"Decision. A Review of Free Culture" - Eine Zeitschrift zwischen Literatur und Tagespolitik


Seminararbeit, 2005
57 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Die Zeitschrift
2.1 Auflage
2.2 Aufbau
2.3 Der Herausgeber Klaus Mann
2.4 Autorenschaft
2.5 Geldgeber, Werbung

3 Klaus Manns – mehr als der Herausgeber?

4 Warum scheiterte die Zeitschrift?

5 Schlussgedanken

6 Literatur
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

7 Anhang
7.1 Inhaltsauflistung
Volume 1 Number 1 January 1941
Volume 1 Number 2 February 1941
Volume 1 Number 3 March 1941
Volume 1 Number 4 April 1941
Volume 1 Number 5 May 1941
Volume 1 Number 6 June 1941
Volume 2 Number 1 July 1941
Volume 2 Number 2 August 1941
Volume 2 Number 3 September 1941
Volume 2 Number 4 Oktober 1941
Volume 2 Numbers 5-6 November-Dezember 1941
Volume 3 Numbers 1-2 January-February 1942
7.2 Autorenauflistung

1 Einleitung

Klaus Mann, Schriftsteller und Sohn des Nobelpreisträgers für Literatur Thomas Mann, verfolgte nicht nur die vorgegebenen Wege seines Vaters, sondern wagte sich in neue Territorien vor. Er gründete eine Zeitschrift, die nicht Fisch und nicht Fleisch war, literarischen wie zeitpolitischen Anspruch hatte. Man könnte annehmen, dass durch das Interesse an der Familie Mann die Forschungslage so gut sei, dass es nichts mehr gibt, was nicht schon einmal untersucht worden ist. Doch diese Zeitschrift, die Decision. A Review of Free Culture., stellt eine wichtige Episode in Klaus Manns Leben und der literarischen und zeitpolitischen Schriftsteller der Zeit 1941-42 dar und findet kaum Beachtung in wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Die Forschung zur Decision stellt nur wenige Sätze in wenigen Publikationen zur Verfügung[1]. Als Ausnahme gilt hier der Artikel von István Gombocz „Klaus Manns Amerikanische Zeitschrift Decision: ein unbeachteter Beitrag zum militanten Humanismus.“, der 1988 in der Acta Litteraria Acad-Sci. in Ungarn auf zehn Seiten veröffentlicht wurde[2], aber auch keine neuen Aspekte aufwirft. Weit mehr wurde die Exilzeitschrift Die Sammlung als wichtiger Teil in Klaus Manns Literaten- und Publizistenleben gesehen. Doch gerade die Decision ist eine interessante kleine Episode der Emigrantenkultur mit internationalem Anspruch. Diese „literary review“[3] sollte jeden Monat „a selection of essays, short stories, poems, and illustrations“[4] publizieren, „cultural and social events“[5] diskutieren und analysieren und „a new platform for both young and established writers“[6] bilden. Klaus Mann suchte nach einem „new forum for the creative spirit“[7] und meinte es in dieser Zeitschrift gefunden zu haben.

In Tagebucheinträgen Klaus Manns[8] lässt sich auch herauslesen, wie wichtig die Herausgabe der Decision für ihn selbst gewesen ist. In einem Brief an seine Mutter schreibt er am 3.1.1942:

„Ich bin furchtbar traurig. Nicht nur, oder nicht einmal vor allem, wegen des Verlustes der Zeitschrift selber oder wegen all der vergeblichen Müh und Plag, sondern weil das ganze Schlamassel mir so recht vor Augen rückt, wie wenig man unsereinen in dieser fragwürdigen Welt will, braucht und würdigt.“[9]

Manns Ziel, eine literarische Revue mit Erfolg herauszubringen war ein zweites Mal, nach der eingestellten Sammlung, gescheitert. Es sollte auch der letzte Versuch bleiben, da sich Mann danach nur zeitweise durch die Eingliederung in die Armee von seiner Todessehnsucht abwenden konnte. Für Klaus Mann und seine Mitstreiter war die Decision ein Sprachrohr, in dem Autoren und Intellektuelle ihre Einstellung und Gefühle der Kriegssituation Deutschlands und der Reaktionen der Welt Ausdruck verliehen und gleichzeitig mit der Diskussion neuer literarischer Stücke ihren Wert in der Gesellschaft manifestierten. Sie wollten versuchen

