Deutsche Orthografie - Eine kurze Betrachtung


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Deutsche Rechtschreibung

3. Orthografische Prinzipien
3.1. Das Lautprinzip
3.2. Morphologische Schreibung
3.3. Usus Scribendi

4. Historische Schriftzeugen
4.1. Luthers Bibelübersetzung von 1534
4.2. Das Faustbuch von 1587
4.3. Goethes Werther von 1774 und 1787

5. Die heutige Schreibung – ein Vergleich

6. Abschließendes

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die gerade zurückliegende Rechtschreibreform hat für viel Diskussionsstoff gesorgt und die Orthografie zu einem Thema zentralen Interesses werden lassen, unter Fachleuten wie Laien gleichermaßen.[1] Kritiker sprechen von einer „Schlechtschreibreform“, die gegen grammatische Prinzipien verstoße.[2] „Wozu überhaupt eine Rechtschreibreform?“, fragen Pfeiffer/Ludwig, vermuten gar die Entmachtung des Duden-Verlags als eigentliches Motiv[3] und zitieren dessen ehemaligen Leiter Günther Drosdowski:[4]

„Die Reformer missbrauchten die Reform schamlos, um sich Ansehen im Fach und in der Öffentlichkeit

zu verschaffen, Eitelkeiten zu befriedigen und mit orthographischen Publikationen Geld zu verdienen.

Selten habe ich erlebt, dass Menschen sich so ungeniert ausziehen und ihre fachlichen und charakter-

lichen Defizite zur Schau stellen.“

Die Reform eine Farce? Ein intrigantes Machwerk als Ergebnis von Dilettantismus und Habgier? Blüml scheint das anders zu sehen. In seinen Augen war die Reform notwendig geworden, da Änderungen der Sprache seit der zweiten orthografischen Konferenz von 1901 eine Anpassung der Rechtschreibung erforderlich gemacht hätten, da das „sinnvolle Gleichgewicht zwischen dem Aufwand auf der Seite der Schreibenden und der notwendigen Klarheit auf der Seite der Lesenden empfindlich gestört“ gewesen sei.[5]

Die vorliegende Arbeit soll keinen weiteren Beitrag zu Sinn oder Unsinn eines Reformwerkes wie des hier erwähnten leisten. Vielmehr will sie Impulse aus den Debatten der zurückliegenden Jahre aufgreifen und zum Anlass nehmen, das Objekt der leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, die große Teile der Gesellschaft ergriffen und selbst das Bundesverfassungsgericht beschäftigten,[6] in Ansätzen etwas genauer zu beleuchten. In einem ersten Teil werden daher kurz verschiedene Prinzipien vorgestellt, nach denen die deutsche Schreibung organisiert ist und erläutert, in welcher Weise diese miteinander in Verbindung stehen. Anschließend folgt ein Ausflug in die orthografische Vergangenheit, um vier ausgewählte Dokumente in knappen Auszügen auf orthografische Eigentümlichkeiten zu untersuchen. Es handelt sich hierbei um zwei Beispiele aus dem 16. und zwei aus dem 18. Jahrhundert. Diese sind als mehr oder weniger willkürlich ausgesuchtes Anschauungsmaterial aus markanten Punkten der deutschen Sprachgeschichte herausgegriffen und können nicht unbedingt als Repräsentanten bestimmter rechtschreibgeschichtlicher Entwicklungen herhalten. Vielmehr gehören sie zu Textzeugnissen von literatur- und sprachgeschichtlichem Interesse. Als solche besitzen sie auch Bedeutung bei der Ausbildung einer deutschen Schriftsprache. Zugleich sind sie aber ebenso Teil spezifischer orthografischer Konventionen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort des deutschen Sprachraums. Es soll kurz untersucht werden, welche Besonderheiten der deutschen Orthografie jener Zeit an ihnen sichtbar werden, um dann einen Zusammenhang zu den Diskussionen um die Rechtschreibreform von heute herzustellen. In einem abschließenden Punkt wird Wesentliches zusammengefasst.

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass in Anbetracht des begrenzten Rahmens und der Weite des behandelten Themas wichtige Fragestellungen auf den folgenden Seiten nur in Auszügen vorgestellt sind, vieles gar nicht zur Sprache gebracht werden kann.

