Spracherwerb und Sprachvergessen - Prozesse in der Zweitsprache


Hausarbeit, 2004

29 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das Erlernen einer Sprache
2.1 Die Muttersprache
2.2 Zweisprachigkeit – Eine Definition
2.3 Das Aneignen der Zweitsprache
2.4 Sprachverteilung / Sprachwechsel / Sprachmischung/ Interferenzen

3 Das Vergessen
3.1 Die Regressionshypothese
3.2 Die Linguistic-Feature- Hypothese
3.3 Die Hypothese der affektiven Variablen

4 Strategien der Erinnerung

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Frage nach dem Ursprung der Sprache beschäftigt die Menschheit bis heute noch. In erster Linie muss man sich die Frage stellen wie der Mensch eine Sprache erwirbt und zweitens, woher der Mensch die Fähigkeit zum Spracherwerb hat.

In diesem Zusammenhang möchte ich hier eine Anekdote erwähnen, die Herodot überliefert hat: Der ägyptische König Psammetich I. machte vor zweieinhalb Jahrtausenden ein wissenschaftliches Experiment. Er stellte sich die Frage nach der Ursprache der Menschheit und liess dazu zwei neugeborene Kinder in der Wildnis aussetzen. Die Kinder hatten nur Kontakt zu einem Ziegenhirt, der angewiesen wurde, kein Wort mit den Kindern zu sprechen. Die einzigen Gefährten der Kinder waren die Ziegen, dessen Milch die Kinder auch tranken. Nach zwei Jahren wurden die Kinder wieder zurückgeholt. Der König Psammetich I. wollte erfahren, ob die Kinder von sich aus eine Sprache entwickeln würden und, falls ja, welche diese wäre. Der König konnte sich dann selbst überzeugen, dass die einzelnen Worte, die die Kinder sprachen bek bek waren. Vermutlich war das ein Versuch die Laute der Ziegen nachzuahmen, die einzigen Laute, die sie jemals gehört hatten. Der König liess dann untersuchen, ob das Wort < bekos > in irgend einer Sprache etwas bedeutet. Er fand heraus, dass die Phryger das Brot < bekos > nannten und für ihn war klar, dass die Ursprache dann wohl das Phrygische sein muss und die Pryger das älteste Volk der Welt. (Zimmer, 1968, S. 7).

Die moderne Wissenschaft befürwortet solche Experimente in keiner Weise und sie haben sich im Laufe der Zeit, zurecht, nicht durchsetzen können. Somit muss man nach anderen Ansätzen suchen um Schlussfolgerungen über den Ursprung der Sprache zu ziehen.

Ziel meiner Hausarbeit ist es, das natürliche Erlernen und Vergessen von Zweitsprachen zu erläutern. In diesem Zusammenhang möchte ich in erster Linie auf den Erwerb von Sprachen verweisen. Welche biologischen Voraussetzungen braucht ein Mensch um eine Sprache zu erlernen? Welche Richtungen und Theorien gab es in Laufe der Zeit im Bereich der Sprachforschung?

Im Anschluss dazu werde ich auf den Erwerb der Muttersprache eingehen und auf die Frage: wie erwerben Kinder die Sprachlaute, Wörter und die Grammatik?

Die zwei folgenden Kapitel widme ich der Zweitsprache. Man muss sich vor Augen halten, dass es einen Unterschied zwischen dem natürlichen Erwerb und den gesteuerten Erlernen einer fremden Sprache gibt. Gleichzeitig möchte ich auf Methoden und auf Möglichkeiten aufmerksam machen, mit welchen man das Aneignen einfacher gestalten kann. Trotz dieser Methoden kämpfen Lerner mit Sprachmischungen und Interferenzen. Diese hängen mit der Sprachverteilung und mit dem Sprachwechsel zusammen.

Die obengenannten Themen sollen eine Einführung in das nächste Thema meiner Hausarbeit darstellen: das Vergessen von Zweitsprachen. Diesbezüglich werde ich die anatomischen Komponenten für das Vergessen erläutern und auf die allgemeinen Gesetze des Vergessens eingehen, die von Hermann Ebbinghaus postuliert wurden. In der Forschung zum Vergessen von Fremdsprachen stehen gegenwärtig drei grosse Hypothesen in Konkurrenz miteinander: die Regressionshypothese, die Linguistic-Feature-Hypothese und die affektive Variablenhypothese.

