Eine Welt in zwei Ebenen - Literarische Räume im Bilderbuch

Über ihre Entstehung, Wirkung und Bedeutung


Hausarbeit, 2007

21 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Entstehung und Konstruktion literarischer Räume
2.1 Was ist der literarische Raum
2.2 räumliche Beziehungen als Modell

3 literarische Räume im Bilderbuch
3.1 kurze, inhaltliche Zusammenfassung des Bilderbuchs
3.2 Analyse und Interpretation der Teilräume anhand von Raumdeterminanten
3.2.1 Analyse der Textebene
3.2.2 Analyse der Bildebene
3.3 Welche Rolle spielt das Verhältnis von Bild und Text für die Entstehung literarischer Räume
3.4 Bedeutungen der Raumdeterminanten
3.5 Analyse des Zusammenhangs zwischen Raum und Handlung
4 Resümee

Literatur

1 Einleitung

Thema dieser Arbeit sollen Räume in der Literatur, speziell literarische Räume im Bilderbuch sein. Das Bilderbuch „Das Geheimnis des Affenbrotbaums“ von Satomi Ichikawa stellt hierfür die exemplarische Grundlage dar.

Auf welche Weise werden literarische Räume vom Autor kreiert, wie werden sie vom Leser rezeptiert und welche Bedeutung haben Räume für eine Geschichte? Dies sollen die übergeordneten Fragen sein, auf die im Rahmen dieser Arbeit Antworten gefunden werden sollen.

Zu Beginn möchte ich in einer kurzen Einführung auf die Entstehung und Konstruktion literarischer Räume eingehen. Dazu soll zunächst eine Definition und Abgrenzung des Begriffes 'Literarischer Raum' erfolgen. Schwerpunkt der theoretischen Erörterung wird die Modellhaftigkeit räumlicher Beziehungen sein. Es stellt sich insbesondere die Frage nach der Bedeutung solch räumlicher Modellvorstellungen für Struktur und Wirkung einer Geschichte.

Im dritten Kapitel soll die Bedeutung des Bilderbuches als spezifisches Medium für den Aufbau literarischer Räume näher betrachtet werden. Das Bilderbuch bietet im Gegensatz zu anderen Texten die Möglichkeit, Räume auf zwei verschiedenen Ebenen zu konstruieren. Daher soll eine erste Fragestellung lauten: In welchem Verhältnis stehen Bild- und Textebene in Bezug auf die Gestaltung literarischer Räume?

Um Antworten auf diese Frage zu geben wird sich folglich das dritte Kapitel weiter aufteilen in eine jeweils separate Analyse der Textebene und der Bildebene. Grundlage dieser Analysen wird dabei die Betrachtung von Raumeigenschaften sein.

Im weiteren Verlauf soll die Bedeutung des literarischen Raumes und dessen Grenzen für den Plot der Geschichte beleuchtet werden.

2 Die Entstehung und Konstruktion literarischer Räume

2.1 Was ist ein literarischer Raum?

Mit dem Begriff 'Raum' verbinden die meisten Menschen Dreidimensionalität. Oder aber sie stellen sich einen geografischen Zusammenhang vor.

Eine allgemeine Definition zu finden scheint schwierig, meint der Raum in der Physik doch etwas ganz anderes, als der mathematische oder kulturelle Raum.

Trotzdem hat sich der Mathematiker A.D. Alexandrov an einer solchen allgemeinen Raumdefinition versucht. Laut dieser Definition ist Raum

„die Gesamtheit homogener Objekte (Erscheinungen, Zustände, Funktionen, Figuren, Werte von Variablen u..dgl.), zwischen denen Relationen bestehen, die den gewöhnlichen räumlichen Relationen gleichen (Ununterbrochenheit, Abstand u. dgl.). Wenn man eine gegebene Gesamtheit von Objekten als Raum betrachtet, abstrahiert man dabei von allen Eigenschaften dieser Objekte mit Ausnahme derjenigen, die durch die gedachten raumähnlichen Relationen definiert sind.“[1]

Raum ist also definiert durch eine homogene Gesamtheit von Dingen, die sich alle in Bezug auf bestimmte Merkmale ähneln.[2]

Nach der Raum-Definition Alexandrovs versteht ein Leser folglich dann etwas als Raum in einer Geschichte, wenn sich verschiedene „Erscheinungen, Zustände, Funktionen, Figuren“[3] etc. in Bezug auf ganz bestimmte Eigenschaften zusammenfassen lassen. Aber mit welchen sprachlichen Mitteln werden literarische Räume konstruiert und 'sichtbar' gemacht?