„to approach the great problems of modern life, not with the perfunctory curiosity of reporters nor with the routine pathos of politicians, but with the consuming fervor a good philosopher experiences in examining the intricacies of some vitally significant moot question, a good soldier when fighting fort he cause he believes in.“[10]

Hier erkennt man die Dualität dieser Zeitschrift. Wie genau sich die Decision dem Leser präsentiert, welche Autoren mitwirkten und welche Texte publiziert wurden, soll Thema dieser Hausarbeit sein.

2 Die Zeitschrift

Die Decision. A Review of Free Culture. ist eine Sonderform der Magazine. Sie reiht sich in die Tradition der literarischen Revuen ein, wie The Dial, The Hound & Horn oder The Kenyon. The Dial, die 1920 in New York City als erste literarische Revue gegründet wurde, setzt noch heute Richtmaße, die solche Magazine klassifizieren. Marianne Craig Moore (1887-1972)[11], die von 1925 bis 1929 Herausgeberin von The Dial war, veröffentliche sogar ihr Gedicht Light is Speech in der März-Ausgabe von 1941[12], wie auch Lincoln Kirstein (1907-1996)[13], Mitbegründer der The Hound & Horn, in dieser und der April-Ausgabe desselben Jahres die Rubrik This Month in Dance bereitstellte[14]. Auch Dunstan Thomson (1918-1975)[15], der in der Juli-Ausgabe 1941 sein Gedicht The Misadventure[16] und in der Januar-Februar-Ausgabe 1942 unter der Rubrik „Seven Young American Poets“ das Gedicht The Line of Least Resistance veröffentlicht[17], gab zur selben Zeit wie Klaus Mann in New York City ein literarisches Magazin, Vice Versa, heraus.

Revuen wie The Dial und auch die Decision haben eine kleine Auflage aber einen großen Einfluss auf den literarischen Geschmack der Zeit.[18] In solchen Revuen findet man Werke hohen literarischen Standards, die in anderen, eher konventionellen Blättern keine Veröffentlichung finden. Literarische Revuen kümmern sich nicht um Konventionen, sie präsentieren Literatur, diskutieren und bewerten sie. Sie bieten somit ein Forum für Poeten, Romanciers und anderen Literaten. Doch sind sie nicht nur der fiktionalen Welt verbunden. Da Literatur nicht in einem Vakuum existiert, beschäftigten sich solche Revuen auch mit zeitgenössischer Kultur, Politik und gesellschaftlichem Gedankengut, welche die von ihnen veröffentlichte Literatur beeinflussten. Herausgeber solcher Magazine waren bemüht, eine präzise Darstellung aktuellen Zeitgeschehens zu geben und die Zukunft zu beeinflussen und vorherzusagen.[19]

Auch Klaus Mann war mit seiner Decision bemüht, zwischen dem aktuellen Zeitgeschehen und der Literatur zu vermitteln. Besonders in seinen Editorials wird deutlich, dass er sich zu politischen Geschehnissen äußern möchte. Trotzdem sollte die Decision kein „,mouthpiece’ for European refugees [sein], it is designed to become instrumental in intensifying the relations between the American and European spirit.”[20] Klaus Mann möchte den Exilautoren aber auch eine Chance geben, weiter zu publizieren und am Weltgeschehen durch Meinungsäußerung teilzuhaben, wenn es auch heißt, ihre Texte mühsam ins Englische zu übersetzen und dabei wahrscheinlich den eigenen Stil der Übersetzung unterzuordnen.[21]