In Anschluss daran werde ich einige Strategien der Erinnerung erläutern und letztendlich wird das Resümee einige Darstellungen zum heutigen Stand der Forschung beinhalten und einige generelle Schlussfolgerungen zum Zweitspracherwerb – und verlernen.

2 Das Erlernen einer Sprache

Im Laufe der Geschichte der Fremdsprachenforschung entwickelten sich unterschiedliche theoretische Erklärungsversuche für den Spracherwerb. Einige möchte ich im Rahmen dieses Kapitels vorstellen. All diese Theorien haben als Grundlage die Frage, ob die Sprache – oder Teile davon – angeboren (nature) oder vollständig erlernt (nurture) wird.

Beginnen möchte ich mit der behavioristischen Sichtweise. Diese Sichtweise wurde von Skinner und Bloomfield vertreten. Dieser theoretische Ansatz geht davon aus, dass die Psyche des Menschen eine Art Black Box ist und, dass das Lernen einer Sprache durch Assoziation, Imitation und Verstärkung funktioniert. Jedes Verhalten wird gelernt, so auch die Sprache. Assoziiert werden Dinge und Wörter dadurch, dass Erwachsene darauf zeigen und immer wieder das betreffende Wort aussprechen. Man geht davon aus, dass Kinder dieses Verhalten imitieren. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Verstärkung eines erwünschten Verhaltens. Mit anderen Worten, wenn das Kind Dinge richtig benennt, muss es belohnt werden indem man es lobt oder zustimmend lächelt. Solche positive Reaktionen erhöhen die Auftretenswahrscheinlichkeit des verstärkten Verhaltens und setzt dieses sich so gegen die anderen Verhaltensmöglichkeiten durch.

Ein Schwachpunkt dieser Theorie besteht darin, dass nicht berücksichtigt wurde, dass der Mensch viele hochspezifische spontane Beiträge produziert, die nicht auf Imitation basieren. „Aber eines der hervorstechendsten Merkmale der menschlichen Sprache ist es gerade, dass sie ständig Aussagen bildet, die noch nie jemand hervorgebracht hat und die also auch nicht durch Imitation erworben werden können.“ (Zimmer, 1986, S.12)

Es gilt also als bewiesen, dass die Nachahmung beim Spracherwerb nur eine untergeordnete Rolle spielt. Ausserdem ist festgestellt worden, dass Kinder nicht jene Wörter wiederholen, die sie nicht kennen, sondern die, die sie schon kennen und somit üben. Als bestes Beispiel dafür, dass der Spracherwerb eine viel komplexere Prozedur ist als reine Imitation, gilt die Tatsache, dass selbst taube Kinder plappern obwohl sie noch nie Sprache gehört haben. (Zimmer, 1986, S.12)

„Offenbar lernt das Kind gar keine Einzelfälle von Sprachanwendung, sondern die Regeln, die den Einzelfällen zugrunde liegen“ (Zimmer, 1986, S.12) Damit ist gemeint, dass das Kind in die Tiefe der Sprache eindringt und gewisse Schritt wie Induktion, Generalisierung und Erprobung vollzieht. Induktion bedeutet, dass das Kind der Sprache auch grammatische Regeln entnimmt, nicht nur Wörter. Generalisierung steht für die Ausdehnung der entnommenen Regeln auch auf andere ähnliche Fälle und das Kind bildet dadurch Hypothesen. Diese Hypothesen erprobt es dadurch, dass es Sätze anhand seiner Vorstellung produziert.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob dieses Modell ausreicht um den Spracherwerb zu definieren. Manche Kritiker, wie Noam Chomsky verneinten dies. Das Kind müsste gemäss dieser Theorie eine Vielzahl von Abweichungen von den grammatischen Regeln durch Ausschlussverfahren erschliessen, was sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Dieser Ansatz von Noam Chomsky führte zu der Theorie, dass das Kind mit einem bestimmten Vorwissen auf die Welt kommen muss, welches es ihm ermöglicht, Sprachen zu lernen. Dieses Vorwissen beruht auf einer universellen Grammatik aller Sprachen, mit der das Kind geboren wird. Das Lernen ist folglich eine Reifung der Regeln, eine nach der anderen.

