Kanon in Theorie und Praxis

Untersucht an Zeitungseditionen und anderen Kanonprojekten


Hausarbeit, 2007
42 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

A. Kanon-Begriff, -Theorie und -Diskussion
A.1 Kanonbegriff
A.2 Kanonisierungsprozesse und Kanon-Macher
A.3 Kanonarten
A.3.1 Materialer Kanon
A.3.2 Deutungskanon
A.3.3 Negativkanon
A.3.4 Gegenkanon
A.3.5 Akuter Kanon
A.4. Funktionsweisen von Kanon
A.4.1 Selbstbild
A.4.2. Kanon als Wertsprache für Literatur
A.4.3 Abgrenzung des Kanons

B. Kanon-„Praxis“
B.1 Die „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“
B.2 Die „Zeit-Schülerbibliothek“
B.3 Marcel Reich-Ranickis Kanonprojekte
B.3.1 Marcel Reich-Ranickis Literaturliste im Spiegel
B.3.2 Marcel Reich-Ranickis Kanon-Buchpakete
B.4 Die „SZ-Bibliothek“
B.5 Die „Bild Bestseller Bibliothek“
B.6 Die „Brigitte-Edition“
B.7 Die „Spiegel-Edition – Die Bestseller“

Fazit

Anhang
Autoren- und Titelverzeichnis der diskutierten Editionen
Die Zeit-Bibliothek der 100 Bücher:
Die Zeit-Schülerbibliothek
Liste Marcel Reich-Ranickis im Spiegel:
Der Kanon. Die deutsche Literatur – Die Romane (Marcel Reich-Ranicki)
Joachim Kaiser Romankanon
Erich Loests Gegenkanon
SZ-Bibliothek
Bild Bestseller Bibliothek
Brigitte Edition (mit Elke Heidenreich)
Spiegel-Edition. Die Bestseller

Quellen
Literatur
Zeitungen / Zeitschriften / Periodika
Internet

Einleitung

Ist ein Kanon heutzutage noch das richtige Modell, um Schülern, Studenten, Lehrern und allgemein Lesern zu sagen, was man lesen sollte? Oder gar gelesen haben muss, um von sich behaupten zu können, Allgemeinbildung zu haben? Literaturkenntnis ist schließlich kein entscheidender Faktor für das alltägliche Leben.[1] Einerseits werden Leselisten vor allem von Studenten sehr gerne angenommen, da bei vollen Lehrplänen und umfangreichen Lektüreanforderungen die Zeit sehr kostbar wird. Sie mit ‚dem falschen’ Buch zu verbringen, wäre töricht.[2] Auch scheint es in Zeiten von Multiple Choice Tests und „Wer wird Millionär?“-Sendungen immer mehr darauf hinauszulaufen, ein genau definiertes Kulturwissen anzustreben, eben einen Kanon, bei dem man weiß, wenn man ihn liest, hat man das Wichtigste ausgewählt. Bildung wird oft nicht mehr als offen und ständig zu erweiternd verstanden, sondern auf ‚key values’ reduziert. Am besten ist es, Wissen auf eine Auswahl aus einer beschränkten Anzahl von Möglichkeiten zu komprimieren. Wie Volker Hage und Johannes Saltzwedel im Spiegel schon 2001 konstatierten: „Kultur hat es leichter, wenn sie vermessen wurde; als durchgerechnete Gegenwelt zur chaotischen Gegenwart und Zukunft.“[3] Besten- und Empfehlungslisten haben bekanntlich eine lange Tradition, die ersten wurden schon in der Antike angefertigt. So z.B. durch die große Bibliothek von Alexandria und ihre Gelehrten, die nur drei Autoren in ihrem Mindestkanon auflisteten: Aischylos, Sophokles und Euripides. Aufgrund der massiven Ausschlussfunktion dieser antiken Bestimmungen, wurden nur sehr wenige Autoren und Texte tradiert und überliefert.[4] Grund genug, dass heutige Kanonmacher ihre Listen meist nur als Vorschläge verstanden wissen wollen. Kanones vermitteln „Orientierung und ‚subjektive Sicherheit’“[5], außerdem das Gefühl, Kultur zu besitzen und sie zu kennen.