Die erste Ausgabe der Decision erschien im Januar 1941. Dazu wurde eine eigene Gesellschaft, die Decision Inc. gegründet, die ihr Büro in New York City unterhielt. Zahlreiche Autoren konnten gewonnen werden, darunter unter anderem Sherwood Anderson, Aldous Huxley, Jean-Paul Sartre, Stefan Zweig, Heinrich und Thomas Mann sowie Carson McCullers.[22] Als die erste Ausgabe der Decision im Dezember 1940 schon in den Drucksatz gegangen war, verweigerte die Amerikanischen Regierung die Veröffentlichung, da Klaus Mann keine Arbeitserlaubnis besaß. Im Nachhinein durch einen rettenden Präsidentenerlass bewilligt[23], erschien die erste Ausgabe am 6.1.1941. Sie war nur über ein Abonnement zu beziehen, welches viele Interessierte auch nutzten: „Die erste Nummer ist wohl ein Erfolg. Angenehm viele Abonnenten […].“[24] Über die Abonnenten war in der Forschungsliteratur nicht viel zu lesen, es kann aber angenommen werden, dass die Zeitschrift auch außerhalb der USA versendet wurde.

Klaus Mann nennt die Zeitschrift Decision, um ihr kein fest umrissenes politisches oder geistiges Programm zu geben. Außerdem war der vorher von ihm gewünschte Name New World schon vergeben.[25] Mit dieser Zeitschrift war die Entscheidung getroffen, weiter dem Hitler Regime entgegen zu treten und die Herausforderung, ein besseres Deutschland zu schaffen, anzunehmen. Mit der Zeitschrift, mit den Waffen des konstruktiven Denkens, sollte die allgemeine Verzweiflung besiegt werden.[26]

Strukturell gleicht die Decision der Sammlung. Sie ist ein Monatsblatt mit politischen und kulturellen Beiträgen, Literatur- und Kunstveröffentlichungen. Hier spiegelt sich auch Klaus Manns geteilte Tätigkeit wider, die des Schriftstellers und des Publizisten. Die Zeitschrift galt als künstlerisch sehr anspruchsvoll.[27] Obwohl es zahlreiche positive Kritik gab, vermochte der Herausgeber es jedoch nicht, so viele Käufer zu finden, dass die Zeitschrift am Leben erhalten werden konnte. Redakteure der Zeitschrift Books Abroad[28] sahen die Decision gar als eine der besten Revuen auf Erden, würde sie weiter Bestand haben[29]. 5000 Exemplaren und 2000 Abonnenten in der Anfangszeit und ein Defizit von $16.000 kurz vor der Einstellung der Zeitschrift zeigen aber die Erfolglosigkeit dieses Zeitschriftkonzeptes.[30] Klaus Mann selbst trat oft mit seinem Privatvermögen oder dem seiner Eltern für Schulden der Zeitschrift ein und bat auch Freunde um finanzielle Unterstützung. Wurde diese ihm nur zögerlich gewährt, verfiel er in eine Melancholie und drohte offen mit Selbstmord, so dass er bald bekam, wonach er verlangte. Er beging seinen ersten Selbstmordversuch, als er zu wissen schien, dass die Zeitschrift vor dem Aus stand.[31]

Die Decision war für Klaus Mann eine eigene Ära. Als diese zu Ende ging, schreibt dieser in seiner Erklärung The Last Decision: „Ich mußte [sic!] die Zeitschrift aufgeben. Und ich will sterben.“[32] Mit dem Verlust der Zeitschrift verlor er nicht vorrangig Geld, sondern die Kunst.[33] Er verband mit der Herausgabe dieser Zeitschrift seine Daseinsberechtigung als Publizist und Schriftsteller. Die Erfolglosigkeit der Decision deutete er vielleicht auch als persönliches Versagen. Als eines der sensibelsten Mitglieder der Mann-Familie stand er angesichts seines berühmten Vaters einerseits unter einem gewissen Erfolgsdruck, wollte aber andererseits auch beweisen, dass er etwas Eigenständiges zu Wege bringt. Dies scheint ihm über einen längeren Zeitraum mit der Decision aber nicht gelungen zu sein.