2. Deutsche Rechtschreibung

Die neuere deutsche Rechtschreibung ist das Ergebnis einer längeren Entwicklung, zu deren Anfängen die Einführung des lateinischen Alphabets im Zuge der Christianisierung gehört.[7] Seither haben Entscheidungen auf institutioneller Ebene genauso wie das Wirken Einzelner in ihrem Fortgang eine Rolle gespielt.[8] Als Ereignisse der jüngeren Vergangenheit sind an dieser Stelle die orthografischen Konferenzen des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts zu nennen, in deren Kontext Konrad Duden sich bei dem Versuch, bestimmte Elemente der Schreibung zu verändern, bereits verschiedenen Schwierigkeiten ausgesetzt sah.[9]

Hundert Jahre später hat sich daran nicht viel geändert. Die kontrovers geführten Auseinandersetzungen seit 1996 um Eingriffe in die deutsche Orthografie haben unter anderem eines verdeutlicht: Rechtschreibung ist Herzenssache, ein „Kulturgut“, das mit lieb gewonnenen Traditionen zusammenhängt, wie Scheuringer bemerkt.[10] Vom „Philosophen“ zum „Filosofen“ oder dem „Kaiser“ zum „Keiser“ beispielsweise kann es demnach ein weiter Weg sein, wenn linguistisch auch noch so eloquent argumentiert wird. Eroms spricht im Zusammenhang dieses „Festhalten[s] am Gewordenen“ von einem „konstanzsichernde[n] Phänomen, das ernstgenommen werden“ müsse[11]. Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit wird ein erhaltendes Moment gelegentlich als Reformversuche begrenzender Faktor begegnen.

Ist (die deutsche) Rechtschreibung bzw. das, was als solche empfunden wird, also vor allem von rational nicht fassbaren Gesetzmäßigkeiten bestimmt? Und kann auf einer derartigen Grundlage überhaupt sinnvoll regulierend von außen eingegriffen werden? Scheuringer bemerkt, dass Orthografie, die Lehre vom rechten Schreiben (griech. „orthos“ = „richtig“, „graphein“ = „schreiben“),[12] als „in hohem Ausmaß von außen kodifizierte Norm“ gesehen werden könne, deren Nichtbefolgung Sanktionen nach sich ziehe.[13] Fuhrhop sieht in Rechtschreibregeln gar willkürliche Festlegungen. Sie bezeichnet die Orthografie als präskriptive Norm, die aus den Erkenntnissen einer deskriptiven Wissenschaft, die sie Graphematik nennt, abgeleitet sei und aus deren Beobachtungen bestimmte Richtlinien entwickle.[14] Günthers Position klingt verwandt, wenn er darauf hinweist, dass „Orthographien und Orthographiereformen […] Beschreibungen des Schriftsystems und seiner Veränderungen“ seien. Andererseits ist Rechtschreibung in seinen Augen weniger das Produkt „von außen gesetzte[r], von Experten gemachte[r] willkürliche[r] Normen“, sondern vielmehr im Kontext der Theorie vom Wirken einer „unsichtbaren Hand“ zu verstehen.[15] Eroms unterstreicht, dass „es eine Skala von universellen Eigenheiten“ gebe, die von verschiedenen Sprachen „durchaus unterschiedlich genutzt“ würden und dass das „gesamte Gefüge der Rechtschreibregeln […] aus einem hochkomplexen System von Prinzipien“ bestehe, die sich „in labilem Gleichgewicht“ befänden.[16] Im Folgenden soll umrissen werden, wie diese im Fall des Deutschen aussehen und wie sich Orthografie durch die Jahrhunderte jeweils an ihnen ausgerichtet hat.

3. Orthografische Prinzipien

Scheuringer stellt das Bemühen, „Laut und Buchstabe in Übereinstimmung zu bringen“ als „das beherrschende Prinzip in der Entstehung der deutschen Schreibung“ heraus.[17] An gleicher Stelle geht er auf Schwierigkeiten ein, denen sich mittelalterliche Schreiber ausgesetzt sahen, althochdeutsche Laute mithilfe des lateinischen Alphabets abzubilden, zu dem es als Konsequenz der Christianisierung, wie oben bereits angedeutet, für solche Zwecke keine Alternative gab.[18] Eroms vermutet, dass „die graphischen Zeichen mehrfach unabhängig voneinander vor über eintausend Jahren auf je unterschiedlicher regionaler Basis festgelegt worden“ seien,[19] was zu lokalen Unterschieden bei der Bezeichnung von Lauten durch entsprechende Grapheme geführt haben mag.

Festzuhalten ist, dass weitestgehend Einigkeit zu herrschen scheint über die grundlegende Bedeutung des Laut-Buchstaben- oder phonologischen Prinzips für eine Buchstabenschrift wie die des Deutschen.[20] Allerdings sind auch andere Prinzipien bei der deutschen Schreibung wirksam, die für eine Modifizierung des Laut-Buchstaben-Prinzips sorgen.