„Die diversen Prinzipien der Universalen Grammatik kommen nacheinander aufgrund eines spezifischen Reifungsplanes zum Vorschein, so dass die grammatischen Konstruktionen der Kinder in jedem Entwicklungsstadium von einem bestimmten Unter-Set universaler Prinzipien gelenkt (oder vielmehr begrenzt) werden. Dass seine Grammatik neu strukturiert werden muss, wird dem Kind klar, wenn ein neues Prinzip zum Vorschein kommt, gegen welches seine gegenwärtige Grammatik verstösst.“ (Felix, 1984)

Vorläufer dieser Theorie waren Plato (4. Jahrhundert vor Christus) und Descartes (17. Jahrhundert). Spätere Vertreter waren, wie bereits erwähnt, Noam Chomsky und Lenneberg, die davon ausgingen, dass der Mensch mit angeborenen Fähigkeiten auf die Welt kommt und, dass das Lernen ein Ordnen von angeborenem Wissen ist. Der Input einer Sprache aktiviert/deaktiviert lediglich das bereits vorhandene Muster. Der eben genannte Ansatz ist die nativistische Betrachtungsweise des Spracherwerbs.

Ein dritter Standpunkt besagt, dass das Kind nicht unbedingt ein Vorwissen braucht, sondern eine Handvoll Arbeitsprinzipien, die ihm vorgeben, wie man an eine Sprache herangeht und sie analysiert. Diese ist die kognitivistische Auffassung des Spracherwerbs. Vertreten wird diese Theorie von Jean Piaget und in der aktuelleren Forschung von Tomasello. Man geht davon aus, dass der Spracherwerb ein Teil der kognitiven und intellektuellen Entwicklung des Menschen sei. Das Lernen basiert auf grundlegenden, angeborenen kognitive Fähigkeiten.

Der letzte Ansatz, den ich erläutern möchte, ist der Interaktionistische Standpunkt. Dieser wird von Jerome Brunner und von Cathrine Snow vertreten. Diese betonen die Funktionalität der Sprache und weisen darauf hin, dass sich das Lernen durch die Interaktion Kind-Eltern vollzieht. Nur wenn das Kind von den Eltern ein Feedback bekommt und wenn diese erklären, was aneinanderaufgesagte Laute bedeuten, kann das Kind eine Bedeutung verstehen.

Als nächstes möchte ich auf die anatomischen Voraussetzungen für den Spracherwerb eingehen. Bei einem Neugeborenen sitzt der Kehlkopf hoch im Rachen. Das ermöglicht dem Säugling, im Gegensatz zum Erwachsenen, die gleichzeitige Nahrungsausnahme und das Atmen. Das hat aber zur Folge, dass die Schallerzeugung stark eingeschränkt ist. Die Umgestaltung des Artikulationstraktes vollzieht sich beginnend mit dem zweiten Lebensmonat und kann bis zum Ende des ersten Lebensjahres andauern. Erst durch das Senken des Kehlkopfes und durch die rechtwinklige Biegung des Mund-Rachenraums gewinnt auch die Zunge an Beweglichkeit. Diese ist eine Voraussetzung für die Fähigkeit zur Artikulation.

Der Spracherwerb ist aber auch durch die kognitiven Fähigkeiten bedingt. Seit dem Beginn der sechziger Jahre beschäftigen sich Neurobiologen und Psychologen mit der funktionalen Differenziertheit der beiden Hälften des menschlichen Gehirns. Dass die beiden Hälften der Grosshirnrinde unterschiedliche Funktionen haben, weiss man seit der französische Chirurg Paul Broca herausgefunden hat, dass Verletzungen einer bestimmten kleinen Zone in der linken Hemisphäre regelmässig zu Sprachstörungen (Aphasien) führen. Dieses Areal im Gehirn wird seitdem Broca-Zentrum genannt. Ein deutscher Neurologe, Karl Wernicke, fand ein anderes Areal in der linken Hemisphäre, dessen Beschädigung auch zu Aphasie führte. Dieses Areal trägt seitdem den Namen seines „Entdeckers“, nämlich des den Wernicke-Zentrums.

Da sich diese beiden Areale in der linken Gehirnhälfte befinden, geht man davon aus, dass das Sprachzentrum und alle geistigen Fähigkeiten in der linken Gehirnhemisphäre lokalisiert sind. „Die rechte Hemisphäre erschien daneben als ein niederer, tumber, bewusstloser Automat.“ (Zimmer, 1986, S. 105). Als nächstes möchte ich diesen beiden Arealen und ihren Funktionen meine Aufmerksamkeit widmen.

Bei der mündlichen Sprachproduktion ist das Wernicke-Zentrum für die Grundstruktur der Äusserung zuständig. Im Broca-Zentrum erfolgt die sprachlich-grammatische Umsetzung. Im motorischen Feld werden die Signale zur Steuerung der Sprechorgane erzeugt.