2.1 Auflage

Insgesamt publizierte Klaus Mann zwölf Ausgaben der Decision, darunter zwei Doppelausgaben.[34] Die erste Ausgabe erschien im Januar 1941 und umfasst 70 Seiten. Bekannte Autoren, die hier publizierten, sind unter anderem Sherwood Anderson, Wystan H. Auden, Aldous Huxley, Heinrich Mann und Stefan Zweig. Die zweite Ausgabe erschien im Februar 1941, umfasst 84 Seiten und veröffentlicht unter anderem einen Text von Thomas Mann. Der dritten Ausgabe, publiziert im März 1941 und 92 Seiten umfassend, folgte die April-Ausgabe desselben Jahres mit 88 Seiten Umfang und Beiträgen von Golo Mann und Hans Otto Storm. Mit 87 und 86 Seiten erschienen die fünfte und sechste Ausgabe im Mai und Juni des Jahres 1941. Unter der Autorenschaft war nun unter anderen Virginia Woolf. Die Mai-Ausgabe wurde in New Orleans als linksliberal getarntes Organ der kommunistischen Partei denunziert, so dass es seitdem eine FBI-Akte über die Decision gibt.[35] Im Juli 1941 wurde die siebte Ausgabe mit 88 Seiten unter Mitwirkung von Thomas und Golo Mann herausgegeben. Im August, September und Oktober folgten Ausgabe 8 bis 10 mit 64, 96 und 95 Seiten. Hier veröffentlichten Curt Riess, Heinrich Mann, Bertolt Brecht und Käthe Kollwitz. Die beiden letzten Ausgaben waren jeweils Doppelausgaben mit 128 und 94 Seiten, die im November/Dezember 1941 und Januar/Februar des folgenden Jahres unter Mitwirkung von André Gide, Jean-Paul Sartre und abermals Thomas Mann veröffentlicht wurden. Die durchschnittliche Seitenanzahl beträgt somit 90 Seiten. Insgesamt sind 202 Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler und andere Mitwirkende erwähnt.

2.2 Aufbau

In den zwei Jahren der Publikation hat sich am formalen Aufbau der Zeitschrift nichts Wesentliches verändert. Das Deckblatt, welches von der ersten bis zur sechsten Ausgabe den Titel Decision a review of free culture., den Editor Klaus Mann, wichtige Autoren, Themen und eine Graphik enthält, wurde ab der Ausgabe im Juli 1941 in eine schlichtere Version ohne Graphik geändert. Mary McRae McLucas entwarf das neue Cover[36]. Im Inhaltsverzeichnis der ersten Ausgabe lässt sich die Struktur der literarischen Revue erkennen: Es gibt Editorials, von Klaus Mann geschrieben, welche sich mit den aktuellen Geschehnissen beschäftigten. So liest man in der ersten Ausgabe eine Rechtfertigung zur Herausgabe dieser Zeitschrift, mit Zielen und Aussichten der Revue. Es folgen verschiedene Beiträge von unterschiedlichen Autoren, die immer einen Zeitbezug haben oder sich mit Literatur beschäftigen. Zwischendurch erscheinen reproduzierte Graphiken, Malereien, Karikaturen, Gedichte und Erzählungen. Dreimal ist auch ein Symposium zu finden, in dem unterschiedliche Autoren über ein aktuelles Problem debattieren. An den Schluss setzt Klaus Mann Übersichten über neu erschienene Bücher, Theaterstücke, Musikereignisse, Filme und Kunstwerke des Monats. In den Ausgaben März, April und Oktober 1941 findet sich hier auch die Kategorie „Tanz“, in den Ausgaben April und Juli 1941 die Kategorie „Radio“. Ab der zweiten Ausgabe wird auch die Kategorie „Decisions and Revisions“ aufgenommen, in der Leserbriefe veröffentlicht werden. Diese fehlen in der Ausgabe August 1941. Ab der zweiten Ausgabe sind auch die „Notes on Contributers“ zu finden.

2.3 Der Herausgeber Klaus Mann

Die Decision war im Exil für Klaus Mann eine Möglichkeit, weiter zu arbeiten und nicht untätig in einem fremden Land auf seine unter dem Hitler-Regime leidende Heimat zu schauen. Er klammerte sich an die Zeitschrift, da sie für ihn das in der Zeit einzige gewesen ist, was es wert war, weiter zu leben. So begeht er auch am 21. Mai 1949, sieben Jahre nach der Einstellung der Decision und der Erkenntnis, als Intellektueller in Deutschland nicht gebraucht zu werden, auf eine Weise Selbstmord, wie er sie schon viele Male in seiner Literatur beschrieben hatte. Er nahm eine Überdosis Schlaftabletten und erfüllt seinen schon immer gehegten Todeswunsch.[37] Obwohl er viele Geschwister und auch einen großen Bekanntenkreis hatte, blieb er bis zu seinem Tod, was er Zeit seines Lebens gewesen war: ein Außenseiter[38].

