Chinesische Wirtschaftsethik und der Geist des Kapitalismus

Max Weber und die Sozialistische Marktwirtschaft in der VR China


Seminararbeit, 2007
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Max Webers Wirtschaftsethik des Konfuzianismus
1. Protestantische Ethik und Geist des Kapitalismus
2. Konfuzianische Ethik
A. Literatenstand
B. Patrimonialismus
C. Orthodoxie und Heterodoxie
D. Konfuzianische Rationalität
3. Kritische Würdigung

III. Wirtschaftliche Entwicklung in Südostasien

IV. Konfuzianischer Kapitalismus

V. Fazit

VI. Literaturangabe

I. Einleitung

Max Webers (1864-1920) Werk “Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie”[1] wurde bereits 1920 publiziert. In dieser klassischen Studie arbeitet Weber die Rolle, die der Protestantismus für die Entstehung des “modernen” Kapitalismus darstellte, heraus. Um diese These zu prüfen, untersuchte er auch die Zusammenhänge, welche zwischen den anderen “Weltreligionen”, darunter dem Konfuzianismus, und der jeweiligen “Wirtschaftsethik” bestanden. Jedoch konnte Weber nirgendwo eine solch einzigartige kapitalistische Struktur wiedererkennen, wie sie sich in Europa herausgebildet hatte.

Der dabei entstandene Wissensfundus über den Konfuzianismus und über China, dem Kernland, in dem sich diese Ideen ursprünglich verbreiteten, prägte das Konfuzianismusbild in Europa grundlegend. Bis in die sechziger Jahre hinein war die Meinung vorherrschend, dass die chinesische Tradition einem nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung im Wege stehe.[2] Heute beherrscht ein anderes Bild die Öffentlichkeit. Seit dreißig Jahren verzeichnet China zweistellige Wirtschaftswachstumsraten und stieg so von einem Entwicklungsland zu einer der größten Volkswirtschaften der Erde auf. Zur Erklärung dieses einmaligen wirtschaftlichen Erfolges wird heute erstaunlicherweise die chinesische Kultur herangezogen. Die unter kommunistischer Herrschaft lange Zeit verpönten ur-konfuzianischen Werte wie Disziplin, Pflichtbewußtsein oder Familienzusammenhalt erfreuen sich großer Beliebtheit bis weit hinein in die chinesische Führungsschicht. Einige Beobachter sprechen gar vom “konfuzianischen Kapitalismus”[3].

Im Folgenden soll Webers Studie rezensiert werden, um so herauszuarbeiten, was nach Webers Meinung die Herausbildung des Kapitalismus in China verhinderte. Anschließend sollen die Erklärungsansätze, welche Chinas heutigen Aufschwung auf die konfuzianische Tradition zurückführen, auf deren Vereinbarkeit mit der Studie Webers hin betrachtet werden, sowie deren Kritiker zu Wort kommen. Dabei soll die These vertreten werden, dass Erklärungsmuster, welche auf konfuzianische Werte für den wirtschaftlichen Aufschwung zurückgreifen, keineswegs im Gegensatz zu Webers Analysen stehen, allerdings Gefahr laufen, zur Legitimation autoritärer Herrschaft missbraucht zu werden.

II. Max Webers Wirtschaftsethik des Konfuzianismus

Max Weber zeigt sich in “Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie” erstaunt darüber, dass “gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wenigstens wir uns gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen”[4]. Die Aufzählung dieser reicht über die Art der Wissenschaft, der Kunst, die Größe und Bedeutung des Beamtenapperates, sowie der parlamentarischen Demokratie und endet mit der “schicksalsvollsten Macht unseres modernen Lebens: dem Kapitalismus”[5]. Weber umschreibt das speziell okzidentale Wesen, als durch eine “rational-kapitalistische Organisation von (formell) freier Arbeit”, einer “Trennung von Haushalt und Betrieb”, sowie einer “rationale[n] Buchführung” gekennzeichnet[6], weshalb er vom modernen, rationalen, “bürgerlichen Betriebskapitalismus[7] spricht.

