Ist ein Kanon heutzutage noch das richtige Modell, um Schülern, Studenten, Lehrern und allgemein Lesern zu sagen, was man lesen sollte? Oder gar gelesen haben muss, um von sich behaupten zu können, Allgemeinbildung zu haben? Literaturkenntnis ist schließlich kein entscheidender Faktor für das alltägliche Leben. Einerseits werden Leselisten vor allem von Studenten sehr gerne angenommen, da bei vollen Lehrplänen und umfangreichen Lektüreanforderungen die Zeit sehr kostbar wird. Sie mit ‚dem falschen’ Buch zu verbringen, wäre töricht. Auch scheint es in Zeiten von Multiple Choice Tests und „Wer wird Millionär?“-Sendungen immer mehr darauf hinauszulaufen, ein genau definiertes Kulturwissen anzustreben, eben einen Kanon, bei dem man weiß, wenn man ihn liest, hat man das Wichtigste ausgewählt. Bildung wird oft nicht mehr als offen und ständig zu erweiternd verstanden, sondern auf ‚key values’ reduziert. Am besten ist es, Wissen auf eine Auswahl aus einer beschränkten Anzahl von Möglichkeiten zu komprimieren. Wie Volker Hage und Johannes Saltzwedel im Spiegel schon 2001 konstatierten: „Kultur hat es leichter, wenn sie vermessen wurde; als durchgerechnete Gegenwelt zur chaotischen Gegenwart und Zukunft.“ Besten- und Empfehlungslisten haben bekanntlich eine lange Tradition, die ersten wurden schon in der Antike angefertigt. So z.B. durch die große Bibliothek von Alexandria und ihre Gelehrten, die nur drei Autoren in ihrem Mindestkanon auflisteten: Aischylos, Sophokles und Euripides. Aufgrund der massiven Ausschlussfunktion dieser antiken Bestimmungen, wurden nur sehr wenige Autoren und Texte tradiert und überliefert. Grund genug, dass heutige Kanonmacher ihre Listen meist nur als Vorschläge verstanden wissen wollen. Kanones vermitteln „Orientierung und ‚subjektive Sicherheit’“ , außerdem das Gefühl, Kultur zu besitzen und sie zu kennen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
A. Kanon-Begriff, -Theorie und -Diskussion
A.1 Kanonbegriff
A.2 Kanonisierungsprozesse und Kanon-Macher
A.3 Kanonarten
A.3.1 Materialer Kanon
A.3.2 Deutungskanon
A.3.3 Negativkanon
A.3.4 Gegenkanon
A.3.5 Akuter Kanon
A.4. Funktionsweisen von Kanon
A.4.1 Selbstbild
A.4.2. Kanon als Wertsprache für Literatur
A.4.3 Abgrenzung des Kanons
B. Kanon-„Praxis“
B.1 Die „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“
B.2 Die „Zeit-Schülerbibliothek“
B.3 Marcel Reich-Ranickis Kanonprojekte
B.3.1 Marcel Reich-Ranickis Literaturliste im Spiegel
B.3.2 Marcel Reich-Ranickis Kanon-Buchpakete
B.4 Die „SZ-Bibliothek“
B.5 Die „Bild Bestseller Bibliothek“
B.6 Die „Brigitte-Edition“
B.7 Die „Spiegel-Edition – Die Bestseller“
Fazit
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die Kanontauglichkeit aktueller Buch- und Zeitungseditionen zu untersuchen, statt lediglich zu bewerten, wie ein Werk beschaffen sein muss, um kanonisiert zu werden. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, ob Kriterien für die leere Hülle eines Kanons gefunden werden können, mit der solche Editionen erfolgreich Einzelwerke präsentieren, und warum diese Projekte trotz abnehmender allgemeiner Kanonakzeptanz wirtschaftlich erfolgreich sind.