3.1. Das Lautprinzip

Auf Adelung geht die Formulierung „Schreib wie du sprichst“ zurück, in der jener das „Naturgesetz der Schrift“ gesehen haben will.[21] Jedoch weist auch Bramann auf die oben angedeutete Problematik hin, dieses Prinzip mit Hilfe des fremden lateinischen Alphabets auf deutsche Laute anzuwenden[22] und stellt fest, dass sich „ausschließlich aus dem bedürfnis, signifikante deutsche lautverhältnisse […] im schriftbild zu kennzeichnen […] im verlauf der deutschen schriftlichkeit 11 zeichen bzw. zeichenverbindungen etabliert“ hätten, „die das lateinische nicht kannte“.[23] Raumer äußerte die Ansicht, dass das Lautprinzip[24] vor allem in den Anfängen der Schrift von maßgeblicher Bedeutung gewesen sei,[25] nach ihrer Festlegung habe jedoch die Schreibung auf die Sprache zurückgewirkt.[26] Bramann gelangt zu der Erkenntnis, dass die „nhd. einheitsschreibung weit von einem phonetischen ideal entfernt“ sei, da das Grapheminventar der deutschen Sprache unterschiedliche Schreibungen für einzelne Laute zulasse und sich daher am Übergang zum Neuhochdeutschen bestimmte Unregelmäßigkeiten etabliert hätten.[27]

[...]


[1] Eroms, Hans-Werner (2000): Die Neuregelung der s-Schreibung und die Prinzipien der deutschen Or- thographie. In: Habermann, Mechthild (Hg.) [u.a.]: Wortschatz und Orthographie in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Horst Haider Munske zum 65. Geburtstag. Tübingen. S.357-373. Hier: 357f.

[2] Vgl. Ickler, Theodor (2006): Falsch ist richtig. Ein Leitfaden durch die Abgründe der Schlechtschreibreform. München. Hier: 11.

[3] Ludwig, Claudia [u.a.] (2005):Der große „Blöff“. Neue deutsche Rechtschreibung: einfach unlernbar. Düren: 18.

[4] Ebd.: 2.

[5] Munske, Horst Haider [u.a.] (Hg.) (1997): Die Rechtschreibreform: Pro und Kontra. Bielefeld: 11.

[6] Vgl. BVerfG, 1 BvR 1640/97 vom 14.7.1998, Absatz-Nr. (1 - 170),

http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs19980714_1bvr164097.html

[7] Vgl. Scheuringer, Hermann(1996):Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Ein Überblick. Mit

einer Einführung zur Neuregelung ab 1998. Wien. Hier:14.

[8] Ebd.: 9.

[9] Vgl. Duden, Konrad (1894): Wozu lehren wir die neue Orthographie? In: ZG 48 N.F. 28: 559/563.

[10] Scheuringer 1996:13.

[11] Eroms 2000: 358.

[12] Vgl. Scheuringer, Hermann(1996):Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Ein Überblick. Mit einer Einführung zur Neuregelung ab 1998. Wien. Hier: 9.

[13] Ebd.: 10.

[14] Fuhrhop, Nanna(22006):Orthografie.Heidelberg. Hier: 1.

[15] Munske 1997: 82.

[16] Eroms 2000: 359.

[17] Scheuringer 1996: 15.

[18] Ebd.: 14.

[19] Eroms 2000: 359f.

[20] Vgl. ebd. Ebenso Bramann, Klaus-Wilhelm(1987):Der Weg zur heutigen Rechtschreibnorm: Abbau orthographischer und lexikalischer Doppelformen im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main [u.a.]. Hier: 31.

[21] Vgl. Bramann 1987: 26.

[22] Ebd.

[23] Ebd: 27.

[24] Es ist eine uneinheitliche Terminologie bei der Benennung dieses Prinzips zu beobachten. Eroms z.B. spricht vom „phonetisch-phonologischen Prinzip“ (vgl. Eroms 2000: 359), Bramann vom „phoneti- schen Prinzip“ (vgl. Bramann 1987:26), Güthert vom „Lautprinzip“ (s.o.) und Fuhrhop von „pho- nographischer Schreibung“ (vgl. Fuhrhop 22006: 5).

[25] Ähnlich Eroms 2000: 359.

[26] Vgl. Bramann 1987:30.

[27] Ebd: 31.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Deutsche Orthografie - Eine kurze Betrachtung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Aufbaumodul Linguistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V82551
ISBN (eBook)
9783638888042
ISBN (Buch)
9783638888110
Dateigröße
2311 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, Orthografie, Eine, Betrachtung, Aufbaumodul, Linguistik
Arbeit zitieren
Fritz Hubertus Vaziri (Autor), 2007, Deutsche Orthografie - Eine kurze Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82551

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