Als die Christen nach dem ersten Kreuzzug gewaltsam die Kreuzfahrerstaaten etabliert hatten, herrschte in der islamischen Welt Konfusion. Anfangs hatten zum Beispiel die Menschen in Syrien Angst, dass es sich bei den Eindringlingen um Byzantiner handelte, die ihre 1071 verlorenen Ländereien wieder erobern wollten. Langsam stellten die Muslime fest, dass ihnen eine neue Qualität von Gegnern gegenüber stand1. Und noch langsamer formierte sich der Widerstand gegen die Kreuzfahrer, die allgemein nur als Franken bezeichnet wurden. Ein erster ernsthafter Gegner war Zengi, dessen Eroberung Edessas den zweiten Kreuzzug provozierte. Diesem blieb – bedingt durch interne Probleme in der Führung des Kreuzfahrerheeres – der Erfolg verwehrt. So vergingen von 1149 an 40 Jahre zwischen der Abreise der Kämpfer des zweiten Kreuzzuges aus dem Heiligen Land und dem Aufbruch neuer Kreuzzugskontingente aus Europa für den dritten Kreuzzug. Diese Arbeit stellt dar, wie sich die Kreuzfahrerstaaten in diesen Jahren entwickelten. Sie zeigt auch, wie sich die Gegenseite, die islamische Welt, auf alte Stärken und neue Führer besann, um den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Jerusalem war für die Muslime wie für die Christen eine heilige Stätte, da der Sage nach der Religionsgründer Mohammed vom Felsendom aus mit seinem geflügelten Streitross Buraq in den Himmel geritten war2. Dieser Ort sollte aus der Hand der Ungläubigen befreit werden. Für die Christen in aller Welt war Jerusalem die heiligste aller Stätten – und gehörte selbstverständlich in christliche Hand. Doch in den langen Jahren bis zum dritten Kreuzzug waren die Herrscher in Europa mit sich selbst beschäftigt. Hilferufe aus dem Heiligen Land blieben ungehört oder unerwidert – bis die größtmögliche Katastrophe für die Christenheit eintrat: der Fall von Jerusalem. Dieser stellte isoliert betrachtet schon einen Anlass für den dritten Kreuzzug dar. Doch Anlässe gab es mehr, wie diese Arbeit zeigen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die politische Lage der Kreuzfahrerstaaten von 1149-1187
3. Die Entwicklungen in der islamischen Welt im Vorfeld des dritten Kreuzzugs
3.1. Die Herrschaft von Nur ad-Din (1117-1174)
3.2. Die Herrschaft von Saladin (1138-1193)
4. Die Situation in West- und Mitteleuropa
4.1. Die Situation im Heiligen Römischen Reich
4.2. Die Situation in England und Frankreich
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Anlässe und politischen Kontexte, die zum dritten Kreuzzug führten, indem sie die Entwicklung der Kreuzfahrerstaaten, die islamische Einigung unter Nur ad-Din und Saladin sowie die europäische Reaktionslosigkeit analysiert.
- Politische Instabilität und Machtwechsel in den Kreuzfahrerstaaten
- Etablierung der muslimischen Vormachtstellung unter Nur ad-Din und Saladin
- Die Rolle Jerusalems als religiöses und politisches Zentrum
- Die Auswirkungen der Schlacht von Hattin
- Diplomatische Hinhaltetaktiken der europäischen Herrscherhäuser
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Herrschaft von Saladin (1138-1193)
Als Saladin 1169 Wesir von Ägypten wurde, war er noch ein völlig unbekannter Mann auf der politischen Bühne. Lediglich sein Polo-Spiel und seine religiöse Studien, die auf seine Bewunderung von Nur ad-Din in bis dahin 17-jähriger Gefolgschaft zurückzuführen sind, hatten ihm einen gewissen Bekanntheitsgrad eingebracht. Er war ein sehr gläubiger Mann und ließ sich von den Palastwachen regelmäßig Abschnitte aus dem Koran vortragen. Dazu ist folgendes überliefert: „Demütig und feinfühlig war er leicht gerührt, zu Tränen bereit und weinte oft, wenn er dem Rezitieren des Koran zuhörte.“ Seine höchste Verehrung galt den Glaubensregeln. Er glaubte an die Belohnung der Guten mit dem Paradies und der Bösen mit der Hölle.
In weltlichen Dingen war er sehr realistisch und so zeigte er von Beginn an seine Führungsqualitäten, indem er die ägyptisch-sudanische Armee zerschlug, um eine eigene Militärorganisation aufzubauen. In Kairo ließ er eine große Zitadelle errichten, um fränkische Angriffe abwehren zu können. 1171 beseitigte er schließlich die alte Fatimidendynastie, um seine eigene, die Aiyubidendynastie, an die Machte zu bringen, und er führte den orthodoxen Glauben in Ägypten ein. Eigentlich war damit die vollkommene Einheit mit Syrien geschaffen. Dennoch entwickelten sich Meinungsverschiedenheiten mit seinem geistigen und religiösen Mentor Nur ad-Din. Nur ad-Din sah Syrien als den Hauptkampfplatz gegen die Franken, aus Ägypten sollten nur Geld und Soldaten zur Unterstützung des Kampfes kommen. Saladin wollte zuerst die innere Stabilität in Ägypten herstellen und dann selbst von Süden aus die Kreuzfahrer bedrängen. Zudem sah jeder der beiden seinen Machtbereich als das eigentliche religiöse Zentrum des Islam. Historiker und Zeitgenossen sind sich einig, dass es zwischen den beiden zu einem Entscheidungskampf gekommen wäre – wenn Nur ad-Din nicht gestorben wäre. Den drohenden Zerfall von Nur ad-Dins Reich verhinderte Saladin dadurch, dass er die Macht in Syrien an sich riss, zudem heiratete er die Witwe von Nur ad-Din. Saladin sah sich nun als auserwählt, die große Aufgabe für die Muslime, die Eroberung Jerusalems, zu erfüllen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langsame Formierung des muslimischen Widerstands nach dem ersten Kreuzzug und definiert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich der Anlässe des dritten Kreuzzugs.