Klaus Mann, 1906 als Sohn von Thomas Mann in München geboren, wurde sich bewusst, dass er am Ende einer dem Untergang geweihten Epoche stand und in einer Gesellschaft lebte, die einem Krieg entgegensah, so dass er am 13.3.1933 Deutschland als Emigrant der ersten Stunde den Rücken kehrte. Als Drogenkonsument, Homosexueller, Emigrant, Todessehnsüchtiger und Staatsbürger dreier Staaten war er immer auf der Suche nach etwas, was Heimat oder Hafen in seinem Leben bedeuten könnte. Durch sein intellektuelles Umfeld war es ihm möglich, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen und die Werke zu schreiben, nach denen es ihn verlangte. Dabei musste er, Dank der Hilfe seiner Familie, nie wirklich in Armut leben. Seine Literatur durchzieht aber das Heimatlose: die Helden seiner Erzählungen und Romane, meist Künstler und Intellektuelle, befinden sich in dem von Klaus Mann empfundenen Teufelskreis von Heimatlosigkeit, Todessehnsucht und Homosexualität.[39] Der Drang zum Schreiben schien für ihn selbst eine Flucht aus dem Alleinsein darzustellen. Der Schlaf war für ihn die glücklichste Zeit im Leben, denn der Schlaf als Topos des Todes wird zum Ausdruck seiner immer währenden Todessehnsucht.[40]

Mit Beginn des Nationalsozialismus in Deutschland setzte Klaus Manns politisches Engagement ein, welches ihm auch eine Reputation als Schriftsteller einbrachte, da er sich damit in die Öffentlichkeit brachte. Er glaubt an die Wirkung und Kraft des Wortes und fordert Intellektuelle in der Exilzeitschrift Die Sammlung auf, sich zu einer Gruppe zusammenzufinden, um ein besseres Deutschland zu schaffen.[41] Er beschrieb die damalige Situation der geistigen Jugend Europas mit „Ratlosigkeit“, „Verwirrung“ und „Unruhe“[42] und sah sich selbst als Sprachrohr dieser Generation.[43]

Die Herausgabe der Zeitschrift Decision stellte dann eine Zäsur in seinem Leben dar.[44] Sein Wunsch war es, die Zeitschrift als eigenes Projekt in der Welt der Intellektuellen und Literaten zu etablieren. Aber als dieser Traum zerplatzte, weil es nach Klaus Manns Meinung nur an der Finanzierung scheiterte, stand er einer Schreibblockade gegenüber. 1939 legt Mann mit Der Vulkan seinen letzten Roman vor, schrieb noch einige Fragmente, resignierte aber dann, weil er zu wissen glaubte, als emigrierter Autor im Nachkriegsdeutschland keine Chance zu haben.[45]

Nachdem die Decision eingestellt wurde, veröffentlichte Mann noch eine Fortsetzung seiner Autobiographie The Turning Point. Danach trat er in die U.S. Armee ein, um dort Propaganda-Flyer zu entwerfen und später als Journalist der Amerikanischen Tageszeitschrift für Soldaten, der Stars and Stripes, zu arbeiten.

2.4 Autorenschaft

Die Autorenschaft einer Zeitschrift ist Spiegelbild ihrer Qualität und ihres Anspruches. So war es auch wichtig, Lebensdaten der im Inhaltsverzeichnis genannten Autoren und bildende Künstler zu recherchieren. Dies stellte sich als schwierig heraus, da bei 58 Genannten weder Lebensdaten noch andere Details ermittelt werden konnten. Einzelheiten zu den anderen Mitwirkenden finden sich im Anhang[46].

