Gegenstand der Arbeit ist die Flucht von Menschen aus der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR in die westlichen Besatzungszonen bzw. die Bundesrepublik Deutschland. Die Abwanderung aus der SBZ bzw. DDR bedeutete für die Migranten eine völlige Loslösung von ihren bisherigen Lebensverhältnissen. Sie alle mussten beruflich wie sozial einen Neuanfang wagen. Zudem war die Übersiedung oft keine völlig frei gewählte Alternative, durch staatliche Maßnahmen oder wirtschaftliche Zwangslagen sahen sich viele geradezu zu diesem Schritt gedrängt.
Diese mehrere Millionen Teilnehmer umfassende Migration begann schon vor Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945 und setzte sich im Wesentlichen bis August 1961 fort. Der Bau der Berliner Mauer, der am 13. August dieses Jahres begann, setzte zwar der Massenmigration ein jähes Ende, bedeutete aber kein völliges Erliegen der Fluchtbewegung.
Zunächst gilt es zu klären, wer an dieser Wanderungsbewegung teilnahm. Waren diese Menschen in der Mehrheit unterdrückte Opfer des stalinistischen Terrorregimes, oder, wie die DDR-Propaganda versuchte zu suggerieren, vielmehr ideologisch ungefestigte Opfer eines Menschenhandels im Dienste des kriegerischen westdeutschen Imperialismus? Um diese Frage zu beantworten, wird anschließend die innere Zusammensetzung der Wanderungsbewegung in verschiedene Kategorien analysiert. Dies führt im Weiteren zu den Motiven, die zum Verlassen der SBZ/DDR geführt haben. Bei einer so weitreichenden Entscheidung, wie dem möglicherweise endgültigen Verlassen der Heimat, müssen in der Regel gute Gründe vorgelegen haben. Wie diese Motive und ihre Gewichtung bei den Übersiedlern vorlagen, soll der dritte Abschnitt klären.
Anschließend stellt sich die Frage, wie die betroffenen Territorien bzw. Staaten mit einer massenhaft erfolgenden Abwanderung und, auf der anderen Seite, einer ebensolchen Zuwanderung umgingen. Wie und mit welchen Mitteln versuchte die DDR dem Abstrom von Menschen aus ihrem Gebiet zu begegnen und welche Maßnahmen ergriff seinerseits der Westen, um den Zustrom zu bewältigen; wie erfolgreich waren die jeweiligen Aktionen?
Besonderen Einfluss auf die Eingliederungsmöglichkeiten von Zuwanderern hat in jedem Falle die Fähigkeit der Wirtschaft, Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Welche Rolle die Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt der Bundesrepublik gespielt haben, soll demzufolge auch geklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Umfang und Zusammensetzung der Wanderung
2.1 Umfang der Wanderung
2.2 Zusammensetzung der Migration
2.2.1 Altersstruktur
2.2.2 Geschlechterverhältnis
2.2.3 Berufsstruktur
3. Motive
3.1 Die zeitgenössische Einschätzung der Fluchtmotive
3.2 Politische Fluchtgründe
3.3 Wirtschaftliche Zwangslagen als Fluchtgrund
3.4 Arbeitswanderung
3.5 Familiäre Gründe
4. Verhalten der beteiligten Staaten zur Bevölkerungswanderung
4.1 Verhalten der SBZ/DDR zur Abwanderung
4.2 Die Situation in Westdeutschland
4.3 Verhalten der westlichen Besatzungsmächte
4.4 Verhalten der Bundesrepublik Deutschland
5. Bewertung der Hilfsmaßnahmen der Bundesrepublik
6. Wirkung der Zuwanderung auf die bundesdeutsche Wirtschaft
7. Ausblick
8. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Flucht- und Abwanderungsbewegung aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. der DDR in die Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum von 1945 bis zum Bau der Berliner Mauer 1961. Dabei wird analysiert, wer diese Wanderungsbewegung trug, welche Motive – von politischem Druck bis zu wirtschaftlichen Zwangslagen – die Menschen zur Flucht bewegten und wie die beteiligten Staaten auf diesen Massenzustrom reagierten.
- Analyse der demografischen Zusammensetzung der Flüchtlinge (Alter, Geschlecht, Beruf).
- Differenzierung zwischen politischen, wirtschaftlichen und familiären Fluchtmotiven.
- Untersuchung der staatlichen Reaktionen in der SBZ/DDR sowie in Westdeutschland.
- Bewertung der Eingliederungspolitik und Hilfsmaßnahmen der Bundesrepublik.
- Einfluss der Zuwanderung auf den bundesdeutschen Wirtschaftsaufbau.
Auszug aus dem Buch
3.3 Wirtschaftliche Zwangslagen als Fluchtgrund
Wirtschaftliche Zwangslagen als Gründe für ein Verlassen der Heimat lagen ebenfalls über den gesamten Zeitraum vor. Betroffen waren hiervon in erster Linie diejenigen, die durch politische Maßnahmen wirtschaftlich be- oder verdrängt wurden, denen teilweise die wirtschaftliche Lebensgrundlage gänzlich entzogen wurde.
