Das Bild der Juden in Deutschland um 1900 in Sammy Gronemanns Roman Tohuwabohu


Diplomarbeit, 2007

64 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Eingliederung von Fremden in eine Gesellschaft

2. Die Situation der Juden in Deutschland um 1900

3. Sammy Gronemanns Roman Tohuwabohu als Kritik einer gescheiterten Assimilation

4. Die Juden in Deutschland um 1900 in Tohuwabohu
4.1. Familie Levysohn/Lehnsen als ein Paradebeispiel für eine getaufte jüdische Familie
4.1.1. Adolf Lehnsen
4.1.2. Frau Lehnsen
4.1.3. Die Tochter Else
4.1.4. Der Sohn Heinz
4.1.5. Juden über getaufte Juden
4.1.6. Anerkennung der Taufe von den Deutschen
4.1.7. Andere getaufte Juden in Berlin
4.1.8. Bedeutung der Namen und der Namenswechsel
4.2. Andere deutsche Juden
4.2.1. Verfall der jüdischen Sitten – das Brautpaar
4.2.2. Germersheimer als jüdischer Unternehmer und seine Geschäfte mit Kluck
4.2.3. Frau Hannah Mandelbrot und ihre Probleme mit dem Pass
4.3. Ostjüdisches Berlin
4.3.1. Klatzke als erfolgreicher Ostjude
4.3.2. Jossel Schlenker als Ostjude
4.3.3. Chane als jüdische Frau

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im 21. Jahrhundert, im Zeitalter der Migrationen, in dem die ganze Welt zu einem einzigen globalen Dorf wird, fallen häufig Begriffe wie Integration, Assimilation und Akkulturation. Diese Problematik ist jedoch nicht neu und nicht nur typisch für unser Jahrhundert. Bereits in den vergangenen Jahrhunderten kam es zu großen Migrationswellen, Auseinandersetzungen der Aufnahmegesellschaften mit den fremden Zugezogenen, die entweder den Versuch unternahmen, sich in die neue Gesellschaft zu integrieren, oder lieber an ihrer eigenen Kultur und Identität festhielten und eine Art Ghettos bildeten. In diesem Kontext drängen sich folgende Fragen auf: Ist eine Integration möglich? Können Assimilation und Akkulturation erfolgreich sein? Was bedeutet eine erfolgreiche Integration? Werden die Assimilationsversuche von der Aufnahmegesellschaft anerkannt? Was geschieht mit denjenigen, die sich nicht integrieren wollen? Ist eine Integration ohne Assimilation und Akkulturation möglich? Eine der möglichen Antworten auf diese Fragen liefert uns im Kontext der Juden in Deutschland um 1900 Sammy Gronemanns Roman Tohuwabohu. Gronemann übt in seinem Werk eine scharfe Kritik an der seiner Ansicht nach gescheiterten Assimilation der Juden in die deutsche Gesellschaft. Die Analyse dieses Romans liegt dieser Arbeit zugrunde.

Die Arbeit präsentiert das Bild der Juden in Deutschland um 1900 im Hinblick auf den von manchen Juden unternommenen Assimilationsversuch einerseits sowie die Verweigerung der Integration einiger anderen Juden andererseits. Sie ist in vier Kapitel untergliedert: Das erste Kapitel Eingliederung von Fremden in eine Gesellschaft stellt eine Einleitung in die Problematik der Integration dar und beinhaltet Erklärungen der in diesem Zusammenhang wichtigsten Begriffe wie Akkulturation, Assimilation, Integration, Inklusion, Exklusion, Emanzipation und Antisemitismus. Im zweiten Kapitel Die Situation der Juden in Deutschland um 1900 wird kurz der geschichtliche und gesellschaftliche Hintergrund geschildert. Das dritte Kapitel Sammy Gronemanns Roman ‚Tohuwabohu’ als Kritik einer gescheiterten Assimilation erklärt kurz die Gründe für die Entstehung des Romans im Jahre 1920 und für den von Gronemann gewählten Zeitpunkt der Handlung. Das vierte und ausführlichste Kapitel Die Juden in Deutschland um 1900 in ‚Tohuwabohu’ schildert die von Gronemann auf eine satirische und ironische Art und Weise dargestellte Situation der Juden in Deutschland um 1900. Das Kapitel ist in mehrere Unterkapitel untergliedert, die einige ausgewählten Protagonisten des Romans charakterisieren: die Lehnsens und Kahn/Hank als getaufte Juden, Germersheimer und andere nicht getaufte deutsche Juden sowie Wolff Klatzke, Jossel Schlenker und seine Frau Chane als Ostjuden. Die einzelnen Unterkapitel schildern die Stellung der jeweiligen Personen in der Gesellschaft, den Grad deren Assimilation sowie deren Einstellung zur Integration. Auch das Problem der Anerkennung von anderen Juden und von den Deutschen wird in den jeweiligen Unterkapiteln thematisiert. Diese Schilderung hat unter Anderem als Ziel die Beantwortung der Frage, ob eine beabsichtigte Assimilation zur Integration führt und ob assimilierte Fremde von der Aufnahmegesellschaft als ihr Bestandteil anerkannt werden.

1. Eingliederung von Fremden in eine Gesellschaft

Die Eingliederung von Fremden in eine Aufnahmegesellschaft ist ein langwieriger Prozess, der sich grundsätzlich in drei Etappen untergliedern lässt: von Akkulturation über Assimilation bis zur Integration.

