Ein Mensch ist entweder männlich oder weiblich – diese Ansicht ist in den westlichen Gesellschaften selbstverständlich. Die Welt der zwei Geschlechter erscheint ihren Mitgliedern als naturgegeben und unabhängig von ihrem Tun existierend. Dass Geschlecht eine soziale Konstruktion darstellen soll, widerstrebt dieser Auffassung, doch genau dies ist die zentrale These des in dieser Arbeit vorgestellten Sozialkonstruktivismus. Des Weiteren müssen laut Lindemann auch Gefühle und Empfindungen der Individuen bezüglich ihres jeweiligen Geschlechts beachtet werden. Ausgehend von dieser Sichtweise des phänomenologischen Geschlechtskörpers wird in diesem Essay eine phänomenologisch fundierte Betrachtung der Berdache erarbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Geschlechtskörper – verschiedene Sichtweisen
2.1 Der Sozialkonstruktivismus
2.2 Der phänomenologische Körper
2.2.1 Lindemanns erweiterte Sichtweise
2.2.2 Die Verschränkung von Körper und Leib
2.2.3 Das Begehren
2.3 Die Berdache – das dritte Geschlecht
2.3.1 Eine kurze Vorstellung
2.3.2 Darstellung anhand der phänomenologischen Sichtweise
3.Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit das phänomenologische Konzept des Geschlechtskörpers nach Gesa Lindemann auf das Phänomen der „Berdache“ als drittes Geschlecht bei nordamerikanischen Ureinwohnern angewendet werden kann, um deren leibliche Geschlechtserfahrung soziologisch zu greifen.
- Sozialkonstruktivistische Perspektiven auf Geschlecht
- Die phänomenologische Unterscheidung von Körper und Leib
- Die Rolle des Begehrens als soziales Körperwissen
- Kulturelle Konzepte von Geschlecht am Beispiel der Berdache
- Grenzen der Übertragbarkeit westlicher Geschlechtermodelle
Auszug aus dem Buch
2.2.3 Das Begehren
Nach Lindemann ist Begehren soziales Körperwissen und zwar ein binär strukturiertes. Durch den Mechanismus der Verschränkung mit dem Leib ist somit auch die leibliche Empfindung binär strukturiert (vgl. ebd.: 197). Genauer noch „(macht das Begehren) [a]ls sozial produziertes Körper-Wissen (...) spezifische Regionen des Körpers zu signifikanten und andere zu insignifikanten Körper-Formen“ (ebd.: 200). Signifikante Körperformen können dabei nur als ein Geschlecht empfunden werden, sind so nach Lindemann eindeutige und vollständige Formen. Penis, Busen und Vagina sind hier zu nennen. Dagegen sind insignifikante Formen des Körpers, zu denen laut Lindemann Klitoris, Männerbrust und der männliche Innenraum des Körpers gezählt werden können, unvollständig und können daher als entsprechende signifikante Körperformen empfunden werden. Eine Klitoris zum Beispiel kann also als kleiner Penis wahrgenommen werden. Signifikanten Formen ist diese ‚Umwandlung’ nicht möglich, eben aufgrund ihrer geschlechtlichen Eindeutigkeit (vgl. ebd.: 203f.). Sie sind „sicht- und spürbare Regionen des Körpers, die insbesondere im Zusammenhang mit dem sexuellen Begehren Menschen zu Frauen und Männern machen“ (ebd.: 217), wobei Lindemann vor allem den Penis hervorhebt, der durch seine visuell-taktile Dimension den Mann eindeutig sein Geschlecht spüren lässt und zudem das Begehren besonders deutlich macht (vgl. ebd.: 205).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, ob eine phänomenologisch fundierte Betrachtung des Geschlechtskörpers eine Analyse der Berdache als drittes Geschlecht ermöglichen kann.
2. Der Geschlechtskörper – verschiedene Sichtweisen: Dieses Kapitel erläutert den Sozialkonstruktivismus sowie die phänomenologische Leibesphilosophie nach Lindemann und stellt das Konzept der Berdache als mögliches drittes Geschlecht vor.
3.Schluss: Das Fazit stellt fest, dass eine eindeutige Analyse der Berdache auf Basis der gewählten mikrosoziologischen Theorien schwierig ist und westliche Geschlechterkonzepte nicht universell übertragbar sind.
Schlüsselwörter
Geschlechtskörper, Sozialkonstruktivismus, phänomenologische Soziologie, Berdache, drittes Geschlecht, Leib, Körper, Begehren, Geschlechtsidentität, Körperwissen, Leibesinseln, Geschlechterdifferenz, Mikrosoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Konzept des „Geschlechtskörpers“ und prüft, ob dieses theoretische Instrumentarium geeignet ist, die soziale und leibliche Existenz der sogenannten „Berdache“ bei nordamerikanischen Ureinwohnern zu erklären.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen den Sozialkonstruktivismus, die phänomenologische Leibesphilosophie von Gesa Lindemann, die Unterscheidung zwischen Körper und Leib sowie die kulturvergleichende Perspektive auf Geschlechtsidentitäten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung der Frage, wie Berdache ihren eigenen Körper und ihr Geschlecht spüren, basierend auf der Annahme, dass Geschlecht sozial und leiblich konstruiert ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der Anwendung mikrosoziologischer, phänomenologischer Konzepte auf ein spezifisches anthropologisches Phänomen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Definitionen von Körper und Leib, die Rolle des Begehrens bei der Konstruktion geschlechtlicher Identität und die Herausforderungen bei der Einordnung der Berdache in binäre vs. nicht-binäre Systeme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Geschlechtskörper, Berdache, Sozialkonstruktivismus, phänomenologische Soziologie und das Konzept der Leiblichkeit.
Wie unterscheidet Lindemann zwischen Körper und Leib?
Für Lindemann bezieht sich „Leib“ auf das eigene Fühlen und subjektive Empfinden, während der „Körper“ das soziale, äußere Erscheinungsbild und die Zuschreibung durch die Gesellschaft darstellt.
Warum lässt sich das Konzept der Berdache schwer in das westliche Modell integrieren?
Weil das westliche Modell binär strukturiert ist und von einer biologischen Eindeutigkeit ausgeht, während die Berdache-Identität kulturelle Interpretationsräume zulässt, die sich nicht über primäre Geschlechtsmerkmale definieren.
Ist eine abschließende Beantwortung der Forschungsfrage gelungen?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass eine abschließende Analyse im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist, da sie ohne eigene Feldforschung reinen Spekulationen gleichen würde.
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- Manuela Pelzl (Author), 2003, Eine phänomenologische Betrachtung der Berdache. Geschlecht als Konstruktion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82216