2. Die politische Lage der Kreuzfahrerstaaten von 1149-1187: Dieses Kapitel analysiert den schleichenden Verfall der christlichen Machtstrukturen sowie die interne Instabilität und Thronfolgeproblematiken im Königreich Jerusalem.
3. Die Entwicklungen in der islamischen Welt im Vorfeld des dritten Kreuzzugs: Der Fokus liegt auf der religiösen und politischen Einigung Syriens und Ägyptens durch Nur ad-Din und später Saladin, die den Grundstein für die militärischen Erfolge gegen die Kreuzfahrer legte.
3.1. Die Herrschaft von Nur ad-Din (1117-1174): Es wird die Transformation des syrischen Raums unter Nur ad-Din zu einer zentralen Kraft beschrieben, die den militärischen Widerstand gegen die Franken organisierte.
3.2. Die Herrschaft von Saladin (1138-1193): Die Analyse konzentriert sich auf Saladins Aufstieg, seine militärische Reorganisation und seinen strategischen Plan zur Eroberung Jerusalems nach der Schlacht von Hattin.
4. Die Situation in West- und Mitteleuropa: Das Kapitel untersucht die kreuzzugsmüde Stimmung in Europa und die diplomatischen Ausflüchte der Herrscherhäuser vor dem Fall Jerusalems.
4.1. Die Situation im Heiligen Römischen Reich: Hier werden die innenpolitischen Konflikte Kaiser Friedrich I. und der Einfluss der päpstlichen Kreuzzugsaufrufe thematisiert.
4.2. Die Situation in England und Frankreich: Das Kapitel beleuchtet den Einfluss der dynastischen Konflikte zwischen den französischen und englischen Königen auf die Verzögerung des dritten Kreuzzugs.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die divergierenden Entwicklungslinien – interne Schwäche der Kreuzfahrerstaaten gegenüber der muslimischen Einigung – als Ursache für die Katastrophe von 1187 zusammen.
Schlüsselwörter
Dritter Kreuzzug, Jerusalem, Saladin, Nur ad-Din, Kreuzfahrerstaaten, Schlacht von Hattin, Franken, Islam, Syrien, Ägypten, Friedrich I., Richard Löwenherz, Audita tremendi, Mittelalter, Heilige Stätten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die historischen Anlässe und das politische Umfeld, das zum dritten Kreuzzug führte, mit einem Fokus auf die Entwicklungen in den Kreuzfahrerstaaten sowie in der islamischen Welt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind der politische Niedergang der Kreuzfahrerstaaten, der Aufstieg Saladins und Nur ad-Dins sowie die verzögerte Reaktion der europäischen Mächte auf die Hilferufe aus dem Orient.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der dritte Kreuzzug nicht isoliert durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch eine lange Kette politischer und militärischer Verschiebungen ausgelöst wurde.
Welche wissenschaftliche Methodik liegt zugrunde?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die primär auf der Auswertung relevanter Fachliteratur zu den Kreuzzügen und zeitgenössischen Quellen basiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil vertieft?
Der Hauptteil behandelt detailliert die innenpolitischen Krisen Jerusalems, die militärische Einigung der islamischen Welt unter Saladin und die diplomatischen Spannungen zwischen den europäischen Königshäusern.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Kreuzzug, politische Instabilität, islamische Einigung, Schlacht von Hattin, Saladin und europäische Diplomatie.
Wie bewertet der Autor die Rolle Saladins?
Saladin wird als realistischer Stratege dargestellt, der durch die militärische Einigung Ägyptens und Syriens sowie die geschickte Vorbereitung auf die Schlacht von Hattin die Voraussetzungen für die Rückeroberung Jerusalems schuf.
Welchen Einfluss hatte der Tod Nur ad-Dins auf die Region?
Der Tod Nur ad-Dins führte zu einer Machtvakanz, die Saladin geschickt nutzte, indem er die syrische Führung übernahm und die Legitimation durch die Heirat mit der Witwe Nur ad-Dins festigte.
Warum lehnte Europa zunächst die Unterstützung der Kreuzfahrerstaaten ab?
Die europäischen Herrscher waren durch interne Konflikte, wie den Machtkampf zwischen Kaiser Friedrich I. und den Welfen oder den Krieg zwischen England und Frankreich, sowie eine allgemeine Kreuzzugsmüdigkeit politisch stark gebunden.
- Quote paper
- BA Axel Huber (Author), 2005, Der dritte Kreuzzug –und seine Anlässe , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82065