Akkulturation ist der erste Schritt im „Prozeß der Angleichung“ und wird als ein Lernvorgang verstanden, der dazu führt, dass die Fremden sich Verhaltens- und Denkmuster einer Gesellschaft aneignen (Esser, S. 20). Der Begriff Akkulturation kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Kulturübernahme“ und „Kulturanpassung“ (Hillmann, S.13). Akkulturation wird als Übernahme einzelner Bestandteile einer fremden Kultur wie Ideen, Wertvorstellungen, Normen, Verhaltensmuster oder Wörter durch Personen oder Gruppen definiert. Dadurch verliert die eigene Kultur an Selbstverständlichkeit und wirkt fremd und unnatürlich (S. 13).

Man kann folgende vier Arten von Akkulturation unterscheiden: Bei der unilateralen Akkulturation übernimmt nur eine Gesellschaft Elemente der Kultur der anderen Gesellschaft. Bei der reziproken Akkulturation beeinflussen sich die Gesellschaften gegenseitig. Die vollständige Akkulturation bedeutet die vollständige Übernahme aller Bestandteile der anderen Kultur. Die partielle Akkulturation verläuft dagegen nur in einzelnen Bereichen wie beispielsweise Sprache oder Institutionen (Schäfers, S. 1-2).

Mit der Ausnahme der vollständigen Akkulturation, die auch als Assimilation bezeichnet wird, kann der Akkulturationsprozess zur Vermischung verschiedener Kulturen führen, also ein neues kulturelles Gebilde entstehen lassen. Diese neue, für zwei oder mehrere Gesellschaften gemeinsame Kultur kann dann als synkretistisch bezeichnet werden (S. 2).

Die bereits erwähnte Assimilation wird einerseits als die zweite Etappe des Eingliederungsprozesses und andererseits als „Zustand der Ähnlichkeit“ einer Person oder Gruppe mit den Vertretern der Aufnahmegesellschaft verstanden (Esser, S. 22). Der Begriff ist lateinischen Ursprungs und bedeutet „Angleichung“, „Ähnlichmachung“ (Hillmann, S. 49). Personen oder Gruppen, die sich an eine Gesellschaft assimilieren, übernehmen deren Verhaltensweisen und Werte und gleichen sich somit ihr an (Fuchs-Heinritz, S. 63). Dabei entwickelt sich ein neues Gefühl der Gruppenzugehörigkeit. Man verlässt die eigene Gesellschaft und geht in die andere Gesellschaft über (Hillmann, S. 49).

Da der Prozess langsam verläuft und über Generationen geht, resultiert er häufig in Generationskonflikten, weil jede folgende Generation einen höheren Assimilationsgrad erreicht als die vorhergehende (Hillmann, S. 49).

Unter Integration als der letzten Etappe der Eingliederung in eine fremde Gesellschaft wird ein „Zustand des Gleichgewichts“ verstanden, wobei das Gleichgewicht sich sowohl auf eine Person als auch die gesamte Gesellschaft beziehen kann. Das Gleichgewicht des Individuums äußert sich in dessen Zufriedenheit mit seiner Rolle und seinem Platz in der neuen Gesellschaft. Das Gleichgewicht in Bezug auf die gesamte Gesellschaft bedeutet dagegen spannungsfreie Relationen zwischen dem Fremden und der Aufnahmegesellschaft (Esser, S. 23-25).

Integration kann sich auch zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen oder Rassen innerhalb einer Gesellschaft vollziehen. Der Integrationsprozess kann ebenfalls mehrere Gesellschaften betreffen, wobei in diesem Falle nicht notwendigerweise eine Gesellschaft in die andere integriert wird, sondern sich auch eine vollkommen neue Gesellschaft mit ihrer eigenen kulturellen und sozialen Struktur herausbilden kann (Hillmann, S. 377).

Inwiefern die Integration möglich ist und wie schwer sich dieser Prozess gestaltet, hängt vom Ähnlichkeitsgrad der Kulturen der betroffenen Personen und Gesellschaften ab. Im Allgemeinen gilt, dass je größer die Unterschiede sind, desto schwieriger wird der Integrationsprozess (S. 378).

Auch eine vollständige Integration ist unter Umständen möglich. Dieser Prozess kann entweder erzwungen oder freiwillig sein und erstreckt sich über mehrere Generationen (S. 378).

Der höchste Grad der Integration kann als Inklusion bezeichnet werden. Inklusion bedeutet Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, einer Gruppe oder einer Schicht. Innerhalb dieser Gruppe herrschen Regeln, die das Leben der Gruppenmitglieder bestimmen. Auch die Aufnahme zu dieser Gruppe erfolgt durch Erfüllung konkreter Bedingungen, d.h. sie ist nur bei Ähnlichkeit zu anderen Gruppenmitgliedern und bei deutlicher Unterscheidung von Außenstehenden möglich (Luhmann, S. 242-243). Darüber hinaus bedeutet Inklusion die Möglichkeit der Teilnahme und Mitwirkung in der Gesellschaft (S. 262).

Im Zusammenhang mit der Inklusion wird auch der Begriff Exklusion erwähnt, denn ohne Exklusion kann es keine Inklusion geben. Unter diesem Begriff versteht man die Nichtzugehörigkeit und das Ausgeschlossensein von Individuen oder Gruppen, die sich von der infolge der Inklusion entstandenen Gesellschaft unterscheiden und von ihr nicht als deren Bestandteil anerkannt werden (Luhmann, S. 262).