Anderseits wird immer mehr eine Ablehnung von Kanones und verbindlichen Lektürelisten beklagt. Schulen und andere Bildungseinrichtungen, beziehungsweise die zuständigen Ministerien, stehen immer wieder vor der Frage, wie die Lektüreauswahl bei der Literaturvermittlung geschehen soll. Nennen die Listen Autoren und Titel oder nur Themengebiete? Sind bestimmte Autoren/Titel verbindlich, andere frei wählbar?

Nach einer Diskussion der aktuellen Kanondebatte und -auslegung soll sich diese Arbeit Buch- und Zeitungsprojekten der letzten Jahre zuwenden, um sie auf Kanonanspruch und Kanontauglichkeit zu untersuchen. Als erstes werden zwei kanonische Bibliotheken der Wochenzeitung „Die Zeit“ betrachtet. Anschließend widmet sich die Arbeit der vom Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki 2001 im „Spiegel“ veröffentlichten Lektüreliste und seinem in Folge dessen herausgegebenen Kanon als Buchkassetten. Schließlich wendet sich die Untersuchung vier Zeitungseditionen zu, die in den letzten Jahren kanonähnlich auf den deutschen Buchmarkt gebracht wurden. Dabei macht die „SZ Bibliothek“ der „Süddeutschen Zeitung“ den Anfang, die als Reaktion darauf erschienene „Bild Bestseller Bibliothek“ folgt. Anschließend kommt die von Elke Heidenreich verantwortete „Brigitte-Edition“ zur Diskussion und letzten Endes die „Spiegel Edition. Die Bestseller“.

Es geht bei dieser Arbeit nicht primär darum, wie ein Werk beschaffen sein muss, um kanonisierbar zu sein. Stattdessen wird diese übliche Perspektive fallengelassen und darauf geschaut, wie ein Kanon aufgebaut werden muss, um als solcher zu gelten. Kann man also Kriterien finden, mittels derer man sozusagen die leere Hülle eines Kanons – oder einer Edition, die selbigen Anspruch hat – mit Einzelwerken auffüllen kann? Auch wenn ‚Kanon’ eher als Problem denn Begriff der Literaturtheorie[6] gesehen werden muss, können die im ersten Teil erarbeiteten Kriterien dazu dienen, die ausgewählten Druckerzeugnisse auf ihre Kanontauglichkeit zu untersuchen. Handelt es sich z.B. bei den Zeitungseditionen um Kanones oder nur um beliebte bzw. geschätzte Literatur? Gibt es Spezialformen von Kanones, denen die Zeitungseditionen formal entsprechen? Schließlich stellt sich die Frage, warum Projekte wie die „SZ Bibliothek“ in Zeiten abnehmender Kanonakzeptanz solchen wirtschaftlichen Erfolg haben.

A. Kanon-Begriff, -Theorie und -Diskussion

A.1 Kanonbegriff

Der Begriff des Kanons stammt ursprünglich aus den Sprachen des Sumerisch-Babylonischen, Griechischen und Latein. Er steht einerseits für Richtschnur beziehungsweise Leitfaden, andererseits für die Gesamtheit in einem Bereich geltender Vorschriften und Regeln beziehungsweise deren verbindliches Verzeichnis. Damit war vor allem die Zusammenstellung des Alten und Neuen Testamentes gemeint, aber auch Einzelbestimmungen des katholischen Kirchenrechts und das Hochgebet der Eucharistie in der katholischen Liturgie. Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts wird der Begriff auch auf literarische Texte angewendet.[7] Aus Sicht der antiken Ethiker bedeutete Kanon ein „Vorbild, das zur ethischen Urteilsbildung dient“.[8] Hier wird schon sichtbar, welche Funktionen ein literarischer Kanon haben kann. Man kann vom Kanon auch als „künstlerische[r] Musterlösung“[9] sprechen. Heutzutage wird Kanon jedoch nicht nur im religiösen und literarischen Bereich angewandt, sondern z.B. auch in der Kunstgeschichte, im Recht und der Soziologie. Generell gilt Kanonisiertes als „heilig, verbindlich, vorbildlich“[10].

