Bei der Betrachtung des Themas „Zuwanderung, Zuwanderungskontrolle und
Außengrenzen im internationalen Vergleich“ kann die Problematik der
spanischen Bürgerkriegskinder in der Sowjetunion als besonderer Fall
angesehen werden. In der Zeit der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts war es
außerordentlich schwer, nach Rußland zu immigrieren. Sehr strenge
Zuwanderungsgesetze und die Angst vor Spionen ließen eine Einwanderung
nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zu. Die Evakuierung mehrerer
tausend spanischer Flüchtlingskinder in die Sowjetunion zwischen 1936 und
1938 ist in der Geschichte einmalig, und die Gründe für diese bereitwillige
Aufnahme und die Verhinderung ihrer Rückkehr sind vielfältig. Sowohl die
sowjetische als auch die spanische Regierung tragen Schuld an dem Schicksal
dieser Kinder, die bis heute nirgends zu hause sind. Denn als sie – oft schon
im Rentenalter – wieder „nach hause“ zurückkehren durften, ist ihnen ihr
Vaterland fremd. In Rußland bedeutete es ihnen etwas, Spanier zu sein, in
Spanien jedoch gelten sie als „die Russen“.
Inhaltsverzeichnis
1. Der spanische Bürgerkrieg und die Versendung der Kinder ins Ausland
2. Hilfe der UdSSR - Beweggründe und Ziele
3. Ankunft in der UdSSR, die Zeit vor 1941
4. Kinder zweier Kriege
5. Die Rolle der PCE (Kommunistische Partei Spaniens) und politische Kontrolle der Heime
6. Kein Recht auf Rückkehr
7. Probleme in der alten Heimat - Spanien, das Stiefmutterland
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das historische Schicksal spanischer Bürgerkriegskinder, die zwischen 1936 und 1938 in die Sowjetunion evakuiert wurden, und beleuchtet die vielschichtigen politisch-humanitären Motive hinter ihrer Aufnahme sowie die langfristigen Folgen ihrer erzwungenen Migration für ihre Identität und Rückkehr.
- Die historischen Hintergründe der Fluchtbewegung während des spanischen Bürgerkriegs.
- Die geopolitischen und propagandistischen Interessen der Sowjetunion bei der Aufnahme der Kinder.
- Die Lebensbedingungen in den sowjetischen Heimen vor und während des Zweiten Weltkriegs.
- Die ideologische Instrumentalisierung durch die Kommunistische Partei Spaniens (PCE).
- Die sozio-politischen Schwierigkeiten bei der späteren Rückkehr nach Spanien.
Auszug aus dem Buch
3. Ankunft in der UdSSR, die Zeit vor 1941
Von Beginn der Evakuierung an hatte die Sowjetunion Organisationsvermögen, Weitsicht und die Bereitwilligkeit es den Flüchtenden so angenehm wie möglich zu machen unter Beweis gestellt. Die Trennung fiel Eltern und Kindern sehr schwer doch die Erwachsenen versuchten, ihren Schmerz in Anwesenheit ihrer Söhne und Töchter zu verheimlichen und ihre Tränen zurückzuhalten. In einigen Fällen wurden die Spanier sogar ohne ihre Familienangehörigen zum Hafen gebracht und traurig und verängstigt in die alten, von Rost zerfressenen französischen Schiffe geführt, die sie in der ersten Etappe nach Frankreich bringen sollten. Von Deck aus nahmen sie mit der geballten Faust, dem kommunistischen Gruß, Abschied von ihrer Heimat – es begann eine Reise in eine ungewisse Zukunft.
Als die Kinder in Frankreich auf die sowjetischen Frachter umstiegen, waren sie tief beeindruckt von den schönen Schiffen aus dem Osten .
José Fernandéz Sánchez, damals 12 Jahre alt, erinnert sich:
„Es war der 23. September 1937. Dort war das Schiff, mit dem wir fahren sollten. Es war ein französisches Handelsschiff, schmutzig und trist. Es hatte keine Ähnlichkeit mit den Übersehschiffen, die ich manchmal in meinen Träumen gesehen hatte. Wir wurden nur von vier oder fünf Personen verabschiedet, darunter ein Major. Seine Kinder waren auch dabei. Alles war alltäglich, wie auf einem Bahnhof - keine Tränen, keine Reden. Wir mußten viele Tage im Schiffsbauch reisen. Die Treppe roch nach Fichtenholz und auf dem Boden lagen Matratzen. [...] Nachts legte ich mich unter Deck in eine Ecke. Neben mich setzte sich ein mir unbekannter Junge und wir sprachen eine Weile über Rußland und unsere Zukunft. Von beidem hatten wir nicht die geringste Ahnung. Als wir aufwachten, sahen wir ein französisches Fischerboot. Frankreich war nah. Wir legten im Hafen von Saint Nazaire an. An unserer Seite tauchte plötzlich ein schönes weißes Schiff auf, beleuchtet und lebendig. Es hatte die rote Fahne mit goldenem Hammer und Sichel gehißt und trug den Namen „Kooperatsija“. Schnell machte die Nachricht die Runde – dieses Schiff war für uns bestimmt!“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der spanische Bürgerkrieg und die Versendung der Kinder ins Ausland: Das Kapitel beschreibt den Ausbruch und die Grausamkeit des spanischen Bürgerkriegs sowie die daraus resultierende Emigration tausender Kinder in verschiedene europäische Länder und die Sowjetunion.