Zur Exklusion kommt es beispielsweise bei Wohnortwechsel sowie Aus- und Einwanderung. Wenn die Zugezogenen sich nicht in die neue Gesellschaft integrieren, bleiben sie stets an ihrem Rande. Dieser Ausschluss kann zur Entstehung von Ghettos führen (S.260).

Exlusion kann ebenfalls ein Bestandteil der Politik sein, in deren Rahmen die nicht dazu gehörenden Personen oder Gruppen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden können (S. 244).

In Bezug auf die jüdische Minderheit, deren Situation in Deutschland um 1900 im Laufe der Arbeit genauer geschildert wird, spielt im Eingliederungsprozess die Emanzipation eine wichtige Rolle. Seit der Französischen Revolution wird Emanzipation als Selbstbefreiung von Personen, Gruppen und Gesellschaften aus den sozialen Abhängigkeitsverhältnissen und ökonomischen sowie politischen Ungleichheiten verstanden. Sie setzt sich die Freiheit und Gleichheit als Ziel (Fuchs-Heinritz, S. 164). Als Judenemanzipation wird konkret die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden seit dem 18./19. Jahrhundert bezeichnet (Die Zeit, ‚Antisemitismus’).

Der Eingliederungsprozess läuft nicht immer reibungslos ab. Einerseits liegt es an den Einwanderern, die womöglich eine geringe Bereitschaft zeigen, sich in die neue Gesellschaft zu integrieren. Andererseits erweckt das Anderssein der Fremden gewisse Ängste in den Vertretern der Aufnahmegesellschaft, was Fremdenfeindlichkeit zur Folge haben kann. In diesem Zusammenhang sollte in Bezug auf die jüdische Minderheit in Deutschland der Begriff Antisemitismus genannt werden. Antisemitismus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Judenfeindschaft“ (Hillmann, S. 33). Er bezeichnet die vorurteilhafte Einstellung gegenüber Juden als den minderwertigen und das Gemeinwohl bedrohenden Fremden (Fuchs-Heinritz, S. 46). Antisemitismus ist durch Feindseligkeit und Hass gekennzeichnet, die zusammen zur Isolierung, Vertreibung und Vernichtung führen. Der Jude wird als „Sündenbock“ oder „Verschwörer“ angesehen und für alle Fehlentwicklungen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht (Hillmann, S. 33). Ende des 19. Jahrhunderts bekommt Antisemitismus politische Züge. Durch den gezielt und absichtlich entfachten Hass gegen die fremde Minderheit soll die Einigkeit der eigenen Gruppe gestärkt werden (S. 33).

2. Die Situation der Juden in Deutschland um 1900

Um 1900 streben die Deutschen nach einer „völkischen Gesellschaft“ (Herzig, S. 190). Dieser Begriff ist stark nationalistisch geprägt. Die Fremden sind nicht nur unerwünscht, sondern sie werden auch für alle Fehlentwicklungen und die Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht. Antisemitismus dieser Zeit ist eine Folge der Unzufriedenheit derjenigen, die durch die Industrialisierung benachteiligt worden sind. Die Juden sind in den Augen der Deutschen die Gewinner und Nutznießer der Industrialisierung und des Kapitalismus (S. 189).

Bis Mitte der 1890er Jahre sind die Juden bestrebt, sich zu assimilieren und akkulturieren, um von der deutschen Gesellschaft als gleichberechtigte Staatsbürger akzeptiert zu werden. Sie sehen sich als deutsche Bürger jüdischer Konfession an. Wegen des verstärkten Antisemitismus Ende des 19. Jahrhunderts wird diese Selbstdefinition der Juden von der deutschen Gesellschaft teilweise verneint. Das Judentum wird zunehmend als Nationalität und nicht als Religion angesehen (Meyer, S. 278). Diese Empfindung wird bei den Deutschen durch Einwanderungswellen nach 1880 von Juden aus Osteuropa zusätzlich verstärkt. Die Einwanderer wollen nämlich ihre Kultur behalten und sich nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren (S. 279).

Im Kaiserreich gehört die Mehrheit der Juden, d.h. über 85%, dem Bürgertum an, davon über die Hälfte dem mittleren und gehobenen Bürgertum. Diese im Vergleich zu den Deutschen auffallend starke Vertretung der Juden in den oberen Gesellschaftsschichten ist dank der Unterstützung der jüdischen Gemeinden möglich, die ihren Glaubensbrüdern notwendiges Anfangskapital für deren Geschäfte bereitstellen (S. 193). Die Juden stellen also wirtschaftlich gesicherte und gehobene Schicht dar. Sie sind vor allem im Handel, Verkehr, Gewerbe und in der Industrie vertreten. Viele sind auch selbstständig (S. 193-194). Ende des 19. Jahrhunderts gibt es auch im Bankgeschäft auf den höchsten Positionen viele Juden (S. 195). Von einer beruflichen Gleichstellung der Juden und der Deutschen kann jedoch keine Rede sein. Trotz der Emanzipation ändert sich die Berufsstruktur der Juden im Kaiserreich gering. Zwar wird die Beschränkung auf Handelsberufe aufgehoben (Meyer, S. 40), die Verwaltung und die Armee bleiben jedoch bei Einschränkungen für ihre jüdischen Arbeitnehmer. Die Juden können weiterhin keine Diplomaten oder Offiziere werden. An den Universitäten können sie höchstens die Stelle eines Privatdozenten haben. Das Professorenamt ist für sie nur unter Umständen, d.h. nach langer Wartezeit und ausschließlich in den Naturwissenschaften zugänglich. Auch im öffentlichen Schulwesen sieht es für jüdische Lehrer nicht besser aus, denn die meisten Schulen sind christlich (Meyer, S. 59). Personen jüdischen Bekenntnisses haben ebenfalls kaum Chancen Richter oder Staatsanwälte zu werden (Herzig, S. 188).

