Mauritius Knauer und der Hundertjährige Kalender


Seminararbeit, 2002

26 Seiten, Note: sehr gut (1,0)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Mauritius Knauer
1.1 Wichtige Lebensdaten
1.2 Promotor spiritualis
1.3 Wissenschaftliche Aktivitäten
1.4 Ökonomische Aktivitäten

2. Calendarium Oeconomicum Practicum Perpetuum
2.1 Aufbau
2.2 Astrologische Axiomatik
2.2.1 Das Weltbild
2.2.2 Die Planetenherrschaft
2.2.3 Der Sieben-Jahres-Zyklus
2.2.4 Bedingter Determinismus
2.3 Ökonomische Pragmatik

3. Der Hundertjährige Kalender
3.1 Handschriften
3.2 Druck
3.3 Rezeption und Ausgaben

Schlusswort

Vorwort

Seit jeher sind Menschen vom Gedanken fasziniert, zukünftige Ereignisse vorher-sagen zu können. So ist die Wahrsagerei wohl so alt, wie die menschliche Reflexion über die eigene Existenz.

Schon sehr früh versuchten die Menschen vor allem aus den Himmelskörpern und ihren Konstellationen Aufschlüsse über Künftiges zu erlangen.

Das, was wir heute Astrologie nennen, entstand in vielen Kulturen wahrscheinlich isoliert und unabhängig, jedoch immer mit dem gleichen pragmatischen Hinter-grund: die alles umfassende ewige Weltordnung zu erkennen und daraus Prog-nosen abzuleiten.

Von den Chaldäern gelangte diese „Wissenschaft“ in den hellenistischen Raum, und von da über die Zeitenwende hinweg auch ins christlich-abendländische Mittelalter.

Weder christliche Dogmatik noch Aufklärung konnten den astrologischen Glau-ben ganz aus dem kollektiven Wissens- und Erfahrungsschatz der Menschheit verbannen.

Weil es der Kirche nicht gelang, die Astrologie vollständig zu kompensieren, arrangierte man sich im Mittelalter mit dem uralten Gedankengut, und so verwun-dert es nicht, dass auch Kirchenmänner und Wissenschaftler bis weit in die Neuzeit keine Bedenken hatten, sich astrologischen Gedankenguts zu bedienen.

Das Calendarium Oeconomicum Practicum Perpetuum des Langheimer Abtes Mauritius Knauer vereint auf eindrucksvolle Weise Astrologie und Ökonomie. Diese Verbindung soll in dieser Arbeit herausgearbeitet und dargestellt werden.

Die Druck- und Rezeptionsgeschichte dieses Schriftstückes ist äußert beeindruckend und zugleich ein Stück abendländischer Kulturgeschichte. Denn durch einige Eingriffe findiger Verleger wurde Knauers Werk zu dem, was vor allem in früheren Jahrhunderten als Hundertjähriger Kalender in weiten Teilen der Welt bekannt und verbreitet wurde, und auch heute noch eine enorme An-ziehungskraft ausübt.

Allerdings scheint es unerlässlich, am Beginn dieser Abhandlung zum besseren Verständnis dieses bedeutenden Werkes auch seinen vermeintlichen Urheber – zumindest aber den originären Ideengeber – etwas näher zu betrachten: den Langheimer Abt Mauritius Knauer, dessen Biographie großen Aufschluss über Gestalt und Intention des Werkes geben kann.

1. Mauritius Knauer – Abt, Hausvater und Wissenschaftler

1.1 Wichtige Lebensdaten

Auf die Gefahr hin, die Bezüge zwischen den einzelnen Ereignissen zu verlieren, sollen die wichtigsten Stationen im Leben des Mauritius Knauer der Übersicht-lichkeit willen dennoch in chronologischer Reihenfolge angegeben werden.[1]

Geboren wurde der spätere Abt der oberfränkischen Zisterze Langheim mit größter Wahrscheinlichkeit wenige Tage vor dem 14. März 1613[2] in Weismain als Sohn der Eheleute Moritz und Barbara Knauer.

