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Grausamer als die Norm des Grauens: Die SS-Aufseherin Irma Grese

Title: Grausamer als die Norm des Grauens: Die SS-Aufseherin Irma Grese

Term Paper , 2006 , 27 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: BA Axel Huber (Author)

Sociology - Law and Delinquency
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„Schnell“ lautete das letzte Wort von Irma Grese. Sie sagte es am 13. Dezember 1945 um 10.03 Uhr in Anwesenheit ihres Henkers Albert Pierrepoint, der ihr in diesem Moment den Strick um den Hals legte. Sekunden später öffnete sich die Klappe und der Körper der 22-Jährigen baumelte leblos am Galgen. 20 Minuten später nahmen der britischer Berufshenker und seine Helfer den Leichnam ab und legten ihn in einen der vorbereiteten Särge. An diesem Tag starben weitere zwölf verurteilte NS-Verbrecher.

Ort dieses Schauspiels des Todes war das Zuchthaus von Hameln. Der Stadt, die bis in die Gegenwart hinein bekannt ist als Opfer eines Rattenfängers, der die Kinder der Bürger mit seinem lieblichen Musikspiel für immer entführte, als er für seine Dienste nicht bezahlt worden war. Stellte Irma Grese letztlich auch das Opfer eines Rattenfängers in Form das nach Ende des Zweiten Weltkriegs oft dämonisierten Adolf Hitlers dar? Die junge Frau war noch nicht einmal 20, als sie kurz nach ihrer Ausbildung zur SS-Aufseherin nach Auschwitz versetzt wurde. Mit 20 Jahren gaben ihr die Umstände Verfügungsgewalt über bis zu 30000 Frauen im Frauenlager von Auschwitz. Überlebende berichteten in der Gerichtsverhandlung 1945 als Zeugen und bis heute in Büchern von kaum vorstellbaren Grausamkeiten.

In einem Kommentar der Lüneburger Post vom 14. September 1945 stellte der Autor die Frage, „wieso eine hübsche Frau mit ebenmäßigen Zügen in die Gesellschaft Kramers [ihr direkter Vorgesetzter in Auschwitz-Birkenau und in Belsen, d.V.] kommt und als Hüterin eines Abgrundes auftreten konnte, dessen Enthüllung die ganze Welt entsetzte“. Faszination Gewalt? Zwang? Oder doch Verführung? Wo liegen die Ursachen?

Schon 1945 verkehrten die Täter die Realität ins Gegenteil und schufen einen Mythos des Opfertums: „Der bereits von der Verteidigung in Nürnberg behauptete Befehlsnotstand als juristische und zunehmend auch populäre Rechtfertigungsfigur verbreitete die Vorstellung, daß dem Terror nach außen ein Terror nach innen entsprochen habe, ein Zwang zum Mitmachen und eine stete Bedrohung an Leib und Leben im Falle der Verweigerung.“ Im gleichen Jahr erschien das Buch Der SS-Staat von Eugen Kogon, der eine erste Typisierung der SS-Angehörigen vornahm und welche „die kollektive Wahrnehmung prägte: das der sozial deklassierten und unter Minderwertigkeitskomplexen leidenden Männer, die eigentlich mit der deutschen Gesellschaft nichts zu tun hatten“.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Irma Grese – Ein kurzes Leben

2.1. Realitäten

2.2. Mythos

3. Die Konstruktion von Sinn im Handeln von Irma Grese

3.1. Die Entmenschlichung des Anderen

3.2. Gehorsam

3.3. Gestaltungen

3.4. Sex

3.5. Die Entscheidung zum Töten

4. Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das Wirken der SS-Aufseherin Irma Grese, um zu ergründen, ob für ihr abweichendes Handeln eine spezifische Sinnzuschreibung identifiziert werden kann. Dabei wird analysiert, wie sie in den Kontext der Täterforschung eingebettet werden kann und ob die klassischen Erklärungsmuster, die primär auf männliche NS-Täter angewendet werden, auch das Verhalten einer Frau im Konzentrationslager-Dienst erklären können.

  • Biografische Einordnung und Mythenbildung um Irma Grese.
  • Analyse der Sinnkonstruktion im nationalsozialistischen Vernichtungssystem.
  • Sozialpsychologische Untersuchung von Gehorsam, Entmenschlichung und Machtausübung.
  • Rolle von geschlechtsspezifischen Normen und sekundären Anpassungen.
  • Das Spannungsfeld zwischen individueller Verantwortung und systemischer Indoktrination.

Auszug aus dem Buch

3.2. Gehorsam

Mit dem ausdrücklichen Verweis auf die Frage, wie das Handeln der nationalsozialistischen Mörder sozialpsychologisch zu erklären sei, lud der junge Sozialpsychologe Stanley Milgram Anfang der 60er-Jahre zu einem Experiment ein, mit dem er das Phänomen der Gehorsamsbereitschaft gegenüber einer Autorität zu untersuchen hoffte. Der Versuchsaufbau sah vor, dass eine per Annonce gesuchte und mit 4,50 Dollar entlohnte Versuchsperson als „Lehrer“ mit einer anderen (allerdings vom Versuchsleiter instruierten) Versuchsperson, dem „Schüler“, einen Lerntest durchzuführen hatte, bei dem der „Lehrer“ den „Schüler“ jeweils dann mit Stromstößen zu „bestrafen“ hatte, wenn dieser eine falsche Antwort gab. Die Stromstärke wurde mit jeder Bestrafung erhöht. Die Rollen von „Lehrer“ und „Schüler“ wurden scheinbar zufällig verteilt, so dass die eigentliche Versuchsperson sich im Glauben befand, dass er ebenso gut die Rolle des Schülers hätte bekommen können.