Ende des 19. Jahrhunderts nehmen immer mehr Juden ein Studium auf. Danach werden sie häufig als Ärzte oder Rechtsanwälte selbstständig. Promovierte Akademiker arbeiten als Journalisten, Literaten, Verlagsangestellte und Forscher (S. 196-197). Trotz des wirtschaftlichen und akademischen Aufstiegs bleibt das deutsche Judentum eine „Gesellschaft zweiten Ranges“, wie Norbert Elias es bezeichnet (Herzig, S. 197).

Die jüdische Gesellschaft ist innerlich in Orthodoxe und Liberale gespalten. Die Reformgemeinden halten ihren Gottesdienst in hebräischer und deutscher Sprache ab und lassen Orgelbegleitung zu. Die Orthodoxen sehen dies als unjüdisch an (S. 197). In Berlin gehen die Reformierten sogar einen Schritt weiter: Der Gottesdienst in deutscher Sprache wird auf Sonntag verlegt und Gebete werden gestrichen, in denen die Rückkehr ins Gelobte Land erwähnt wird oder die antichristliche Züge haben könnten (S. 198). Dies führt zu Auseinandersetzungen unter den Juden selbst. Seit 1880 wandern Juden aus Osteuropa ein, die sich nicht besonders gut integrieren und ihre eigenen Gemeinden bilden (S. 199). Sie kommen vor allem nach Berlin, in das so genannte Scheunenviertel an der Grenadierstraße. Diese Einwanderer unterscheiden sich von den bereits in Deutschland ansässigen Juden nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch in der Berufs- und Sozialstruktur. Sie sind vor allem Händler, Handwerker, Handarbeiter und Studenten. Die letzteren passen sich der deutschen Gesellschaft an, aber viele werden zu Vorreitern des Zionismus. Die Einwanderer beeinflussen die deutschen Juden, da ihre kulturelle Echtheit die bereits in Deutschland ansässigen Juden zum Nachdenken über ihre wahren jüdischen Wurzeln bringt (S. 199).

Die deutschen Juden unterliegen dem Prozess der Akkulturation und Assimilation. Die jüdische Kultur vermischt sich immer mehr mit der deutschen. Dies bedeutet jedoch keinen Verzicht auf die jüdische Identität. Ende des 19. Jahrhunderts entstehen verschiedene „Vereine für jüdische Geschichte und Kultur“ sowie die „Gesellschaft für jüdische Volkskunde“ (S. 200-201). Da der Wissenschaft vom Judentum der Weg zu den deutschen Universitäten versperrt bleibt, wird sie von jüdischen Forschern unabhängig betrieben. Immer noch werden Synagogen gebaut (S. 204). Juden geben auch ihre eigene Zeitungen und Zeitschriften heraus. Unter den wichtigsten Zeitungen dieser Zeit sind vier Titel zu nennen: die jüdisch nationalistische „Jüdische Presse“ der Berliner Rabbinerfamilie Hildesheimer, die orthodoxe „Laubhütte“ aus Regensburg, die auch unter dem Titel „Deutsche Israelische Zeitung“ bekannt ist und sich vor allem an ländliche Leser richtet, die orthodox-antizionistische Zeitung „Israelit“ und die pro-reformerische „Allgemeine Zeitung des Judentums“ von Ludwig Philippson (Meyer, S. 128).

Seit 1873 besteht in Preußen die Möglichkeit eines Austritts aus dem Judentum, ohne dass dies mit einer Konvertierung zum Christentum zusammenhängt. Seit 1880 nimmt die Anzahl der Taufen und Austritte zu. Dies ist sicherlich die Folge eines verstärkten Antisemitismus. So lassen beispielsweise jüdische Eltern ihre Kinder taufen, ohne selbst dabei ihren jüdischen Glauben aufzugeben. Auch Juden, deren Karriere in akademischen Berufen wegen ihres Glaubens beschränkt ist, entscheiden sich für die Taufe. Im Kaiserreich sind seit 1880 bis 1919 schätzungsweise 25 000 Juden konvertiert, davon zwei Drittel sind zum Protestantismus übergetreten (Meyer, S. 20-21). Die Bereitschaft zum Austritt aus dem Judentum hängt vom Beruf, Geschlecht und Alter ab. Vor allem junge Männer konvertieren, überwiegend Ärzte, Juristen, Studenten, Akademiker und Kaufleute. Insbesondere Akademiker entscheiden sich für so genannte Karrieretaufen, denn ansonsten bleibt ihnen der Aufstieg zum Professor an einer deutschen Universität untersagt. Trotz der Konvertierung werden jedoch viele weiterhin als Juden angesehen und von der deutschen Gesellschaft nicht als deren Teil akzeptiert (S. 21-22).