Die Verarbeitungsprozesse beim Vorlesen haben als Basis die empfangenen visuellen Signale in der Sehrinde, die unter dem Aspekt sprachlicher Informationen verarbeitet und an das Wernicke-Zentrum weitergeleitet werden. Im Broca-Zentrum erfolgt die sprachlich-grammatische Umsetzung, im motorischen Feld werden die Signale zur Steuerung der Sprechorgane erzeugt.

Bei der mündlichen Sprachrezeption gelangen die akustischen Signale vom Ohr in die Hörrinde und werden von da aus an das Wernicke-Zentrum weitergeleitet und, wie bei den oben genannten Prozessen, wird auch hier die sprachlich-grammatische Umsetzung im Broca-Zentrum stattfinden.

Dies sind -kurz erwähnt- die wesentlichen Gehirnareale, die für die Prozessierung sprachlicher Informationen zuständig sind. Die rechte Hemisphäre ist aber auch nicht ganz ohne Sprache. Sie verfügt über rezeptive und produktive Kompetenzen auf dem sprachlichen Gebiet und Sprachproduktionen dieser Hemisphäre bestehen meistens aus Klischees und konventionellen Redewendungen wie: „Guten Tag“. Sie ist zuständig für die Interpretation emotionaler Intonation und metaphorischer Wendungen.

Die linke Hemisphäre, so scheint es, ist für die sequentiellen Aufgaben zuständig. Sie arbeitet mit „chunks“, also Unterteilungen der Information in kleine Stücke. Im Gegensatz dazu erfasst die recht Hemisphäre das Material als Ganzes. Da die Sprache aber sequentiell arbeitet, spricht man der linken Hemisphäre eine wichtigere Rolle in der Sprache zu. Die normal gesprochene Sprache ist aber das Werk beider Hemisphären. Jede hat ihre Aufgabe und leisten ihren Beitrag.

2.1 Die Muttersprache

Das Erlernen der Muttersprache ist „die komplexeste aller Aufgaben, mit denen das Kind im Laufe seiner Entwicklung konfrontiert wird.“ (Dittmann, 2002, S. 9) Der Mutterspracherwerb in der Kindheit steht in enger Verbindung mit der kognitiven Reifung. Unter normalen Bedingungen beginnt der Erstspracherwerb schon im Mutterleib dadurch, dass das Kind sich an die Stimme der Mutter gewöhnt, sie erkennt und diese allen anderen Stimmen vorzieht. Die Kinder entwickeln sehr früh ein Gefühl für Sprache, lange bevor sie zu sprechen beginnen. Diese Fähigkeit zur Sprachwahrnehmung ist allen Kindern angeboren, unabhängig von der Sprache der Umgebung. Diese Fähigkeit passt sich im Laufe des ersten Lebensjahres der Struktur der Sprache an, welcher das Kind ausgesetzt ist und eliminiert die sprachlichen kategorialen Unterscheidungen, die für die Muttersprache nicht notwendig sind: „Der frühe Spracherwerb ist also nicht als Sensibilisierung des Säuglings für sprachspezifische Unterscheidungen der Muttersprache zu verstehen, sondern als Desensibilisierung von Unterscheidungsmöglichkeiten, die der Säugling zunächst hat, die aber für die Muttersprache nicht relevant sind“ (Sendlmeier, 1991, S. 162)

Das Erlernen der Muttersprache geschieht in erster Linie durch die Interaktion mit den Eltern (in den meisten Fällen besonders mit der Mutter). Der Erwerb funktioniert natürlich, ungesteuert, weil die Eltern ihre Rolle als kompetente Sprachpartner nicht im Sinne vom „Lehrer“ verstehen. Dadurch vollzieht sich die Aneignung der Sprache unter ungezwungenen Bedingungen. Der Erwerb ist in einem solchen Fall handlungsorientiert und situationsbedingt, was es dem Kind ermöglicht, die Sprache im Dialog mit den Eltern zu erlernen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Spracherwerb und Sprachvergessen - Prozesse in der Zweitsprache
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Mehrsprachigkeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V82477
ISBN (eBook)
9783638874830
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spracherwerb, Sprachvergessen, Prozesse, Zweitsprache, Mehrsprachigkeit
Arbeit zitieren
Andreea Feierstein (Autor:in), 2004, Spracherwerb und Sprachvergessen - Prozesse in der Zweitsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82477

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