Seine Abstammung von den wohlhabenden Familien Neydecker und Senft, und Nikolaus Eber, der mit Knauer verwandt war, und als Langheimer Mönch die Pfarrei Merkershausen in der Diözese Würzburg betreute, ermöglichten dem jungen Moritz ein Studium am Collegium Ernestinum in Bamberg, das er von 1628 bis 1629 besuchte.

Wohl aus Dankbarkeit zu seinem Gönner Eber entschied er sich 1630 für den Eintritt ins Zisterzienserkloster Langheim[3].

Nachdem der 30jährige Krieg auch am Obermain angelangt war – im Februar 1632 plünderten 50 schwedische Reiter die Abtei – schickte Abt Eber seinen jüngsten Mönch Mauritius Knauer zusammen mit zwei Konventualen in die Zisterze Heiligenkreuz im Wienerwald.

Im Rahmen seines neunjährigen Aufenthalts in Österreich wurde Knauer 1636 in der Wiener Schottenkirche zum Diakon geweiht. Ende 1637 ließ sich der engagierte Diakon an der Universität Wien einschreiben, wo er aufgrund seiner Bamberger Studien rasch voran kam, und schon 1639 zum Magister promoviert wurde.

Am 22. September 1640 wurde Knauer vom Wiener Bischof im Stephansdom zum Priester geweiht.

1644 kehrte er endgültig nach Langheim zurück, wo er bald zum Subprior ernannt wurde, und bereits zwei Jahre später wurde Knauer Prior der Abtei.

Um der Zisterze wirtschaftlich unter die Arme zu greifen – Langheim hatte stark unter schwedischen Tributforderungen zu leiden - übertrug der Bamberger Fürstbischof Knauer die Pfarrei Weismain, die er dann bis 1650 innehatte.

Am 2. September 1648, nur einen Tag nach der Eröffnung, erhielt Mauritius Knauer den Doktorhut der neu gegründeten Academia Bambergensis[4].

Das folgende Jahr sollte für den Weismainer wichtige Entscheidungen mit sich bringen. Nachdem im Juni Abt Johann Gagel verstorben war, lief wieder einmal das Procedere der Neuwahlen an:

„Seit dem 15. Jahrhundert war es üblich, dass anschließend Vertreter des Bamberger Fürstbischofs die Abtei inventarisierten, der Wahl des Nachfolgers beiwohnten und sogar zwei Stimmen abgaben; durch all das verwirklichte der Fürstbischof seine weltlichen und seine geistlichen Herrschaftsansprüche über Langheim.“[5]

Doch diesmal verweigerte der Langheimer Konvent unter Führung des selbstbewussten Priors Knauer den bischöflichen Vertretern die Einsichtnahme in die Klosterbestände unter Berufung auf die Exemtion des Zisterzienserordens.[6]

Dennoch gab der Konvent dem Drängen der Bamberger Kommissare nach, um in Ruhe einen neuen Abt wählen zu können.

Dies geschah am 29. Juni: neuer Langheimer Abt wurde Mauritius Knauer, der trotz bischöflicher Einflussnahme auf die Mönche nur drei Gegenstimmen erhielt.

Dennoch war damit die Auseinandersetzung mit dem Erzbischof lange nicht bereinigt.

„Der Gewählte bedurfte der Bestätigung durch den Diözesanbischof, und diese musste er sich teuer erkaufen. Der Bamberger Bischof nötigte ihm das Versprechen ab, jährlich über den Vermögensstand des Klosters zu berichten, ohne bischöfliche Genehmigung nichts zu bauen und keinen Mönch auf eine auswärtige Hochschule zu schicken.“[7]

Nachdem der neue Abt zur Sicherung seiner Wahl den Forderungen des Bischofs entsprach, bemühte sich der rechtlich äußerst gelehrte Knauer sehr früh um eine erneute Beurkundung und Anerkennung der Langheimer Sonderrechte, die im Zuge der Übertragung Frankens an Sachsen-Weimar immer mehr in Vergessen-heit gerieten.