3. Sammy Gronemanns Roman Tohuwabohu als Kritik einer gescheiterten Assimilation

Sammy Gronemann schreibt 1920 einen jüdischen Roman, dessen Handlung sich am Anfang des 20. Jahrhunderts noch vor dem Ersten Weltkrieg abspielt. Weder der Zeitpunkt der Erscheinung des Romans noch der Zeitraum der Handlung sind zufällig. Im Folgenden wird beides begründet.

Gleich am Anfang soll darauf hingewiesen werden, dass Sammy Gronemann ein Zionist war. Zionismus ist eine Bewegung unter den deutschen Juden, die seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die verstärkte Einwanderung der Juden aus Osteuropa an Bedeutung gewinnt (Zimmermann, S. 190). Zionisten kritisieren die deutsche Politik und Gesellschaft sowie die Entwicklung der deutschen Juden (S. 202). Sie unterstreichen, dass das Judentum eine Nationalität ist und nicht ausschließlich eine Religion (Meyer, S. 291). Sie suchen nach einer Lösung des Judenproblems in Deutschland und in der Welt und glauben, dass die Umsiedlung der Juden nach Palästina ihre Probleme lösen würde. Dort könnten sich Juden als eine Nation frei und ungestört weiter entwickeln. Obwohl Zionisten nun Judentum zu einer Nation erklären, erwarten sie von der deutschen Gesellschaft Akzeptanz und Vertrauen den Juden gegenüber (Zimmermann, S. 202). Nach dem ersten Weltkrieg verlieren sie jedoch ihre Hoffnung auf ein friedliches, akzeptanzvolles Zusammenleben der Deutschen und Juden. Sie sehen, wie antisemitische Gefühle in Deutschland an Kraft gewinnen und glauben, dass weder der jüdische Beitrag zur Kultur und wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands noch der Versuch der Juden, sich in die deutsche Gesellschaft zu assimilieren, den Antisemitismus aus der Welt schaffen können (Mittelmann, S. 76). Vor diesem Hintergrund schreibt Sammy Gronemann seinen Roman, in dem er die Unmöglichkeit einer erfolgreichen Eingliederung der Juden in die deutsche Gesellschaft zum Ausdruck bringen möchte. Als Handlungszeit wählt er den Anfang des 20. Jahrhunderts, als die angebliche vollständige Gleichstellung der Juden erreicht zu sein scheint und viele Juden den Weg zur Assimilation einschlagen. Den Assimilationsprozess stellt Gronemann ironisch und satirisch dar. Juden, die den Versuch unternehmen, sich vollständig zu integrieren, erscheinen dem Leser schwach und lächerlich. Dadurch will Gronemann aufzeigen, dass die Assimilation der Juden zu keinem Zeitpunkt gelungen oder überhaupt möglich gewesen ist (S. 78).

Tohuwabohu ist ein zionistischer Roman. Gronemann übt darin Kritik an der gescheiterten Assimilation und vertritt deutlich seine zionistische Stellung. Da der Roman in erster Linie ideologisch ist, waren seine ursprünglichen Adressaten insbesondere Gronemanns jüdische Zeitgenossen in Deutschland, die von der Unmöglichkeit der Assimilation überzeugt werden sollten. Gronemann versucht in seinem Roman auch zionistische Ideen und Grundgedanken zu vermitteln. Deshalb stellt sich die Frage, ob der Roman auch für den heutigen nichtjüdischen Leser von Interesse sein könnte. Diese Frage soll erst im Schlusswort beantwortet werden.

4. Die Juden in Deutschland um 1900 in Tohuwabohu

Das Bild der Juden in Deutschland um 1900, das Sammy Gronemann in seinem Roman präsentiert, wirkt zunächst sehr realistisch, insbesondere wegen vieler geschichtlicher und gesellschaftlicher Parallelen mit der Realität. Gronemann nennt einige Namen von historischen Personen wie beispielsweise Theodor Herzl, reale Zeitungsnamen und Straßenbezeichnungen, beschreibt jüdische Feste und Bräuche und bezieht sich auf die wahre rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland in der damaligen Zeit. Trotzdem sollte nicht vergessen werden, dass die in Tohuwabohu geschilderte Welt eine fiktive, d.h. eine erdachte und erfundene Welt ist. Gronemann stellt diese fiktive Welt mit Ironie dar, wodurch er den Leser auf bestimmte Problembereiche aufmerksam machen will. Die Intention des Autors ist nicht eine realitätstreue Schilderung der damaligen Gesellschaft, sondern er benutzt diese Schilderung, um seine Position bezüglich der Judenproblematik zu vermitteln. Das Bild der Gesellschaft, das Gronemann in seinem Roman kreiert, soll unter anderem eine Anregung zur Beantwortung der Fragen zur Möglichkeit beziehungsweise zur Unmöglichkeit einer Integration darstellen.

Dieses Kapitel stellt eine Charakteristik ausgewählter Protagonisten des Romans dar, insbesondere im Hinblick auf deren Haltung gegenüber der Assimilation und Integration. Ich werde mich auch mit folgenden Fragen beschäftigen: Sind die im Folgenden dargestellten Assimilationsversuche erfolgreich? Werden sie von der Aufnahmegesellschaft anerkannt? Woran scheitern sie? Was geschieht mit denjenigen, die keinen Assimilationsversuch unternehmen wollen? Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, werde ich die einzelnen Protagonisten nun näher charakterisieren.