Alois Hahn unterscheidet sieben Objekte oder Bereiche, auf die sich Kanonisierung beziehen kann[11]: 1) Texte und Textsammlungen, 2) Autoren, 3) Artefakte, z.B. Bilder und Skulpturen, 4) Regeln und Gesetze, 5) Ausbildungspläne für bestimmte Berufe, z.B. Arzt, 6) Handlungsformen, vor allem im sakralen Bereich (rituelle Waschungen), aber auch im profanen (Ethik, Etikette), 7) Instanzen und/oder deren verbindliche Entscheidungen, wie z.B. die Inappellabilität des Souveräns beziehungsweise heutzutage der jeweiligen höchsten Gerichtsbarkeit.

Ein literarischer Kanon ist eine Gruppe von Texten und/oder Autoren, denen von einer bestimmten Gruppe besonderer Wert zugesprochen wird. Diese Wertschätzung fordert die Tradierung der kanonisierten Inhalte, weshalb Kanones vor allem für die Lehrpläne an Schulen und Universitäten eine Rolle spielen. Damit einher geht die Textpflege durch Kanones, wenn in möglichst sorgfältigen Editionen der genaue Wortlaut erhalten wird.

Zugleich bleibt Kanon immer nur eine Denkfigur, existent bzw. materiell kann nur dessen Inhalt werden, z.B. Werke oder Autoren. Deswegen ist der Empfehlung von Renate von Heydebrand zu folgen, den Begriff Kanon nicht ohne weitere Attribute zu benutzen. Sie empfiehlt vom Textkanon zu sprechen, wenn es um einen literarischen Kanon geht. Dessen hauptsächlicher Bezug ist auf fiktionale Texte und ihre Autoren gerichtet.[12] Außerdem können zahlreiche weitere Unterscheidungen getroffen werden, um verschiedne Kanones und ihren Kanonisierungsprozess zu klassifizieren. Siegfried J. Schmidt geht sogar so weit zu sagen, dass man die Entität Kanon gar nicht untersuchen kann, sondern nur die Handlungsweise des Kanonisierens[13].

A.2 Kanonisierungsprozesse und Kanon-Macher

Welche Faktoren spielen überhaupt eine Rolle für die Kanonisierung eines Werkes, oder, von anderer Seite gesehen, für die Bildung eines Kanons? Zwei Deutungsmodelle stehen sich konträr gegenüber: Einerseits wird oft ein intraästhetischer Ansatz für die Kanonbildung formuliert. Werken und Autoren wird nach verschiedenen Kriterien eine immanente Qualität zugeordnet, die diese für den Kanon qualifiziert. Andererseits werden Kanones von sendungsbewussten Eliten aufgestellt, insbesondere im politischen und ökonomischen Bereich. Hier geht es immer um Macht. Allerdings ist der Einfluss der Literatur auf gesellschaftliche Prozesse zumindest in Deutschland nicht wirklich ausschlaggebend.[14] Dennoch wird Kanon im Sinne eines gemeinsamen und unter Umständen verbindlichen Bildungsschatzes zur Prägung nationaler Identität ge- und missbraucht. Die Debatte zu einer deutschen „Leitkultur“ vor ein paar Jahren, hat dies nur zu deutlich gemacht.

Genauere Kriterien zur Beurteilung, ob ein Buch kanonisiert werden kann beziehungsweise sollte, liefern Renate von Heydebrand und Simone Winko[15]: 1) dauerhafte Präsenz, d.h. das Werk muss gedruckt und am Markt verfügbar sein, die Aufnahme in Klassikerausgaben sollte stattfinden; 2) Gesamtausgaben und kritische Ausgaben des Autors sollten vorliegen; 3) dauerhafte Pflege des Werkes in Institutionen des Literaturbetriebes wie Schulen und Universitäten; 4) regelmäßige Diskussion in Literaturgeschichten und Lexika; 5) Bezugnahme durch nachfolgende Autoren. Kanonisierungsbestrebungen können sich aber auch gezielt auf einen Autoren richten, hier gelten als Kriterien gründlich edierte Werksausgaben oder Gesamtausgaben, z.B. inklusive des Briefwechsels, etc.

Anderen Meinungen zu Folge drückt sich der eigentliche Wert eines kanonisierten Buches nur indirekt durch Faktoren wie Literaturgeschichten, Kaufbarkeit usw. aus. Vielmehr spielen „wertbesetzte Bezugnahmen“[16] in anderen Werken und die Rezeption in der Literaturkritik eine ausschlaggebende Rolle.

