Bildungsvorstellungen und Bildungserwartungen von Eltern aus so genannten bildungsfernen Milieus für ihre Kinder

Eine qualitative Studie im Rahmen von leitfadengestützten Interviews unter Einbeziehung der Bildungsbiographie der Eltern


Examensarbeit, 2006

99 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom Klassenbegriff zum Milieubegriff

3. Soziale und kulturelle Reproduktion
3.1 Soziale und kulturelle Reproduktion durch das Elternhaus
3.2 Soziale und kulturelle Reproduktion durch die Schule

4. Auswahl der Erhebungsmethode
4.1 Das leitfadengestützte Interview
4.2 Biographie- und Lebensstilforschung als zentrale
4.3 Vorbereitung und Durchführung der Interviews
4.4 Auswertung der Interviews

5. Interview 1: Familie Jakob
5.1. Vor dem Interview: Der erste Eindruck
5.2 allgemeine Biographie und Bildungsbiographie
5.3 Einstellungen gegenüber der Schule
5.5 Transkript des Interviews

6. Interview 2: Familie Rick
6.1 Vor dem Interview: Der erste Eindruck
6.3 allgemeine Biographie und Bildungsbiographie
6.4 Einstellungen gegenüber der Schule
6.5 Bildungsvorstellungen und Bildungserwartungen
6.6 Transkript des Interviews

7. Vergleich der Ergebnisse

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Zusammenhang von sozialen Milieus und Bildung. Wie schon im Titel zu erkennen ist, geht es hier besonders um bildungsferne Milieus, also um Menschen mit niedriger oder sogar ganz ohne Bildung. Gemeinhin verstehen wir in unserer postmodernen Gesellschaft unter Bildung fast ausschließlich Schulbildung. Spricht man also von Bildungsfernen, so sind Menschen ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung gemeint. Bildungsabschlüsse gelten als Garant für die Chance auf einen gesicherten Lebensunterhalt; je höher der Bildungsabschluss, umso anerkannter ist ein Mensch in der Gesellschaft, und umso sicherer sind seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings beginnt dieses Bild durch die fortschreitenden gesellschaftlichen Veränderungen zu schwanken. Auch immer mehr Akademiker sind arbeitslos, und der Bildungsabschluss scheint als Garantie für einen sicheren Arbeitsplatz an Wert zu verlieren. Dennoch gilt noch immer die Faustregel: je höher der Bildungsabschluss, desto geringer die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu werden.[1]

Der Kampf um Arbeitsplätze hat längst begonnen. Die Positionierung der Unternehmen auf dem Weltmarkt, die Fusion großer Firmen zu Megakonzernen und die daraus resultierenden Rationalisierungen fordern zunehmend Opfer: Menschen ohne Bildungszertifikate. Sie zählen meist als erstes zu den Entlassenen, finden nur schwer eine neue Arbeitsstelle und werden meist schlecht bezahlt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass es ihnen häufig nicht nur an Bildung, sondern auch an Selbstvertrauen und Selbstsicherheit fehlt. Einen Bildungsabschluss zu haben, bedeutet etwas vorweisen zu können. In unserer Gesellschaft belegt man mit einem Abschluss sein Wissen und seine Intelligenz, und das gibt Selbstbewusstsein. Bildungsferne Menschen werden leicht, ohne nachzufragen, als faul oder gar dumm verurteilt. Diese fehlende gesellschaftliche Anerkennung ist oft auch Ursache für Langzeitarbeitslosigkeit und den sozialen Abstieg. Um die eigenen Kinder vor diesem Schicksal zu bewahren, wird für diese meist ein guter Schulabschluss angestrebt.

Mittels einer qualitativen Studie möchte ich versuchen einen Blick auf diese Hintergründe zu werfen. Sind Menschen ohne Abschluss tatsächlich freiwillig und aus eigener Entscheidung bildungsfern? Die oben genannten Nachteile für Bildungsferne sprechen vehement gegen diese These. Niemand kann stolz auf etwas sein, was er nicht erreicht hat, aber man kann versuchen seinen Kindern eine bessere Lebenssituation zu bieten, als die eigene. Der Ausbruch aus dem bildungsfernen Milieu kann durch die Kinder verwirklicht werden. Schule muss ihnen als Chance und Zweck zum Erreichen der persönlichen Ziele dargestellt werden, denn schulischer Erfolg ist immer mit besseren Zukunftschancen und zahlreicheren beruflichen Perspektiven verbunden. Nicht selten fordern Eltern Leistungen von ihren Kindern, die sie selbst nie erbringen konnten. Sie wollen ihren Kindern Chancen bieten, die sie selber nicht bekommen haben. Wie viel Eltern für die schulische Laufbahn ihrer Kinder tatsächlich tun, was für sie Schule bedeutet und wie Kinder möglicherweise auch unter den Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen, die sich ihre Eltern für sie zurechtgelegt haben, leiden müssen, wird sich in den Interviews der Studie zeigen. Die Ergebnisse sind zum Teil erschütternd. Sie stellen die Bedeutung der Schule im Kampf um den sozialen Aufstieg dar und spiegeln gleichzeitig die Abneigungen und Ängste der Eltern gegenüber der Institution Schule wider, die sich aus der eigenen Bildungsbiographie ergeben.

Die Tatsache, dass Bildung in Deutschland, wie in keinem anderen europäischen Land von der sozialen Herkunft abhängt[2], lässt vermuten, dass Schule ihrer Funktion als herkunftsunabhängige und chancengleiche Bildungsinstitution nicht gerecht wird.

Die mögliche Korrelation zwischen Eindrücken der eigenen Schulzeit und den heutigen Erfahrungen mit Schule durch die eigenen Kinder, ist zentraler Schwerpunkt dieser Arbeit. Inwieweit wirken die eigenen Erlebnisse auf die Einstellungen zur Schule heute ein, und welche Rolle spielen positive oder negative Erlebnisse der eigenen Schulzeit dabei? Welches Bild von Schule wird den Kindern durch das Elternhaus vermittelt und inwieweit kann dies die Vorgänge der sozialen und kulturellen Reproduktion begünstigen?