4.1. Familie Levysohn/Lehnsen als ein Paradebeispiel für eine getaufte jüdische Familie

Wie bereits erwähnt, treten gegen Ende des 19. Jahrhunderts und am Anfang des 20. Jahrhunderts viele Juden und sogar ganze jüdische Familien aus dem Judentum aus. Einerseits liegt der Erscheinung der wachsende Antisemitismus im deutschen Kaiserreich zugrunde, andererseits sind die beschränkten Aufstiegsmöglichkeiten der Juden in manchen Berufen ursächlich für die Konvertierung. Diese Beschränkungen führen auch dazu, dass sich Familie Levysohn zu einem Übertritt zum Protestantismus entscheidet und auch den jüdisch klingelnden Namen in Lehnsen ändern lässt. So kann Herr Lehnsen vom Landgerichtsrat zum Landgerichtsdirektor aufsteigen. Das Einzige, was die Familie zunächst beibehält, ist ihre Wohnung in der Matthäikirchstraße 8, aber dies liegt lediglich daran, dass der Mietvertrag noch zwei Jahre lang läuft (Gronemann, S. 60). Ansonsten versucht die Familie, sich von ihrer jüdischen Vergangenheit abzutrennen, sie sogar zu verleugnen. Die Ansichten der Familienmitglieder hinsichtlich des Judentums und ihrer Konvertierung werden nun im Einzelnen geschildert.

4.1.1. Adolf Lehnsen

Wir lernen Lehnsen während seiner Zeitungslektüre am Frühstückstisch mit seiner Familie kennen. Der Landgerichtsdirektor liest seit seiner Taufe nicht mehr das Berliner Tageblatt von Theodor Wolff, sondern die Deutsche Tageszeitung von Oertel. Diesen Wechsel begründet er damit, dass er das seiner Stellung schuldig sei (Gronemann, S. 61). Beide im Roman erwähnte Zeitungen sind nicht nur fiktive Titel, sondern auch ein der realen Welt entnommene Element, das auf eine ironische Weise die Folgen der Taufe in Lehnsens Familie zeigen soll. Das Berliner Tageblatt, dessen Chefredakteur seit 1906 der Jude Theodor Wolff ist, ist eine bürgerlich-liberale Zeitung (Stöber, S. 212). Die Deutsche Tageszeitung ist dagegen konservativ und gutwirtschaftlich orientiert. Ihre Leser kommen vor allem aus den Reihen des Bundes der Landwirte, einer antisemitischen Organisation (S. 214-215). Lehnsens Taufe war sein erster Schritt zur Assimilation, nun müssen viele weitere, kleinere Schritte folgen, die einerseits zur Angleichung an die deutsche Gesellschaft führen sollen und andererseits die für Lehnsen unrühmliche Herkunft verleugnen. Die Angleichung durch die Wahl einer anderen Zeitung ist erzwungen und ihr Zweck ist keine Akkulturation. Die Lektüre einer bestimmten Zeitung stellt ein Element einer bestimmten Kultur, insbesondere der Kultur einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Doch Lehnsen will vor allem durch die in seinem Empfinden jüdische Lektüre nicht als konvertierter Jude auffallen.

Herrn Lehnsen gelingt es aber nicht, das Jüdische aus seinem Leben vollständig zu vertreiben, wie die jüdische Zeitung aus seinem Haus. Er ist nämlich auf den Wunsch seines verstorbenen Schwiegervaters der Vorsitzende einer Stiftung, deren Aufgabe die Stipendienvergabe an fromme künftige Rabbiner ist. Das war zumindest die Absicht von Lehnsens Schwiegervater. Doch als das Testament angefertigt wurde, hat Lehnsen als Jurist den Wortlaut des letzten Willens so geschickt formuliert, dass theoretisch auch nichtjüdische Bewerber das Stipendium erhalten könnten. Nun heißt es im Testament, dass das Stipendium „für einen frommen Studenten, der sich dem geistlichen Berufe widmen will“ bestimmt sei (S. 66). Herr Lehnsen begründet es folgendermaßen: „Ich habe ja auch an nichts Böses gedacht! Ich wollte nur nicht, daß das Ganze so speziell jüdisch aussieht – schon wegen der Leute vom Gericht!“ (S. 66). Dies liegt selbstverständlich daran, dass damals der noch nicht getaufte Herr Levysohn mit seinem mosaischen Glauben im Gericht nicht besonders auffallen wollte, dem Glauben, der seiner juristischen Karriere im Wege stand.

Außer Herrn Lehnsen gehören der Stiftung noch der Rabbiner Dr. Magnus und Professor Hirsch vom Rabbinerseminar an. Da trotz der Formulierung im Testament die Stiftung nach außen jüdisch wirkt, wollte Lehnsen eigentlich aus ihr austreten, als er und seine Familie „den Wechsel vollzogen“ (S. 66), wie er seine Taufe bezeichnet, aber seine Ehefrau bestand darauf, dass er weiterhin der Vorsitzende der Stiftung bleibt. Außerdem könnte er als Vorsitzender dem künftigen Schwiegervater seiner Tochter Else einen Gefallen tun. Der Baron von Stülp-Sandersleben und seine Gemahlin wünschen sich nämlich, dass Gustav Ostermann das Stipendium bekommt. Gustav möchte Pfarrer werden und eine Pfarre ist ihm schon nach dem Studium sogar zugesichert worden.