Die Gesamtzahl der in der Decision erwähnten Mitarbeiter beläuft sich auf 202, wobei neun aus dem Bereich der bildenden Künste kommen. Viele Genannte übten mehrere Tätigkeiten aus, so finden wir 88 Schriftsteller, elf Übersetzer, 31 Mitarbeiter aus der Zeitungen-, Zeitschriften- und Radiobranche z.B. als Verleger oder Redakteure. Zehn sind Literatur- oder Kunstkritiker, acht üben eine wissenschaftliche Tätigkeit aus, wie z.B. Historiker oder Arzt. 19 kommen aus dem Film- oder Theaterbusiness als z.B. Schauspieler oder Librettisten, drei aus dem Musikumfeld (David Ewen, der Gründer des Gershwin-Festivals, Lincoln Kirstein, einer der einflussreichsten Personen in der amerikanischen Tanzszene und Bruno Walter, Dirigent und musikalischer Direktor vieler namenhafter Orchester in Deutschland, Österreich und Amerika). Einige Autoren waren Freunde der Familie Mann oder Klaus’. So konnte z.B. Leonard Amster wohl in der Decision die Sparte der Musikkritik übernehmen, da er der Freund Erika Manns war. Thomas Quinn Curtiss, Theaterkritiker, war Intimfreund Klaus Manns und auch ein wichtiger Geldgeber der Decision.

Einige Besonderheiten der Autorenschaft sollen hier noch bemerkt werden. An der Zeitung haben 23 Briten, 22 Deutsche, 11 Franzosen, sechs Österreicher, fünf Russen, vier Iren, zwei Italiener (G.A. Borgese, Renato Poggioli), zwei Tschechen (Hans Kohn, Franz Werfel), zwei Ungarn (George Cukor, John Pauker), zwei Österreich-Ungarn (Jospeh Freeman, David Ewen), eine Dänin (Karin Michaelis), eine Griechin (Lilika Nakos), ein Ägypter (C. P. Cavafy), ein Spanier (Alvarez Del Vayo), ein Brasilianer (Candido Portinari), ein Rumäne (Maurice Samuel), eine Belgierin (May Sarton), ein Niederländer (Adriaan van der Veen) und 47 Amerikaner mitgearbeitet.[47] Hier erkennt man Manns Anspruch, nicht nur deutschen Autoren und Künstlern in seiner Zeitschrift eine Stimme zu geben. Obwohl aber die Decision als „refugee review“[48] bezeichnet wurde, sind doch „most of [Mann’s] advisors and contributors […] native Americans.“[49] Signifikant ist, dass sechs der Mitarbeiter deutscher Herkunft Freunde der Familie Mann oder Klaus Manns waren. Es überwiegen also deutlich die Arbeiten ausländischer Künstler, besonders amerikanischer, in der Decision, wie selbst von Klaus Mann im Artikel „Decision II“[50] festgestellt. Homosexuell waren nachweislich sieben, darunter Klaus Mann selbst. André Gide, Christopher Isherwood, Christopher Lazare, Jean Cocteau, Richard R. Plant und W. H. Auden bekannten sich öffentlich zu ihrer Homosexualität. May Sarton schrieb Texte über lesbische Beziehungen und Thomas Mann, nie bekennender Homosexueller, schwärmte doch für Knaben auf homoerotische Weise. Freund der Familie Mann waren Bruno Walter, Liebhaber Klaus Manns Christopher Lazare und Thomas Quinn Curtiss. Curt Riess, ein früher Freund Klaus Manns, wurde aber dann von ihm, nach dem Zerwürfnis Manns mit Gustaf Gründgens, eher gemieden. Franz Werfel überquerte mit Heinrich und Golo Mann auf der Flucht vor den Nazis die Pyrenäen. G. A. Borgese war mit einer Tochter Thomas Manns verheiratet, wie W. H. Auden mit Erika verheiratet war, dies aber wahrscheinlich nur geschah, damit sie einen englischen Reisepass bekam. Diese Ehe blieb auch wegen der Homosexualität Audens kinderlos. Selbstmord wie Klaus Mann begingen Stefan Zweig und Virginia Woolf. Carson McCullers versuchte sich umzubringen.