Dies traf im Untersuchungszeitraum in besonderer Weise auf in der Landwirtschaft Tätige zu. Im Verlauf der Bodenreform in der SBZ wurden schon in den Jahren 1945/46 die ersten rund 7000 Großbauern und ihre Familien entschädigungslos enteignet. Weitere faktische Enteignungen waren das Ergebnis der Kollektivierungswellen 1952/53 und 1959/60, die die Zahl der Flüchtlinge jeweils erkennbar erhöhten. „In diesen Jahren betrug der Anteil der Antragsteller aus landwirtschaftlichen Berufen knapp 12%, während er sonst bei rund 6% lag.“
Analog dazu stieg ab 1958 auch der Anteil der Übersiedler aus handwerklichen Berufen, in Folge der Schaffung von „Produktionsgenossenschaften des Handwerks“ (PGH) stark an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Fluchtbewegung aus der SBZ/DDR und Formulierung der leitenden Forschungsfragen hinsichtlich der Zusammensetzung, Motive und Folgen der Migration.
2. Umfang und Zusammensetzung der Wanderung: Analyse der statistischen Schwierigkeiten bei der Erfassung der Flüchtlingszahlen und detaillierte Betrachtung der demografischen Profile der Migranten.
3. Motive: Untersuchung der verschiedenen Ursachen für die Flucht, wobei zwischen politischen, ökonomischen und familiären Beweggründen unterschieden wird.
4. Verhalten der beteiligten Staaten zur Bevölkerungswanderung: Analyse der restriktiven Maßnahmen der DDR-Führung sowie der sich wandelnden Aufnahmepolitik und Integration in der Bundesrepublik.
5. Bewertung der Hilfsmaßnahmen der Bundesrepublik: Erläuterung der Entwicklung von einer bloßen Nothilfe hin zu einer gezielten Eingliederungspolitik für DDR-Flüchtlinge.
6. Wirkung der Zuwanderung auf die bundesdeutsche Wirtschaft: Darstellung der positiven Auswirkungen der Zuwanderung als Wachstumsreserve und Qualifikationstransfer für den wirtschaftlichen Wiederaufbau.
7. Ausblick: Kurzabriss der Fluchtsituation nach dem Mauerbau bis zum Jahr 1990.
8. Zusammenfassung: Synthese der Kernergebnisse zur Bedeutung der Flüchtlingsbewegung für die deutsche Geschichte nach 1945.
Schlüsselwörter
DDR-Flucht, SBZ, Bundesrepublik Deutschland, Berliner Mauer, Migrationsmotive, Notaufnahmeverfahren, Arbeitswanderung, politische Flüchtlinge, wirtschaftliche Zwangslagen, Eingliederungspolitik, Wiederaufbau, Bevölkerungsbewegung, SED, Interzonenreiseverkehr, Republikflucht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Flucht- und Abwanderungsprozesse aus der sowjetischen Zone bzw. DDR in Richtung Bundesrepublik von 1945 bis 1961.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die Schwerpunkte liegen auf der demografischen Zusammensetzung der Flüchtlinge, deren Fluchtmotiven, der staatlichen Reaktion beider deutscher Staaten sowie der wirtschaftlichen Auswirkung auf die Bundesrepublik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Beweggründe der Flüchtlinge zu differenzieren und zu klären, wie die Bundesrepublik auf die Ankunft der Zuwanderer reagierte und diese in den Arbeitsmarkt integrierte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung von zeitgenössischen Statistiken, Berichten, Verfassungsdokumenten und der wissenschaftlichen Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Wanderungszusammensetzung, die verschiedenen Motive (politisch vs. wirtschaftlich), das staatliche Verhalten zur Migration sowie die wirtschaftlichen Folgen für Westdeutschland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind SBZ/DDR, Fluchtbewegung, Notaufnahmeverfahren, Arbeitskräftepotenzial, politische Repression und Eingliederungspolitik.
Welche Bedeutung hatte das Notaufnahmegesetz von 1950?
Es diente dazu, den Flüchtlingsstrom zu steuern, die Ankommenden zu verteilen und die Gründe für das Verlassen der DDR systematisch zu erfassen, wobei es sich sukzessive von einem Abschreckungsinstrument zu einem Werkzeug der Eingliederung wandelte.
Welche Rolle spielten landwirtschaftliche Enteignungen für die Flucht?
Diese führten zu einem deutlichen Anstieg der Antragsteller, da insbesondere die Kollektivierungswellen die wirtschaftliche Existenzgrundlage vieler Bauern vernichteten.
Warum war die DDR-Flucht für die Bundesrepublik ökonomisch vorteilhaft?
Die Flüchtlinge stellten eine gut ausgebildete, junge Arbeitskraftreserve dar, die maßgeblich zum raschen wirtschaftlichen Wiederaufstieg der Bundesrepublik beitrug.
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- B.A. Christian Pauer (Author), 2007, Die Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR vom Kriegsende bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82462