Zentrale Bedeutung hat dabei der Begriff der Rationalisierung. Unter Rationalisierung versteht Weber eine menschengemachte Ordnung, Systematisierung und Umgestaltung. Dabei kann man nicht von der einen Rationalisierung sprechen. Was aus der einen Sicht rational erscheint, wirkt aus einer anderen Perspektive irrational. Eine Rationalisierung hängt immer mit einem speziellen Ziel zusammen. Woher solche Ziele stammen, vor allem im Hinblick auf das wirtschaftliche Handeln der Individuen, interessiert Weber. Soziales Handeln, also jedes bewusste Handeln eines Mensch, das sich an einem anderen orientiert, findet in Bezug auf einen übergeordneten Sinnzusammenhang statt. Diesen Sinnzusammenhang bezeichnet Weber als legitime Ordnung. Legitime Ordnungen existieren so lange, wie es Menschen gibt, die an diese glauben und ihr Handeln an ihnen orientieren. Dies können beispielsweise Gesetze oder aber auch ganze religiöse Systeme mit all ihren Ritualen und Heilsversprechungen sein. Menschliches Handeln orientiert sich zumeist jedoch nicht nur an einer, sondern meist an einer Vielzahl von Ordnungen. Diese können sich sogar einander widersprechen. Wesentlich bleibt hier festzuhalten, dass in der alltäglichen Praxis solche Ordnungen miteinander in Wechselwirkung stehen und somit auch religiöse Ordnungen, die sich auf einen festen Kanon an Schriften berufen, an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten, sogar bei jedem einzelnen Individuum eine andere alltägliche Praxis hervorbringen. Der Mensch gestaltet viele seiner Handlungen also rational in Bezug auf eine oder mehrere dieser Ordnungen. Rationalität hat es in allen Kulturkreisen zu allen Zeiten gegeben, aber das Ziel der Rationalisierung und damit die Grenzen des Handelns unterschieden sich. Weber merkt an, dass in der Vergangenheit diese Ziele wesentlich bestimmt waren durch die religiösen Vorstellungen der Menschen.[8]

Weber arbeitet zuerst die “Wirtschaftsethik”, also die ökonomische Rationalität der Protestanten, heraus. Diese legitime Ordnung gebe dem Kapitalismus seine spezifisch europäische, Weber spricht von okzidentale, Färbung. Um seine These zu bestätigen beschäftigt sich Weber nicht nur mit dem Protestantismus, sondern mit den “religiösen und religiös bedingten Systeme[n] der Lebensreglementierung [...], welche besonders große Mengen von Bekennern um sich zu scharen gewußt haben: die konfuzianische, hinduistische, buddhistische, christliche, islamitische religiöse Ethik”[9], sowie die jüdische. Am Beispiel China beschreibt Weber den Konfuzianismus und kommt zu dem Schluss, dass in China zwar verschiedenste Konstellationen ebenfalls zu einer starken Rationalität auf wirtschaftlichem Gebiet führten, aber eben nicht zum modernen rationalen Betriebskapitalismus. Im Folgenden soll dieser Weg nachgezeichnet werden um ihn anschließend einer kritischen Analyse zu unterwerfen, auf dessen Grundlage abschließend herausgearbeitet werden kann, warum gerade heute der Zusammenhang zwischen Konfuzianismus und Kapitalismus wieder betont wird.

1. Protestantische Ethik und Geist des Kapitalismus

Weber geht von der Beobachtung aus, dass im Abendland ein Zusammenhang zwischen den Menschen der besitzenden Klasse und deren Religiosität besteht. Wo Katholiken und Protestanten zusammen leben, zeige sich durchgängig, dass die Protestanten höhere Schulabschlüsse hätten und mehr Kapital anhäuften als die Katholiken[10]. Ein Zufall? Mitnichten! Weber ist sich sicher, dass “[d]er Grund des verschiedenen Verhaltens [(zwischen Protestanten und Katholiken, A.d.A.), ...] also der Hauptsache nach in der dauernden inneren Eigenart und nicht in der jeweiligen äußeren historisch-politischen Lage der Konfession gesucht werden [muss].”[11] Gängige Erklärungen, die von einer geringeren Religiosität der Protestanten sprechen, verwirft Weber mit dem Hinweis auf die protestantische Sekte der Calvinisten. Diese protestantische Sekte war bekannt für ihre besonders rigide religiöse Praxis. Der Umkehrschluss, dass eine hohe Religiosität mit wirtschaftlichem Erfolg einhergehe, sei angebrachter.[12]