Den Pulitzer Preis bekamen Marya Zaturenska (1938 für ihr Gedicht Cold Morning Sky), Upton Sinclair (1943 für Dragon's Teeth), Peter Viereck (1949 für Terror and Decorum: Poems 1940-1948), Richard Eberhart (für Selected Poems 1966), Wallace Stegner (1972 für Angle of Repose), Eudora Welty (1973 für The Optimist's Daughter), Howard Nemerov (1978 für The Collected Poems of Howard Nemerov), William Meredith (für eins seiner Gedichte 1988) und Jerome Weidman (Mitgewinner des Pulitzer Prize in Drama für Fiorello!). So hat Klaus Mann in der Decision Texte damals relativ unbekannter Autoren veröffentlicht, die heute zum Teil Weltruhm erlangten.

2.5 Geldgeber, Werbung

Die Finanzierung der Decision erwies sich seit Beginn ihrer Herausgabe als schwierig. Klaus Mann bemühte sich, seitdem er die Idee zu der literarischen Revue hatte, um Geldgeber. Dies lässt sich sehr gut in seinen Tagebüchern nachvollziehen.[51] Er schrieb zunächst erfolglose „Bettelbriefe“[52] an Paley, Edgar Kaufmann, einen Warenhausbesitzer, und Bender. Thomas Quinn Curtiss gab die ersten $1000 für die Zeitschrift und machte Klaus Mann somit Mut, das Projekt weiter zu verfolgen. Dieser veranstaltete Cocktail-Partys, um Geldgeber zu gewinnen, fand aber an dieser Art von Zeitungsarbeit überhaupt keinen Gefallen. Vom 13.10.1940 bis zum 28.1.1941 bricht die Berichterstattung über die Decision im Tagebuch ab, auch ist in den Korrespondenzen Klaus Manns dazu nichts zu lesen.

Erst am 29.3.1941 schrieb Klaus Mann an seine Mutter, dass „Mr Strelsin, ein sehr reicher Jude, […] im Begriffe [zu sein scheint], ganz groß >>einzusteigen<<.“[53] Doch dieser wollte sich erst am Geschäft beteiligen, wenn noch ein zweiter Geldgeber die Zeitschrift ebenfalls unterstützte. Hier erkennt man, dass die potentiellen Sponsoren einer Zeitung, die unter Klaus Manns Namen, und nicht dem seines Vaters, veröffentlicht wurde, die Prestige-Probleme der Decision als ausschlaggebenden Punkt ansahen, in dieses Projekt nicht zu investieren. Strelsin formulierte das Problem konkret, in dem er anbot, die Zeitschrift mit $20.000 zu unterstützen „wenn der editor Th. M. statt K. M. hieße“[54]. Klaus Mann fand diesen Vorschlag allerdings völlig indiskutabel und schlug dem Vater in seiner Korrespondenz eine Verhaltensweise vor (nachzulesen bei Gregor-Dellin, 1991. S. 449.), die nach dem Treffen mit Strelsin diesen doch davon überzeugen sollte, Klaus Mann als Herausgeber zu unterstützen.

Weitere Geldgeber, die Klaus Mann ansprach, waren Walter Wanger, William Dieterle, die Familie Huxley, Dorothy Adelson, Max Ascoli und George Cukor. Doch keiner unterstützte Klaus Mann so ausreichend, dass Honorare, Gehälter, Miete, Briefmarken und Telefonkosten gezahlt werden konnten. So bat er oft seine Familie um kleinere Geldbeträge, um die dringendsten Gehälter zu zahlen. Zum Ende der Herausgabe wurde Klaus Mann immer verzweifelter und stand zwischen der Entscheidung, die Zeitung aufzugeben oder doch noch eine weitere Ausgabe zu publizieren. „Die Liquidation aber erscheint [ihm] ebenso undurchführbar wie, unter diesen Umständen, die Weiterführung.“[55] Er hielt sich also weiter an der Zeitung fest, als ein Rettungsanker in New York, da er mit ihr den Sinn seines Lebens verbannt. Bis März 1942 gingen immer wieder rettende, aber verschwindend kleine Beträge bei Mann ein. In der Ausgabe Januar-Februar 1942 fand die Decision ihre letzte Veröffentlichung. Doch auch in der letzten Ausgabe schreibt Klaus Mann im Editorial, dass er noch an eine weitere Ausgabe glaubte:

„We can carry on thanks to a stock of faithful readers and some helpful friends. DECISION keeps going because there is a small group of people tenaciously devoted to its purpose. But we need encouragement and we need help.”[56]

Hier zeigt sich, dass es Klaus Mann schwer fiel, sich einzugestehen, dass er sein Zeitungsprojekt aus finanziellen Gründen aufgeben musste.