- Theoretische Grundlagen des Kanon-Begriffs und der Kanonisierungsprozesse
- Kanonarten wie Materialer Kanon, Deutungskanon und Gegenkanon
- Analyse prominenter Kanon-Projekte von Marcel Reich-Ranicki
- Untersuchung von Zeitungseditionen (SZ-Bibliothek, Bild Bestseller Bibliothek, Brigitte-Edition, Spiegel-Edition)
- Wirtschaftliche Faktoren und Erfolgsmechanismen bei der Literaturvermittlung
Auszug aus dem Buch
A.4.2. Kanon als Wertsprache für Literatur
Von Heydebrand und Winko arbeiten für die historische Perspektive der Kanonbildung mit dem Begriff der Wertsprachen für Literatur, also dem Werten von literarischen Erzeugnissen bzw. deren Autoren zur Bildung und evtl. Umgestaltung eines Kanons. Dabei machen sie drei Erläuterungsperspektiven sichtbar: anthropologische, philosophisch-ästhetische und soziologische:
Für die anthropologische Perspektive zählt nur dauerhafter Wert von Literatur, die Werke müssen einem zeitlosen Ideal entsprechen. Der universale Wert wird als dem Werk immanent betrachtet. Gleichzeitig setzt diese Perspektive voraus, dass der Mensch eine ursprüngliche Ästhetik besitzt, die unabhängig von Zeit und Raum den Werken aufgrund von Kriterien einen bestimmten Wert beimessen kann. So ist der Kenner – der dieses ästhetische Beurteilungsvermögen trainiert hat – fähig, eine Rangordnung zu erstellen, und somit einen Kanon zu definieren, also jene Werke, die zeitlose Werte in Form und Inhalt enthalten. Die anthropologische Perspektive betrachtet kritische Urteile oder temporäre Ablehnungen dieser kanonisierten Werke als „subjektive Verirrungen“ einzelner, „über die der wahre, objektive Wert am Ende triumphiert.“ Von Heydebrand und Winko kritisieren an dieser Sichtweise, dass sie lediglich elitären Hochliteraturen Wert beimisst und z.B. volkstümliche Dichtungen wie das Volkslied außen vorlässt.
Die philosophisch-ästhetische Perspektive betrachtet sowohl den Wert des Einzelwerkes, als auch der Wertewandel der Literatur historisch. Dass heißt, der postulierte Wert wird in Relation zur Metaphysik gesetzt, die Bewertung erfolgt jeweils vor dem bzw. innerhalb des Horizonts der aktuellen philosophischen und religiösen Deutung der Welt. Hauptsächlich bestimmt also die weltanschauliche Verortung des jeweiligen Werkes dessen Einschätzung.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Relevanz von Kanones in Zeiten von Standardisierung und definiert das Ziel der Arbeit, Zeitungseditionen hinsichtlich ihres Kanonanspruchs zu untersuchen.
A. Kanon-Begriff, -Theorie und -Diskussion: Dieses Kapitel erarbeitet die theoretischen Grundlagen, indem es den Begriff des Kanons, verschiedene Typologien, soziale Funktionen und Kriterien für die Kanonisierung beleuchtet.
B. Kanon-„Praxis“: Hier findet die praktische Untersuchung statt, in der verschiedene Buchreihen (von der „Zeit“-Bibliothek bis zur Spiegel-Edition) hinsichtlich ihrer Struktur und Kanontauglichkeit analysiert werden.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die untersuchten Zeitungseditionen zwar in der Theorie Mängel aufweisen, in der Praxis jedoch als erfolgreiche Ersatzkanones fungieren, die dem Leser Orientierung bieten.
Schlüsselwörter
Kanon, Kanonisierung, Literaturkritik, Zeitungseditionen, Literaturvermittlung, Wertsprachen, Marcel Reich-Ranicki, Bildungsbürgertum, Kulturwissen, SZ-Bibliothek, Bestseller, Lektürelisten, Literaturtheorie, kulturelles Kapital.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle und Funktion von Literaturkanones in der heutigen Zeit, insbesondere mit der Frage, wie Zeitungseditionen als populäre Form der Kanonbildung fungieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die literaturtheoretische Definition des Kanons, die Mechanismen der Kanonisierung, die Rolle von Literaturkritikern als "Kanon-Macher" und die ökonomische Vermarktung von Literatur durch Zeitungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Kriterien für eine "Kanontauglichkeit" zu finden und zu analysieren, wie moderne Editionen wie die "SZ-Bibliothek" oder die "Spiegel-Edition" als Ersatz für traditionelle Kanones dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, basierend auf der theoretischen Literatur zur Kanonforschung (insbesondere Renate von Heydebrand), um aktuelle Editionsprojekte kritisch zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Begriffe geklärt (Kanonarten, Funktionen), gefolgt von einer detaillierten Analyse verschiedener Zeitungs- und Buchprojekte, darunter die der "Zeit", des "Spiegel", der "SZ" und der "Brigitte".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kanon, Kanonisierung, Literaturkritik, Zeitungseditionen, kulturelles Kapital, Bestseller und Literaturvermittlung.
Warum spielt die "Bild Bestseller Bibliothek" eine besondere Rolle?
Sie wird im Text als eine Art "Gegenkanon" diskutiert, der sich bewusst an ein Massenpublikum und Unterhaltungsbedürfnisse richtet und damit einen deutlichen Kontrast zur intellektuelleren "SZ-Bibliothek" bildet.
Welche Rolle spielt Marcel Reich-Ranicki für das Thema?
Er gilt als zentraler "Kritikerpapst", dessen Literaturliste und Buchkassetten als maßgebliche, wenn auch umstrittene Versuche angesehen werden, den Kanon für ein breites Publikum zugänglich und lesbar zu machen.
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- Felix Strüning (Autor), 2007, Kanon in Theorie und Praxis, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81888