Bei Irma Grese wurde schon in der Ausbildung in Ravensbrück eine gewisse Strenge zur Alltäglichkeit, wie sie selbst bei der Verhandlung im Belsen-Prozess zugab. Im Kreuzverhör wich sie auf die Frage, ob SS-Frauen, die sich zu milde gegenüber den Gefangenen zeigten, bestraft wurden, aus mit: „Ich weiß nicht.“ Doch im gleichen Prozess sagte die Angeklagte Herta Ehlert aus, dass sie nach zweieinhalb Jahren in Ravensbrück nach Lublin strafversetzt wurde, weil sie die Gefangenen nicht schlecht genug behandelt hatte.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Person Irma Grese ein und kontextualisiert ihre Taten innerhalb der Täterforschung und des Bergen-Belsen-Prozesses.

2. Irma Grese – Ein kurzes Leben: Dieses Kapitel skizziert Greses Biografie, von ihrer Kindheit und Jugend bis hin zu ihrem Dienst in Ravensbrück und Auschwitz sowie ihrer Verhaftung und Hinrichtung.

3. Die Konstruktion von Sinn im Handeln von Irma Grese: Das Hauptkapitel untersucht soziologisch und psychologisch die Bedingungen und Mechanismen, die ihr gewalttätiges Handeln ermöglicht und legitimiert haben.

4. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und betont die individuelle Verantwortung der Täterin trotz der systemischen Indoktrination durch den Nationalsozialismus.

Schlüsselwörter

Irma Grese, Auschwitz, Bergen-Belsen, Nationalsozialismus, SS-Aufseherin, Täterforschung, Sozialpsychologie, Gehorsam, Entmenschlichung, Sinnkonstruktion, Holocaust, Gewalt, Machtausübung, Geschlechterrolle, Vernichtungslager.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit?

Die Arbeit analysiert das Handeln der SS-Aufseherin Irma Grese im Kontext des nationalsozialistischen Lagersystems, um zu verstehen, wie sie Sinn in ihrem grausamen Verhalten konstruierte.

Welche zentralen Themen werden behandelt?

Im Fokus stehen die Radikalisierung der Täterin, die Mechanismen von Macht, Gehorsam und Entmenschlichung sowie der mythologische Status, der ihr nach dem Krieg zugeschrieben wurde.

Was ist die zentrale Forschungsfrage?

Die Forschungsfrage lautet, ob es eine spezifische Sinnzuschreibung für das abweichende Handeln von Irma Grese gibt und ob sich ihr Verhalten mit modernen sozialpsychologischen Tätertheorien erklären lässt.

Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zur Anwendung?

Es handelt sich um eine historische und sozialwissenschaftliche Analyse, die Archivmaterialien, Prozessprotokolle, Zeugenberichte und sozialpsychologische Theorien (u.a. von Harald Welzer und Stanley Milgram) verknüpft.

Was bildet den inhaltlichen Kern des Hauptteils?

Der Hauptteil gliedert sich in Themenbereiche wie Entmenschlichung des Gegenübers, die Bedeutung von Gehorsam, sekundäre Anpassungen innerhalb der Hierarchie sowie die spezifische Entscheidung zur Gewaltanwendung.

Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?

Die zentralen Charakteristika sind NS-Täterforschung, psychologische Radikalisierung, geschlechtsspezifische NS-Prozesse und die Konstruktion von Sinn in totalitären Systemen.

Wie bewertet die Arbeit den Mythos vom "Blonden Engel"?

Die Arbeit analysiert den Mythos als eine Projektion der Außenwelt, die den Widerspruch zwischen Greses äußerer Erscheinung und ihrer Brutalität zu fassen versucht, ohne dabei ihre tatsächliche Grausamkeit zu relativieren.

Welche Rolle spielte der Gehorsam in Greses Handeln?

Die Arbeit zeigt anhand von Beispielen aus der Ausbildung und dem Lageralltag auf, wie Grese durch Druck und das Umfeld in Ravensbrück und Auschwitz in ein System integriert wurde, das Gewalt als notwendige Arbeit normalisierte.

Wie geht die Autorin mit dem Thema Sexualität in diesem Kontext um?

Die Arbeit behandelt Sexualität als ein diffiziles Feld, in dem zwischen tatsächlicher Realität und durch Traumata bedingten Mythen sowie Gerüchten in der Erinnerungsliteratur unterschieden werden muss.

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Details

Title
Grausamer als die Norm des Grauens: Die SS-Aufseherin Irma Grese
College
University of Constance
Grade
1,0
Author
BA Axel Huber (Author)
Publication Year
2006
Pages
27
Catalog Number
V82070
ISBN (eBook)
9783638884228
ISBN (Book)
9783640865192
Language
German
Tags
Grausamer Norm Grauens Konstruktion Sinn Handeln SS-Aufseherin Irma Grese
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
BA Axel Huber (Author), 2006, Grausamer als die Norm des Grauens: Die SS-Aufseherin Irma Grese, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82070
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