[...]


[1] Siehe z.B. Kroll, Fredric, 1986. S. 253-83. welcher eine vergleichsweise umfangreiche Darstellung der Decision bietet.

[2] Gombocz, 1988.

[3] Decision. Vol. I No. 1. Januar 1941. S. 6.

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] ebd.

[7] ebd.

[8] vgl. Mann, 1991. S. 83ff.

[9] Gregor-Dellin, 1991. S. 474.

[10] Decision. Vol. I No. 1. Januar 1941. S. 7.

[11] siehe Anhang

[12] Decision. Vol. I No. 3. März 1941. S. 26.

[13] siehe Anhang

[14] Decision. Vol. I No. 3&4. März&April 1941. S. 81&77.

[15] siehe Anhang

[16] Decision. Vol. II No. 1. Juli 1941. S. 50.

[17] Decision. Vol. III Nos. 1-2. Januar-Februar 1942. S. 24.

[18] Janssens, 1968. S. 11.

[19] Janssens, 1968. S. 16.

[20] Decision. Vol. I No. 1. Januar 1941. S. 8.

[21] vgl. ebd. S. 6f.

[22] Thiel, 1998. S. 252.

[23] ebd. S. 250.

[24] Gregor-Dellin, 1991. S. 442.

[25] Gregor-Dellin, 1991. S. 438.

[26] ebd. S. 253.

[27] Kroll, 1986. S. 270ff.

[28] ebd. S. 275ff.

[29] ebd. S. 275.

[30] Thiel, 1998. S. 254.

[31] Kroll, 1986. S. 290.

[32] ebd. S. 255.

[33] vgl. ebd. S. 255.

[34] Genaue Inhaltsangaben befinden sich im Anhang.

[35] ebd. S. 289.

[36] Decision. Vol. II No. 1. Juli 1941. S. 87.

[37] Casaretto, 2002, S. 1.

[38] Höcherl, 2003.

[39] Casaretto, 2002. S.43.

[40] ebd. S. 67.

[41] vgl. Höcherl, 2003. S. 12ff.

[42] Casaretto, 2002. S. 48

[43] Kerker, 1977. S. 21.

[44] Thiel, 1998. S. 265.

[45] Casaretto, 2002. S. 228.

[46] Eine genaue Auflistung (Autor, Text, Ausgabe) befindet sich im Anhang.

[47] Die Nationalität der anderen Mitarbeiter konnte nicht ermittelt werden.

[48] Decision. Vol. III Nos. 1-2. Januar 1942. S. 4.

[49] ebd.

[50] ebd.

[51] Heimannsberg, Laemmle, Schoeller, 1991. S. 45ff.

[52] Heimannsberg, Laemmle, Schoeller, 1991. S. 45.

[53] Gregor-Dellin, 1991. S. 443.

[54] ebd. S. 446.

[55] Gregor-Dellin, 1991. S. 465.

[56] Decision. Vol. III Nos. 1-2. Januar/Februar 1943. S. 6.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
"Decision. A Review of Free Culture" - Eine Zeitschrift zwischen Literatur und Tagespolitik
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für fremdsprachliche Philologien)
Veranstaltung
Journalism and Imaginative Writing in the U.S.A.
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
57
Katalognummer
V82359
ISBN (eBook)
9783638870528
ISBN (Buch)
9783638870689
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Decision, Review, Free, Culture, Eine, Zeitschrift, Literatur, Tagespolitik, Journalism, Imaginative, Writing, Klaus Mann, USA, Thomas Mann
Arbeit zitieren
Juliane Schicker (Autor), 2005, "Decision. A Review of Free Culture" - Eine Zeitschrift zwischen Literatur und Tagespolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82359

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