Um einen Raum 'sichtbar' abzugrenzen muss der Leser einen deutlichen Unterschied zwischen zwei als voneinander abgegrenzt zu verstehende Räume erkennen können. Am einfachsten geschieht dies über Gegensatz-Paare, welche gleichzeitig die Eigenarten des Raumes umschreiben.

Im Folgenden werde ich diese Gegensatzpaare Raumdeterminanten (von lat. determinare = bestimmen, beschreiben, begrenzen) nennen.

Beispiel: „Ich lebe in den Bergen“[4], das Dorf ist also 'oben'; „[ich] bin bis ins Tal herabgestiegen“[5], der Markt ist folglich 'unten'. Dass eine Abgrenzung verschiedener Räume vom Leser nur durch sich deutlich voneinander unterscheidende Eigenschaften, besser noch durch ein Paar von Gegensätzen erkannt wird zeigt folgendes Beispiel: Man kann davon ausgehen, dass es im Dorf, sowie auch auf dem Markt staubigen Boden gibt. Wäre dies im Text für beide Orte erwähnt könnte man durch diese Gemeinsamkeit nicht unmittelbar darauf schließen, dass es sich um separate Räume handelt. Gäbe es im Dorf hingegen einen Steinboden wäre eine Abgrenzung wiederum sichtbar.

Raumdeterminanten beschreiben, charakterisieren also den Raum und grenzen ihn gleichzeitig von anderen, andersartigen Räumen ab.

2.2 Räumliche Beziehungen als Modell

Ein weiteres Phänomen räumlicher Relationen ist ihre Modellhaftigkeit.

Aus der oben angeführten Raum-Definition von Alexandrov lässt sich weiter folgern, dass es auch für nicht dreidimensionale Zusammenhänge möglich sein könnte räumliche Begriffe als Modell für die jeweiligen Relationen einzuführen. Und in der Tat basieren Begriffe wie „Spielraum“, „Zeitraum“, „Farbraum“ auf räumlichen Modellen.

Achtet man im Alltag einmal genauer auf die Verwendung von Ausdrücken räumlicher Beziehungen fällt auf, dass diese nicht selten auch zur ideologischen Modellbildung herangezogen werden. Bestimmte räumliche Gegensatzpaare, wie oben – unten, rechts – links, oder nah – fern, dienen nicht mehr ausschließlich der Beschreibung räumlicher Zusammenhänge, sondern vermögen es auch, Relationen in alltäglichen, z.B ethischen, sozialen oder politischen Modellen zu charakterisieren. So nennt Juri Lotman In „Die Struktur literarischer Texte“ die Beispiele der rechten und linken Parteien, der oberen und unteren Schichten[6] und beschreibt

„Vorstellungen von 'hohen, erhabenen = erhobenen' und 'niederen, erniedrigenden' Gedanken, Beschäftigungen, Berufen; die Identifikation des 'Nahen' mit dem Verständlichen, Eigenen, Vertrauten, und des 'Fernen' mit dem Unverständlichen, Fremden – all das fügt sich zusammen zu Weltmodellen, die deutlich mit räumlichen Merkmalen ausgestattet sind.“[7]

Erfahren wir also in der Geschichte „Das Geheimnis des Affenbrotbaums“ vom Dorf oben in den Bergen im Gegenüberstellung zum Markt, der unten im Tal gelegen ist[8], so liegt bei 'oben' für viele Menschen die Vorstellung von etwas höher gestelltem, mächtigem nahe. Einige werden vielleicht sogar an Himmel oder Gott denken. Gleichzeitig steht 'unten' für Schwäche, Erniedrigung, Unterdrückung, im weitesten Sinne für Hölle oder Teufel. Juri Lotman spricht hier von einer stetigen Ausrichtung längs einer „vertikalen Achse 'oben – unten'“[9]. So kann man sagen, dass die Determinanten oben und unten in ihrem Zusammenhang und zumindest auf einer subtilen, unterbewussten Ebene als Synonyme für 'gut' und 'böse' verstanden werden können.

