen gewesen.
(4d) Ich werde am suchen sein.

Es gibt bei der Bildung des am -Progressivs noch einige weitere Restriktionen. Auf diese soll aber in dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden, da ich daraus keine Erkenntnisse für die eigentliche Problematik, nämlich die syntaktische Analyse, ableiten kann. Eine detailliierte Darstellung der Restriktionen findet sich unter anderem bei Van Pottelberge (2004) und Reimann (1996).

Im Folgenden sollen nun die beiden Bestandteile der Phrase kurz erläutert werden, wobei vor allem auf die Problematik der Präposition und des Infinitivs eingegangen wird.

2.1 Die Präposition am

In der festen syntaktischen Verbindung ‚Verlaufsform‘ hat am nur noch eine relative Funktion. „Durch die obligatorische Verknüpfung mit sein und dem Verlaufsforminfinitiv“ drückt am eine „abstrakte grammatische Beziehung“ aus. So gehört am, aus struktureller Sicht, zu solchen Präpositionen, deren Verbindung zwischen Präposition und bestimmten Artikel nicht mehr auflösbar ist: (Reimann, 1996: 92)

(5a) Wir sind nicht mehr am essen.
(5b)*Wir sind nicht mehr an dem Essen.

[...]


[1] Kneer, Christof, SZ, 23.04.2007, S.25

[2] Im Folgenden sollen nur die drei Umfangreichsten genannt werden.

[3] Der Begriff ‚Ribuarisch‘ ist „von dem Namen eines germanischen Stammes […]“ abgeleitet. (Klein et. al., 1978: 123)

[4] Ich vermeide hier ganz bewusst den Ausdruck ‚Kopulaverb‘, den Zifonun et al. (1997: 1878) in ihrer Grammatik verwenden. Nach deren Definition (1997: 53) bilden Kopulaverben nur in der Kombination mit einem Komplement, dem Prädikativ, beispielsweise einem Substantiv, den Prädikatausdruck. Demnach würde es sich bei dem Infinitiv um ein Substantiv handeln. Auf diese Diskussion möchte ich aber in Abschnitt 2.2 näher eingehen, da die Wortartenzuordnung des Infinitivs einige Schwierigkeiten mit sich bringt.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Verlaufsform im Deutschen
Untertitel
Eine syntaktische Analyse
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V81807
ISBN (eBook)
9783638037310
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verlaufsform, Deutschen, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Stephanie Grüner (Autor), 2007, Die Verlaufsform im Deutschen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81807

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