Schule muss gerade in der heutigen Zeit, in der Leistungsdruck schon beim Schuleintritt beginnt, kritisch betrachtet werden. Dies ist auch mit Blick auf die Ausweitung der Ganztagsschulen dringend nötig. Greifen Ganztagsschulen wirklich in dem Maße in die soziale Reproduktion ein, wie erhofft wird oder verstärkt sich diese so nur noch mehr? Welche Funktion haben Lehrerinnen und Lehrer in diesem Zusammenhang? Inwieweit ist die Schule als Institution überhaupt noch zeitgemäß in der Lage auf die veränderten Bedürfnisse und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler einzugehen und sie als Individuen zu fördern? Im letzten Teil der Arbeit sollen diese kritischen Fragen, besonders im Hinblick auf die Ergebnisse der qualitativen Interviews erneut aufgegriffen werden.

2. Vom Klassenbegriff zum Milieubegriff

In diesem Abschnitt möchte ich versuchen die Begriffe „soziales Milieu“ und „bildungsfernes Milieu“ zu verdeutlichen. Dazu ist eine Darstellung der verschiedenen Ungleichheitstheorien erforderlich, durch welche die Bedeutung der Terminologie „Milieu“ für unsere Gesellschaft ersichtlich wird. Die Darstellung der sozialen Lage einer Gesellschaft ohne eine Einbeziehung der sozialen Milieus ist heute fast undenkbar.

Soziale Ungleichheit spiegelt sich in fast allen Gesellschaftsbereichen auf allen Teilen der Welt wider. Dabei ist mit sozialer Ungleichheit nicht nur der Unterschied zwischen „arm“ und „reich“ und die ungleiche Verteilung des ökonomischen Kapitals und der Ressourcen gemeint, vielmehr können auch ungleiche Bildungs- und Arbeitsmarktchancen, Wohn- und Arbeitsbedingungen, die soziale Herkunft und Hautfarbe, sowie das Geschlecht Ursachen für soziale Benachteiligung sein.[3] Die Faktoren, welche bewirken, dass Menschen zu höhergestellten oder benachteiligten Personenkreisen gehören, haben sich im Laufe der Jahrhunderte durch den Wandel der Gesellschaft ebenfalls verändert. Die Entwicklung von der mittelalterlichen Ständegesellschaft bis hin zu einer postmodernen Dienstleistungsgesellschaft vollzog sich in seinen Phasen mal schneller mal langsamer, stets jedoch mit Veränderungen, die keine Garantie vor dem Verlust des eigenen Status gewähren konnte. Mit der fortschreitenden Modernisierung der Gesellschaft war auch die Gesellschaftsordnung einem zunehmenden Wandel unterworfen. Besonders neue Erfindungen und Entdeckungen, aber auch die Menschen selbst, sorgten im Laufe der Jahrhunderte dafür, dass die bestehende Ordnung demokratischer und das Leben selbstbestimmter wurde.

Im 16. und 17. Jahrhundert bestand die Gesellschaftsordnung aus Ständen. In einen bestimmten Stand wurde man hineingeboren. Der gesellschaftliche Status hing also von der familiären Herkunft ab und in der Regel galt dies für ein ganzes Leben, denn die Aufstiegschancen waren sehr beschränkt.[4] Die Ständegesellschaft folgt einer stark hierarchischen Ordnung und wird in drei Gruppen eingeteilt. Das höchste Ansehen hatten Adel und Klerus, den untersten und gleichzeitig größten Teil der Gesellschaft bildeten die Bauern. Diese feudalistische Gesellschaftsordnung wandelte sich jedoch im späten Mittelalter, insbesondere in den Städten hin zu einer Vier-Ständegesellschaft. Es bildete sich durch Handel, Handwerk und Dienstleistung eine Art Mittelschicht, das Bürgertum, heraus. Die rechtlichen Bedingungen der Menschen untereinander änderten sich und auch ihre Beziehungen zueinander wurden anonymer. Die Gesellschaft modernisierte sich.[5]

Nach und nach wurde die Ständegesellschaft durch die Entwicklung der vorindustriellen Gesellschaft zur frühindustriellen Gesellschaft von einer klassenähnlichen Gesellschaft abgelöst.[6] Hierbei spielten besonders die Befreiung der Bauern, die Einführung des Merkantilismus, sowie die Durchsetzung der Gewerbefreiheit eine wichtige Rolle.[7] Aufgrund dieser Entwicklungen erhielten die Menschen ein höheres Maß an Freiheit und Selbstbestimmung, was bisher durch rechtliche Grundlagen unterdrückt worden war.

In der industriellen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts galten der Besitz und das Kapital als wichtigste Indizien für eine angesehene gesellschaftliche Stellung. Technischer Fortschritt und neue Erfindungen kennzeichnen diese gesellschaftliche Epoche ebenso, wie zunehmende Massenproduktion, Ausbeutung von Arbeitskraft und Gewinnmaximierung. Erst jetzt kann man von einer Klassengesellschaft sprechen, da sich hier Besitzende und Nichtbesitzende, also Menschen mit gegensätzlichen Interessen, gegenüber stehen. In einer Klassengesellschaft stehen sich einerseits die zahlenmäßig kleinere herrschende Gruppe und eine große Gruppe von Menschen, die so genannten Proletarier gegenüber. Die herrschende Klasse verfügt über Macht und unterscheidet sich von den Proletariern durch ihren Besitz an Produktionsmitteln.[8] Nach Max Weber, neben Karl Marx einer der bedeutendsten Begründer der Klassentheorie, teilt sich die Gesellschaft in eine Besitz- und eine Erwerbsklasse auf. Angehörige dieser Klassen befinden sich, ihm zufolge, in etwa der gleichen Ausgangslage, was ein Grund für die Entstehung von Klassen ist. Marx geht weiter, indem er behauptet nicht allein der Besitz und das Einkommen mache die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse aus. Er unterscheidet zwischen einer „Klasse an sich“, die aufgrund des Kapitals und der damit einhergehenden ökonomischen Lebenslage ihrer Mitglieder besteht und einer „Klasse für sich“, die durch das Bewusstsein, die Identifikation mit der Klasse und die Solidarisierung ihrer Mitglieder entsteht.[9] Hierbei wird schon deutlich, dass es nicht nur die äußeren Merkmale sind, die eine Klassenzugehörigkeit ausmachen, auch soziale Faktoren spielen dabei eine Rolle.