Nicht äußere Gegebenheiten sondern die verinnerlichte Art und Weise zu denken, zu fühlen und zu handel sind es, die Weber unter dem “Geist des Kapitalismus” zu fassen sucht. Dieser ist ausschlaggebend für die wirtschaftliche Aktivität der Menschen. In anderen Teilen der Welt habe es zwar auch kapitalistische Produktionssysteme gegeben, ihnen fehlte aber ein solches “Wirtschaftethos”, der “Verpflichtung des einzelnen gegenüber dem als Selbstzweck vorausgesetzten Interesse an der Vergrößerung seines Kapitals”[13], woraus Tugenden wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Fleiß und Mäßigkeit hervorgingen und der Gedanke der Berufspflicht entstand.[14] Weber widerspricht der marxistischen Vorstellung, dass dieser Geist erst durch den Kapitalismus hervorgebracht wurde. Ganz im Gegenteil sei dieser von fundamentaler Bedeutung für die Herausbildung des Wirtschaftssystems gewesen.

Im Gegensatz zu anderen kapitalistischen Spielarten zeichne sich der moderne Betriebskapitalismus auch nicht durch bloße “Geldgier” aus, sondern bewege sich ganz im Gegenteil streng im Rahmen legaler Grenzen.[15] Statt traditionalistischen Wirtschaftsethiken, die Weber auf die Kurzformel “arbeiten um zu leben” bringt, lässt sich der Geist des Kapitalismus auf die Formel “leben um zu arbeiten” bringen. Weber erwähnt, dass ein solcher Geist für hoch qualifizierte Arbeit unbedingte Voraussetzung sei.[16] Weber stellt dabei die Frage nach den Trägerschichten der Ordnungen, um ihre Wirkungsweise im Machtgefüge analysieren zu können. Der Geist des Kapitalismus wird durch die aufstrebende Mittelschicht getragen und nicht etwa durch die Oberschicht, was in Bezug auf die Geltung der Ordnung einen wesentlichen Unterschied darstellt.[17]

2. Konfuzianische Ethik

Wie verhielt es sich nun in China? Es ist schwierig aufgrund der großen Materialsammlung Webers, die sich über alle Epochen erstreckt und die verschiedensten Phänomene von Staat und Wirtschaft berührt, diese in seiner Komplexität wiederzugeben. Statt einer allumfassenden Darstellung, soll im folgenden das Augenmerk im wesentlichen auf die bestimmenden legitimen Ordnungen, sowie deren Wechselwirkungen mit den wichtigsten Institutionen dargestellt werden, um abschließend auf die Unterschiede zur protestantischen Ethik eingehen zu können. Dabei soll die Eigenart der Weberschen Argumentation erhalten bleiben, eine Kritik erfolgt deswegen erst im Anschluß.

A. Literatenstand

Während im Okzident das Bürgertum die entscheidene Triebfeder des Rationalisierungsprozesses darstellte, war dies in China der Literatenstand. Die legitime Ordnung, an der sich dieser Stand vorwiegend orientierte, war der Konfuzianismus – Weber bezeichnet ihn in seiner Rolle für China als Orthodoxie. Dieser Stand war kein exklusiver, durch Erbschaft geschlossener, sondern durch staatliche Prüfungen auf dem Gebiet der konfuzianischen Klassiker, ein für jedermann offen stehender Stand[18]. In der Praxis seien es aber vor allem wohlhabende Familien gewesen, die ihr Vermögen in die Ausbildung ihrer Kinder investierten, um diese so auf die staatlichen Prüfungen vorzubereiten. Der soziale Rang wurde in China maßgeblich durch die in Prüfungen attestierte Bildung bestimmt, nicht durch den Besitz[19].