2. Hilfe der UdSSR - Beweggründe und Ziele: Hier werden die organisatorischen Vorbereitungen der Sowjetunion für die Aufnahme der Kinder sowie die strategischen und politischen Interessen hinter dieser humanitären Hilfe analysiert.
3. Ankunft in der UdSSR, die Zeit vor 1941: Dieser Abschnitt beleuchtet die Ankunft, die Integration der Kinder in den sowjetischen Alltag, die schulische Ausbildung und das wachsende Gefühl einer „zweiten Heimat“ vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.
4. Kinder zweier Kriege: Das Kapitel schildert die katastrophalen Lebensbedingungen nach der Evakuierung in Zentralasien und die Überlebenskämpfe der Kinder während des Zweiten Weltkriegs.
5. Die Rolle der PCE (Kommunistische Partei Spaniens) und politische Kontrolle der Heime: Es wird untersucht, wie die PCE und sowjetische Funktionäre versuchten, die Kinder ideologisch zu formen und die pädagogische Arbeit in den Heimen politisch zu überwachen.
6. Kein Recht auf Rückkehr: Hier werden die administrativen Hindernisse und die politische Verweigerung einer Rückkehr der Kinder nach Spanien während und nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt.
7. Probleme in der alten Heimat - Spanien, das Stiefmutterland: Dieses Kapitel thematisiert die schwierige Reintegration der Rückkehrer im Franco-Spanien und das ambivalente Verhältnis zur neuen Lebensrealität im Kontrast zur sowjetischen Sozialisation.
Schlüsselwörter
Spanischer Bürgerkrieg, Sowjetunion, Kriegskinder, Emigration, Evakuierung, PCE, Dolores Ibárruri, Politische Indoktrination, Exil, Identität, Zweiter Weltkrieg, Rückkehr, Repatriierung, Sozialistischer Kollektivismus, Franco-Regime.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Schicksal der sogenannten spanischen Bürgerkriegskinder, die zwischen 1936 und 1938 aus Spanien in die Sowjetunion evakuiert wurden, und beleuchtet deren Lebensweg zwischen zwei totalitären Systemen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Organisation der Evakuierung, den Lebensumständen der Kinder in sowjetischen Heimen, der politischen Instrumentalisierung durch die Kommunistische Partei Spaniens und der schwierigen Rückkehr in ein sich politisch wandelndes Spanien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie humanitäre Hilfe durch politische Interessen und geopolitische Strategien überlagert wurde und welche langfristigen psychologischen und sozialen Folgen dies für die betroffenen Kinder hatte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse von Archivalien, Zeitzeugenaussagen, Interviews mit ehemaligen Kriegskindern sowie auf eine fundierte Auswertung der vorliegenden Fachliteratur zum spanischen Bürgerkrieg und der sowjetischen Außenpolitik.
Was ist der wesentliche Inhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch: Von den Ursachen der Flucht, über die Ankunft und Eingewöhnung in der UdSSR, die harten Lebensbedingungen während des Zweiten Weltkriegs bis hin zur politischen Kontrolle der Erziehung und der späteren, problematischen Repatriierung.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Kriegskinder, Exil, ideologische Instrumentalisierung, Identitätsverlust und die Auswirkungen des Klassenkampfs geprägt.
Warum lehnte die Sowjetunion die Rückkehrwünsche der Eltern so vehement ab?
Die Ablehnung beruhte primär auf machtpolitischen Kalkülen der Komintern, die die Kinder als zukünftige Kader für die kommunistische Ideologie betrachtete, und der ideologischen Behauptung, die Sowjetunion sei das „beste Land der Welt“, das man nicht verlassen dürfe.
Welche Rolle spielte Dolores Ibárruri (die „Pasionaria“)?
Sie fungierte als politische Mentorin der Kinder, legte jedoch bei Besuchen Wert auf eine konsequente ideologische Erziehung und zeigte wenig Verständnis für die alltäglichen Nöte der Kinder, was bei den Betroffenen auf Unverständnis und Ablehnung stieß.
Wie gestaltete sich die Rückkehr der Kinder nach Spanien?
Die Rückkehrer wurden oft misstrauisch vom Franco-Regime überwacht, hatten Schwierigkeiten bei der Anerkennung ihrer sowjetischen Bildungsabschlüsse und fühlten sich in Spanien oft als Fremde, da ihre prägende Sozialisation in der Sowjetunion stattgefunden hatte.
- Quote paper
- B.A .Sozialwissenschaften Marie Trappiel (Author), 2005, Los niños de la guerra - Spanische Bürgerkriegskinder in der Sowjetunion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82578