Das Gesellschaftsmodell der „Klasse“ ist nie gänzlich von einem anderen abgelöst worden und existierte bis ins neue Jahrtausend hinein neben anderen Modellen weiter. Jedoch ist die klare Einteilung in Klassen, aufgrund von ökonomischen Merkmalen, wie sie bei Marx und Weber vorkommt nicht mehr aktuell.[10] Die gesellschaftlichen Strukturen sind um einiges komplexer, als dass man sie nur nach einem Ordnungsprinzip charakterisieren könnte.[11]

Bourdieu fügte dem Begriff der Klasse, welcher sich aufgrund der Theorien von Marx, insbesondere auf das ökonomische Kapital bezog, weitere Kapitalformen hinzu. Jedoch beruht auch die Theorie Bourdieus auf der marxistischen Grundvorstellung, nach welcher die Gesellschaft in Ober-, Mittel, und Unterklasse, bzw. Proletariat eingeteilt ist. Bourdieu behauptet dagegen aber auch, eine Gesellschaft teile sich nicht nur nach ökonomischen Voraussetzungen in unterschiedliche Klassen auf und ergänzt das ökonomische Kapital durch das soziale, kulturelle und symbolische Kapital. Diese drei Kapitalformen bilden demnach die Grundlage für die Unterscheidung der gesellschaftlichen Klassen. Wobei das ökonomische Kapital bei Bourdieu, im Gegensatz zur Auffassung der Marxisten, nur die Güter umfasst, welche direkt in Geld umgesetz werden können.[12]

Unter sozialem Kapital versteht Bourdieu die Gesamtheit der tatsächlichen und potentiellen Ressourcen, die sich aus dem Netzwerk sozialer Beziehungen von Menschen ergeben. Es umfasst die Quantität als auch die Qualität dieser Beziehungen, und stellt damit dar in welchem Maße das Individuum an der Gesellschaft teilnimmt.[13] Bedeutender als das soziale kann jedoch das kulturelle Kapital angesehen werden. Hier unterscheidet Bourdieu zwischen inkorporiertem, objektiviertem und institutionalisiertem Kulturkapital, allerdings kann man nach den Ausführungen von Honneth sagen, dass es sich beim kulturellen Kapital vornehmlich um Bildungskapital, also um die „Menge und Güter der erworbenen Schulabschlüsse“[14] handelt. Schließlich bleibt noch das symbolische Kapital, welches unabdingbar für die Durchsetzung der soeben aufgeführten Kapitalsorten ist. Das symbolische Kapital sorgt dafür, dass die Hierarchie, die sich aus den Kapitalsorten ergibt, erhalten bleibt, indem es die Existenz der Kapitalformen, sowohl gegenüber den Herrschenden als auch gegenüber den Beherrschten legitimiert.

Aufgrund dieser Kapitalformen bilden sich Klassen, die sich, nach Bourdieu, durch das Habituskonzept erhalten. Dieses Konzept besagt, dass die Angehörigen der Klassen stets entsprechend ihrer Klasse handeln, ohne sich dessen bewusst zu sein oder individuellen Nutzen daraus zu ziehen.[15] Sie versuchen sich durch das Prinzip der Distinktion von anderen Klassen abzugrenzen und ihrer Klasse eine Höherwertigkeit zuzuschreiben. Dadurch entsteht ein klassenspezifischer Geschmacks- und Lebensstil, der sich auf alle Bereiche des Lebens erstreckt.[16] Angehörige der „Mittelklasse“ beispielsweise versuchen sich vom Proletariat abzugrenzen und ihren Lebensstil dem der „Oberklasse“ anzupassen, indem sie ihren Mangel an ökonomischem und kulturellem Kapital durch Bildungseifer und Opferbereitschaft kompensieren.[17] Die Oberklasse will ihre Position in dieser gesellschaftlichen Hierarchie natürlich nicht verlieren und bemüht sich daher stets um ein hohes Maß an Exklusivität und Individualität. Die Unterklasse hingegen gibt sich aufgrund ihrer, sowohl in ökonomischer als auch kultureller Hinsicht begrenzten Mittel einem hedonistischen und materialistischen Lebensstil hin, der sich auf die Entscheidung für finanziell erreichbare Vergnügungen und praktische Kulturgüter ausrichtet.[18]

Innerhalb der einzelnen Klassen finden ebenfalls soziale Kämpfe statt, die denen zwischen den Klassen entsprechen. Diese inneren Kämpfe ergeben sich aus der Hierarchie, die sich innerhalb der Klassen gebildet hat. Man könnte also von interklassischen und intraklassischen sozialen Kämpfen sprechen. Nach Bourdieu beruht die Hierarchie innerhalb der Klassen auf den Berufsgruppen, die sich hier angeordnet haben.

In Bezug auf diese Arbeit kann man daraus folgernd sagen, dass Bildungsferne, aufgrund ihres Mangels an kulturellem, und daher meist auch ökonomischem Kapital der untersten Klasse angehören. In diesem Zusammenhang spielt auch die kulturelle bzw. soziale Reproduktion eine wichtige Rolle. Sie besagt, dass die soziale Stellung und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse sozusagen an die Nachfolgegeneration vererbt wird. Innerhalb dieses Reproduktionsprozesses spielt die Schule eine nicht unerhebliche Rolle, da sie für die „unterschiedlichen sozialen Klassen zum Fokus für ihre Reproduktionsstrategien“[19] wird. Sie bietet die Chance auf Erfolg mittels der, durch sie vergebenen Titel und Abschlüsse und bietet so eine Plattform für die Bildungsbestrebungen der sozialen Klassen. Durch sie kann kulturelles Kapital angehäuft und somit die Position im Kampf um die Verteilung der Güter verbessert werden. Diesen Aspekt werde ich jedoch an späterer Stelle noch genauer ausführen.

In entwickelten Industriegesellschaften, seit dem 20. Jahrhundert, gibt es immer mehr Menschen in unselbstständigen Arbeitsverhältnissen ohne eigene Besitztümer. Durch die industrielle Entwicklung bilden sich immer mehr Berufsgruppen heraus, die sich nach der, für sie erforderlichen Bildung unterscheiden lassen. Die Gesellschaft wird durch diese Entwicklung vielfältiger, die Übergänge werden fließender. So schließt beispielsweise unselbstständige Arbeit Besitztum nicht aus, wie es in Klassengesellschaften der Fall wäre. Als Reaktion darauf beginnt man die Gesellschaft in Schichten zu unterteilen, um so neue Formen der Ungleichheit sichtbar zu machen und besser differenzieren zu können.