Die Natur des Menschen erschien dem Konfuzianer als von Natur aus gut. Jeder war grundsätzlich, vorausgesetzt er genoss die richtige Bildung, in der Lage sich harmonisch in seine Umwelt einzufügen. Störungen der sozialen Ordnung waren auf ungenügende Bildung, oder besser gesagt Erziehung, und somit letztendlich auf die dafür notwendige ungenügende materielle Versorgung zurückzuführen. Die Schaffung von Wohlstand war im Konfuzianismus grundsätzlich nichts Verwerfliches[20]. Dies erscheint zunächst überraschend, weil Weber heute teilweise die These untergeschoben wird, dass sich Konfuzianismus und Kapitalismus gegenseitig ausschließen würden[21]. Weber stellt dahingegen explizit die positiven Seiten der auf innerweltlichen Utilitarismus ausgelegten konfuzianischen Ethik, welche dem Gelderwerb oder dem Handel keineswegs feindlich gegenüberstand, heraus. So gab es etwa in China keine, wie aus Europa bekannten, Zinsverbote. Weber betont dahingegen, dass bei unstetem Einkommen die Möglichkeit besteht, dass das “Gleichgewicht und die Harmonie der Seele [...] durch die Risiken des Erwerbs erschüttert”[22] werden. Die für die Ausübung einer Arbeit notwendige Spezialisierung widerspricht zudem dem Bildungsideal der Konfuzianer, welche der Vollendung der Persönlichkeit dienen sollte[23]. Die Grundlage einer solchen Entwicklung boten lediglich die Amtspfründe eines Beamten. Ersparnisse wurden hier also nicht reinvestiert, sondern eingesetzt, um sich literarisch zu bilden oder sich auf das Examen vorzubereiten.

[...]


[1] Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Tübingen: Mohr 1920. Bd. 1. Nachdruck, 1988

[2] Shmuel Noah Eisenstadt, “Über die Beziehung zwischen Konfuzianismus, Entwicklung und Modernisierung”. in Krieger, Silke, Trauzettel, Rolf (Hg.), Konfuzianismus und die Modernisierung Chinas. Mainz: v. Hase & Koehler 1990, S. 444

[3] Beispielsweise in: Yergin, Daniel, Stanislaw, Joseph, Staat oder Markt. Die Schlüsselfrage unseres Jahrhunderts. Übersetzt aus dem Englischen von Andreas Simon, The commanding heights. Frankfurt/Main; New York: Campus 199, S. 237

[4] Max Weber (1988), S. 1

[5] Max Weber (1988), S. 4

[6] Max Weber (1988), S. 7f.

[7] Herv. d. A., Max Weber (1988), S. 10

[8] vgl. hierzu Max Weber (1988), S. 12

[9] Max Weber (1988), S. 237 f.

[10] Max Weber (1988), S. 17 ff.

[11] Max Weber (1988), S. 23

[12] vgl. Max Weber (1988), S. 25

[13] Max Weber (1988), S. 33

[14] vgl. Max Weber (1988), S. 34 ff.

[15] Max Weber (1988), S. 42

[16] Max Weber (1988), S. 45 ff.

[17] Max Weber (1988), S. 50

[18] Vgl. Max Weber (1988), S. 396

[19] Vgl. Max Weber (1988), S. 395

[20] Vgl. Max Weber (1988), S. 447

[21] So auch in der für diesen Aufsatz verwendeten Quelle: “Keine geringere Autorität als der Soziologe Max Weber hatte in seiner Studie über den Aufstieg des Kapitalismus erklärt, dass der Konfuzianismus mit dem Kapitalismus unvereinbar sei.” Daniel Yergin und Joseph Stanislaw (1999), S. 239

[22] Max Weber (1988), S. 448

[23] Vgl. Max Weber (1988), S. 448

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Chinesische Wirtschaftsethik und der Geist des Kapitalismus
Untertitel
Max Weber und die Sozialistische Marktwirtschaft in der VR China
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Landeskunde 1
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V82129
ISBN (eBook)
9783638886796
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftsethik, Geist, Kapitalismus, Landeskunde, China, Soziologie, Sinologie, Max Weber, Volkswirtschaft, Konfuzianismus, chinesisch, konfuzianischer, Werte, Sozialismus, Marktwirtschaft, sozialistisch, Wirtschaftswissenschaften, Disziplin, Pflichtbewußtsein, Familienzusammenhalt
Arbeit zitieren
Christian Spiegelberg (Autor), 2007, Chinesische Wirtschaftsethik und der Geist des Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82129

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