3 Literarische Räume im Bilderbuch

Exemplarisch behandelt anhand des Bilderbuchs

„Das Geheimnis des Affenbrotbaums“ von Satomi Ichikawa

In diesem Kapitel sollen die Teilräume des Bilderbuches „Das Geheimnis des Affenbrotbaums“ im Hinblick auf Raumdeterminanten untersucht werden. Im Anschluss an eine kurze inhaltliche Zusammenfassung und einer Vorstellung der einzelnen Räume erfolgt die eigentliche Analyse. Dabei geht es vor allem um die Modellhaftigkeit der Raumdeterminanten. Welche Attributionen nimmt der Leser automatisch vor, welche Assoziationen werden durch die bestimmte Raumgestaltung frei gesetzt, welche Wirkung erhält der jeweilige Raum durch die Text- bzw. durch die Bildebene.

Anschließend sollen die Ergebnisse beider Ebenen in einen Zusammenhang gestellt werden, um die Übergeordnete Frage: „In welchem Verhältnis stehen Bild- und Textebene in Bezug auf die Gestaltung literarischer Räume?“ zu beantworten.

3.1 Kurze, inhaltliche Zusammenfassung des Bilderbuchs

und Benennung der Räume

Der erste Raum, der dem Leser vorgestellt wird ist das Dorf. Im Gegensatz zum Markt und der Savanne befindet es sich in den Bergen, also 'oben'. Vom Dschungel hebt es sich durch die Behausungen der Menschen und die fehlende dichte Vegetation ab. Im Dorf lebt der Junge Paa, die Hauptfigur mit seiner Familie. Paa wird von seiner Mutter zum Markt geschickt, um Bananen zu verkaufen. Für den Erlös soll er wiederum einige wichtige Dinge einkaufen.

Der Markt ist ein zweiter Raum. Er ist 'unten', dem Dorf entgegengesetzt. Er hebt sich ab durch viele Menschen und Lebensmittel im Überfluss. Hierdurch und durch reichlichen Schutz vor der Sonne unterscheidet er sich auch zur Savanne.

Um vom Dorf zum Markt zu gelangen muss Paa das Dorf verlassen und einen weiten Weg gehen, der zuerst durch den Dschungel, dann durch die Savanne führt. Dschungel und Savanne sind also weitere, zu einander gegensätzliche Räume. Der Dschungel „frisch und mild“[10], die Savanne „heiß“[11] und unbarmherzig. Als Paa zu erschöpft zum weiter laufen ist ruht er sich unter einem riesigen Affenbrotbaum aus.

[...]


[1] A.D. Alexandrov, „Abstraktyne prostranstva“ in: Matematika, eë soderžanje, metody i značeniie, Bd. III, M., 1956, S. 151, zit. n. Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. 4. Auflage München 1993. S.312

[2] Vgl. Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. 4. Auflage München 1993. S.312

[3] A.D. Alexandrov 1956, 151, zit. n. Lotman, Jurij M. 1993, 312

[4] Ichikawa, Satomi, Das Geheimnis des Affenbrotbaums, Frankfurt 2003

[5] Ichikawa, Satomi 2003, Ergänzung JL

[6] vgl. Lotman, Jurij M. 1993, 313

[7] Lotman, Jurij M. 1993, 313

[8] vgl. Ichikawa, Satomi 2003

[9] Lotman, Jurij M. 1993, 313

[10] Ichikawa, Satomi 2003

[11] Ichikawa, Satomi 2003

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Eine Welt in zwei Ebenen - Literarische Räume im Bilderbuch
Untertitel
Über ihre Entstehung, Wirkung und Bedeutung
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Afrika als literarischer Raum in der Kinder- und Jugendliteratur
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V82521
ISBN (eBook)
9783638887915
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bilderbuch, Afrika, Raum, kinderbuch, Literaturwissenschaft, literarischer Raum, Raumdeterminanten, Räume
Arbeit zitieren
Julia Littwin (Autor), 2007, Eine Welt in zwei Ebenen - Literarische Räume im Bilderbuch , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82521

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