Uwe Timm hat das Motiv der Engel in seinem 2001 erschienenen Roman Rot aufgegriffen. Bereits auf dem Titelbild ragt der Siegesengel über den Horizont hinaus in den hellen, weißen Himmel. An vielen Stellen des Romans begegnen dem Leser die überirdischen Wesen. Es ist jedoch nicht möglich einen Engel auszumachen, der im klassischen Sinne das Band zwischen Gott und den Menschen darstellt. Die Struktur des Romans gestaltet sich viel komplexer, so dass in Rot mehrere Engel am Romangeschehen mitwirken, die auf Anhieb nicht eindeutig zuzuordnen und zu identifizieren sind. Es lohnt sich daher einen genaueren Blick auf die Vielfältigkeit der Spielarten und der Bedeutungen der Engel zu werfen und diesen auf den Grund zu gehen.
Bei der Betrachtung soll im Folgenden so vorgegangen werden, dass in einem ersten Schritt ein möglicher Zusammenhang zwischen Walter Benjamins Engel der Geschichte und Linde sowie dem Siegesengel aufgezeigt werden soll. Hierbei gilt es zunächst Walter Benjamins Geschichtsauffassung und dessen Überlegungen bezüglich des Bildes Angelus Novus näher zu beleuchten um schließlich in einem weiteren Schritt Parallelen zwischen Uwe Timms Engeln und dem Benjamins aufzuzeigen.
Daran schließt die Betrachtung des Zusammenspiels zwischen Linde und dem Siegesengel an. Dieser Abschnitt soll Aufschluss über mögliche Zusammenhänge bezüglich der Identität des Protagonisten und dem Engel der Siegessäule liefern.
Die in diesem Abschnitt gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich auf die Stadtstruktur Berlins projiziert werden. Hierbei besteht das Ziel der Untersuchung in der Erkenntnis einer möglichen Parallele zwischen erzähltechnischem Kunstgriff im Roman und architektonischem Aufbau Berlins.
In einem weiteren Schritt kommt es anschließend zur Betrachtung Iris’. Innerhalb dieses Abschnittes soll geklärt werden, welche Rolle ihr im Zusammenhang mit der Engelsthemtik zufällt.
Letztendlich kommt es noch zur Sinnfrage des Lebens, wobei hier in einem ersten Schritt die Frage nach dem Sinn des Lebens im Allgemeinen zu klären ist. Daran anschließend soll die Sinnfrage in Rot, anhand der Erfahrungen und Einstellungen des Protagonisten Thomas Linde, reflektiert werden. Diese Frage nach dem Sinn des Lebens soll schließlich zum Bezug des Romans Rot zu Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin überleiten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Walter Benjamin und sein Engel der Geschichte
2.1 Linde und der Engel der Geschichte
2.2 Engel auf der Siegessäule und Engel der Geschichte
3 Linde und der Siegesengel
4 Berlin, Siegesengel und Siegessäule
4.1 Die Linde
4.2 Viele Straßen – komplexe Erzählung
5 Iris, vom Regenborgen bis zur Götterbotin
6 Die Frage nach dem Sinn des Lebens
6.1 Die Frage nach dem Sinn des Lebens in Rot
6.2 Die Liebe in Wim Wenders der Himmel über Berlin und Uwe Timms Rot
7 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Motiv der Engel in Uwe Timms Roman Rot und analysiert, wie dieses mit der Erzählstruktur, der Stadtgeografie Berlins und der philosophischen Sinnfrage verknüpft ist, wobei auch Parallelen zu Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin herausgearbeitet werden.
- Analyse des "Engel der Geschichte"-Motivs nach Walter Benjamin im Kontext des Romans.
- Untersuchung der Identitätsverschmelzung zwischen dem Protagonisten Linde und dem Siegesengel.
- Beleuchtung der topografischen Symbolik Berlins (Siegessäule und Straßennetz) für die Erzählkonstruktion.
- Deutung der Figur Iris als zentrale Verbindung zwischen Alltag und Transzendenz.
- Reflexion der Sinnfrage des Lebens im direkten Vergleich mit Wenders' Filmdokumentation.