In Schichtengesellschaften spielen die Berufsgruppen eine besondere Bedeutung für die Unterteilung der Gesellschaft. Während in Klassengesellschaften vorrangig nach Besitz unterschieden wird, ergibt sich hier eine Unterscheidung nach Einkommen, beruflichem Prestige und Qualifikation.[20] Die Ungleichheit in Schichtengesellschaften basiert also auf einer Berufshierarchie. Im Vergleich zu Ständegesellschaften, in denen der Aufstieg in einen anderen Stand praktisch rechtlich unmöglich war, bietet sich hier eine offenere Form der Ungleichheit dar. Auch in Klassengesellschaften wird soziale Mobilität, aufgrund der wirtschaftlichen Machtverhältnisse, die in ihnen herrschen, erschwert. In einer Gesellschaft, deren Ungleichheit sich in der Berufshierarchie widerspiegelt, ist ein Aufstieg eher möglich, da er, im Gegensatz zu den oben genannten Gesellschaftsformen, weniger von äußeren Faktoren abhängt, als vom persönlichen Engagement und Ehrgeiz des Einzelnen. Jedoch gibt es auch hier Barrieren, die schwer zu überbrücken sind. Beispielsweise ist es für ein Arbeiterkind viel schwieriger zu studieren, als für ein Kind aus einer Akademikerfamilie. Jedenfalls spiegelt sich dies in allen Untersuchungen zu sozialer Ungleichheit und Bildung wider.[21] Schichtengesellschaften sind also nur auf den ersten Blick offener für soziale Mobilität, die Hürden des sozialen Aufstiegs sind noch immer vorhanden, jedoch in subtilerer und weniger offensichtlicher Art und Weise.

Die postindustrielle Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die Mehrheit der Arbeitenden nicht mehr in der Industrie, sondern im Dienstleistungssektor tätig ist.[22] Der Wohlstand in diesen Gesellschaften ist meist hoch und neben der Arbeit kommt auch der Freizeitgestaltung ein hoher Wert zu. Missverhältnisse entstehen nicht mehr nur durch die Güter, die im Zusammenhang mit dem Berufsleben Bedeutung haben, vielmehr werden auch Freizeitbedingungen und gesunde Umwelt zu Aspekten, die Menschen voneinander unterscheiden.[23] Neben diesen ökonomischen Ungleichheiten erlangen auch gute oder schlechte Lebensbedingungen von Menschen, eine hohe Bedeutung. Neben den alten Dimensionen der sozialen Ungleichheit, wie Geld, Macht und Prestige spielen hier auch soziokulturelle Faktoren, wie Alter, Geschlecht, Wohnbedingungen, familiäre und ethnische Herkunft, sowie allgemeine Interessen eine große Rolle.[24] Durch die Pluralisierung der Gesellschaft haben sich auch die Divergenzen, die in ihr herrschen verändert und vervielfältigt. Sie sind nicht mehr so klar einzuteilen, wie in Stände- und Klassengesellschaften. Rechtlich gesehen sind seitdem viele Barrieren gefallen und vertikale Mobilität ist erleichtert worden. Soziale Ungleichheiten sind jedoch noch immer vorhanden, wenn auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

In postmodernen Gesellschaften spricht man nicht mehr von Ständen, und die Oberbegriffe „Klasse“ und „Schicht“ sind durch differenziertere Ausdrücke ergänzt worden. Zwar wird die grobe Einteilung der Bevölkerung in Ober-, Mittel-, und Unterschicht beibehalten, alleine ist sie aber für unsere pluralistische Gesellschaft nicht mehr aktuell. Die Begriffe Milieu und Lebensstil haben sich, aufgrund der Vielfältigkeit und Pluralität der Gesellschaft mit ihren veränderten Lebensbedingungen durchgesetzt und Klassen- und Schichtbegriff ergänzt. Dennoch sind die Bezeichnungen „Lebensstil“ und „Milieu“ nicht gänzlich neu: so wurden sie beispielsweise von Montesquieu und anderen französische Aufklärer benutzt, um „ein Ensemble von äußeren (natürlichen, sozialen und geistigen) Kräften zu kennzeichnen“.[25] Auch die klassischen Soziologen, wie beispielsweise Emile Durkheim verwendeten den Begriff des sozialen Milieus, um die soziale Umgebung des Menschen ins Blickfeld zu rücken.[26] Hierzu sei auch die Milieutheorie erwähnt, welche besagt, dass die Entwicklung des Menschen nicht erblich festgelegt ist, sondern durch die, ihn umgebende Umwelt, also das soziale Milieu geprägt wird.[27] Die Entwicklung des Menschen ist demnach eine Folge von Lernprozessen und nicht, wie vielfach behauptet wird, anlagebedingt. In klassischen Milieukonzepten geht man davon aus, dass sich Menschen in ähnlichen Lebenslagen mit ähnlichen äußeren Lebensbedingungen auch in ihrer inneren Haltung und Einstellung kaum unterscheiden.[28] Kurz gesagt bedeutet dies, dass die objektiven Lebensbedingungen den subjektiven Geschmack prägen, wie es auch in der Klassentheorie Bourdieus der Fall ist. Neuere Konzeptionen gehen allerdings davon aus, dass der Mensch zwar durch seine Lebensbedingungen beeinflusst und in erheblichem Maße auch begrenzt wird, jedoch durch sie nicht völlig geprägt ist.[29] In sozialen Milieus werden Menschen zusammengefasst, die eine ähnliche Wahrnehmung ihrer Umwelt und demzufolge auch eine ähnliche Werthaltung, ähnliche Prinzipien zur Lebensgestaltung und vergleichbare Einstellungen haben.[30] Angehörige eines sozialen Milieus haben also eine ähnliche subjektive Wahrnehmung und gemeinsame Werte, die sie, von denen anderer Milieus unterscheiden. Man gehört also einem Milieu an, weil man den in ihm vorherrschenden Lebensstil und die Werthaltung teilt. Diese Ähnlichkeiten können aber nie vollkommen losgelöst von den äußeren, also objektiven Lebensbedingungen gesehen werden, da sich eines aus dem anderen ergibt und umkehrt.

