Das Thema soziale Sicherung ist in der öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskussion zu einem wahren Dauerbrenner geworden. Das ist nicht verwunderlich wenn man die Entwicklung des sogenannten Sozialstaats etwas näher betrachtet. War dieser Anfang des vergangenen Jahrhunderts zunächst nur verstreut und wenn meist marginal vertreten, erlebte er spätestens nach Ende des zweiten Weltkriegs einen rasanten Aufstieg. Immer mehr europäische Demokratien versuchten den Risiken, die durch Industrialisierung und Kapitalismus entstanden waren, durch staatliche Institutionen den Schrecken zu nehmen und so auch dem fortschreitenden gesellschaftlichen Wandel gerecht zu werden. Daraufhin, in der durch hohes Wachstum geprägten Zeit bis zu den 1970er Jahren, erlebte der Sozialstaat eine beispiellose Expansion und wurde zu einem festen Bestandteil vieler Gesellschaften. Unter dem Druck von Globalisierung und demographischen Wandel, wurde es dann ab den 1980er Jahren immer dringlicher den liebgewonnenen Wohlfahrtsstaat zu reformieren, um ihn den veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Dieser Reformprozess fiel vielerorts schwer und ist oftmals bis heute noch nicht abgeschlossen.
Deutschland, einst Pionier wie Modell, was die soziale Sicherung anbelangt, ist nicht zuletzt durch die Lasten der Wiedervereinigung zu einem Problemfall im europäischen Vergleich geworden. Schon seit Jahren werden hier „Reformstau“ und steigende finanzielle Lasten beklagt.
In dieser Arbeit sollen diese beiden unterschiedlichen Modelle des Sozialstaats in ihrer aktuellen Ausprägung untersucht und miteinander verglichen werden. Dazu wird zunächst ein Überblick über verschiedene Methoden der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung gegeben. Daraufhin werden die maßgeblichen Grundlagen und institutionellen Systeme der sozialen Sicherung beider Länder dargestellt, um so einen vergleichende Betrachtung zu ermöglichen. Ferner wird ein Vergleich beider Wohlfahrtsstaaten nach den Kriterien Gøsta Esping-Andersens durchgeführt, welche in der von mir bearbeiteten Literatur als besonders aussagekräftig herausstachen. Darüber hinaus sei darauf hingewiesen, dass in dieser Arbeit die Begriffe „Sozialstaat“ und „Wohlfahrtsstaat“ als Synonyme gebraucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung
2.1 Die typologische Methode Esping-Andersens
2.2 Esping-Andersens drei Welten der Wohlfahrtsstaaten
3. Soziale Sicherung in Schweden
3.1 Rentenversicherung
3.1.1 Das alte System
3.1.2 Das neue System
3.2 Krankenversicherung
3.3 Arbeitslosenversicherung
4. Soziale Sicherung in Deutschland
4.1 Rentenversicherung
4.2 Krankenversicherung
4.3 Arbeitslosenversicherung
5. Vergleich Deutschland-Schweden nach Esping-Andersen
5.1 Grad der Dekommodifizierung
5.2 Grad der Stratifizierung
5.3 Mischung privater und staatlicher Vorsorge
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die aktuellen Ausprägungen der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland und Schweden. Dabei wird analysiert, wie diese unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsmodelle auf aktuelle Herausforderungen wie demografischen Wandel und wirtschaftlichen Druck reagieren.
- Vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung nach Gøsta Esping-Andersen
- Institutionelle Analyse der Alterssicherung, Kranken- und Arbeitslosenversicherung
- Gegenüberstellung der Dekommodifizierung und Stratifizierung
- Bewertung der Leistungsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit beider Sozialstaatsmodelle
- Rolle privater Vorsorge innerhalb der nationalen Sozialsysteme
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Das neue System
Mit der Rentenversicherungsreform von 1994 wurde das bisherige System maßgeblichen Veränderungen unterzogen, wovon die Einführung einer kapitalgedeckten Zusatzversorgung wohl am wegweisendsten war. Das neue System finanziert sich über Beiträge auf den Bruttolohn von 18,5%. Diese werden nun zur Hälfte von den Arbeitnehmern und zur anderen Hälfte von den Arbeitgebern bezahlt.