Auszug aus dem Buch
2 Walter Benjamin und sein Engel der Geschichte
Walter Benjamins Geschichtsverständnis steht in Opposition zu jedem linearen oder erfahrungsneutralen Historismus. Vor allem die Geschichte des 19. Jahrhunderts, mit ihrer Fortschrittsorientierung, trifft Benjamins feindselige Betrachtung. Für Benjamin ist die Geschichte eine Abfolge von Katastrophen. Der Fortschritt überdeckt diese Katastrophen nicht, sondern ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. In Benjamins Schrift Über den Begriff der Geschichte findet sich sein bekanntester und am häufigsten kommentierter Text. In diesem schenkt Walter Benjamin Paul Klees Bild Angelus novus große Aufmerksamkeit und Hingabe. Entgegen aller Interpretationen dieses Bildes richtete er sich mit mehreren völlig neuen Auslegungen, welche wahrscheinlich auf sein eigenes Leben abzielten. Bei seiner endgültigen Deutung des „Angelus novus“ zum Engel der Geschichte, darf man Benjamins Verzweiflung, welche der 1940 geschlossene Hitler-Stalin-Pakt in ihm auslöste, und seine eigene Bedrohung durch die Übermacht der Nationalsozialisten nicht außer Acht lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Motiv der Engel in Uwe Timms Roman Rot und Definition der Zielsetzung der Untersuchung.
2 Walter Benjamin und sein Engel der Geschichte: Analyse des Benjaminschen Geschichtsverständnisses und der Bedeutung des Bildes Angelus novus.
2.1 Linde und der Engel der Geschichte: Untersuchung der Parallelen zwischen dem Protagonisten Linde und dem Engel der Geschichte.
2.2 Engel auf der Siegessäule und Engel der Geschichte: Gegenüberstellung des Siegesengels mit der Figur des Engels der Geschichte im gemeinsamen Dilemma.
3 Linde und der Siegesengel: Analyse der Identitätsverschmelzung zwischen Thomas Linde und dem Siegessäulenengel während der Todessekunde.
4 Berlin, Siegesengel und Siegessäule: Verknüpfung der Romanhandlung mit der architektonischen Topografie des Berliner "Großen Sterns".
4.1 Die Linde: Untersuchung der symbolischen Bedeutung des Namens "Linde" im Kontext der Stadtgeschichte und des Charakters.
4.2 Viele Straßen – komplexe Erzählung: Analyse der städtischen Straßenführung als Abbild der verschiedenen Erzählstränge im Roman.
5 Iris, vom Regenborgen bis zur Götterbotin: Deutung der Figur Iris und ihrer namentlichen sowie inhaltlichen Verbindung zum Transzendenten.
6 Die Frage nach dem Sinn des Lebens: Theoretische Auseinandersetzung mit philosophischen Ansätzen zur Sinnfrage.
6.1 Die Frage nach dem Sinn des Lebens in Rot: Anwendung der Sinnfrage auf das Leben und die Erfahrungen des Protagonisten Thomas Linde.
6.2 Die Liebe in Wim Wenders der Himmel über Berlin und Uwe Timms Rot: Komparative Untersuchung der Liebesthematik in Timms Roman und Wenders' Verfilmung.
7 Fazit: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse zur Engelsthematik und Struktur des Romans.
Schlüsselwörter
Uwe Timm, Rot, Engel der Geschichte, Walter Benjamin, Siegesengel, Thomas Linde, Berlin, Siegessäule, Iris, Sinn des Lebens, Transzendenz, Wim Wenders, Der Himmel über Berlin, Erzählstruktur, 68er-Bewegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die vielfältige Bedeutung und Funktion des Engel-Motivs im Roman Rot von Uwe Timm und wie dieses die Erzählstruktur und Thematik maßgeblich prägt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen das Geschichtsverständnis, die Identitätsfindung im Transzendenten, die symbolische Topografie Berlins sowie die Frage nach dem Lebenssinn durch die Liebe.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Timm das Engel-Motiv nutzt, um eine komplexe, über das Realistische hinausgehende Struktur zu schaffen, die Linde mit der Geschichte und der Stadt Berlin verbindet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die intertextuelle Bezüge zu Walter Benjamin und einen komparativen Vergleich mit Wim Wenders' Filmwerk nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Benjaminschen Engel-Rezeption, die architektonisch-literarische Analyse des Berliner Schauplatzes und die Reflexion der Sinnfrage des Lebens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Engel-Thematik, die Identität des Protagonisten Linde, der Berlin-Bezug und der Vergleich zur Sinnsuche im Werk von Wim Wenders.
Inwiefern spielt der "Große Stern" in Berlin eine Rolle für den Roman?
Der Autor argumentiert, dass die architektonische Anlage des "Großen Sterns" mit der Siegessäule als Zentrum den strukturellen Aufbau des Romans spiegelt, in dem verschiedene Erzählstränge auf einen Punkt zulaufen.
Warum wird Linde als Engel bezeichnet?
Durch seinen Tod gerät Linde in einen transzendentalen Zustand und verschmilzt identitätsmäßig mit dem Siegesengel, wodurch er im Roman als überirdisches Wesen weiterlebt.
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- Isabel Tempel (Author), 2006, Die Engel in Uwe Timms Roman Rot, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82367