Der Begriff Lebensstil bezeichnet ein System von Handlungen und wurde zunächst von Simmel geprägt. Weber benutzte stattdessen den verwandten Begriff „Lebensführung“ und bezeichnete damit die „aktive und planvolle Gestaltung des Lebens des Einzelnen gemäß kulturspezifischer normativer Vorstellungen.“[31] Der Begriff des „Stil“, zunächst nur im künstlerischen Bereich verwendet, wurde im Laufe der 80er Jahre auch auf das System alltäglicher Handlungen von Menschen übertragen, was als Alltagsästhetik bezeichnet wird.[32] Diese macht, neben der Alltagsethik, welche ein System von Pflichtvorstellungen bezeichnet, den Begriff der Lebensführung aus. Schulze betont innerhalb dieser Alltagsästhetik besonders den Begriff der Lust. Der Mensch handelt nachdem, wozu er Lust hat und diese Lust ist symbolischer Ausdruck von sozialer Differenzierung.[33]

In Milieu- und Lebensstiltheorien existiert vertikale Mobilität, also sozialer Auf- und Abstieg nicht in dem Sinne wie in Klassen- und Schichtenmodellen. Milieus sind nur zum Teil übereinander angeordnet, sie bestehen auch nebeneinander. Da es sich um, von Soziologen gebildete künstliche Kategorisierungen handelt, kommt es zwangsläufig zu Überschneidungen und Doppelzugehörigkeit.[34] Die Einteilung der Bevölkerung in bestimmte Gruppen ist daher äußerst komplex und die Grenzen der sozialen Milieus sind fließend. Hradil führt als Beispiel für eine Unterteilung der Gesellschaft eine These an, nach welcher es in unserer Gesellschaft eine Entwicklung von Materialismus hin zum Postmaterialismus gibt. Dies bedeutet, dass für immer weniger Menschen die Vermehrung ihrer Besitztümer und die Erfüllung ihrer Pflichten an oberster Stelle stehen. Dagegen haben Kommunikation und Selbstverwirklichung für die Menschen an Bedeutung gewonnen.[35] Es hat also ein Wertewandel stattgefunden, der sich auch in den sozialen Milieus wieder finden lässt und nach dem man Menschen kategorisieren kann. Insbesondere jüngere und gebildete Menschen können als Postmaterialisten bezeichnet werden, während der Wertewandel bei weniger gebildeten Menschen eher zögernd verläuft. Hier fällt der Begriff Bildung auf, der bei einer Kategorisierung in Milieus eine wesentliche Rolle spielt und später noch näher betrachtet werden muss.

Untersuchungen, wie die bekannte SINUS-Studie, haben versucht Kombinationen von Werthaltungen zu bilden aus denen sich Wertgruppierungen ergeben. Diese Gruppen sind als homogen zu bezeichnen, jedoch bezieht sich diese Homogenität nicht so sehr auf die äußeren Lebensbedingungen der Menschen. Die Gemeinsamkeiten liegen vielmehr im Verhalten und Denken der Angehörigen eines sozialen Milieus, also in der Mentalität.[36] Seit dem Beginn der Milieuforschung in den frühen 80er Jahren haben sich die sozialen Milieus stark gewandelt.[37] Die rasante elektronische Entwicklung der letzten 25 Jahre, sowie materielle, ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen in Deutschland, zu denen nicht zuletzt der Fall der Mauer und die seit dem 11. September herrschende Angst vor dem Terror gehören, tragen zu Wertewandel und Umdenken in der Bevölkerung bei. Auch Bildung und Bildungschancen spielen bei der Entwicklung der Milieus eine wichtige Rolle. Der Übergang in anderes soziales Milieu ist stets möglich und kann sich durch veränderte berufliche oder private Gegebenheiten vollziehen. Jedoch ist dieser Wechsel meist sehr schwer, wenn er aus eigener persönlicher Entscheidung heraus erfolgen soll. Sozialisationserfahrungen, persönliche Einstellungen und enge soziale Kontakte binden den Menschen stark an das Herkunftsmilieu und erschweren somit den Übergang in ein anderes Milieu.[38] Die Einteilung in soziale Milieus oder auch in Lebensstilgruppen ist besonders für die Marktforschung sehr interessant, da sich hier individuelle Vorlieben und Werte abbilden und erkennen lassen. Auch die Zielgruppenforschung kann sich dies zu Nutze machen. Neben den Dimensionen Freizeit und Familie spiegeln sich aber auch politische Einstellungen und Parteipräferenzen wider, was der Wählerforschung zu Gute kommen kann.[39]

Das Sinus-Institut bietet hier für Politik und Wirtschaft empirische Studien an und ist aufgrund langjähriger Forschung auf diesem Gebiet Marktführer. Die empirischen Daten werden quantitativ mittels eines Indikators ermittelt, nach welchem die Personen bestimmter Gruppen bzw. Milieus zugeordnet werden können. Die standardisierten Befragungen finden schriftlich, telefonisch oder online statt und dauern in der Regel nur zehn bis zwölf Minuten. Die Interviewten äußern sich zu bestimmten Aussagen, die im so genannten Milieuindikator verwendet werden. Diese Aussagen spiegeln ein Spektrum von Lebenswelten mit ihren typischen Wertsyndromen wider. Je nach Ähnlichkeit der Antwortmuster werden die Befragten den Milieus zugeordnet. Hilfreich ist hier die Eichstichprobe, eine Sammlung typischer Milieuvertreter, die durch eine Milieuexploration herausgebildet wurde. Da die, im Indikator festgelegten, Aussagen ständigem Wandel unterliegen, müssen sie immer wieder durch andere Items ersetzt werden. Als Beispiel wird hier die Aussage zum Umweltbewusstsein angeführt. Dies ist heute zur sozialen Norm geworden und musste daher durch konkrete Aussagen zum Umweltverhalten ersetzt werden.[40]

Exemplarisch für die Bezeichnungen der einzelnen Milieus und zum besseren Verständnis aller oben ausgeführten Erläuterungen, möchte ich hier eine aktuelle Graphik der Sinus-Studie zu den sozialen Milieus in Deutschland anführen.