Das neue Umlagesystem
Die bisherigen zwei Umlagesysteme wurden zu einem neuen zusammengefasst. Der größte Teil des Rentenbeitrags (16%) fließt in dieses neue System. Das neue an diesem System ist die Einrichtung von fiktiven Rentenkonten für jeden Einzahler. Jedes Jahr werden diesem Konto die jeweils gezahlten Beiträge gutgeschrieben. Durch diese Konten werden die späteren Renten gerechter, da sie mehr von den bisherigen Einzahlungen abhängig sind. Erreicht der Versicherte das Mindestrentenalter von 61, kann er nun seine Rente beziehen. Diese berechnet sich dann aus dem Guthaben auf dem fiktiven Konto geteilt durch die durchschnittliche weitere Lebenserwartung der entsprechenden Altersgruppe (es werden hier keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gemacht). Die Rente erhöht sich also, je länger man arbeitet (maximal bis 70).20 Die Möglichkeit, freiwillig länger als bis 65 zu arbeiten und die Verschlechterung der Bezüge von potenziellen Frührentnern, sollen motivieren, möglichst lange zu arbeiten, um die Belastung für die Rentenkasse zu verringern. So beträgt die Rente. die man mit 61 erhält, im Schnitt nur 72% der Rente, die man mit 65 (100%) erhalten würde. Geht man jedoch erst mit 70 in Ruhestand erhält man im Schnitt ganze 157% der Standardrente. Um die Inflation auszugleichen, wird das Guthaben auf dem Rentenkonto jeweils an die durchschnittliche Lohnentwicklung in Schweden angepasst. Erziehungs- und Ausbildungszeiten werden im Gegensatz zum alten System mit berücksichtigt.21
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung des Sozialstaats ein und umreißt die Fragestellung des Vergleichs zwischen Deutschland und Schweden.
2. Vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Ansätze der vergleichenden Sozialstaatsforschung und stellt insbesondere das Typologie-Modell von Gøsta Esping-Andersen vor.
3. Soziale Sicherung in Schweden: Eine detaillierte Untersuchung der schwedischen Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung unter Berücksichtigung der universalistischen Ausrichtung.
4. Soziale Sicherung in Deutschland: Ein Überblick über die historischen Wurzeln und das heutige System der deutschen Sozialversicherung sowie deren aktuelle Reformen.
5. Vergleich Deutschland-Schweden nach Esping-Andersen: Hier werden die Länder anhand der Kriterien Dekommodifizierung, Stratifizierung sowie dem public-private mix miteinander verglichen.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Zukunftsfähigkeit sowie die Reformansätze beider Wohlfahrtsstaaten.
Schlüsselwörter
Sozialstaat, Wohlfahrtsstaat, soziale Sicherung, Deutschland, Schweden, Esping-Andersen, Rentenversicherung, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Dekommodifizierung, Stratifizierung, Reformpolitik, Sozialpolitik, Umlageverfahren, Kapitaldeckung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die sozialen Sicherungssysteme Deutschlands und Schwedens, um ihre aktuelle Struktur und Anpassungsfähigkeit an veränderte Rahmenbedingungen zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Alterssicherung, die Gesundheitsvorsorge sowie die Arbeitslosenversicherung in beiden Ländern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Modelle beider Länder auf Basis der Wohlfahrtsstaatsforschung von Esping-Andersen zu analysieren und zu prüfen, wie sie den Wandel vom fürsorgenden zum aktivierenden Staat bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird primär die typologische Methode nach Esping-Andersen genutzt, ergänzt durch einen institutionellen Vergleich der jeweiligen Sozialversicherungszweige.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil bietet eine detaillierte Darstellung der Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung in beiden Ländern sowie eine komparative Analyse anhand der Kriterien Dekommodifizierung und Stratifizierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Sozialstaat, Wohlfahrtsstaat, Dekommodifizierung, Stratifizierung, Rentenreform und die jeweiligen nationalen Sicherungssysteme.
Wie unterscheidet sich die schwedische Krankenversicherung vom deutschen System?
In Schweden ist das Gesundheitswesen stärker staatlich organisiert und dezentral über Bezirke verwaltet, während in Deutschland ein paritätisch finanziertes Versicherungssystem mit unterschiedlichen Kassenarten vorherrscht.
Welche Rolle spielt die Rentenreform in beiden Ländern?
Beide Länder haben ihr Rentensystem reformiert, indem sie teilweise kapitalgedeckte Elemente eingeführt haben, um dem demografischen Druck entgegenzuwirken.
Warum wird Schweden im Fazit als "Musterschüler" bezeichnet?
Schweden konnte durch frühzeitige und konsequente Reformen seine Sozialsysteme stabilisieren und die Arbeitsmarktsituation verbessern, was das Land im Vergleich zu Deutschland zukunftsfähiger erscheinen lässt.
- Quote paper
- Philipp Alvares de Souza Soares (Author), 2007, Soziale Sicherungssysteme. Vergleich Deutschland - Schweden, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82300