Als alleiniger Schirmer des Klosters sollte nun der Kaiser fungieren, da der Bam-berger Staat dem Kloster in Krisenzeiten nicht genügend Schutz geboten hätte.[8]

Zur Eskalation des so genannten „Knauer’schen Klosterkrieges“ kam es im Mai 1652: Das Provinzialkapitel der oberdeutschen Zisterzienser forderte den Bischof auf, die Rechte Langheims zu respektieren und drohte andernfalls mit einer Klage beim Kaiser.

Die Reaktion Bambergs erfolgte prompt: Knauer wird vorgeladen, als er aber nicht erscheint, wird Langheim von bischöflichen Truppen besetzt. Daraufhin flieht der Abt nach Prag, um vor dem Reichshofrat gegen das Vorgehen des Fürstbischofs Klage zu erheben. Die Soldaten müssen in Folge dessen zwar abziehen, und Knauer kehrt auch ins Kloster zurück, doch der Bischof will ihn um jeden Preis in die Hofhaltung schaffen lassen. So schickt er nach der Rückkehr des Abtes erneut Militär. Aus Angst um seine Mönche begibt sich Knauer dann auch in die Gewalt des Bischofs und wird zwei Monate lang in Bamberg festgehalten.

Wie selbstbewusst der Langheimer Abt die Souveränität und das Selbstver-ständnis des Klosters verkörperte, mag wohl jene Szene zeigen, als er dem Erzbischof und dessen Vertretern bei seiner Festnahme den Kirchenbann entgegen schmetterte.

Dennoch schien der harte Kern nach der Haft in der Alten Hofhaltung zerbrochen zu sein, denn Knauer war nun bereit, den Erzbischof als seinen geistlichen und weltlichen Herrn anzuerkennen.

Im Januar 1653 wurde Philipp Valentin Voit von Rieneck zum Nachfolger von Melchior Otto gewählt. Dieser war dem Kloster bedeutend mehr gewogen als sein Vorgänger.

Am 9. November 1664 starb Mauritius Knauer nach 15 Jahren als Abt von Langheim. Drei Tage zuvor hatte er wohl bereits einen Schlaganfall erlitten.

Mauritius Knauer bemühte sich aber bei weitem nicht nur um rechtliche Angelegenheiten des Klosters, die hier im Zusammenhang mit den wichtigsten biografischen Daten abgehandelt wurden. Der Abt war gewissermaßen ein ganzheitlicher Förderer des Klosters. Als „Hausvater“[9] war er zwar auch um eine florierende Klosterwirtschaft bemüht, aber natürlich musste ihm das geistliche Gedeihen der Zisterze ebenfalls am Herzen liegen.

1.2 Promotor spiritualis

Auch Kloster Langheim hatte am allgemeinen Bevölkerungsrückgang infolge des Dreißigjährigen Krieges zu leiden, aber um die Autarkie zu bewahren, musste Abt Knauer alles daran setzen, genügend Konventualen zu gewinnen. Dazu ließ Knauer seine Kontakte ins Rheinland wirksam werden, von wo schließlich viele der 43 jungen Männer stammten, die unter Knauer ins Kloster eintraten.[10]

Sein Hauptaugenmerk legte der Abt auf die Ausbildung und Zucht der Jung-mönche: er ließ sie in einer eigens gegründeten Klosterschule meist von Dominikanern unterrichten.

Zudem war es in der Kriegszeit zu einer immer laxeren Disziplin gekommen, worauf Knauer mit verschärften Vorschriften antwortete und eine genaue Einhaltung der Ordensregel postulierte.

1.3 Wissenschaftliche Aktivitäten

Wenn man sich die Bandbreite der wissenschaftlichen Betätigungsfelder des Langheimer Abtes anschaut, kann man ihn ohne Zweifel als Universalgelehrten einstufen.