Die Sinus-Milieus® in Deutschland 2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: www.sinus-sociovision.de/2/2-3-1.htm (19.09.06)

Hier hat die Einteilung der Bevölkerung, nach sozialer Lage, unterteilt in Schichten stattgefunden. Diese Schichten ergeben sich auf der Grundlage der Dimensionen Einkommen, Bildung und Beruf. Weitere Kategorie ist die Grundorientierung, die sich von traditionell bis postmodern erstreckt. Innerhalb dieser Kategorien lassen sich die sozialen Milieus verorten, deren Bezeichnungen entsprechen der Werte und Mentalitäten der Menschen gewählt wurden. Deutlich erkennbar ist nun einerseits die schichtenabhängige Anordnung der Milieus, andererseits werden aber auch das Nebeneinander und die Überschneidung der einzelnen Milieus sichtbar. Soziale Milieus sind also nicht eindeutig einer bestimmten Schicht zuzuordnen, sie beziehen bis zu drei Schichten mit ein, wie es beispielsweise beim Milieu der bürgerlichen Mitte der Fall ist. Die Unzulänglichkeit einer Ordnung der Gesellschaft allein anhand des Schichtenmodells wird somit deutlich. Auch eine Einteilung, die sich nur auf die Grundorientierung der Menschen bezieht, wie es in der oben angeführten These von Hradil der Fall ist, wäre zu einseitig, denn auch hier gibt es wieder Überschneidungen. Die Milieudarstellung zeigt ein deutliches Bild unserer postmodernen, pluralistischen Gesellschaft mit einer Vielzahl von Werten, Mentalitäten und Einstellungen, die durch äußere Lebensbedingungen gerahmt werden.

Es ist nun deutlich geworden, dass die Mitglieder der Gesellschaft nicht nur aufgrund ihrer äußeren Lebensbedingungen ungleich sind, sondern auch angesichts ihres Verhaltens, ihrer Ansichten und Einstellungen, sowie Interessen und Orientierungen unterschiedlichen Lebenswelten angehören. Dennoch spielen die Lebensbedingungen des Menschen eine bedeutende Rolle, da sie mit den Dimensionen Beruf, Einkommen und Bildung den äußeren Rahmen vorgeben, in dem der Mensch sich bewegen kann. Besondere Bedeutung kommt hier der Kategorie Bildung zu, da sie meist Basis für einen angesehen Beruf und damit auch ein höheres Einkommen ist. Bildung spielt auch in den sozialen Milieus eine große Rolle, wie durch die Einteilung in Schichten, aufgrund unter anderem dieser Dimension ersichtlich ist. Wie in der Klassentheorie Bourdieus oben angeführt, ist es soziales, ökonomisches und Bildungskapital, was die Menschen in bestimmte Handlungssysteme drängt und ihre Interessen prägt.

Bezogen auf die Fokussierung der Arbeit auf Menschen aus bildungsfernen Milieus kann gesagt werden, dass sich diese im Bereich der unteren Mittelschicht und Unterschicht ansiedeln. Dies ergibt sich aus der Einbeziehung der Dimension Bildung in die Kategorie soziale Lage, wie oben bereits aufgeführt.

Dass Bildung eine Kategorie für soziale Ungleichheit ist, scheint relativ eindeutig geworden zu sein. Wie sieht es aber konkret mit Bildung, den Bildungschancen und Bildungsvorstellungen im Mikrokosmos der einzelnen sozialen Milieus aus? Ich möchte versuchen dies im weiteren Verlauf der Arbeit zu beleuchten und stelle dabei im Folgenden die These von sozialer und kultureller Reproduktion in den Fokus meiner Untersuchungen.

3. Soziale und kulturelle Reproduktion

Soziale Reproduktion ist zunächst einmal eine These, die besagt, dass sich die soziale und ökonomische Realität der Kinder mit jener der Eltern deckt. Kinder treten in beider Hinsicht also in die Fußstapfen ihrer Eltern, getreu dem alten Sprichwort: Wie der Vater so der Sohn. Diese Annahme hatte in Bezug auf den rechtlichen Status und dem sich daraus ergebenden ökonomischen Stand, bis weit ins letzte Jahrtausend ihre Gültigkeit. Sozialer Aufstieg ist kaum oder nur unter besonderen Umständen möglich gewesen. Die Chancen heute, insbesondere durch Bildung, eine gewisse soziale Mobilität zu erreichen, haben sich gebessert. Allerdings bestehen noch immer nicht unerhebliche Barrieren, die nur unter erschwerten Bedingungen zu überbrücken sind.

Allgemein versteht man unter der Bezeichnung soziale Reproduktion die Wiederkehr und Weitergabe sozialer Strukturen und Bindungen an die Folgegeneration. Konkret bedeutet dies, dass Menschen meist ein Leben lang an ihr Herkunftsmilieu gebunden sind. Zur Unterscheidung der Bezeichnungen kulturelle Reproduktion und soziale Reproduktion liegt es nahe Bourdieu heranzuziehen. Von seiner Definition des sozialen Kapitals lässt sich die Klärung des Begriffs der sozialen Reproduktion ableiten. Im weitesten Sinne versteht Bourdieu unter sozialem Kapital die Qualität und Quantität der sozialen Beziehungen von Menschen, durch welche der Grad der Teilnahme an der Gesellschaft ermittelt werden kann. Soziale Bindungen werden zunächst einmal innerhalb des sozialen Milieus, unter anderem aufgrund von ähnlichem Freizeitverhalten geschlossen. Demnach kann soziale Reproduktion als Reproduktion des gesellschaftlichen Status bezeichnet werden, der sich aufgrund der Qualität und Quantität von Beziehungen zwischen Menschen ergibt.

Kulturelle Reproduktion ist dagegen, von Bourdieu ganz klar, mit den Bezeichnungen kulturelle Praxis und kultureller Konsum verdeutlicht worden. Sie findet hauptsächlich durch das Elternhaus statt, wie sich im Folgenden zeigen wird.

3.1 Soziale und kulturelle Reproduktion durch das Elternhaus

Es macht Sinn bei der Auseinandersetzung mit sozialer und kultureller Reproduktion den Begriff der sozialen Mobilität einmal genauer zu klären, da es sich bei genauer Betrachtung eigentlich um gegensätzliche Begriffe handelt. Zudem sollte man zwei Formen sozialer Mobilität unterscheiden, nämlich die vertikale und die horizontale Mobilität. Während vertikale Mobilität den sozialen Auf- bzw. Abstieg innerhalb des Schichtengefüges einer Gesellschaft beschreibt, versteht man unter horizontaler Mobilität den Wechsel beruflicher, ökonomischer oder sozialer Position innerhalb der Schicht. Erstere unterscheidet sich also dadurch, dass es sich um eine Bewegung der sozialen Position handelt, die sich im Wechsel des „Ranges“ vollzieht, wohingegen letzte ein Wechsel zwischen den Positionen erfasst, die sich lediglich nach ihrer „Art“ unterscheiden. In der Forschung wird insbesondere die vertikale Mobilität fokussiert, die als Generationen- oder Karrieremobilität verstanden werden kann.[41] Generationenmobilität akzentuiert den Vergleich zwischen der Eltern- und Kindergeneration in Bezug auf deren sozialen, beruflichen und ökonomischen Status.[42] Diese wird in der vorliegenden Arbeit eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Allerdings wird es hier nicht um die tatsächlich erreichte Stellung der Kinder gehen, vielmehr stehen die, von den Eltern für ihre Kinder angestrebten, Ziele im Mittelpunkt der Betrachtung.

Spricht man von sozialer Reproduktion, so sollte in Bezug auf Bildung und Bildungssysteme, auch die von Bourdieu geprägte Bezeichnung der kulturellen Reproduktion nicht unbeachtet bleiben. Was Bourdieu unter dem Kulturbegriff versteht, ist bereits unter den Erläuterungen zum kulturellen Kapital hervorgehoben worden. Neben dem Aspekt der Bildung und dem Bildungsabschluss, kommt dem Konsum von Kulturgütern und der kulturellen Praxis eine bedeutende Rolle zu. Kultureller Konsum beinhaltet beispielsweise den Kauf von Büchern und anderen Kulturgütern, während unter kultureller Praxis der Besuch von Kultureinrichtungen, wie Theater, Museum oder Konzert zu verstehen ist. Bourdieu präsentiert hierzu mehrere Studien, welche die prekäre kulturelle Situation und Handlungsweise der unteren sozialen Klassen aufzeigt und sie der Handlungsweise höherer Klassen gegenüberstellt.[43] Die Differenz, die sich hieraus ergibt, erklärt Bourdieu durch den Mangel an der zur Aneignung der kulturellen Güter erforderlichen Instrumenten und Möglichkeiten, der den unteren Klassen zum Verhängnis wird. Da die Übermittlung der Aneignungsinstrumente größtenteils über Erziehung und damit durch das Elternhaus stattfindet, ergibt sich ein Nachteil für die Angehörigen der unteren Klassen.[44] Auch die klassenhierarchische Verteilung der Instrumente, von Bourdieu auch „Codes“ genannt, die der Entschlüsselung kultureller Gegebenheiten dienen, ist Bestandteil des Prozesses dieser kulturellen Reproduktion. Die Schule sollte in diesen Prozess eingreifen, sich darum bemühen den Automatismus dieser Reproduktion abzumildern und versuchen die Vermittlung dieser „Codes“ anstelle des Elternhauses zu übernehmen. Leider gelingt ihr dies jedoch nicht, wie sich im nächsten Abschnitt zeigen wird.

Um noch einmal auf die soziale Reproduktion zu sprechen zu kommen, misst Bourdieu der Übermittlung des kulturellen Kapitals eine ebenso hohe Bedeutung zu, wie der Übermittlung des ökonomischen Kapitals. Beide Kapitalformen sind gleichwertig und daher untrennbar miteinander verbunden, denn kulturelles Kapital wird durch ökonomisches Kapital, in Form von Investitionen für Bildung und Kulturgüter vermittelt.[45]

Allerdings ermittelt Bourdieu auch, dass zwischen den Gruppen, die über das meiste ökonomische Kapital verfügen und jenen, denen das meiste kulturelle Kapital zu Eigen ist eine große Divergenz besteht. Die Fraktion, die das meiste kulturelle Kapital besitzt, investiert dies eher in die Erziehung ihrer Kinder, wohingegen die Besitzer des meisten ökonomischen Kapitals verstärkt ökonomisch investieren.[46] Diese Praxis trägt daher ebenfalls zur kulturellen Reproduktion durch das Elternhaus bei.

3.2 Soziale und kulturelle Reproduktion durch die Schule

Wenn man im Zusammenhang mit sozialer Reproduktion über Bildung spricht, sollte der Begriff Bildung zunächst einmal geklärt werden. Dies ist auch im Hinblick auf den Titel und die Bezeichnung „bildungsfernes Milieu“ sinnvoll, da dieser Terminus in der Literatur nicht ausdrücklich definiert wird. Mit Bildung werden Lern- und Sozialisationsprozesse bezeichnet, die das Individuum zu einem „sozial handlungsfähigen und kompetenten Menschen“[47] bilden. Im Gegensatz zur Erziehung, die zum Großteil dem Elternhaus überlassen wird, findet Bildung in der Schule bzw. in schulähnlichen Bildungsinstitutionen statt. Aufgrund der in Deutschland geltenden Schulbesuchspflicht ist diese bis zum 16. Lebensjahr Aufgabe des Staates. Bildungsfern kann hier also als Abweichung von der normierten schulischen und damit staatlichen Auffassung von Bildung betrachtet werden. Eine andere, vielschichtigere Ansicht von Bildung und Bildungserwerb scheint demnach nötig zu sein. Auch außerschulische Erfahrungen können bildend auf das Individuum einwirken und somit zu seiner Entwicklung und Persönlichkeit beitragen. Der Erwerb und die Bedeutung außerschulischer Kompetenzen sind mittlerweile auch vom PISA-Konsortium erkannt worden. Die Studie soll nun um Schüler-, Schul- und Elternfragebögen zu den schulischen und außerschulischen Lebensbedingungen der Kinder ergänzt werden.[48] Hierdurch wird neben dem positiven Ansatz der Berücksichtigung von Umweltbedingungen auch die soziale Reproduktion, als Auslöser sozialer und bildungsbezogener Chancenungleichheit hervorgehoben. Diese steht in engem Zusammenhang mit der Sozialisation, die durch das Elternhaus erfolgt. Als Sozialisation wird der Prozess bezeichnet, durch den das Individuum in die ihn umgebende Umwelt hineinwächst, sich den in der Gesellschaft herrschenden Bedingungen anpasst und so zu einem handlungsfähigen Wesen wird.[49] Sozialisation kann demnach auch als ein Lern- und Bildungsprozess bezeichnet werden, der abgesehen vom familiären Umfeld auch durch die Schule und Freundschaftsbeziehungen, den so genannten Peer-Groups, stattfindet. Soziale Reproduktion ist auch als Folge der Sozialisation und Milieubindung zu verstehen. Das Individuum wird in ein bestimmtes Milieu hinein geboren, dem auch seine Eltern angehören. Diese erziehen und sozialisieren das Kind nach den eigenen Vorstellungen und Werthaltungen, durch die sie zu Mitgliedern jenes sozialen Milieus geworden sind. Die Auswahl der Bildungseinrichtungen, wie Kindergarten und Grundschule finden ebenfalls im Kontext der Milieuzugehörigkeit statt. Die hierdurch entstehenden sozialen Kontakte und die Sozialisation innerhalb der Peer-Groups schaffen eine zusätzliche Bindung an das Herkunftsmilieu und bilden zu Beginn an in dem Menschen entsprechende Werthaltungen und Denkweisen heraus. Die soziale Reproduktion wird durch diesen Kreislauf perfektioniert. Dass dies tatsächlich der Fall ist belegen zahlreiche Studien, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildung befassen. Auch die PISA-Studie 2000 kam zu dem Ergebnis, dass Bildung in erheblichem Maß von der Herkunft abhängt. Im internationalen Vergleich fiel Deutschland hier besonders auf, und in der Auswertung wurden deutsche Kinder aus bildungsfernen Milieus als Risikogruppe bezeichnet.[50] Andererseits setzten neuere Konzepte der Milieutheorie, wie in Punkt zwei erwähnt, das Hauptaugenmerk nicht auf die äußeren Lebensbedingungen, wie Bildung, Beruf und Einkommen. Diese Dimensionen prägen nicht in dem Maße, wie es in älteren Klassen- und Schichtenmodelle der Fall ist, die Milieubindung und Lebensführung des Menschen. Scheinbar sind es die Ansichten, Werte, Denkweisen und Lebensstilauffassungen, die die Einstellungen zu Schule und Bildung beeinflussen. Der, historisch betrachtet, angestrebte Erfolg der Schule, „Bildung für alle“ und damit verstärkt Chancengleichheit zu ermöglichen, kann diesen Äußerungen zu Folge, wohl als gescheitert angesehen werden. Chancengleichheit durch Bildung ist nur möglich, wenn das System Schule und Schulbildung neu überdacht wird. Dies sei insbesondere im Hinblick auf Sinn und Unsinn der Schulpflicht angedacht, welcher im Schlussteil noch zur Sprache kommen wird.

[...]


[1] vgl.: Auswertungen der Bundeszentrale für politische Bildung zur Arbeitslosenquote 2002 unter:

www.bpb.de/wissen/FX1ZGA,0,Arbeitslosenquote_nach_Bildungsabschluss.html

[2] vgl.: Rauschenbach, 2005, S. 3.

[3] vgl.: Hradil, 1999, S. 9.

[4] vgl.: Hradil, 1999, S. 33.

[5] vgl.: Hradil, 1999, S. 52f.

[6] vgl.: ebd.

[7] vgl.: Hradil,1999, S. 64-67.

[8] vgl.: Hradil, 1999, S. 34.

[9] vgl.: Hradil, 1999, S. 35.

[10] vgl.: Schroer, 2001, S. 140f.

[11] vgl.: Schroer, 2001, S. 142.

[12] vgl.: Honneth, 1990, S. 186.

[13] vgl.: ebd.

[14] Honneth, 1990, S. 186.

[15] vgl.: Honneth, 1990, S. 182.

[16] vgl.: Honneth, 1990, S. 191.

[17] vgl.: Honneth, 1990, S. 194.

[18] vgl.: Honneth, 1990, S. 192.

[19] Kalthoff, 1997, S. 12.

[20] vgl.: Hradil, 1999, S. 36.

[21] vgl.: Rauschenbach, 2005, S. 6.

[22] vgl.: Hradil, 1999, S. 39.

[23] vgl.: Hradil,1999, S. 39.

[24] vgl.: Wiswede, 1985, S. 313.

[25] Hradil, 1999, S. 420.

[26] vgl.: Hradil, 1999, S. 420.

[27] vgl.: Reinhold, 2000, S. 433.

[28] vgl.: Hradil, 1999, S. 40.

[29] vgl.: Hradil, 1999, S. 420.

[30] vgl.: Hradil, 1999, S. 420.

[31] vgl.: Hartmann, 2002, S. 317.

[32] vgl.: Hartmann, 2002, S. 318.

[33] vgl.: Schulze, 1988, S. 71.

[34] vgl.: Hradil, 1999, S. 425.

[35] vgl.: Hradil, 1999, S. 417.

[36] vgl.: Hartmann, 2002, S. 318f.

[37] vgl.: Hradil, 1999, S. 425.

[38] vgl.: Hradil, 1999, S. 426.

[39] vgl.: Hradil, 1999, S. 430.

[40] Alle Erläuterungen zu den Methoden der Sinus-Studie und der Erhebung der Sinus-Milieus

beruhen auf den eigenen Angaben des Sinus-Forschungsinstituts und sind nachzulesen unter:

www.sinus-sociovision.de/2/2-3-4-1.htm

[41] vgl.: Hradil, 1999, S. 373.

[42] vgl.: ebd.

[43] vgl.: Bourdieu, 1973, S. 92ff.

[44] vgl.: Bourdieu, 1973, S. 96.

[45] vgl.: Bourdieu, 1973, S. 109.

[46] vgl.: Bourdieu, 1973, S. 122.

[47] Peuckert, 2000, S. 321f.

[48] vgl.: OECD PISA, 2000, S. 6ff.

[49] Peuckert, 2000, S. 321.

[50] vgl.: Rauschenbach, 2005, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Bildungsvorstellungen und Bildungserwartungen von Eltern aus so genannten bildungsfernen Milieus für ihre Kinder
Untertitel
Eine qualitative Studie im Rahmen von leitfadengestützten Interviews unter Einbeziehung der Bildungsbiographie der Eltern
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
99
Katalognummer
V82326
ISBN (eBook)
9783638859059
ISBN (Buch)
9783638865265
Dateigröße
816 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsvorstellungen, Bildungserwartungen, Eltern, Milieus, Kinder
Arbeit zitieren
Andrea Kuschel (Autor), 2006, Bildungsvorstellungen und Bildungserwartungen von Eltern aus so genannten bildungsfernen Milieus für ihre Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82326

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