Während der Kuratoriumssitzung an demselben Tag, während der entschieden werden soll, welcher Bewerber das Stipendium bekommt, kommt es zu einem wichtigen Gespräch zwischen Lehnsen und den beiden jüdischen Vertretern in der Stiftung. Der Landgerichtsdirektor beginnt das Gespräch damit, dass er trotz seines Glaubenswechsels immer noch ein wohltätiger Mensch sei, denn „Wohltätigkeit muß paritätisch sein“ (S. 74). Man sollte jedoch diese Aussage nicht wörtlich nehmen, weil Lehnsen es gezielt anbringt, dass zwischen dem Wohltätigsein und der religiösen Zugehörigkeit kein Zusammenhang besteht und dass alle, die eine Unterstützung brauchen, untereinander gleichberechtigt sind und gleich behandelt werden sollten, um somit zu rechtfertigen, dass er einen christlichen Bewerber vorstellen möchte. Der Gegenkandidat ist der Jude Jacob Kaiser. Beide Bewerber sind gleich gut und brauchen eine finanzielle Unterstützung. Herr Lehnsen ist für den angehenden christlichen Theologen. Zwar spiele für ihn persönlich die religiöse Zugehörigkeit der Kandidaten keine Rolle, aber bislang wurden nur jüdische Bewerber bei der Stipendienvergabe berücksichtigt und deshalb wäre es angemessen, diesmal einen christlichen Kandidaten zu wählen. Dabei betont Lehnsen, dass seine Aussage nicht als antisemitistisch verstanden werden sollte. Er sagt nämlich: „Ich weiß mich nicht nur frei von antisemitischer Gesinnung, […] sondern ich selbst bin gewissermaßen stolz darauf - daß ich selbst – Sie sind ja im Bilde, meine Herren!“ (S. 75). Er erinnert die zwei Juden daran, dass er selbst früher ein Jude war und schon alleine aus diesem Grund Antisemitismus ihm nicht unterstellt werden kann. Er behauptet sogar, stolz auf seine Abstammung zu sein, was jedoch angesichts seiner weiteren Behauptungen äußerst zweifelhaft erscheint. Vor allem klingt seine Aussage auch deshalb unglaubwürdig, da er es nur andeutet, dass er früher ein Jude gewesen ist, aber das Wort an sich in Bezug auf sich selbst nicht ausspricht. Das kann darauf hindeuten, dass er sich weder jetzt noch vorher mit dem Judentum identifiziert hat und dass er sich vielmehr wegen seiner Abstammung schämt, als auf sie stolz ist. Die ganze Situation wird von Gronemann im ironischen Ton geschildert, wodurch Lehnsen und seine Haltung lächerlich erscheinen.

Um seinen Kandidaten zu verteidigen, erwähnt der Landgerichtsdirektor noch einen wichtigen Punkt. In Deutschland ist eine Vielzahl jüdischer Einrichtungen und Wohltätigkeitsorganisationen tätig, die den Juden unter die Arme greifen sollen. Deshalb behauptet Lehnsen, dass Jacob im Gegensatz zu Gustav noch weitere Alternativen hat, weil „es eine so große Reihe ausschließlich jüdischer Stiftungen gibt, daß der junge Kaiser wohl Gelegenheit finden wird, dort ein Stipendium zu erringen“ (S. 75).

Lehnsen erinnert dann Dr. Magnus an eine Rede, die der Rabbiner in seinem Haus gehalten hat, eine Lehre über die Menschenliebe trotz unterschiedlicher Konfessionen. Der Landgerichtsdirektor beteuert:

Ich bin derselbe geblieben, der ich war; ich fühle mich mit dem, was Sie damals als den Inbegriff aller Religion bezeichneten – nach wie vor eins. – Was sich bei mir geändert hat, ist nur die Bezeichnung der Sache, nicht die Sache selbst! (S. 78)

Damit will Lehnsen zum Ausdruck bringen, dass er trotz der Taufe immer noch derselbe Mensch geblieben ist, mit seinen alten Ansichten und Überzeugungen. Außerdem unterscheiden sich Juden und Christen seiner Ansicht nach keineswegs in ihrem Verständnis der „Ethik und Moral“ (S. 79). Das Einzige, was sich an ihm selbst geändert hat, ist lediglich die Bezeichnung seiner Religion. Lehnsen spricht bewusst von der Bezeichnung der Religion und nicht der Religion an sich, denn er identifiziert sich weder mit dem jüdischen noch dem christlichen Glauben. Er hat doch schon seit Langem die jüdischen religiösen Gesetze nicht mehr befolgt. Indem er in Bezug auf seine Taufe sagt: „Da also doch schlechterdings jeder Unterschied zwischen mir und meinen nichtjüdischen Mitbürgern weggefallen war“ (S. 80), bringt er zum Ausdruck, dass das Judentum für ihn lediglich eine Religion sei. Er sieht in den Juden weder eine Nation noch eine bestimmte Kultur. Wenn er also nicht nach den Gesetzen des mosaischen Glaubens lebt, ist er somit kein Jude. Durch seinen Übertritt zum Christentum ist er jedoch innerlich kein Christ geworden, denn wie er selbst sagt: „Ich habe mich nicht zu irgendwelchen Dogmen bekannt, als ich übertrat.“ (S.80). Er ist nicht aus religiöser Überzeugung konvertiert, sondern weil er in einem christlichen Staat lebt und unter diesen Umständen das Leben einfacher ist, wenn man sich assimiliert und akkulturiert, das heißt, auch die Staatsreligion annimmt. Für ihn ist die religiöse Zugehörigkeit nur ein Eintrag in eine Art Register und er hat seine Übertragung in das christliche Register ohne schlechtes Gewissen vollzogen. Dabei ist er nicht weniger gläubig als andere Berliner Juden oder mehr gläubig als andere Berliner Christen. Seit seinem Übertritt muss er sich jedoch Demütigungen stellen und wird unter anderem als „ein gewissensloser Streber“ bezeichnet, denn in Augen der Anderen hat er sich für einen Religionswechsel entschieden, damit ihm ein beruflicher Aufstieg möglich ist. Er wird auch als ein „Überläufer“ und „Verräter“ beschimpft (S. 79). Lehnsen stellt seinen Übertritt als eine Art Opfer dar. Er muss sich nicht nur Demütigungen anhören, sondern sogar vollständig auf seine Vergangenheit und bisherige Bekanntschaften mit geschätzten Juden verzichten. Er behauptet jedoch, dass er die Juden nicht verachte, die wahrhaftig glauben und deshalb an ihrer Religion festhalten. Er kann es jedoch nicht verstehen, dass jemand ein Jude trotz des fehlenden Glaubens bleiben möchte. In seinen Augen fürchten sich solche Personen einfach vor den Demütigungen, die ihrem Übertritt folgen könnten.

Lehnsen erreicht während der Sitzung nicht das erhoffte Ziel. Als es zur Abstimmung kommt, gewinnt der Jude Jacob Kaiser. Daraufhin meint der verärgerte Landgerichtsdirektor, dass es vielleicht doch das Beste für alle wäre, wenn er aus der Stiftung austritt. Als er sich später mit seiner Frau über den Verlauf der Sitzung unterhält, meint sie, dass man als Christ seinem Glauben Opfer bringen müsse (S. 85). Lehnsen antwortet darauf: „Ich bin nicht übergetreten, um den Märtyrer zu spielen! – Das hätte ich bequemer haben können.“ (S. 85). Damit verdeutlicht er noch einmal seine Einstellung zur Religion im Allgemeinen. Märtyrer hätte er ohne seinen Übertritt sein können, denn er wäre als Jude nicht gleichberechtigt behandelt worden und hätte auf seinen beruflichen Aufstieg verzichten müssen. Mit seiner Taufe wollte er sein Leben einfacher machen und nicht schwieriger. Er ist auch nicht bereit, sich für seinen neuen, christlichen Glauben aufzuopfern.

Als sein Sohn Heinz zu ihm kommt und ihm erzählt, dass er bei einem jüdischen Fall vor Gericht Protokollant sein soll, denn sein Kollege behauptet, Heinz als Jude kenne sich wohl am besten in dieser Angelegenheit aus, sagt Lehnsen empört: „Eine bodenlose Unverschämtheit! – Du wirst ihm doch wohl sagen, daß du sowenig wie er über die Materie informiert bist?“ (S. 87). Schon in der Vergangenheit hat in der Familie Levysohn das Jüdische kaum eine Rolle gespielt und nun möchte Lehnsen unter dieser schon sowieso wenig jüdischen Vergangenheit einen Schlussstrich ziehen. Er möchte nicht mehr daran erinnert werden, was er einmal war, und es ärgert ihn, dass trotz der Taufe Christen in ihm und in den Mitgliedern seiner Familie immer noch vor allem Juden sehen. Trotz der Taufe wurde er von der deutschen Gesellschaft nicht als ein deutscher Christ anerkannt, sondern ist für sie immer noch der Jude. Somit ist sein Assimilationsversuch nicht erfolgreich, denn ohne die Anerkennung seitens der Aufnahmegesellschaft kann es von keiner geglückten vollständigen Integration die Rede sein. Bis zu seiner Taufe war Lehnsen zumindest ein Teil der jüdischen Gesellschaft Berlins. Nun gehört er nicht mehr dazu, aber trotz der gewollten Exklusion aus der jüdischen Gesellschaft kommt es nicht zur Inklusion in die deutsche Gesellschaft Berlins.

Da Heinz den jüdischen Fall annehmen möchte, warnt ihn Lehnsen: „Dann sieh nur zu, daß du nicht als Abtrünniger erkannt wirst.“ (S. 88). Das Interesse am Jüdischen könnte Heinz schaden. Er sollte sich besser davon distanzieren. Ansonsten droht ihm eine vollständige Exklusion aus beiden Gesellschaften, der deutschen und der jüdischen. Lehnsen muss immer noch daran denken, wie er am Morgen von seinen zwei jüdischen Gästen beleidigt wurde, weil er sich vom Judentum abgewandt hat.

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Details

Titel
Das Bild der Juden in Deutschland um 1900 in Sammy Gronemanns Roman Tohuwabohu
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
64
Katalognummer
V82207
ISBN (eBook)
9783638850469
ISBN (Buch)
9783640389056
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bild, Juden, Deutschland, Sammy, Gronemanns, Roman, Tohuwabohu
Arbeit zitieren
Katarzyna Paluba (Autor), 2007, Das Bild der Juden in Deutschland um 1900 in Sammy Gronemanns Roman Tohuwabohu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82207

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