Man muss aber ein Werk nicht gelesen haben, um es einem Kanon zuzuordnen, denn „die soziale Autorität eines Kanons basiert vorrangig auf der Anerkennung bestimmter Bildungskonzepte – und nur mittelbar auf Bildung.“[17] Damit stellt sich die Frage, wer den Kanon bestimmen darf und inwieweit seine Prominenz und fachliche Anerkennung den Wert beziehungsweise die Verbindlichkeit des Kanons festlegt. So ist zwar die Literaturkennerrolle von Marcel Reich-Ranicki in Deutschland unangefochten, der von ihm aufgestellte Kanon allerdings mehrfach angegriffen worden. Auch andere prominente Personen des Literaturbetriebes, wie z.B. Elke Heidenreich haben ihre Vorstellungen von kanonähnlichen Editionen formuliert.

Kanon-Macher und die Menge derjenigen, für die der Kanon als verbindlich gilt, ist nicht unbedingt die gleiche. Dies ist vor allem im religiösen Bereich zu sehen. Mit der Legitimation einen Kanon zu bestimmen wächst natürlich die Macht und eine Art rückbezüglicher Begründung der Kanonisierungslegitimation entsteht. Diese Kreisläufe sind natürlich in der Geschichte religiöser Kanones besonders ausgeprägt, aber auch im kulturellen Bereich anzutreffen. Erst Mitte des 20 Jahrhunderts wurden die bisherigen kulturellen Machtzentren langsam aufgebrochen, als die Pluralität kultureller Milieus anstieg und unterschiedliche Gruppierungen ihren eigenen Kanon verbindlicher Werke bestimmten. Einher ging dies auch mit der medienspezifischen Kanonbildung, z.B. in den Bereichen Film, Comic oder Musik. Aber auch soziale gesellschaftliche und politische Gründe wurden für diese Aufspaltungen in Stellung gebracht. Interessanterweise hat sich diese Differenzierung kaum in deutschen Lehrplänen durchgesetzt.

Nicht zuletzt spielen auch ökonomische Faktoren eine Rolle bei der Kanonisierung. Für Autor und Verlag sind hohe Absatzzahlen natürlich sehr erfreulich. Gut ausgestattete Klassikerausgaben auf der einen, günstige Ausgaben kanonisierter Werke (z.B. Reclam Verlag) auf der anderen Seite, zeigen auch den Wunsch, einen Kanon – und damit eine „Anhäufung kulturellen Kapitals“[18] – zu besitzen, auch wenn man ihn nicht unbedingt lesen wird.

A.3 Kanonarten

Um zu kanonisieren, wird ein Werk oder ein bestimmter Stil (beziehungsweise eine bestimmte Regel) oft enthistorisiert, d.h. aus seinem zeitlichen Bezugsrahmen entnommen und als immer noch gültig oder sogar allgemeingültig erklärt. In modernen Kunstsystemen gibt es darüber hinaus immer mehrere Kanones: Zunächst eben jenen klassischen Kanon, dessen Werken zeitloser Wert zugesprochen wird. Dazu kommen diverse Kanonarten, die von verschiedenen Gruppierungen bestimmt werden, Unterteilungen finden hier nach Aktualität, Literaturgattungen, Stilen, Medien, usw. statt. Für diese Unterarten gibt es die verschiedensten Klassifizierungsmodelle, wobei die Grenzen oft fließend sind. Einige Kanonarten werden hier dargestellt.

A.3.1 Materialer Kanon

Der materiale Kanon ist eine offene oder geschlossene Liste von Autoren und Werken, beziehungsweise die Werke und/oder Autoren selbst. Er ist unterschiedlichen Schwankungen unterworfen, je nach dem, welchen aktuellen Ansprüchen er genügen muss. Renate von Heydebrand unterscheidet drei verschiedene Typen des materialen Kanons[19]: So postuliert sie einen „absoluten Kanon“ oder „Musterkanon“, der Werke und Autoren enthält, die weltliterarisch nicht oder kaum in Frage gestellt werden. Zwangsläufig weist dieser Kanon eine hohe Stabilität und Kontinuität, sowohl zeitlich als auch räumlich, auf. Natürlich ist aber auch er geringen Schwankungen oder Änderungen unterworfen. Davon unterscheidet von Heydebrand das große Feld der „repräsentativen“ und „dokumentierenden Kanones“, die unterschiedlichsten Kriterien folgen. So entstehen verschiedene Kanones für Sprachräume, Kulturräume, Epochen und Stile, politische beziehungsweise gesellschaftliche Einheiten, Literaturgattungen und Medien. Diese Kanones weisen unterschiedliche Änderungsniveaus auf und sind unter Umständen durch bestimmte Akteure interessensgesteuert. Schließlich arbeitet von Heydebrand mit der Definition des „anwendungsbezogenen Kanons“, der sich ohne gewollte Differenzierung – oder sogar mit gewünschter Überschneidung beziehungsweise Übereinstimmung – von anderen Kanones gestaltet. „Anwendungsbezogene Kanones“ sind z.B. die Auswahl bestimmter Werke und/oder Autoren für Lesungen, Anthologien oder eben für Editionen, wie die hier behandelten Zeitungseditionen. Inwieweit dieses Kanones unpersönlichen Kriterien und Vorlieben gerecht werden wollen und somit eine allgemeingültige Repräsentativität für sich beanspruchen, ist sehr unterschiedlich.

A.3.2 Deutungskanon

Im Deutungskanon werden die Wertvorstellungen des Kanons dargelegt, oft in Literaturgeschichten und Interpretationen. Der Deutungskanon soll die Orientierung in der Literatur schaffen, er stellt klar, warum bestimmte Werke und/oder Autoren als exemplarisch für andere beziehungsweise als besonders wertvoll erachtet werden. Der Deutungskanon dient also der Sinnpflege, zweckmäßiger Weise erläutert er nicht nur die zeitlose Bedeutung der Werke, sondern auch deren Bezug zur Entstehungsumgebung.

Man kann den Deutungskanon auch als Kriterienkanon und/oder Methodenkanon bezeichnen. Oft sind die dargestellten Kriterien und Methoden selbst in kanonischen Texten festgelegt. Insbesondere im schulischen Lehrbetrieb ist dies sehr gut zu beobachten.

Interessant ist, dass sich mittels unterschiedlicher Deutungskanons verschiedene Gruppierungen durchaus auf den gleichen materialen Kanon beziehen und so ihre Unterschiedlichkeit darstellen können.

A.3.3 Negativkanon

Der Negativkanon ist zu unterscheiden vom Gegenkanon, wenn auch die Inhalte oft größere Schnittmengen beziehungsweise Deckungen ausweisen. Der Negativkanon ist allerdings von Vertretern des geltenden Kernkanons definiert und stützt „ex negativo die vom Kanon vertretenen Werte“[20]. Vor allem bei politischen Kanones spielt der Negativkanon oft die Rolle der inhaltlichen und/oder ideologischen Abgrenzung und Differenzierung.

A.3.4 Gegenkanon

Gegenkanones werden von opportunierenden Akteuren zum Kanon formuliert. Meistens geht es dabei um gesellschaftliches Interessenskalkül bestimmter Gruppierungen, die den herrschenden Kanon ablösen wollen. Gegenkanones entstehen deshalb oft bei gesellschaftlichen Umbrüchen, wie z.B. der Nachkriegszeit in Deutschland nach 1945 oder durch Arno Schmidt, der in den 1950er und 1960er Jahren erfolgreich literarische Eliten angriff[21]. Normalerweise entstehen Gegenkanones allerdings nicht durch einen Autor, sondern durch größere Bewegungen. Auch neue Autorengenerationen versuchen immer wieder, Gegenkanones zu etablieren, ebenso wie Literaturwissenschaftlergenerationen. Beispielhaft mag hier die Entdeckung der Trivialliteratur für Kanones durch eine neue Generation von Literaturwissenschaftlern in den 1970er Jahren gelten. Nicht zuletzt bietet Kanonisierung die Möglichkeit, Positionskämpfe im literarischen Feld auszufechten. Kanones provozieren also fast immer Gegenkanones.

In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass natürlich auch immer Autoren und Werke, die nicht kanonisiert wurden, sichtbar bleiben müssen, um die besondere Bedeutung des Kanons auszuweisen. Wie Alois Hahn beschreibt, ist das vom Kanon ausgeschlossene fast immer erhalten geblieben, so wurden z.B. im religiösen Bereich sakrale Texte auch jenseits orthodoxer Vorstellungen erhalten[22]. Durch diese unkanonisierte Masse und daraus entstehende Gegenkanones bleibt der eigentliche Kanon immer hinterfragbar und legitimationspflichtig.

A.3.5 Akuter Kanon

Als eine Art akuten Kanons wird in der Diskussion oft die Liste der Werke erfasst, denen gerade aktuell (vermeintlicher) kanonischer Wert beigemessen wird. Eine Unterscheidung von lediglich beliebter Literatur, ist hier sehr schwer zu treffen. Akute Kanones können nämlich lediglich durch Bestenlisten, Befragungen und Verkaufszahlen ermittelt werden. Folglich sind akute Kanones von hohen Schwankungen und Fluktuationen gekennzeichnet.

Mit dem Bedeutungsschwund klassischer Kanones geht ein Anstieg der Zahl akuter und partikularer Kanones einher. Beliebtheit wird ein entscheidenderes Merkmal als besonderer Wert der Werke.

[...]


[1] Volker Hage, Johannes Saltzwedel, Arche Noah der Bücher, in: Der Spiegel, 25/2001, 18.06.2001, S. 208

[2] Ebd., S. 210

[3] Ebd., S. 208

[4] Ebd., S. 209

[5] Angelika Buß, Kanonprobleme, in: Michael Kämper-van den Boogaart, Deutschdidaktik, Berlin 2006, S. 3

[6] Ebd., S. 2

[7] Michael Kämper-van den Boogaart, Kanon, in: Erhard Schütz (Hrsg.), Das BuchMarktBuch, 2005, S. 1, und: Der Duden: Das Fremdwörterbuch, Mannheim 2001, S. 484

[8] Marc-Aeilko Aris, Kanon und Entscheidung, Vortrag anlässlich des Symposiums „Nachdenken über Denkmalpflege“ (Teil 4), Berlin, 2. April 2005, zitiert nach http://www.kunsttexte.de, 2/2005, S. 1, 25.03.2007

[9] Siegfried J. Schmidt, Abschied vom Kanon? Thesen zur Situation der gegenwärtigen Kunst, in: Aleida Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 337

[10] Alois Hahn, Kanonisierungsstile, in: Aleida Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 28

[11] Ebd., S. 28

[12] Renate von Heydebrand, Kanon Macht Kultur, in: Wilfried Barner (Hrsg.), Germanistische Symposien Berichtsbände XIX, Stuttgart 1998, S.

[13] Siegfried J. Schmidt, Abschied vom Kanon? Thesen zur Situation der gegenwärtigen Kunst, in: Aleida Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 337

[14] Renate von Heydebrand, Kanon Macht Kultur, in: Wilfried Barner (Hrsg.), Germanistische Symposien Berichtsbände XIX, Stuttgart 1998, S. 7ff

[15] Renate von Heydebrand und Simone Winko, Einführung in die Wertung von Literatur, Stuttgart 1996

[16] Renate von Heydebrand, Kanon Macht Kultur, in: Wilfried Barner (Hrsg.), Germanistische Symposien Berichtsbände XIX, Stuttgart 1998, S. 11

[17] Michael Kämper-van den Boogaart, Kanon, in: Erhard Schütz (Hrsg.), Das BuchMarktBuch, 2005, S. 1

[18] Michael Kämper-van den Boogaart, Kanon, in: Erhard Schütz (Hrsg.), Das BuchMarktBuch, 2005, S. XX

[19] Renate von Heydebrand, Kanon Macht Kultur, in: Wilfried Barner (Hrsg.), Germanistische Symposien Berichtsbände XIX, Stuttgart 1998, S. 4f

[20] Ebd., S. 5f

[21] Michael Kämper-van den Boogaart, Kanon, in: Erhard Schütz (Hrsg.), Das BuchMarktBuch, 2005, S. XX

[22] Alois Hahn, Kanonisierungsstile, in: Aleida Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 29

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Kanon in Theorie und Praxis
Untertitel
Untersucht an Zeitungseditionen und anderen Kanonprojekten
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Schulkanonische Literatur im Überblick und in Vertiefung
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
42
Katalognummer
V81888
ISBN (eBook)
9783638885355
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kanon, Theorie, Praxis, Schulkanonische, Literatur, Vertiefung
Arbeit zitieren
Felix Strüning (Autor), 2007, Kanon in Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81888

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