Wie seine Auseinandersetzungen mit dem Bamberger Episkopat um die Wiederherstellung der klösterlichen Rechte zeigen, war Knauer ein Fachmann sowohl in der weltlichen als auch in der kanonischen Rechtswissenschaft. Dass er den theologischen Doktorhut erhielt wurde bereits erwähnt, aber weiterhin genoss Mauritius Knauer im ganzen Frankenland einen guten Ruf als Heiler, ja er galt sogar als Heilorakel. So wurde er auch von Melchior Otto an dessen Krankenlager gerufen, damit ihn der Abt heile.[11] Dennoch kann ein akademisches Medizinstudium nicht als sicher angenommen werden.

Dass Knauer in der Philosophie bzw. den artes liberales[12] zu Hause war, versteht sich von selbst.

[...]


[1] Die biographischen Angaben stützen sich dabei größtenteils auf JÄCK.

[2] Dieses Datum gibt den Tauftermin an. Taufmatrikel aus jener Zeit zeigen, dass auch am 15. September 1614 ein „Mauritius“ der gleichen Eltern getauft wurde, jedoch erscheint das Vorjahr plausibler.

[3] Das Kloster wurde 1132 von Bischof Otto dem Heiligen von Bamberg gleichzeitig mit dem Kloster Heilsbronn gegründet, 22 Jahre später vollendet, und von Mönchen aus Ebrach – der ältesten Zisterze Deutschlands – besiedelt. In einer „Defensio Specialis“ wurde es von Kaiser Friedrich Barbarossa geschützt und weitgehend von Zoll- und Zehntabgaben befreit. So wuchs Langheim zu einem wirtschaftlich blühenden Kloster heran, was auch der bedeutende Grundbesitz im nördlichen Rodungsland (i.e. Frankenwald) um Teuschnitz und Leugast verdeutlicht. Lange konnte die Zisterze ihre Sonderrechte wahren, doch nach und nach wurden die Privilegien von den Bamberger Fürstbischöfen beschnitten, und das Kloster in den Bamberger Staat eingegliedert. So hatte Langheim im 17. Jahrhundert allenfalls noch die Bedeutung eines Kammergutes der Fürstbischöfe.

[4] Diese wurde im November 1647 von Fürstbischof Melchior Otto Voit von Salzburg neu gegründet.

[5] DIPPOLD, S. 396

[6] D.h. der Orden ist unmittelbar dem Papst unterstellt, und somit ist auch der Diözesanbischof nicht zuständig für Langheim, auch wenn es in seinem Gebiet liegt.

[7] DIPPOLD, S. 397

[8] Die Funktion der Klosterschirmer war für die Bamberger Fürstbischöfe die einzige Möglichkeit, die Zugehörigkeit der mit weitgehenden Autonomierechten ausgestatteten Zisterze an das Hochstift zu betonen.

[9] Das dt. Wort Abt geht ursprünglich auf aram. abba (= Vater) zurück. Vgl. auch die Gottesanrede Jesu im NT.

[10] vgl. DIPPOLD, S. 400

[11] vgl. JÄCK, Sp. 592

[12] Sie stellten die Propädeutik für Medizin, Jura oder Theologie dar.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Mauritius Knauer und der Hundertjährige Kalender
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Fakultät Sprach- und Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
PS: Kalender im Wandel der Jahrhunderte
Note
sehr gut (1,0)
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V8251
ISBN (eBook)
9783638152709
ISBN (Buch)
9783638640268
Dateigröße
1042 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Knauer, Langheim, Calendarium perpetuum, Franken, Weismain, ptolemäisches Weltbild
Arbeit zitieren
Patrick Müller (Autor), 2002, Mauritius Knauer und der Hundertjährige Kalender, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8251

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Mauritius Knauer und der Hundertjährige Kalender



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden